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und die prachtvoll lasurblauen Flügelspiegel so recht zur Geltung kommen. Hoch oben in der Luft schrauben sich miauende Bussarde mit mächtig gewölbten Schwingen und stark gefächertem Stoss in langsamen Kreisen oder Spiralen südwestwärts. Aus freier, baumloser Flur wogt es zwitschernd hin und her von dicken Schwärmen der verschiedensten Finkenvögel. Gackernde Hänflinge sinds und bunte Stieglitze, gelbe Ammern und lustige Zeisige. Auch sie haben jetzt eine gar wichtige Aufgabe zu erfüllen, nämlich das Feld von den zahllosen Unkraut,amen zu reinigen, und sie besorgen das mit unablässigem Elfer. foem Kanipf gegen das schädliche Mausepack aber liegt tagsüber namentlich der Turmfalk ob, der bei seiner Nagerjagd öfters wie angeheftet in der Luft hängt und dadurch schon aus weiter Entfernung kenntlich wird. Sobald die Sonne zur Rüste gegangen, lösen ihn unheimlich kreischende Eulen in seiner löblichen Tätigkeit ab. Jetzt zur Zugzeit erscheint namentlich die nördliche Sumpfohreule in ganzen Scharen. Solange ihr das Tageslicht noch zu grell ist, ruht sie am Boden in den. Kraut- und Kohl- Äckern, wird bei den Hühnerjagden häufig aufgescheucht und von gewissenlosen Schützen nur zu oft herabgedonnert, um dann, in den unglaublichsten Verrenkungen ausgestopft, die Wand der Dorfkneipe zu zieren.
Immer herbstlicher wirds. Die Gräser vergilben, auch der schlanke, rosenrote Lilienleib der Herbstzeitlose muß wieder verdorren, das welke Laub taumelt müde von den Zweigen, rauhe Stürme fegen durch Wald und Flur, und die ersten Nachtfröste mahnen ernstlich an die Nähe des Winters. Nun setzt auch der Zug der echten Wandervögel, der bisher nur langsam und zögernd, in gemütlichem Bummeltempo, vor sich gegangen war, kräftig ein. Wenn die tückischen Herbstnebel brauen und der wilde Jäger zwischen dräuenden Stnrmwolken über ächzende Wälder rast, dann zwitscherts und pseifts, dann flötets und tönts, dann krächzts und kreischts von allerlei unbekannten Vogel- stimmen. Mit rasender Eile flüchten die gefiederten Wanderer vor des nahenden Winters Graus nach der warmen Herberge. Bis in das Menschengewimmel auf den laternenhellen, kohlendampfigen Straßen der modernen Großstadt dringen ihre gellenden Wschiedsrufe; unten flimmerts in Fabriken und erfindenden Menfchengehirnen, und hoch oben zieht, der , Sommer höhnisch pfeifend in ein besseres Land. Das beste ist, die meisten merken gar nichts davon. Die prachtvollen Flötenpfiffe unter dem Herbsthimmel sind langbeinigen Wasserlänsern oder krumm- und langgeschnäbelten Brachvögeln zu eigen. Die Dreiecke großer, grauer Vögel, deren laute Trompetenrufe Jung und Alt ans Fenster locken, sind wandernde Kraniche. Geben sie aber schnatternde und grackelnde Laute von sich, so handelt sichs um Saatgänse, die vom Volke gewöhnlich fälschlich Schneegänse genannt und als Vorboten rauhen Wetters betrachtet iwerden. Auch mancher- ler seltene Erscheinungen in der Vogelwelt, Fremdlinge aus dem eisigen Norden oder aus dem fernen Osten, zeigen sich jetzt, und Jäger. und Beobachter müssen deshalb im Herbst tüchtig auf dem Posten sein. Die ganze Großartigkeit der Zugerscheinung kommt dem Menschen freilich erst an solchen Plätzen zum Bewußtsein, wo mehrere stark beflogene Zugstraßen sich kreuzen. Wer aber an einem solchen Punkte jemals Myriaden gefiederter Wanderer unter dem herbstlichen Abendhimmel dahineilen sah und sein Ohr in finsterer Nacht erfüllt fühlte von ihrem betäubenden Stimmenwirrwarr, der wird einen Eindruck so überwältigender und urwüchsiger Art empfangen haben, daß er sich ihm zeitlebens unauslöschlich und unvergeßlich einprägen wird.
Vermischte».
