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„Bomben und Granaten! Mann, sind Sie verrückt?! Herr, machen Sie sich dünne, oder —" Er strich sich die Aermel hoch und schrie nun in höchster Wut: „Wenn ich auch aiu alt und zu schwach war, gegen den Erzräuber ^fapo- Icon zu Felde zu ziehen, aber.so einen windigen Advokaten auf den Mist zu werfen, langt'» noch!" Und er machte Mine, den Notar in der Tat eigenhändig an die Lust zu
In diesem Augenblick trat Fürchtegott Etzinger, der Stelziuß, 'ins Amtszimmer. „Alle Wetter, Schultheiß, Ihr werdet ein Gallenfieber kriegen, wenn Ihr Euer« Zorn nicht mäßigt. Was habt Ihr mit dem Herrn da?"
' Peter Wend beruhigte sich, und diese Pause benutzte der Notar, den von Napoleon eigenhändig ^unterzeichneten Durchlaßschein hervorzuholen und ihn dem Schultheiß unter die Nase zu halten.
' „Was soll der Wisch?" , .
„Immer mehr der Beleidigungen. Es ist ein Erlaß Deiner Majestät Ihres Kaisers!" .
„Meines Kaisers? — Daß ich nicht lache! Ich habe einen König und keinen Kaiser!"
„Wißt Ihr nicht, daß im Frieden zu Tilsit alle Lander westlich der Elbe Napoleon zugesprochen wurden und Ihr also seid sechs Jahren französischer Untertan seid?"
„Das mag in den Städten, in Magdeburg und Wessel oder sonstwo sein, wo die Franzosen ihre Soldaten liegen haben. In unser Heidedorf hat sich noch keiner verirrt und soll sich keiner wagen. — Und wenn Ihr nochmals sagt, ich wäre französischer Untertan, schlage ich Euch. . ."
„Beruhigt Euch, Schultheiß. Wir wollen dieses hohe kaiserliche Schreiben doch mal sehen und lesen," sagte Etzinger mit beißendem Hohn und las: „Wir, Napoleon Bonaparte, Kaiser der großen französischen Nation, König von usw. geben hiermit Befehl, die Inhaber dieses Passes, Madame de Bourgee und Mademoiselle Totnette de Bourgee in allen meinen Ländern, wo es auch sei, nngehiuderk passieren, ihr auf Wunsch jede Förderung und Schutz zuteil werden zu lassen, wo und ivenn sie es verlangt. Insonderheit gilt dies allen meinen Kommissären, Posthaltern, Bürgermeistern und Aemtern. Nichtbeachtung dieses meines allerhöchsten Willens zieht harte Strafe, in Kriegszeiten gegebenenfalls Füsilierung des Schuldigen oder Bestrafung des gesamten Ortes nach sich. Napoleon."
„Tas ist ja großartig! — Ja, mein Bester, das klingt ja alles sehr schön," sagte der Schultheiß ruhig und fuhr dann mit plötzlichem Zorne fort: „Aber ein elender Schuft will ich sein, wenn mir nicht ganz schnuppe ist, was. Euer Kaiser will! Herr, ich bin ein guter Deutscher, verstanden?! Und Sie sollten sich schämen, nm elenden Erwerbs willen Ihren guten deutschen Namen zu besudeln und dem Frau- Msenvack zu helfen. So, sagen Sie das Ihrer Herrschaft, Sie Franzosenknecht, und sagen Sie das Ihrem Kaiser, dann mag er seine Henker schicken, mich zu erschießen, wenn er Zeit hat!" dann packte er den verblüfften Notar an der Schulter, schobt ihn zur.Tür hinaus und warf ihm sein kaiserliches Schreiben hinterdrein. —
So, das hat gut getan! Nun mag er mich anzeigen bei bett Rotröcken in Magdeburg. Was soll ich um des alten Grankopfs willen (er zeigte auf sein Haupt) meine deutsche Gesinnung verleugnen! Niemals! Mögen sie kom- men und mir das Fell mit Kugeln durchsieben!"
Etzinger drückte dem Tapfer« die Hand und sagte: Ihr seid doch ein prächtiger Mensch, und so wie Jhb denken ich und tausend, tausend andre. Und da sollte es uns nicht gelingen, Bonaparten rauszuwerfen?! Hä, wir wollen sehen!"
Der Schultheiß uud der Lehrer traten vor die Tür und sahen, wie der Notar soeben vym Pfarrhause zurückkehrte. An seiner Seite schritt Pfarrer Tempel ernst tttw abweisend. „Also mein letztes Wort, Herr Notar: Wir hier im Orte Wunen für ihre Herrschaft nichts tun. Sie handeln am Mgsten, wenn Sie gleich aufs Schloß gehen, das der alte Haushofmeister unsers frühern gnädigen Herrn in treuer Pflichterfüllung noch verwaltet. Vielleicht kann der Ihnen Rat schaffen!" Dann schritt der Pfarrer nach kurzem, flüchtigem Gruße dem Schulhause zu.
