Ausgabe 
10.2.1913
 
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(Fortsetzung folgt.)

sie auch nie wenig konnte würden!

durchgekommen, aber ich überlegte mir, daß, wenn mir's schlecht «eben und ick gefangen oder meüergeschoisen werden tollte, Dte Ktschaft verloren fein und die Pläne des Kaisers fehlschlagen Würden. Ich ritt also an der Kavallerie, den Chasseurs, den Gardeulanen, den Karabinieren, den Gardes du corps und end­lich an Meinen eigenen kleinen Schelmen vorüber, die nur sehn­süchtig mit ihren Blicken folgten. Jenseits der Reiterei stand die 'Alte Garde", zwölf Regimenter stark, lauter Veteranen vieler Schlachten, düster und ernst, in langen blauen Mänteln und hohen Bärenmützen. Jeder trug in seinem Tornister seine blauweiße Parade-Uniform, die sie am nächsten Tag ber ihrem Einzug in Brüssel anlegen wollten. Als ich an ihnen vorbetritt, dachte ich so bei mir, daß diese Männer noch nie geschlagen worden waren, und wenn ich ihre wetterharten Ge, raster und ihre ernste, ruhige Haltung betrachtete, sagte ich zu mir _ selbst, daß geschlagen ioerdeu würden. Heiliger Himmel, wie ich vorhersehen, was die nächsten Stundeil bringen

Sammelt Sonnenschein!

Als Dreikäsehoch hatte ich eine resvettable Knopfsammlung. Dgnn schleppte ich bunte Steinchen, später zum Entsetzen memer Mritter Diassen von Flechte» und Moosen zusammen. Daraut kamen die Tiere an die Reihe, besonders die armen Kaier, -bor etiva zehn Jahren wurde ich Bilderliebhaber, und ganz neilerdlngs fing ich an, Sonnenschein zri sammeln. »Wie weiland dre Lchrtb- bürger ?" Und doch tue ich vielleicht einem Sammler, der noch aui einer der irühereir Entwicklungsstufen hockt, einen Gefallen, wenn ich ihn aui diesen Ziveig des Sammelns aufmetksam mache.

Ich bin Vater von zivei Mädeln. Mustermädel sind's nicht, und doch geht von ihnen all der Sonnenschein aus, den ich sammle. Ich habe schon ein hübsch Teilchen davon mit Papier, der Kamera und anderen Apparaten eingefangen, hab's fixiert, so gut ich konnte, und in Mappen aufgespeichert. Daran werde ich mich enwgen und mein Weck und meine Kinder und Kindeskinder in kommenden trüben Tagen. Wenn Rosegger nicht viel älter wäre als ich, wurde ich glauben, er hätte es mir abqeguckt, denn in seinemBuche von den Kleinen" hat er viel solchen gesammelteit Sonnenscheins wiederum in die Welt gesandt.

Eine Mappe habe ich iür jedes Mädel gekauft. Grauer Karton wechselt mit weißem Schreibpapier ab. Da hinein schreib ich, was dem Mäulchen der Hanne oder dem Schnabel der Marianne an drolliger Torheit, an bewußter rmd unbewußter Weisheit entquillt, was mir selbst in Bezug aui körperliche und geistige Entwicklung meiner Mädel auffüllt, was von ernsten und heiteren Erlebmhen der Kinder nach meiner Ansicht größeren Wert hat und darum Stützen fürs Gedächtnis verdieiit.

Bei der Großen begannen die Aufzeichnungen gleich nut der Geburt. Damals hatte ich noch viel Zeit, und ich habe zum Bei­spiel die sprachliche Entwicklung peinlich genau veriolgt. Ich notierte dann später, wie die ersten Urteile sich bildeten.Mama allall ®iide !'* (i ie Mutter ist weg sie ist in der Küche.) Ich schrieb auh als mir die Bildung der Dissoziationen zum ersten Male auf­fielen, wie zum Beispiel der Anblick meines Taschenmessers ein jubelndesAvpapp!" also die Vorstellung des Apfels weckte, weil ich mit dem Messer die Aepfel zu schälen pflegte. In dein Buche finde ich weiter ein Gespräch, das ich mit der knapp Zweijährigen führte und gleichzeitig steiiographierte. Es führt uns ins Haus der Großeltern, wo wir zur Sommer'rische weilten. In diesem Ge­spräche tauchte das bedeutmigsvolle Wörtchenich" zum erneu Male auf, was auf das leise Erwachen des Bewußtseins vom Selbst hin- beutet. Dann: ein Querschnitt durch die sprachliche Fähigkeit und die Tenkiveise der fast Dreijährigen zur Zeit einer schweren Krank­heit. Nebenan auf dem Karton Hebt die Karte, die damals von Großmama an die kleine Kranke kam und so freudigen Stolz weckte. Kleine Malereien des Kindes zeigen, daß neben der Sprache noch andere Ausdrucksmittel im Kinde schlummern und nach Ausbildung rufen. Gepreßte Blumen von lieben Orten, einige gute Ansichts­karten, einzelne Bilder ans dem Lieblingsbilderbuche, kleine Skizzen von meiner Hand, ein Zettel mit der Aiisarbeitnng eines gelungenen Auisätzchens der Aelteren, dasGedichtchen", das Hanna zum 60. Geburtstage des Großpapas sagte, Photographien aus allen Lebenslagen und in allen Körpersteliungen, auch von einzelnen Ge­bäuden, zum Beispiel vom Geburlshause, Erinnerungszeichen an große und kleine Freunde finden sich teils aus der Schreib-, teils auf der Klebfeite. Und noch vieles mehr.

