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Fluch, wenn einer strauchelte, das Schnauben eines Rosses, ein Kommandoruf, — schauerlich hallte alles in dieser sternenlosen Finsternis. — Und droben lug! ein Toter im Felde, und in der Heimat schliefen friedlich die Seinen.
Da gedachte Linthardt Kornettes, und sein Herz krampfte sich zusammen, und er mußte einen Augenblick halten.
Mer der Oberst rief ihm barsch zu: „Zum Ausruhen ist nicht Zeit! Schneller, schneller!" Und der Rastlose spornte sein Pferd und sprengte voran, und Linthardt und die andern folgten.
Du war es ihm, als ob von vorn ein schwacher Schrei ertönt wäre. — Nein, ein Käuzchen im Busche wird es gewesen sein. — Nun rannten sie im Laufschritt vom Schollen«, felde auf die grüne Wiese mit langem, saftigem Grase. Da wich ihnen der Boden unter den Füßen toie weicher Brei, und schwarze, schlammige Arme umfaßten sie und zogen sie in die Tiefe, und das Moor fraß sie aus. Als Linthardt versank, da hatte er nur einen Gedanken: „Nun bin ich wie Werner und Etzinger und alle die andern, und der Pfarrer ist gerächt!"
Und jetzt Hub ein Würgen und Balgen an und ein Schreien und Jammern. Die Franzosen wateten und krampften mit den Händen in der Lust und umschlangen sich gegenseitig und traten aufeinander, um am andern wieder hochzukommen, und sie bissen in ihter Todesangst den Kameraden, der sie umklammerte, um sich loszumachen, und würgten sich und schlugen mit der Waffe um sich, aber das grausige schwarze Moor verschluckte sie doch.
Die sich am Rande sperrten, in das tückische Gras zu treten, wurden von hinten gedrängt und geschoben und mußten hinein, und immer mehr kamen mit Ungestüm; denn die das Schreien und Wüten hörten, meinten, es seien Feinde aufgetaucht, und es gäbe Kampf, und sie wurden von den Offizieren vorgetrieben und mußten auch in den unerbittlichen Tod! —
Solch eine Nacht! Wohl hundert versanken im unergründlichen Schlick, ehe endlich die lange Menschenkette! zum Halten gebracht wurde. Da sprengte der Oberstleutnant herbei und fragte nach dem Obersten, aber der war stumm und tot, wie jener droben am Feldrain. Und er ries nach dem Preußen, dem Junker, der sie geführt hatte. Auch der lag leblos im Moore.
11. Teil.
Am andern Morgen klang ein hundertfaches Wehe durch Heidehorst. „Pfarrer Tempel ist verschwunden!" tönte die Kunde von Haus zu Haus. Die Invaliden waren die letzten, die ihn gesehen hatten, doch auch sie wußten nicht, wohin er von jener Margareteninfel am Buschsaume gegangen war, keiner hatte sich nach ihm umgedreht. Der Schultheiß ging in das Schloß, um nach ihm zu forschen, nnd alle Dörfler machten sich auf, die umliegenden Wälder und Fluren nach ihm abzusuchen. Ein Bote ritt in die Stadt auf das Kreisamt, um dort das rätselhafte Verschwinden des geliebten Seelsorgers zu melden. Dem alten Freiherrn von Altenlohe hatte man bisher das Unglück noch verschwiegen.
Als sich der Schultheiß bei Frau von Bourgee melden ließ, kam ihm Toinette mit verweinten Augen entgegen. Sie war am—frühen Morgen nach dem Zimmer Linthardts gegangen, um ihn zu bitten, mit zur Mutter zu gehen, dieser ihre Liebe zu gestehen. Aber sie sand das Zimmer leer und das Bett unberührt. Da fiel ein jäher Schreck in ihre Seele. Sollte der Pfarrer durch, seine Unterredung mit dem Junker den Geliebten doch noch, veranlaßt haben, das Schloß zu verlassen und sich den Freiheitskämpfern anzuschließen?!
Sie kehrte zur Mutter zurück und gestand ihr ihre heiße Liebe zu Linthardt. Die alte Dame geriet darüber in so unmäßgen Zorn, daß es wohl zu einem tiefen Riß zwischen ihr und der Tochter gekommen wäre, wenn nicht eben gerade der Schultheiß sich hätte melden lassen. „Verzeihen Sie, Fräulein, ich bitte um eine Auskunft!"
„Wegen des Erbjuukers Linthardt von Altenlohe?"
„Nein, wegen unseres alten, geliebten Pfarrers Tempel!" Seine Stimme zitterte, und seine Augen wurden feucht.
„Was ist mit dem Pfarrer?" fragte Toinette bestürzt.
„Er ist nicht da, er ist nicht heimgekommen seit gestern abend!"
„O Gott! O Gott!"
„War er im Schloß?"
„Ja, gegen neun Uhr. Er ging zu Linthardt von! Altenlohe und . . ."
„Und wie lange blieb er dort?"