' — Die Buden frage und ihre Bedeutung für unsere jungen Männer, insonderheit die Studenten, behandelt Louise Schulze-Brück in einem freimütigen Artikel der illustrierten Wochenschrift „Die Deutsche Frau" (Verlag der „Deutschen Frau" sVel- hagen u. Klasings, Leipzig). Sie sieht am Schluß ihrer Ausführungen getrost in die Zukunft, denn sie glaubt, daß eine neue und bessere Sittlichkeit im Anmarsch sei. Es gab eine Zeit — so schreibt sie — da man das „Ausleben" und „Austoben" junger Männer für berechtigt, ja für notwendig hielt. Mütter, ja sogar Schwiegermütter standen unter dem Bann dieser Suggestion. Heute hat man längst erkannt, daß jede Vergeudung au Lebenskräften und Gesundheit sich furchtbar an der Gesamtheit unseres Volkes rächt. Auch die Männer der Wissenschaft erheben jetzt ihre Stimme, und die jungen Mädchen sehen in einem „Lebemann" nicht mehr das Ideal eines Gefährten für ihre frische, unverdorbene Jugend. Gesundheit, moralische und physische, ist die beste Gewähr für Berufs-, Lebens- und Eheglück. Und wie die Wohnnngsverhältnisse in den unteren Ständen die Ursache so vieler schwerer Schäden sind, genau so sind sie es in den mittleren Schichten. Gehörige Arbeit tut hier not, mit scharfem Besen muß aufgekehrt werden. Auf die Betonung der „Idiosynkrasie gegen das Wort Sittlichkeit" in einigen studentischen Kreisen wird hoffentlich die gebührende Antwort erfolgen durch energisches" gemeinschaftliches Vorgehen aller derer, die offene Augen und den Mut haben, es auszusprechen,
daß das „Recht auf Unsittlichkeit" kein Recht her studentischen^ Jugend ist, und daß, wenn es bis jetzt der Fall sein sollte, es die höchste Zeit ist, hier Wandel zu schaffen. Das kann und muß Erfolg haben, denn die Zeiten ändern sich! Es noch nicht lange her, daß für den Studenten die Mässenvertilgung von Alkohol auch eine „Ehrensache" war. Das hat sich geändert und ändert sich alle Tage mehr. Und wenn die Anschauung der Allgemeinheit dem Recht auf Unsittlichkeit für die Jugend das Worts redete, so hat sie heute die Pflicht, an der Beseitigung des Unheils, das sie mitverschuldet hat, auch mitzuhelfen. Die getreuesten und eifrigsten Helfer aber sollten die Mütter sein, denn sie haben das, erste Recht darauf.
’ V o in lustigen Onkel Sain. Keines Menschen Freund. Der Balikbeainte am Kassenschalter: „Ja, ich kann Jhiien diesen Scheck nur auszahlen, wenn Sie mir irgend jemand Herdringen, der Sie identifizieren kann. Sie werden doch in der Stadt irgendeinen Freund haben?" „Nicht einen einzigen. Ich bin der Hundefänger." — Was das Kino nicht kann. „Es ist doch merkwürdig, daß man niemals im Kino etwas von irgendeiner dieser eivigen mittelamerikanischeu Revolutionen zu sehen bekomint, finden Sie nicht auch?" „Aber ich bitte Sie, das hat seine Gründe, man hat noch keinen derart vervollkommneten Apparat, der so schnell arbeitet wie diese Revolutionen." — Ihr Beitrag. Am Samstag abend klopft es an Frau Murphys Tür. „Ich komme mit einer Kollekte für das Trinker- Heim, geben Sie doch auch etwas." „Ach, kommen Sie doch heute nacht wieder, dann gebe ich Ihnen meinen Mann." — Der Zögling der Resormschule. Das eine kleine Mädchen: „Warum hat Dich denn Deine Mutter geschlagen?" Das kleine Mädchen aus der Resormschule: „Weil sie zu univissend und ungebildet ist, um eine modernere reformierte Züchtigungsmethode zu ersinnen." — Größenwahn. „Jetzt haben wir eine ganz große Eisenbahn," sagt der begeisterte Eisenbahnfpekulant aus dem Westen, „bis durch nach Chicago ganz ziveigleisig!" „Noch ein zweites Gleis? Als ob Ihr aus dem einen nicht schon mehr als genug Entgleisungen hättet!"
Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
— T i e Wette. Daß jemand infolge einer leichtfertigen Wette seins Strafe erhalten kann, weiß jeder; daß aber „Wette" selbst einst auch Strass bedeuten konnte, ist weniger bekannt. Nebenbei: wir sagen heute „die Wette"; noch die mittelhochdeutsche Zeit kannte nur da) wette (auch daj gewette). In Eike von Repgows „Sachsensoiegel" (13. Jahrhundert) verfällt der gegen das Gesetz Verstoßende einem wett, er muß wetten, d. h. Strafe zahlen: „Dem Schultheißen müssen seine Bauern Gülten wetten (d. h. Zins, Abgaben zahlen)." Aber auch das ist nicht die ursprüngliche Bedeutung des uralten Wortes, sondern es bedeutete von Haus aus einen Pfandvertrag, sodann eine Nechtsverbindlichkeit, wie sie auch der Bürger dem Staatsgesetz gegenüber hat; verstößt er dagegen, so hat er eben nach gesetzlicher Bestimmung das Wett zu zahlen. In seiner Weiterentwicklung bezeichnet das Wort sodann den Einsatz oder den Preis eines Spieles, wird es also ein wette, das mau Verliesen (verlieren) und gewinnen kann. Der Alaun, der m Schillers Glocke „hinausmnß", muß „wetten und wagen", d. h. alle seine Kräite e i u s e tz e n, um das ersehnte Glück zu erjagen. Liegt doch der gleiche Sinn noch immer in unseren Ausdrücken Wettkamps, Wettstreit, Wettbewerb, Wettlauf, um die Wette und etwas wettmachen. Und die heute ausschließliche Bedeutung der Wörter „wetten" und „Wette" als Einzelbegriffe? Man braucht nur an eine gegenseitige Pfandsetzung bei Abschluß eines Per- träges zu denken, und der Uebevgctng ist gegeben.
Sohns (Hannover).
Uönigspromenade.
Man darf dis einzelnen Wörter und Silben nur in der Weiss miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht.
Auflösung in nächster Nummer.
sein
an's
glück
an's
glück
ge
spiegel
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im
gern
im
Unglück
lassen
aus
so
wie
Unglück
UH
denken
srsun
nicht
dem
klug
lern'
mäßig
glück
im
willst
in
glück
kränken
so
UN
nicht
dich
du
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Tod, Tops.
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'Ichen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


