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iBoman von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(NaO>ru<k verboten.)
(Fortsetzung.)
Adolf war eine mittelgroße, untersetzte und doch geschmeidige Erscheinung, ungefähr in der Mitte der dreißig; lebhafte dunkle Augen leuchteten ihm unter schwarzen, fast eine einzige Linie bildenden Brauen hervor; wenn er lachte — und er lachte gern — dann zeigte er ein tadelloses, weiß- schimmerndes Gebiß hinter kirschroten, rasierten Lippen. Er hatte eine blaue Arbeitsschürze vorgebunden und stand an seiner Drehbank, auf der er ein vierkantig zugeschnittenes Stück Grenadillholz rund zu drehen bestrebt war.
Peter -schwang sich auf die Ecke eines Werktisches, von der er erst ein paar Oboen, deren Klappenwerk der Ausbesserung harrte, vorsichtig fortgeschoben hatte, und brummte mißmutig: „Weil Du verliebt bist. So ein Bräutigam denkt immer nur an die Herzallerliebste und hat keine Augen für das Elend unserer Tage
das durch das Räsonnieren auch nicht gebessert wird."
„Doch! Wir werden es bessern", fuhr Peter heftig auf, indem er mit der Faust neben sich auf die Tischplatte schlug. „Uebrigens," fuhr er dann etwas ruhiger fort, „wo ist denn Sabine, Deine Braut?" Peter schaute sich um, ob des Bruders Braut in der Werkstatt wäre; aber er konnte sie in den schon schattendüsteren Winkeln des mit allerlei Geräten vollgepfropften Raumes nicht entdecken.
„Sie muß jeden Augenblick kommen... Knack! Da springt mir wieder ein Stück von dem Holze weg; es muß einen Riß gehabt haben — jammerschade! Muß mir wahrhaftig ein neues Stück holen! Tu' mir den Gefallen, Peter, und empfange Sabine, wenn sie inzwischen eintreffen sollte; ich komme gleich wieder; ich gehe nur nach dem Holzlager auf dem Boden."
Er war durch die Hoftür nach dem Vorderhaufe gegangen. Peter war allein in der Werkstätte geblieben. Eine Weile hockte er mißmutig noch auf feiner Tischecke und hörte dem Schwirren und Zwitschern der verschiedenen Singvögel zu, die in kleinen, an der Wand hängenden Käfigen ihr Wesen trieben und noch gar keine Anstalten machten, die Köpfchen zur Nachtruhe unter den Flügeln zu verbergen; doch endlich stand er auf und trat an die Drehbank, um die reparaturbedürftigen Blasinstrumente, die dort umherlagen, gelangweilt zu betrachten. Wie er so näher dem Fenster stand, durch das der letzte Schein des schwindenden Tages purpurn hereinfiel, hätte man seine überraschende Ähnlichkeit mit dem eben hinausgegangenen Bruder noch gut erkennen können. Derselbe mittelgroße, pralle und doch wohlproportionierte Glftderhau, dieselbe nicht unedle Gesichtsbilduug, dieselben dunkel leuchtenden Augen, derselbe ernste und doch auch wie
der spöttische Zug um die gesund-roten, etwas üppigen Lippen. Peter und Adolf waren Zwillinge, und ihre Pflegemutk- ter, Frau Lampert, hatte sie als kleine Buben nur dadurch unterscheiden können, daß sie sich jedesmal erst her kleinen Warze vergewisserte, die Adolf auf feiner rechten Wange trug. Wenn sich die Brüder aber auch äußerlich wie ein Ei dem andern glichen, so waren sie nach Sinnes- und Gemütsart doch verschieden; Adolf war glücklich und zufrieden, er schwärmte für Kaiser und Reich, er arbeitete mit Lust und Eifer in seiner Werkstätte und genoß als tüchtiger und ge- fchfckter Instrumentenmacher eines sich täglich mehrenden Rufes und Ansehens bei allen Musikern der Stadt und der weiteren Provinz.
Gelegentlich konnte auch Adolf spötteln und einen lästigen Unzufriedenen ironisch abfertigen; meist aber war er guter u. verträglicher Laune, und seine hübschen, geschwungenen Lippen verzogen sich am liebsten zu einem weichen, gutmütigen Lächeln. Ueber alles liebte er seinen Bruder, wenn dieser auch immer unzufrieden und verbittert war und die Welt nur noch durch eine verzerrende und alles häßlich machende Brille betrachtete. Peter konnte ebenfalls andauernd arbeiten und etwas Tüchtiges leisten; aber er hatte keine Freude an seinem Schassen und auch keinen rechten Segen davon, denn er verachtete das Geld, streute es, wenn er welches besaß, leichtfertig aus und verfluchte es, wenn es ihm ausgegangen war. Bei seinem Bruder Ädols sand er immer eine offene und bereitwillig spendende Hand, sonst hätte er wohl schon öfters darben und sich das Notwendigste versagen müssen.
Jetzt schaute Peter über die Drehbank hinweg durch das Fenster hinaus in den Hof, der sich schon in Dunkelheit zu hüllen begann. Da ging die Tür zur Werkstätte auf und eine anmutige Mädchengestalt schwebte leichtfüßig über die Schwelle. Mit geöffneten Augen flog sie auf ihn zu, umhalste ihn und drückte ihm stürmisch ihr schwellendes Lippenpaar auf den Mund.
Der so wohltuend Ueberfallene begriff sofort, daß er von Sabine für den Bruder gehalten wurde; aber die Versuchung, dieses lebenswarme Geschöpf noch länger in den Armen zu halten und von ihren süßen Lippen den Honigseim zärtlicher Küsse zu naschen, wirbelte ihm wie eine Trunkenheit in den Kops, er verriet sich mit keiner Silbe; er umschlang auch seinerseits des Mädchens schlanken Wuchs und raubte ihr Kuß um Kuß von dem sich bereitwillig darbietenden Mündchen.
Da hatten Sabinens schlanke, feinfühlende Finger zufällig feine rechte Wange berührt und die ihr schon lieb ge- wordene, kleine Warze nicht zu finden vermocht. Mit jähem Aufschrei prallte sie zurück und stammelte erschrocken und vorwurfsvoll: „Peter, Du bist es? Pfui! Das war schlecht von Dir! Ich glaubte, Adolf wäre es."
Peter lachte, daß ihm die Tränen in die Augen traten.
„Nur nicht böse fein, mein holdes Täubchen! Soll ich denn Feuer schreissn, wenn mir ein hübsches Mädchen an den Hals fliegt? Ich bin doch nicht schuld an der Verwechslung.


