Ausgabe 
10.2.1913
 
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Moment, als es um mich herum dunkel wurde. Es ist Ihnen ia zur Genüge bekannt, Messieurs, daß ich den, Kaiser auch im Unglück treugeblieben bin und cs znrückgewiesen habe, mein Schwert r* «x TtT.eSne Ehre an die Bourbonen Al verkaufen. Nie lvieder sollte ich ern^ Schlachtroß zwischen den Schenkeln kühlen, nie wieder a la tete meiner braven Jungen Trommelwirbel und Trompeten,chmeitern hinter, mir hören. Aber es tröstet mich, mex> amis, und es treten ,mir die Tränen in die Augen, >vcnn ich ^?rn ötrife, tote groß ich war an jenem letzten Tage meines Soldatenlebens, und wenn ich mir vergegenwärtige, daß von allen meinen großen Taten, die mir die Liebe so vieler schöner Frauen und die Achtung so vieler tapferer Männer gewonnen haben, ^lne. einzige in bezug auf Glanz, Verwegenheit und Größe des Erfolgs meinem beirühmten Ritt in der Nacht des 18. Juni Mo an die Seite gestellt werden kann. Ich lveiß, .daß die Ge- schichte vielfach in _ den Offizierskasinos und in den Kasernen erjaillt roowen ist, so daß es kaum in der Armee jemanden geben wird, der sie noch nicht kennt, obwohl ich selbst aus Bescheiden­heit bis letzt davon geschwiegen habe. Aber heute abend, mes amis, mochte ich Ihnen in diesem kleinen Kreise die Begeben-^ heit doch einmal wahrheitsgetreu schildern.

Bor allen Dingen kann ich Ihnen eins versichern: in seiner gmizen glanzenden Laufbahn hatte Napoleon kein so vorzüg- xvV? ^810 M öas, womit er diesen Feldzug eröffnete. Im erschöpft. Auf jeden Veteranen kamen damals fünf junge BürschchenMarie Louiserchen" nannten ue scherzhaft, weil die Kaiserin selbst, während der Kaiser mi Feld war, die Aushebungen betriebeil hatte. Aber 1815 tour das ganz anders. Die Gefangenen waren alle zurückgekehrt aus den Schueefeldern Rußlands, aus den Kerkern Spaniens, aus den alten Schiffen*) Englands. Das waren lauter gesähr- ^urschen, Leute, die in zwanzig Schlachten gekämpft hatten, u <<'toi) nad) ihrer alten Tätigkeit zurücksehnten, und deren Herzen voller ^orii und Revanche waren. Die Reihen waren voll von Soldaten, die ihre zlvei und drei Dieustmedaillen auf der Brust trugen, und rede solche Medaille bedeutete fünf Dienstjahre. Der Mut diefer Leute war geradezu furchtbar. Sie waren von Rache, -Lut und Fanatismus erfüllt und beteten den Kaiser an, wie ein Muhammedaner feinen Propheten, bereit, sich in ihre Bajo- nette zu sturzen, wenn ihr Blut ihm von Nutzen fein könnte. Wenn

Me alten Veteranen mit ihren bärtigen Gesichtern, ihren wild, leuchtenden Augen, , ihrem schrecklichen Kampfgeschrei hätten in die Schlacht sturmen sehen, würden Sie sich gewundert haben, Messieurs, daß eg vor ihnen überhaupt einen Widerstand gab. -SW Sohne Frankreichs besaßen damals einen Elan, dem fein anderer hatte standhaltcn können; aber diese Kerle, diese Eng- lander hatten tocbcr Elan noch ein Herz int Leibe, sondern nur a-xu ' unbeweglichesBeef",, gegen das wir vergeblich unsere Kräfte, opferten, Tas war die Sache, mes chers amis! Auf der ,euien Seite Poesie, Heldentum, Opfermut ideale und heroische Eigenschaften. Auf der anderen SeiteBeef" Unsere Vollnungen, unser Streben, unsere Träume prallten alle au dem schrecklichenBeef" Old Englands ab.

