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Die Msmmenzeichrn rauchen.
Roman aus dein Jjahre 1813 von Miaix Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Tempel stand stumm und sah zu Boden. Er hatte die Zähne so fest auf die Lippe gepreßt, daß daraus das Blut Wer seinen Bart rieselte. Die Arme hatte er lang nach unten gestreckt und die Hände tute zum Gebet verschlungen. Linthardt stand neben ihm, bleich und blaß, und zitterte ein wenig. Aber seine Augen glühten, und sein Atem flog wie im Fieber; nach geraumer Zeit wandte sich der Pfarrer zu Linthardt urib faßte dessen beide Hände und sah ihm in die Augen, und ein Erkennen schien über ihn zu kommen. Der Tod, der ihn in Augenblicken ereilen mußte, schien ihn zum Hellseher gemacht zu haben. Er sagte zu Linthardt: „Tut, was Euch im Sinne steht. Ihr könnt jetzt Euern Namen noch rein waschen!"
Da rief laut die Stimme des Adjutanten: „Herr Oberst, die Frist ist abgelaufen!"
Lehaire trat zum Pfarrer und sagte kalt: „Ihr habt Euch besonnen, ich weiß es, ich kenne die Menschenssele. Die Angst vor dem Tode hat schön andere Menschen klein gekriegt!"
Da sah der Pfarrer den Obersten mit einem unsäglich verächtlichen Blick an. Von seiner Höhe blickte er auf den kleinen giftigen Mann wie auf einen Wicht, dann sagte er schlicht: „Ihr scheint nur wenig oder keine wahrhaft großen Seelen kennen gelernt zu haben!"
„Ha, große Menschen gibt es überhaupt nicht, höchstens verdient unser Kaiser die Bezeichnung. Doch, wir sind nicht hier, um zu philosophieren. Also führen Sie uns, wie ich es vorhin verlangte?"
„Nein!"
„Er stirbt!" — Wie scharfe Messer, so schneidend klang der Befehl.
Pfarrer Tempel hob die Arme, als wollte er bitten. Eine Sekunde wurden seine Gesichtszüge weich, und sein Auge blickte flehend. Das ivar der Augenblick, wo er seiner Kinder gedachte und seines Weibes. Doch das ging schnell vorüber. Der Adjutant faßte ihn sanft am Arm und führte ihn zehn Schritt fort aus dem Kreise der Offiziere. Die Grenadiere traten vor und bis auf vier Schritt vor Tempel hin.
Da sprang Linthardt vor und schrie auf: „Er muß leben, Herr Oberst, — er ist der Edelsten einer! Ich führe Sie nach Tiefenbach!"
Mer der Oberst sagte kurz: „Das tun Sie ohnehin. Er stirbt!"
Da schlug Linthardt die Hände vor sein Gesicht und wandte sich ab. Und Pfarrer Tempel hob die Arme ein
wenig und betete: „Herr, schütze alle, die meiner noch bedürfen !" — Da krachten die Schüsse, nicht alle gleichzeitig sondern, ungeschickt abgefeuert, dicht hintereinander. Di« Kraft der Kugeln aus so dichter Nähe war so groß, daß der Pfarrer sich um sich selbst drehte und dann dumpf niederfiel. — Kein Zucken mehr, — kein Röcheln, er war tot. — Die Grenadiere traten zurück rind wischten sich das Blut von Gesicht und Montur, das ihnen warm aus dem Körper deS Ermordeten entgegengespritzt war.
Im Kreise der Offiziere herrschte wohl eine Minute eisiges Schweigen. Dann gingen etliche fluchend davon, andere wischten sich den Schweiß von der Stirn, einer deckte die Hand vor die Augen. Ein Oberleutnant stand in Sinnen versunken und stierte zu Boden, als schäme er sich dieses Mordes — und waren doch alle harte Männer, die dem Tode schon hundertmal ins Auge gesehen hatten. Doch Lehaire befahl: „Gebt stillen Alarm, wir marschieren weiter!" Man brachte die Pferde, die die Offiziere bestiegen. Der Oberst rief: „Wo ist der Preuß, der Junker? Er mag an meiner Seite gehen!"
Der Adjutant rüttelte Linthardt am Arm: „Junker, führt uns!"
Linthardt erwachte wie aus einem Traum. Er blickte sich um und sah am Boden etwas -liegen, — sah aus, wie ein Mensch. — Das brachte ihn zur Besinnung. — Er ging hin und wollte dem Pfarrer die Augen zudrücken, aber er fand nur eine blutige, formlose Masse, zerrissen und zerfetzt, so hatten die zwölf Kugeln den Aermsten zerstückelt. Er trat zum Obersten und sagte: „Wir gehen zuerst in dieses Tal hinab!" Md doch lag dieses der Heeresstraßss von Tiefenbach entgegengesetzt.
Er erschauerte über seine eigene Stimme. — Wer sprach das? — Wem war diese Stimme? — Hatte er selbst ge-, sprachen? War dieser spröde, harte Klang seinem Munde entsprungen? , „ . _
Sie schritten in das Tal. Der Mond hatte fern Angesicht verhüllt, als trauere er um den Toten, der da droben stumm im Felde lag. „Ist das der nächste Weg?" fragte der Oberst mißtrauisch. ,
„Kein kürzerer führt zum Ziel!" erwiderte Linthardt, und jetzt schien es, als klänge eine wilde Fröhlichkeit aus seiner Stimme. Er blickte beim schwachen Lichte der wenigen Fackeln nach rechts und links. Ja, er ging richtig, wohin er wollte. Die Straße, auf die er den Feind führen sollte, lag weit links seitwärts, sie marschierten also beinahe in entgegengesetzter Richtung. Und immer näher, immer näher kamen sie dem Heidemoor.
Dem Obersten ging das Marschieren zu langsam, auch schien ihn zu frösteln. Er schenkelte sein Tier zu leichtem Trabe, und Linthardt mußte scharf nebenher rennen. Und immer näher, limmer näher kamen sie dem Heidemoor. Hinter ihnen aber zog sich' den Hang herab eine lange, lange! Mcnschenschlange. Wie das klirrte und klang in stiller Nacht! Die dumpfen Schritte, die die Erdschollen trafen, em leiser


