Ausgabe 
9.6.1913
 
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Der Aebersall.

Skizze von Gert 6. Schreiner- Gießen.

Peitsche die Gäule, Wassili! Hörst du, peitsche die faulen Kloben, Väterchen! Sie kriechen itrie die Gemüseschnecken!"

Die Pferde reißen an den Strängen, wenn die Peitsche aus ihre Flanken niedersährt, und rasen, daß der heiße Atem dampfend! aus den zitternden Nüstern schnaubt . . . Sie scheinen die Gefahr zu wittern.

Wassili Gabrilowitsch steht aufrecht, die Beine weitgespreizt, im Schlitten. Mit der Linken zerrt er die Zügel, mit der Rechten Kaut er auf die Rappen. Dazwischen liebkost er seine Pferde! und dann und wann ruft er ihnen einen Fluch zu.

Der Schlitten rast so schnell über den zefrorenen Schnee, daß Wassili glaubt, er stünde still, und ein langes weißes Tuch würde unter ihm weggezogen.

Im Schlitten sitzt halb steht halb Sonje, sein Weib. Sie trägt den kleinen Osip auf ü>ent Arm und schaut abwechselnd ängstlich nach hinten auf den großen schwarzen Schatten, der heulend und in phantastischen Sprüngen dem. Schlitten folgt, und nach dorn, ob sie noch nicht die Lichter des Dorfes sieht. Dann schaut sie wieder ihren Mann und die Gäule an.

Das sind dort hinten die Wölfe . . . Wenn sie den Schlitten erreichen, ist es ihr Tod. . . Aber die Gäule greifen noch wacker aus. . .

Sonje trägt Osip in warmen Tüchern auf dem Arm. Das Kind schläft und ahnt nichts von der Gefahr. Väterchen rast oft so mit dem Pferden, wenn er besoffen ist.

,/Fahr schneller, alte Schnapsflasche, räudige Hundeseele!" ©ouie, scUägt mit der freien Hand nach ihrem Mann und will ihm dre Zügel entreißen, denn die Wölfe haben eben so furchtbar geheult. . . Die Pferde schnauben und greifen weit aus, daß der Schnee aufspritzt, wenn die Hufe den Boden berühren.

Die Wölfe kommen näher. Ein Gedanke zuckt durch Sonjes Hern, so plötzlich und kurz, tote eine Sternschnuppe fällt: Wie wenn sie Osip?

Aber dann ist er wieder fort.Lauft Pferdchen. Wollt ihr schneller! Faule Knochen!" Nie nie! Sie reißt das Bündel an sich und küßt es, ohne daran .zu denken, daß sie nur die! Luntpen küßt! Ihr kleines Ebenbild, dem sie bittere Wochen entgegengebangt hatte, Osip, in dem alle ihre Hoffnnugen mün­deten, wie die Flüsse in das Meer, den kleinen Osip, über bett sich alle freuten.

Der Schlitten saust. . . Und immer wieder nagt der Ge- daitte tn ihr. Ganz leise hat er erst gerufen ivie ein verklingender Angstschret und immer lauter ist er geworden, bis er sie anbellt Ivie ein Hund, der vor einem Baum eine Wildkatze verbellt . . , so laut und Hartnäckig ... Der Schlitten gleitet an den schnee­bedeckten Fichten und Sannen vorüber, über die der Mond sein blaues Licht wirst. Die Gäule werden ängstlich,. Und als Wassilis Peitsche in die Neste eines Baumes haut, baff der Eisschnee herab­fällt, scheuen sie und wollen nicht vorwärts.

Die Wölfe kommen näher. Ta, sie weiß selbst nicht wirst ®oitje das Bündel, in dem Osip schläft, aus dem Schlitten den Wölfen zum Fraß hin. Ihr Herz hat dagegen geschrien, aber der Gedanke hat sie solange gewürgt, daß sie es tat. . , Und die Gäule wittern wieder den Tod und die Angst peitscht sie mehr als Wassilis Geißel vorwärts. Ihre Weichen fliegen und keuchend zischt ihr Atem. Ein trotziges Aufwiehern ein wildes Zerren an den Strängen, nnd weiter geht die Hetzjagd.

