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— Da kommt Adolf schon, er soll entscheiden, ob mich ein Vorwurf trifft." .. ,
„Pscht!" machte Sabine und legte dem zukünftigen Schwager die kleine Hand auf den Mund. „Nicht in meiner Gegenwart — ich würde mich totschämen; ich werde es ihm selber sagen, wenn ich wieder allein mit ihm bin."
Schon trat Adolf, mit einem Kloben Grenadillholz unter dem Arm, in die Werkstätte und begrüßte mit zärtlichem Kusse sein holdes Bräutchen. Er würde das nicht unbefangene Wesen der beiden vielleicht dennoch bemerkt und gefragt haben, was denn vorgefallen fei, und Sabine würde ihm wahrscheinlich auch ehrlich die Verwechselung der bei- beit Brüder gebeichtet haben, wenn nicht das unvermutete Erscheinen Friedrich Jüsts allen drei plötzlich Schweigen auf-, erlegt hätte.
„Herr Adolf Dechuer?" fragte bescheiden der Eintretende, der seinen Paletot noch immer über dem Arm trug«.
Adolf trat deni Kunden (für einen solchen hielt er ihn) höflich entgegen und fragte nach dessen Begehr.
Friedrich Just wollte in schonender Weise mit seiner Trauerkunde beginnen; doch kaum hatte er den Namen des 'Kunstschützen und Taschenspielers Herrn William Tell erwähnt, als sich Adolf nach seinem Bruder umkehrte und dringlich bat: „Du, komm' her! Es handelt sich um unseren Vater."
Er stellte den Herantretenden dem Fremden vor, und dieser gab feiner Genugtuung Ausdruck, daß ihm der Zufall zu gleicher Zeit auch Herrn Peter Dechner in den Weg geführt hab«.
Just mußte sich auf den einzigen Schemel setzen, der in her Werkstätte.vorhanden war; Peter hockte wieder ans seiner Tischecke, und Adolf stand mit dem Rücken gegen das Gestell einer Wippdrehbank gelehnt, während er seine neben ihm stehende Braut mit dem Arme umfaßt hielt. Die.Vögel in veN Käfigen schliefen jetzt; auch der Hof war ziemlich still Aefvorden, und so war Wort für Wort des langsam und mit leiser Stimme Erzählenden deutlich vernehmbar.
Peter hörte ohne besondere Bewegung von dem Ende feines Vaters, den er so gut wie gar nicht gekannt hatte; dxr gewaltsame Tod der Fran Tell, feiner Stiefmutter, ließ ihn vollends kalt; hatte er doch mit dieser Frau niemals' auch die geringsten Beziehungen gehabt.
.Adolf hingegen fuhr sich verstohlen mit dem Handrücken Mer die Augen, als Friedrich Just das einfache Begräbnis her beiden Getöteten schilderte; wenn er sich auch, wie Peter, des Vaters nicht mehr entsinnen konnte, so war es doch immerhin der Vater gewesen, der ihn: geraubt worden war, und einen Vater verliert man nur einmal im Leben.
Sabine Meerholt, die Braut, trocknete sich mit dem Zipfel ihres bunten Tändelschürzchens immer wieder die strömenden Tränen von den runden Wangen; sie hatte ein fpeiches Herz und eine leicht bewegliche Einbildungskraft, UM sah im Geiste, wie der Pater ihres Bräutigams durch den Keulenschlag eines nach ihrer Meinung menschenfressen- ven Indianers erbarmungslos niedergeschmettert wurde.
Als Just schließlich erwähnte, daß er schon 'beim Assessor Dell gewesen sei und diesem ein Drittel der kleinen Hinterlassenschaft ausgezahlt habe, daß er aber die beiden anderen Drittel für die Brüder Dechner mitgebracht habe, da sprang Peter von der Tischecke herunter und sagte lustig: „Rücken Sie heraus, Sie Goldonkel! Geld kann man immer brauchen. -Ich hätte mein Lebtag nicht gedacht, daß ich von meinem Vater noch einmal was erben würde."
Er steckte die beiden Einhundertmarkscheine eifrig ein und sah, wie auch Adolf einen solchen und zwei Fünfzigj- Markscheine erhielt und in die Westentasche schob.
„Und das überbringen Sie uns aus freien Stücken, ohne irgend welchen Auftrag? Ohne Kenntnis der Gerichte?" fragte Adolf verwundert.
„Es ist der Erlös aus Ihres Vaters Pferd upd Gepäck; fein Mensch weiß von diesem Gelbe; ein Testament war nicht vorhanden."
„Taufend Dank, Herr Just," sagte Adolf, von Hochachtung erfüllt, „Sie sind ein gewissenhafter Mann."
„Das muß wahr fein," fiel Peter zustimmend ein, „Sie hätten ja ebenso gut das Geld für sich behalten und auf die Gesundheit von uns beiden verstrinfen können. Und wenn auch gerade kein Vermögen ist . . . nun, dem geschenkten 'Gaul sieht man Nicht ins Maul. Das Erbrecht an sich ist ja freilich eine Ungeheuerlichkeit."