Sie haben gelesen, wie der Kaiser seine Streitkräfte sammelte, und tote wir dann zusammen mit hundertunddreißigtauscnd alten Kriegern an die Nordgrenze eilten und uns den Preußen und Eng- landern eutgegenwarfen. Am 16. Juni hielt Ney die Eng­länder bet Qnatre Bras im Schach, während wir die Preußen bet Ltgny auss Haupt schlugen. Es steht mir nicht an, darüber fr reden, tote weit ich an diesem Siege Anteil hatte, aber es ist allgemein bekannt, daß die Conslansschen Husaren sich mit allgemein bekannt, daß die Conslansschen Husaren sich mit Ruhm bedeckt haben. Sie fochten wacker, die Preußen, und ließen acht­tausend Mann auf dem Kampfplatz. Der Kaiser glaubte, sie ab- getan zu haben, als er den Marschall Grouchy mit zweiund- remsgtauseud Mann zurückließ, um sie zu verfolgen und fernerhin unschädlich zu macheii. Dann rückte er mit ungesühr achtzig- taufenb Manu dengottverdammten" Engländern entgegen. Was Wir alles mit ihnen abzurechnen hatten, wir Franzosen die Gurneen von Pitt, die Hulks**) von Portsmouth, den Einfall Wellingtons, die perfiden Siege Nelsons! Endlich schien der Tag der Vergeltung gekommen.

Wellington versügte über siebenundsechzigtauseiid Mann, wvr- Unier aber viele Holländer und Belgier waren, die kein besonderes Bedürfnis und keine Veranlassung hatten, gegen uns zu kämpfen. Wirklich zuverlässige Truppen hatte er kaum fünfzigtausend. Als er merkte, daß ers mit dem Kaiser selbst an der Spitze von achtzig­tausend Mann zu tun haben würde, war dieser Engländer so von Furcht gelähmt, daß er weder sich selbst, noch seine Armee von der Stelle bringen konnte. Sie werden schon zugesehen haben, meine Herren, wenn sich die Schlange dem Kaninchen nähert. So N>es damals bei Waterloo. Am Abend vorher beorderte mich der Kaiser an Stelle eines bei Ligny gefallenen Adjutanten zu feinem Stab, und ich überließ meine Husaren der Obhut des Majors Victor. Ich weiß nicht, wem von uns es mehr Leid getan hat, daß

*) Die Engländer hatten damals in Portsmouth alte un­brauchbare Schisse zu Gefängnissen eingerichtet.

**) Hulks waren die alten abgetakelten Schiffe, die den Eng- zandern als Gefängnisse für die Franzosen dienten.

femaicu-.^ombend der Schlacht verlassen mußte, ihnen oder mir; ober Befehl bleibt Befehl, dagegen kann ein guter Soldat höch- ftcns die Achseln zucken, aber er mutz gehorchen. Am.Morgen des achtzehnten ritt ich mit dem Kaiser die Front der feindlichen! Stellung ab, er guckte durch sein Fernrohr und mackste sich einen Plan, wieder den Feind am besten vernichten könnte.' Sonlt, Ney unb Foy lowie einige andere, die in, Portugal und.Spanien gegen

Engländer gefochten hatten, waren an seiner Seite.Be- denken Sie, Sire," sagte Sonlt,die englische Infanterie ist sehr tüchtig."

'/®*e halten sie für gute Soldaten, weil Sie von ihnen geschlagen worden sind," antwortete der Kaiser, und wir jüngeren Offiziere drehten uns 'rum und lächelten. Aber Ney und Foy blieben ganz ernst. Die Engländer hatten ihre Artillerie und Infanterie bereits in aller Stille in Schlachtordnung aufgestellt, 11 n? /.unten, .roten und blauen Linien waren nur einen

guten Buchfcnschuß von uns entfernt. Auf der anderen Seite der leichten Tal-Einsenkung nahmen unsere eigenen Truppen, nachdem sie abgekocht hatten, ihre Ausstellung zur Schlacht. ES hatte sehr stark geregnet; aber im Augenblick war die Sonne durchgebrochen und ließ die blanken Rüstungen unserer Kavallerie und Die. tausend und abertausend Bajonette unseres Fußvolks in ihrem Hellen Glanze erscheinen; cs glitzerte und funkelte wie ern Meer von Stahl und Eisen. Beim Anblick dieser glänzen­den .Truppe und hingerissen von ihrer Schönheit und Majestät/ konnte ich mich nicht länger halten. Ich richtete mich auf im Steigbügel, schwenkte,meinen Säbel und rief:Vive l'Empereur!" Dieser _ Ruf sand auf unserer ganzen Linie ein begeistertes Echo,, die Reiter schwangen ihre Säbel, und die Infanteristen steckten ihre Käppis auf die Spitzen ihrer Bajonette. Die Engländer be­kamen einen kolossalen Schrecken. Sie merkten, daß ihre letzte Stunde geschlagen hatte.