Welche Menge Sonnenscheins für mich l Und für meine Kinder, wenn fie Mütter, Großmütter sein werden! Und was werden meine Urenkel sagen, wenn sie die vergilbten Seiten betrachten und mit einem Seitenblick auf das graue Großmütterchen lesen und sehen, was für ein sonniges Kerlchen ihre Großmama gewesensein mußt Von solchem Sonnenscheiii geht Jahr um Jahr, ach nein: Tag für Tag so unendlich viel verloren. Wer schenkt seinen Kinvec» solche Mappen und sammelt mit?

W. Ulbri ch t im 2. Januarheft des Kunstworts.

Vermischtes.

Das stärkereschivache Geschlecht". Statistiker und Physiologen haben bereits des öfteren nachgeiviesen, daß dis Fran imstande ist, Anstrengungen und Krankheiten leichter zu ertragen und besser zu überwinden als der Mann, der sich also mit Unrecht dasstärkere Geschlecht" nennt. Einen neuen in­teressanten Beweis für diese Tatsache lieferten die beiden fran­zösischen Gelehrten Pinard und Magnan, die in der letzten «Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften ihre Beobachtungen über Kindersterblichkeit bei den beiden Geschlechtern vorlegten. Sie konnten feststellen, daß von 50 000 Kindern, deren Geburt während 20 Jahren in die Register des Kinderheims Baudelocque ein­getragen wurde, 1584 Knaben und 934 Mädchen gestorben sind. Es starben also Knaben in viel größerer Zahl als Mädchen; diese widerstanden also besser allen schädlichen Einflüssen. Freilich läßt die Erklärung, die die Professoren Pinard und Mcmnan von dieser Tatsache geben, die größere Stärke desschwächeren Geschlechts" nur als scheinbar gelten. Knaben wiegen bekanntlich bei der Geburt mehr als Mädchen, und dieses Mehr an Körper­länge und -Gewicht bedingt eine geringere Widerstandsfähigkest des Organismus, erklärt also die größere Sterblichkeit, die sich bei Knaben findet. Danach würden dieschweren Jungen", die bei ihrem Erscheinen in der Welt das Entzücken der ganzen Familie bilden, am meisten gefährdet sein und die größte Pflege nötig haben.

"Ein e u g l i s ck e s S e e g e r i ch t hat vor einigen Jahren entschieden, daß ein treibendes Wrack noch nicht als herrenloses Gut beansprucht werden darf, solange nach dem Wortlaut des Ge­setzes noch eine lebende Seele auf dem Schiffe sich befindet, und an Bord des Schiffes war noch ein Hund: eine lebende Seele! Wer Tiere zum Freunde hat, versteht den Sinn dieser Worte. Wenn der einsame Mensch traurig seinen Gedanken nachhängt und der treue Genosse, sein Hund, still seinen Kopf aui den Schoß des Menschen legt und dem Menschen stumm in die Angen steht, ober, wenn der Hund die Leiche seines Herrn nicht verlassen will und sie verteidigt, oder, wenn, wie es im Tierasyl des Akten Ham­burger Tiersckntzvereins vorgekommen ist, ein Hund aus Jammer um den Herrn, der ihn zur Pflege übergeben hatte, aber nicht zurückholte, jede Nahrung verweigerte und starb, dann muß jedem der Sinn der Worte:Tas Tier hat eine Seele, ja eine liebende treue Seele", klar werden. Undank ist der Welt Lohn, aber nickt beim Tiere.

Ick. Wie man gesund wohnt. Die Ne>v Porter Akademie der Medizin verbreitet zum Beilen der krankheitgeplagten Mensch- heit folgende Vorschriften über gesundes Wobnen:Alle Tlöbel müssen aus der Wohnung entfernt werden, bis auf die allernot­wendigsten. Alle Saiistiere, Hunde, Katzen, Affen, Eichhörnchen, weiße Mäuse, Hühner oder Tanben, müssen abgeschafft werden; in der Wohnung dürfen keine Vorhänge, ferne Teppiche, keine Bilder, keine plastiscken Werke, keine Nippsache», kurz, keine Staubfänger vorhanden sein; der Gebrauch des Besens innerhalb der Wohnungen muß unterbleiben; es dürfen keine Fiißmatten vor der Tür liegen, der Fußboden muß ans hartem Parkett beliebe». Die Fenster müssen immer offen sein. Als Haustiere sind nur Kanarienvögel und Goldfische zulässig." Wer hiernach lebt, wird wirklich zu der Ansicht kommen: Es ist eine Lust zu leben.

* Mißverständnis. Hausfrau (beim Mieten):Ich will hoffen, daß Sie im Putzen firm sind!" Mädchen für alles: Na, da brauchen ja die Gnädige nur meine Zeugnisse durch- zusehen, auf jedem steht: Emma hat nur Sinn fürs Putzen!"

Gitter-Rätsel.

In die Felder nebenstehender Figur sind die Biichstaben a a a -------aaaaaaaddddeeeee

e g g h ii 11111 m m n n

o p p p p rrrrss ber* - avt xinziltragen, daß die fenf-

--*-------rechten und wagerechten Reihen _ gleichlautend folgendes ergeben:

__1. Eine Pflanze.

2. Frauengestalt aus der

-----I griechischen Sage.

_ 3. Einen Komponisten.

Auflösung in nächster Stummer.

Auslösung der Königspromenade in voriger Nummer: Ein rechter Baum, der gute Früchte trägt. Der wünscht nicht seine Blüten sich zurücke; Und wem ein männlich Herz im Busen schlägt, Seufzt nicht mit Wehmut nach der Kindheit Glücke. Rückert.

Redaktion: K. N e u r a t h. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Siebes