Und nun, da der Gedanke ruhig ist, weiß, Sonje erst, was sie getan hat. Wahnsinnig sieht sie nach Osip hin und auf die Wölfe.

Tie kommen doch dem Schlitten nach. Nur weniger scheinen es zu sein.

Sonjes ganze Seele schreit nach bent Kinde, den Wahnsiuns- sehret des Weibes, der Mutter, der das' Kind entrissen wurde. Osip! Osip! Reiß die Gäule Herum Wassili Väterchen! Wir müssen Osip wiederholen."

Aber das ist nicht mehr ihr Mann, der da vor ihr steht, das ift das Tier, das mit dem Tier um das Leben kämpft. Er peitscht die Pferde: Noch eine halbe Stunde, und sie sind int1 Dorf. . . Sonje bittet ihn, beschwört ihn. Sie umfaßt seine Knie. (Und als er nicht hören will, richtet sich die WahUsinnige auf und ringt mit ihm um die Zügel. Ein verzweifelter Kampf, so wie ein Reh mit dem Fuchs um ihr Junges kämpft.

Die Gäule werden immer rasender durch das Zerren an den Zügeln, der Schlitten holpert . . . und die Wölfe, als wüßten sie, daß ihnen nun bald das Dorf die Beute entreißt, heulen wieder und laufen schneller . . . Sonje ringt mit ihrem Mann, der sich nur mit einem Arm ihrer erwehren kann. Sie beißt ihn in die Wange und krallt ihm die Finger in den Hals. Auch Wassili packt j>ie Todesfurcht und int Selbsterhaltungstrieb gibt er thr etnett Stoß, daß sie hintüberfällt aus dem Schlitten! . . .- Die Pferde rasen weiter bis ins Torf in den Hoi des Bauern.

Wassili weckt die Nachbarn aus bent Schlaf. Mit Latenten, Flinten und Werten geHeit sie den Weg zurück, Menschen, die sich ihrer Macht übet das Tier wohl bewußt sind . . .

Sie finden ein zerfleischtes Weib. Und eine Strecke weiter ein Bündel, in dem ein Knabe ruhig schläft . . .

Wie es Berta von Suttner mit ihrem Hauptwerke erging.

1 (Zu ihrem 70. Geburtstage, 9. Juni.)

Berta von Suttners Lebenswerk läßt sich nicht besser zu- sammensassen, als in dem Schlagworte:D ie Waffen n jeder", Mtt bent sie zuerst vor beinahe einem Vierteljahrhundert ihr Hauptwerk und später die von ihr herausgegebene Zeitschrift be- zerchnet hat. Wie es ihr mit diesem ihrem Hauptwerke erging, tote ite daran arbeitete, wie es anfänglich abgelehnt wurde und sich dann einen glänzenbett Erfolg errang, ist eine merkwürdige Geschichte. Sie unternahm es, den RomanTie Waffen nieder" zu schreiben,um der .Friedensliga einen Dienst zu leisten". Es sollte jedoch Feilte Abhandlung, kein philosophisches, kein argu- mentterendes Werk werden, sondern, was sie fühlte, wollte sie in ein Buch legen, bent Schmerz wollte sie Ausdruck geben, den die Vorstellung des Krieges in ihre Seele brannte, und so beschloß fte, einen in Form Der Selbstbiographie angelegten Roman zu schreiben.