Der Notar begab sich nun in der Tat nach dein Schloßt während Tempel in das Reine Häuschen eintrat. Frau Wintzer wätz in dem Flur beschäftigt, uyb der Pfarrer nahm sie beiseite: „Mutter Wintzer, erschrecken Sie nicht. — Sie Md tat"
„Die Franzosen?"
„Nicht Soldaten, nein — die von drüben aus Frankreich!"
„Die neue Herrschaft? O, wie wollen wir das dem gnädigen Herrn beibringen?"
In diesem Augenblick trat Baroneß Gisela aus dem großen Schulzimmer und begrüßte den Pfarrer. „Baroneß, die schwere Stunde ist gekommen. Gehet: Sie mit zu Ihrem Vater!"
„Herr Pfarrer, Sie sollen mich nicht Baroneß nennen. Ich bin Gisela von Altenlohe, jetzt mehr denn je!"
„Nein, Baroneß. Wohnten Sie noch droben int Schloß in all Ihrem Glanze und Reichtum und sprächen den Wunsch aus, daß ich Sie nicht mit Ihrem rechtmäßigen Titel anreden möchte, würde ich mit Freuden einwilligen, aber jetzt ist das etwas andres, ich kann es schwer in Worten aus- drücken, was ich meine. Jedenfalls haben wir jetzt., wo Sie freiwillig durch ihre heldenvolle Entsagung auf die Vorteile Ihres Erbes verzichten, doppelt die Pflicht, Ihnen alle gebührenden Ehren zuteil werden zu lassen. — Und nun kommen Sie mit zum Freiherrn!"
Herr von Altenlohe lag, leicht in eine Decke gehüllt,^ auf einem Sofa. Durch die im ersten Grün prangenden Ranken des wilden Weins vor dem Fenster lugte von fern ein Turm seines ehemaligen Herrensitzes in das Stübchen. Seit: alter Diener saß neben ihm und reichte ihm ab! und zu einen Trunk schwach gesüßten Wassers. „Erdmann?" fragte er nun leise.
„Gnädiger Herr?"
„Lange werden wir das Nordtürmchen von Heidehorst nicht mehr sehen, — der Wein wächst zu stark!"
„Dann beschneiden wir ihn!"
„Nichts da, Erdmann! Jung Trieb will seinen Lauf, und wer den zu früh beschneidet, macht ihn zutn Mucker. — Und was nützt mir der Mick zum Türmchen meines alten Schlosses? Er gemahnt mich doch immer nur an vergangenen Glanz. Geh, Erdmann, sieh zu, ob du die Baroneß findest. Aber wenn sie drüben im Schulzimmer ist uud die Kinder lehrt, stör' sie nicht!"
Diese letzten Worte hatte Gisela, die mit dem Pfarrer Tempel ins Zimmer getreten war, gehört, und lachend saate sie: „Vater, die Kinder sind mir ausgerissen. Gelt, die Schulmeisterei ist gar nicht so leicht, wie es von wertem aussieht. Einett Sack Geduld möchte mau'haben, und wissen möchte inan alles, Vater, alles, was ttoch kein Mensch ergründet hat und kein Professor erfragen kann, aber ent Kind kann's erfragen!"
Ein sonniger Schein huschte über des Alten vergrämtes Gesicht, und er zog Gisela zu sich heran und strich ihr das Haar aus der Stirn und sagte lächelnd: „Nun, Fräulein Schulmeister, was hast du denn getrieben heute mit den Kindern, ehe sie dir entwischten?"
„Ach, Vater, ich soll immer erzählen, und sie peinigen mich so lange, bis ich ihnen endlich ihren Willen tue. Heute habe ich ihnen von litt)ernt großen König Friedrich, und dann von unsrer lieben, seligen Königin Luise erzählt, aber dieses war ihnen zu traurig und da sind sie ausgerissen!"
„Mädel, weißt dtt noch, was unser lieber Paul Wintzer dir sagte, als wsr aus dem Schloß zogen?" ,
Da schlug sie die Augen nieder und nickte: „Jedes Wort weiß ich, was er gesprochen hat. Ich soll in bett Kleinen den Haß schüren, den Haß gegen Bonaparte und die Franzosen!"
„Nun — tust du's nicht?"
„Vater, ich kann's nicht. — Ich «mß bann immer an unsre Mutter denken, sie war boch so gut, Vater, und sie war boch eine Französin!" .
Der alte Freiherr nickte vor sich hin: „Ja, Kino, >te war gut, itttb daß Ihr und auch ich in ^solchen Wider* streit ber Seele geraten sinb, ist meine Schuld. Tarumi will ich auch geduldig tragen, was auch kommen mag!"
Er streckte seine Hand dem Pfarrer Tempel hin, der während dieses Gesprächs still im Hintergrund gestanden hatte, und zog ihn an sein Ruhebett. „Mein lieber Tempel, sprechen Sie ohne Scheu. Sie haben etwas auf dem Herzen, ich sehe es an Ihrem sorgenvollen Antlitz. Schonen Sie mich nicht!" . nY> ,
„Ihre Ahnung trügt Sie leider nicht; denn meine .Viel* düng ist ein bitterer Kelch für Sie und für uns alle!"
(Fortsetzung folgt.)


