Ausgabe 
10.2.1913
 
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Montag, den 10. Zebruar t

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Von Frühling ;u Frühling.

Roman von Erich Ebenstein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

. Die Depesche war vom Vermalter aus Dopolanh ge- Kerchnet und enthielt die Nachricht, daß Herr von Montelli schwer erkrankt sei. Wenn sie ihn noch einmal sehen wolle, Möge sie unverzüglich kommen.

Mit bebender Hand reichte Meta ihrer Schwiegermutter das Telegramm.

Frau Bettina las und blickte bestürzt aus.

i,,Was wirst du tun? Hinfahren?"

Selbstverständlich, Mama. Ist es nicht meine Pflicht?"

Ich tveiß nicht. . . nach dem Vorgefallenen."

Daran darf ich nun nicht denken ... Er ist krank . . . sterbend vielleicht und in Dopolanyi ist niemand, der geeignet zur Pflege wäre. Lieber Professor, wann geht der nächste Zug?"

SBie, du willst gleich? Nicht einmal die Ausfahrt lvillst du mehr mitmachen?"

Liebe Mama, du wirst begreifen, daß ich doch keine Ruhe hätte. Noch bin ich seine Frau und vielleicht habe ich meine Pflicht schon zu sehr außer acht gelassen . . ."

Sie wandte sich nach dem Hause zu, verstört, wie geistesabwesend.

Ein Heer von Vorwürfen stürmte auf sie ein.

Ja, sie hatte ihre Pflicht nicht getan. Durfte sie eN Montelli so übel nehmen, wenn er das gleiche getan hatte? Sie war überhaupt immer nur hart und streng gegen die anderen anstatt gegen sich selbst gewesen...

Warum biß sie nicht die Zähne zusammen und trug ihr selbstgeschaffenes Los mit Würde und Geduld wie tausend andere Frauen?

Es gab doch schlimmere Dinge, die ein Mann seiner Frau antun konnte, als Schulden machen und Geld ver­schwenden . . .

Sie dachte an Niki. Dann an Frau Bettina. Hatte diese ganz vergessen, was ihr eigener Sohn getan hatte, daß sie den anderen so streng richtete?

Plötzlich blieb sie mitten im Zimmer stehen und starrte mit großen erschrockenen Augen vor sich hin.

Montelli tvar doch ein kerngesunder Mann gewesen, kraftstrotzend, blühend . . . was fehlte ihm denn? Warum erwähnte der Verwalter nichts davon?Schwer krank. Wenn sie ihn noch einmal sehen wollte. . ." Das klang wie die unabänderliche Gewißheit eines nahen Endes.

In ihrem überreizten Hirn tauchte eine schreckliche Vorstellung auf: wenn er ihretwegen selber Hand an sich gelegt hätte!

In fieberhafter Hast warf sie die notwendigsten Kleinig­keiten in die Reisetasche und eilte wieder hinab.

Frau Bettina stand mit den anderen noch immer un­schlüssig am Wagen. Sie kehrte dem Haws den Rücken zu und konnte Metäs Kommen nicht gleich bemerken.

Ihr Blick ruhte bedeutungsvoll auf Burger.

Es wäre die beste Lösung," sagte sie eben leise und verstummte dann plötzlich, als ihr der alte Herr einen warnenden Blick zuwarf.

Meta hatte dennoch gehört, und ein bitterer Zug grub' sich um ihre Lippen ein. E>s erschien ihr unsägNch roh und herzlos, jetzt daran zu denken. Und sie hatte es Montelli so schrecklich übel genommen, daß er an Frau Bettinas Testament gedacht hatte! Mitleid erfaßte sie mit dem fernen Kranken, dessen Tod hier unverhüllt erhofft wurde.

Dann wandte sie sich an Burger.

Bitte, wann geht der nächste Zug?"

Er sah sie an und las, was in ihr vorging.

In einer Stunde geht ein Schnellzug wenn äs Frau Petermann gestattet, benützen wir gleich diesen Wagen hier, für den Ausflug hätte jetzt ohnehin niemand rechten Sinn."

Ja, ja, gewiß . . . wir können es nachholen, bis Meta zurückkommt. Begleiten Sie sie nur auf die Bahn, lieber Professor."

Meta stand neben Lena und legte ihr tausend Dinge wegen Konradchen ans Herz. Dann küßte fie das Kind wiederholt. Ihrer Schwiegermutter reichte sie nur die Hand und ihr Ton klang recht kühl, als sie sagte:Lebe wohl, Mama, und habe Dank für alles, was Du mir tatest."

Frau Bettina war sehr bewegt. Sie sah auf einmal gar nicht gut aus und stand noch lange auf ihren Schirm gestützt vor dem Hause, als der Wagen längst hinter den Bäumen verschwunden war.

Lott," rief sie dann mit eigentümlich vibrierender Stimme,komm führe mich hinein. Mein alter Leich­nam ist wirklich nichts mehr für so plötzliche Ereignisse..."

XV.

Meta saß allein in einem Krlpee. Unendlich schnell flog die Landschaft an ihrem zerstreuten Blick vorüber Wiesen, Felder, Gehöfte, Dörfer, alles schien wie Traumbilder ge­heimnisvoll und unwirklich.

Da lebten Menschen und spielten sich Schicksale ab, da und dort sah man ein Stückchen davon: ein Liebespaar, das eng verschlungen unter Obstbäumen wandelte, Kinder, die im'Abendsonnenschein spielten, Arbeiter, die Felder be­stellten, eine junge Mutter, die, ihren Erstgeborenen am Arme, dem Gatten entgegenging und doch blieb alles selt­sam fremd.

Man fuhr vorüber, sah es niemals wieder und wußte nichts davon.

War dieses unaufhaltsame Dahinrasen nicht wie das Leben selbst? Man hätte so gern gerastet da oder dort auf der Bank vor einer Hütte im Schatten eines einsamen Baumes, aber es ging nicht. Weiter immer weiter.>