. Die Studien dazu machte sie höchst gewissenhaft:Ich las tu bwänbigen Geschichtswerken nach (so erzählt sie), stöberte in alten Zeitungen und Archiven, Um Berichte der Kriegskorrespön- deuten und Militärärzte zu finden, ich ließ mir von solchen meiner Bekannten, welche im Felde gestanden, Schlachtenepisoden erzählen, und während dieser Studienzeit wuchs mein Abscheu vor dem Kriege bis zur. schmerzlichsten Intensität heran. Ich kann es ver­sichern, daß die Leiden, durch die ich meine Heldin führte, von Mir selber während der Arbeit mitgelitten wurden. Was ein Weib leiden muß, das einen geliebten Gatten im Kriege weiß, das konnte itiji mir jetzt leichter vorstellen, denn die Tiefe Meiner! eigenen ehelichen Liebe genügte, um mich int Geiste in eine solche Lage zu versetzen." Aus dieser Verkiesung in den Stoff entstand dann der Roman: mit Befriedigung schrieb die Dichterin das Wort Ende unter den zweiten Bänd, bann schickte sie das Manu­skript einer großen Zeitung, die ihre früheren Arbeiten veröffent­licht und ihr nie etwas zurückgeschickt Hatte. Allein das Manuskript kam zurück,weil große Kreise der Leser sich durch den Inhalt verletzt fühlen würden". Ebenso ging es bei weiteren Redaktionen, sie stand davon ab, das Werk in einer Zeitung veröffentlichen zu wollen nnd schickte das vielgereiste Manuskript ihrem Verleger, der es sogleich als Buch heransbringett sollte. Der Verleger riet ihr, .bedenkliche Stellen zu streichen, er machte die größten Schwierig­keiten, und als Frau von Suttner dabei blieb, sie wolle das Manuskript lieber verbrennen, als auch Nur ein Wert streichen, schlug er wenigstens eine Aenderung des Titels vor. Mer auch, den Titel, der in drei Worten den ganzen Zweck des Buches enthält/ wollte Frau von Suttner begreiflicherweise beibeHalten, der Roman erschien, wie sie es wollte, und das Ergebnis war seltsam: sie erhielt anonyme. Spott- und Schmähschriften, herunterreißende Kritiken:was die gute alte Dame von ihren Schicksalen erzählt/ ist ja recht traurig, aber die daraus gezogenen Folgerungen können dem ernsten Politiker nur ein Lächeln abgewinnen"; sie mußt« Ausdrücke einstecken, wierührselige Albernheit, aufdringliche, unkünstlerische Tendenzmacherei, gänzlich verfehltes Machwerk'"/ und sich raten lassen,die Autorin möge doch zu. ihren Novellen zurückkehren, bei welchen sie ein ganz nettes Talent entfaltet". Freilich war ihr Lesepublikum-in zwei Lager gespalten, denn neben den absällig Urteilenden fanden sich ebenso zaHlreich sogleich die Leser, die von bent Roman geradezu begeistert waren. Per ^Erfolg war aiißerordentlich stark, und bald war das Buch nicht nur in deutscher Sprache verbreitet, sondern in allen Sprachen >Europäs/ und überall ist es heute in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet.

Zahl und Unendlichkeit.

In einem vielbeachteten Artikel, den unlängst derFigaro" ans der Feder Alphonse Berget's brachte, finden sich überdie kuriosen und wahrhaft verNnrrenden Begriffe von.Zahl und Un­endlichkeit" einige Hochinteressante praktische Schlußfolgerungen. Sollte man ohne besonderes Nachdenken auf die Vermutung kom­men, daß alle, unserer menschlichen Intelligenz erreichbaren Größen in Raum und Zeit sich durch Zahlen .ausdrücken lassen, die niemals mehr als eine hundertstellige Ziffer barstellen, ja in den meisten Fällen überraschend klein sind? Und doch ist eS so. Nehmen wir z. B. die Masse der .Erdkugel, ausgedrückt in Tonnen (zu 1000 Kilogramm). Um sie uns zu vergegenwärtigen, bedarf es einer Zahl von 22 Stellen, deren erste Ziffer eine sechs ist. Drücken toir sie nicht mehr in Tonnen, sondern in Kilogramm ans, so genügt die Hinzufügung von drei Nullen; gestatten wir uns denGedankenluxUs", das Gewicht unseres Planeten in Milligramm wissen zu wollen, so Haben wir bloß neun Nullen der Zahl der Tonnen anzüfügeu, erhalten also damit eine Zahl von 31 Stellen, die sich Bequem überblickest läßt und von einem einigermaßen phantasiebegabten Esprit auch inhaltlich (d. h. in ihrer vom winzigen Milligramm ans fort­schreitenden Dimension!) erfaßt wird.

Ein ähnliches verblüffendes Resultat ergibt sich, luenn wir uns diePreisaufgabe" stellen, zu berechnen, wieviel Tropfen das Weltmeer hat ganz im Ernst gesprochen. Die moderne Ozeanographie belehrt unS darüber^ daß das Gesamtvolumen