Und so würde es gekommen sein, wenn in jenem Moment der Befehl zum Angriff gegeben worden wäre, und die ganze Armee hätte losstürmen dürfen. Wir brauchten uns nur auf sie zu werfen, um sie vom Erdboden wegzufegen. Abgesehen von allen Fragen der beiderseitigen Tapferkeit, wpren wir ihnen an Zahl überlegen, hatten ältere Mannschaften und eine bessere Führung. Aber der Kaiser wollte alles recht ordentlich machen und wartete, bis der Boden trockener und fester geworden mar,- damit feine Artillerie richtig operieren könnte. So wurden drei Stunden verloren, und es war bereits elf Uhr, als wir Järöme Bonaparte mit dem linken Flügel vorrücken sahen und Kanonen- donner hörten, das heißt also, daß die Schlacht ihren .Anfang nahm. Der Verlust dieser drei Stunden war unser Ruin. Der Angriff unseres linken Flügels richtete sich auf einen Bauern­hof, den die englische Garde besetzt hatte, und wir hörten die drei lauten Schreckensruse, welche die Verteidiger ausstoßen mußten. Sie hielten noch ans, und d'Erlons Korps rückte auf der rechten Flanke gegen einen anderen Teil der englischen Linien vor, als unsere Ausmerksamkeit plötzlich von diesem Kampf direkt vor unseren Augen ab und nach einem ganz entfernten Teil des Schlachtfeldes hingelenkt wurde.

Der Kaiser hatte mit dem Fernrohr die äußerste linke Flanke der englischen Schlachtordnung beobachtet und wandte sich mit einemmal an den Herzog von Dalmatien oder Sonlt, wie wir Soldaten ihn lieber nannten.

Was ist das, Marschall?" sagte er.

Wir schauten alle in der Richtung seines Blickes, einige nahmen ihre Feldstecher, einige hielten sich die Hand über die Augen. Dort war ein dichtes Gehölz, bann folgte ein kahler Ab­hang und bann kam wieder Wald. Auf diesem freien Terrain zwischen den beiden Wäldern bewegte sich etwas Schwarzes, wie oer Schatten einer fortziehenden Wolke.

Ich halte es für Vieh, Sire," antwortete Soult.

In diesem Augenhlick blitze etwas auf in dem dunkeln Schatten.

Es ist Grouchy," sagte der Kaiser und ließ fein Glas runter sinken.Sie sind sicher verloren, die Engländer. Ich habe sie in den Händen. Sie können mir nicht entrinnen."

Er blickte um sich und mein Auge fiel auf mich.

Ah! da ist ja der berühmte Bote," sagte er.Haben Sie ein gutes Pferd, Oberst Gerard?"

Ich ritt meine kleine Violetta, den Stolz der ganzen Brigade. Ich sagte ihm das.

Dann reiten Sie eiligst zum Marschall Grouchy, dessen Truppen Sie dort drüben sehen. Melden Sie ihm, daß ?r der linken Flanke und der Nachhut der Engländer in den Rücken fallen soll, während ich sie von vorne angreife. Zusammen.werden wir sie zermalmen, und kein Mann soll uns entkommen."

Ich salutierte und ritt davon, ohne ein Wort zu verlieren/ mein Herz schlug höher in meiner Brust, daß ich einen solchen Auftrag bekommen hatte. Ich sah durch den Rauch der Geschütze die lange rote und blaue Schlachtlinie der Engländer und ballte die Faust, als ich dran vorbeisauste.Wir werden sie zermalmen, und kein Mann soll uns entkommen." Das waren die Worte des xKaisers, und ich, Etienne Gerard, toatS, der sie in die Tat umsetzen sollte. Ich brannte vor Begier, den Marschall zu erreichen. Einen Augenblick dachte ich, gleich durch den eng­lischen linken Flügel durchzureiten, weil das der kürzeste Weg sei. Ich habe verwegene Taten ausgeführt und bin glücklich