Adolf schnitt jede weitere Bemerkung des Bruders a9, indem er Friedrich Just mit seiner Braut bekannt machte.
Der freundliche Fremde wechselte mit Sabine einige artige Worte, dann grüßte er alle drei und verließ wieder die Werkstatt.
„Du," hob Peter an, „weißt du, es ist eigentlich ziemlich ruppig, daß unser Bruder William, der „Herr Assessor" (mit spöttischem Nachdruck), nicht zu unseren Gunsten auf fein Drittel an der Erbschaft verzichtet hat."
„Wie käme er denn dazu? Er ist ebenso arm wie wir."
„Ja, er ernährt sich aber aus der Staatskrippe und wir müssen uns unser Brot mit unserer Hände Arbeit sauer verdienen."
„Ich meine auch," warf Sabine dazwischen, „daß so ein Herr im Ministerium es nicht nötig hätte, mit seinen armen Brüdern, die sich so placken müssen, zu teilen."
„Fängst du auch an?" wandte sich Adolf in freundlicher Drohung an feine Braut. „Kinder, redet doch nicht solchen Unsinn! Meint ihr denn, in einem Ministerium werde nicht gearbeitet, sondern nur Skat gespielt und Kegel geschoben?"
„Na, na, na, es ist ja schon gut," besänftigte Peter den scheinbar Erzürnten, den er heute in möglichst guter Laune erhalten wollte. „Du verteidigst halt immer die Bourgeois, sie werden dich doch einmal zum Kommerzienrat ernennen."
Nachdem Peter feinen Bruder auf die Seite genommen hatte, so daß Sabine, die inzwischen ein Licht angezündet hatte, um die Werkstatt aufzuräumeu, nicht von feinen Worten hören konnte, flüsterte er ihm die dringende Bitte ins Ohr: „Sei lieb, Bruder, und pumpe mir von deinem Teil noch fünfzig Mark, ich muß mir einen Sparfonds anlegen; wie ich vermute, werden wir Maurer binnen acht Tagen den Ausstand beginnen."
„Ihr seid doch merkwürdige Menschen," schmollte der andere, aber schon hatte er die Rechte in seine Westentasche gesenkt und holte die gewünschte Banknote hervor; er konnte dem inniggeliebten Bruder nun einmal nichts abschlagen. „Da nimm! und wegen der Rückgabe mach' dir feine Sorge; das Geld ist ja so gut wie gefundeu."
„Was habt ihr da?" fragte Sabine, die die Heimlich?- feiten der Brüder bemerkt hatte und näher trat.
Peter steckte den verräterischen Schein schnell zu sich und lachte: „Ich erzähle meinem Bruder eben, wie du mich vorhin mit ihm verwechsel^hast."
„Ach, das Plappermaul!" zürnte Sabine, und ein jähes Erröten lief über ihr reizendes Gesichtchen, „ich formte nicht dafür, Adolf; ich dachte nicht anders, als du ständest an der Drehbank."
„Was ist denn dabei?" beruhigte sie der Bräutigam, „auch unsere Pflegemutter hat uns oft genug verwechselt. Du hast ihm wohl einen recht zärtlichen Willkommengruß' gegeben, he?"
„Freilich hat sie das!" platzte Peter belustigt heraus, „und weißt du, Wolf, ich habe ganz still gehalten, hi, hi, hi!"
„Kann dir's gar nicht verdenken. Damit du übrigens K, daß ich dir deshalb nicht zürne, so gib ihr zum Abschied süß zurück."
„Das soll ein Wort sein!" jauchzte Peter, und ehe Sabine sich dessen versah, hatte er ihr einen Kuß geraubt und stürmte mit übermütig lautern Lachen zur Tür hinaus.
(Fortsetzung folgt.) ’ *' '
(Eine unveröffentlichte Burleske von Schiller.
Zu Beginn des Jahres 1783 befand sich das Herzogtum Mri- ningen in großer Erregung. Herzog Georg war krank; wenn er gestorben wäre, hätte das Herzogtum nach den Erbfolgeverhält- nifsen an das verwandte Koburg fallen müssen. Dieses rüstete bereits, nm beim Eintreffen der Todesnachricht die Bente in Besitz zu nehmen. Doch es wurde nichts daraus, da sich der Herzog wieder erholte. Am 4. Februar 1783 wurde in allen Landeskirchen die Wiedergenesung gefeiert. Diese politischen Vorkommnisse begeisterten den jungen Schiller, der sich damals auf dem Gute der Frau von Wolzogen in Bauerbach bei Meiningen auftzielt, zu einer luftigen Burleske, die am 1. Februar 1783. anonym in den „Meiningifchen wöchentlichen Nachrichten" erschien. Sie trug die Ueb ersehnst: „Wundersame Hsstoria des rühmten Feldzuges, als welchen Hugo Sanherib König von Assyrien ins Land Jüda unternehmen wollte, aber unverrichteter Dinge wieder einftetien mußte. Aus einer alten Chronica gezogen Und in fchnackische Reimlein bracht von Simon Krebsauge Bak- kalaur." Die unbekannte Satire wird in der von Theodor Etzel