„Ich weiß es nicht!"
„Ich will zu Linthardt gehen, so schwer mir der Gang wird!"
Aber Toinette hielt ihn zurück. „Auch Linthardt ist verschwunden; sie müssen gestern abend zusammen fortgegangen sein. Das Bett des Junkers ist unberührt!"
„Der Pfarrer mit Linthardt fort?" schrie der Schultheiß bestürzt.
„Wir wollen das Schloß durchsuchen, vielleicht ist ein Unglück geschehen!" antwortete Toinette.
~ Sie riefen Jules, der mußte mit den beiden riesigen Schlüsselbunden kommen, . und nun gingen sie durch die Säle und Zimmer, aber nirgends fand sich eine Spur. Da verließ der Schultheiß betrübt das Schloß und kehrte in das Dorf zurück.
Unterdessen waren neue Schreckensnachrichten einge- troffen: Der Feind- war wieder in der Nähe. Man verbarg in höchster Eile alles, was man an Wertsachen hatte. Ein sieber- hastes Schaffen in jedem Haufe.
Um die zehnte Stunde schritt ein kleiner Zug durch die Dorfstraße. Mit wuchtigen Schritten ,wie fie Männer haben, die schwer tragen, kauien sie daher. Und sie trugen eine Last. Auf einer Reisigbahre, mit Moos gepolstert, lag ihr toter Pfarrer. Zwei Mäntel deckten den entstellten Leib. Weit draußen, nicht fern vom Heidemoor, hatten sie ihn aus dem Felde gesunden, von Kugeln zerfetzt. Sie brachten noch andere Nachrichten mit, die Hiobsboten. Marodeure, plündernde Nachzügler der französischen Abteilung, die sich bis in die Nachbardörfer geschleppt hatten, erzählten von den grausigen Ereignissen der vergangenen Nacht, von der unblutigen Schlacht, die doch viele Tote gefordert hatte: Wie zwei Männer dem Obersten Lehaire zugeführt worden seien, wie der eine sich geweigert, den Wegführer zu machen, wie er mannhaft den Tod erlitten, und wie dann der andere, der jüngere, die Feinde mit Absicht in den Sumpf geführt habe, in dem er selbst mit erstickt sei. Der eine >var den Pfarrer, aber der andere? Wer konnte es sein?
Sie trugen den Leichnam nicht in das Pfarrhaus. Uumöglich konnte die Pfarrerin den entstellten Körper ihres Gatten sehen. Im Schultheißenauck setzten sie die Bahre nieder und erfuhren, wer der andere gewesen war. Wie ein Lauffeuer flog die Kunde durch den Ort: Pfarrer Tem-, pel ist tot, und der Erbjuuker Linthardt ist tot, und beide starben als Helden.
Boten eilten zum Schreiner, um einen Sarg für den Pfarrer zu holen, noch ehe jemand seinen Leichnam geseheu hatte. Aber solch großen Sarg hatte Etzinger nicht vorrätig, und so nahm man aus der mühsam gesäuberten Kirche — an ihren Aufbau war jetzt doch nicht zu denken — das Altartuch und umschlang damit beit Körper des Entseeltem Dann legte man ihn auf grünes Reis und auf weiches Mdos. Kinder brachten Arme voll Wiesenblumen, die schüttete man über ihn aus und setzte brennende Lichte zu seinen Häup- ten und Füßen. Der Schultheiß ging zur Pfarrerssrau, die in Aengsten daheim aus ihren Gatten wartete und noch nichts von dein großen Weh wußte. Ein tiefes Trauern war im ganzen Torst, ein Trauern toie um einen König.
Der alte Freiherr nahm auch diese Kunde mit seiner stillen, stummen Ergebenheit aus; als aber die Burschen kamen, die von den Marodeuren gehört hatten, toie Linthardt seine Ehre toiederhcrgestellt, toie er hundert der Feinde getötet und selbst mit in den Tod gezogen, da richtete er sich^aus und sagte: „Nun bin ich wieder ein Altenlohe!" Mit diesen Worten sank er hintenüber, legte int Fallen seine Hände auf Giselas Haupt und flüsterte: „Nun bist du allein, Kind!" Dann war er dahin.
Drei Tote im Dörslein: zwei, die den Dörflern etwas gewesen waren, und einer, der ihnen hätte etwas werden sollen. (Fortsetzung folgt.)
Dos Reisegepäck.
Von Tr. jur. W. Brandls, Berlin-Lichterfelde.
Bekanntlich unterscheidet die Eisenbahn zwischen Handgepäck und Reisegepäck. Für ersteres hat der Fahrgast selbst zu sorgen; die Eisenbahn haftet für Verlust oder Beschädigung nur, wenn ihr oder einem ihrer Bediensteten Verschulden nachgewiesen wiM z. B., wenn ein Schaffner rücksichtslos auf die Hutschachtel tritt ober das Gepäck ohne Grund in ein fremdes dlbteil bringt, oder


