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„Du wirst entschuldigen, lieber Münster, wenn ich dir deine Dame entführe, aber man ruft soeben zu Tisch — fptäbtgc Frau — Sie hatten die Gnade, mir zu ver- prechen —"
Meta erhob sich und legte ihre Hand auf den Arm des Offiziers, eines auffallend schönen Mannes von offenbar italienischer Abstammung.
„Gewiß," Herr von Mondelli.
Sie nickte den: bescheiden zurücktretenden Adjutanten freundlich zu.
„Ich hoffe, später noch das Vergnügen zu haben, Herr von Münster."
Herr von Mvntelli war einer der eifrigsten Courmacher Meta Petermanns. Ihre rotblonde Schönheit hatte ihn vom ersten Augenblick an begeistert und ihre kühle Zurückhaltung entflammte sein feuriges Temperament.
Für ihn gab es keinen Zweifels daß sie mit diesem nichtssagenden Petermann unglücklich sein mußte, ein Dritter also Chancen haben könne.
Und er hoffte sehr zuversichtlich, in Metas Herzen bald eine Rolle zu spielen.
Gleichgültig hörte Meta, mit ihren Handschuhen spielend, seinen Tiraden zu. Ab und zu riß ihn sein Temperament zu besonders lebhaften Ausdrücken hin. Dann glitt von der gegenüberliegenden Seite der Tafel, wo Petermann jun. faß, ein zorniger Blick aus Nikis Augen nach dem Italiener.
In solchen Momenten lächelte Meta befriedigt.
Einmal im Laufe des Abends fragte Meta ihren Nachbar: „Kennen Sie Herrn von Münster von früher her? Es schien mir, als ob dies der Fall tväre."
Montell: sah sie verblüfft an.
Er hatte ihr soeben einen, wie er glaubte, sehr interessanten Vortrag über das Recht des Herrenmenschen, sich auszuleben — frei nach Nietzsche — gehalten, und nun fragte sie ihn um seine Bekanntschaft mit Münster.
„Wie meinen Gnädigste? Münster?" stotterte er etwas verwirrt. „Ob ich Michael von Münster kenne? Wie meine Tasche! Wir waren früher in Wien beim selben Regiment und wohnten zivei Jahre lang Tür an Tür."
„Ah, er war früher Dragoner?"
„Ja. Er hatte eine Erbtante, die ihn reichlich unterstützte; denn von.Haus aus hat er kein Vermögen. Dann starb sie plötzlich, ohne ein Testament zu hinterlassen. Das ganze schöne Geld fiel an andere Verwandte und der arme Münster war plötzlich auf die Gage allein angewiesen ... Hm, Gnädigste, können sich vorstellen: Kavallerie und keine Zulage! Geht nicht, selbst wenn man wie Münster alle Wend zu Hause sitzt und Tee mit kaltem Aufschnitt ißt. Da ließ er sich zur Artillerie versetzen. Ist ein lieber Kerl, der Münster — tadelloser Kamerad — nur leider ein schrecklicher Querkopf."
„Wieso?"
„Na — eigentlich weiß ich nicht, ob ich da aus der Schule schwätzen darf..."
„Bitte — ich will Sie zu keiner Indiskretion verleiten."
„Ach was, schließlich wußten ja genug Leute darum — es war da eine junge Gräfin aus Prag in Wien, steinreich, hochfeudale Verwandtschaft — die verliebte sich sterblich in Münster und ich glaube, sie war ihm auch nicht so ganz gleichgültig. Es hätte ihn nur ein Wort gekostet — Erzherzog Ludwig, der ihn: sehr wohl will, legte es ihm selbst nahe — er hätte bei der Kavallerie bleiben und eine fabelhafte Karriere machen, können..."
„Nun und —" Meta beugte sich unwillkürliche weit vor, „er wollte nicht?"
„Nein, eine Geldheirat mache ich nicht. Ich müßte mich vor mir selber schämen, wenn ich, von dem Gelbe meiner Frau lebte," behauptete er."
„Aber wenn er sie liebte?"
„Das ist ja eben das Querköpfige! Kein halbwegs Vernünftiger Mensch konnte es begreifen! 'Er hätte seitdem noch manche gute Partie machen können, die Damen laufen ihm ja förmlich nach."
Mvntelli brach plötzliche ab und blickte Meta mißtrauisch an. Sollte sie am Ende auch...
Sie hatte sich zurückgelehnt und fächelte sich schweigend Luft zu. Ihr Gesicht war um einen Schatten blässer als sonst, und das Eis, welches man eben herumgereicht hatte, zerfloß unberührt auf dem Glasteller.
Mvntelli lachte spöttisch.
„Ja, ja,, meine Gnädige, er ist ein komischer Kauz, der gute Münster! Werden Sie es glauben, daß er überhaupt völlig unempfindlich ist gegen ba§ Ewig-Weibliche? Ich darf mich doch zu seinen bester: Freunden rechnen, aber verliebt habe ich ihn nie gesehen!"
„Wirklich?" Meta zerzupfte lächelnd eine La Francc- Rose, welche in ihrem Gürtel steckte.
In diesem Augenblick ivurde die Tafel aufgehoben und im Nebenzimmer begannen die Musikanten eine Polonaise zu spielen.
Meta erhob sich.
»Ich Jinbe, daß dieser Umstand sehr zugunsten Herrn von Münsters spricht," sagte sie, den Arm ihres Tischherrcn ergreifend, um sich von ihm in den Tanzsaal führen zu lassen.
Da kam Prinz Joachim auf sie zugeeilt.
„Endlich, Gnädigste, ist es nur vergönnt... ich darf doch um die Polonaise bitten?"
„Ich weiß wirklich nicht," antwortete Meta verlegen^ „Herr von Mvntelli hat mich bereits vorhin gebeten..
„O — er wird mir seine Rechte abtreten, nicht wahr, Mvntelli?"
Der Rittmeister trat mit einem sauersüßen Lächeln zurück.
„Selbstverständlich, wenn Hoheit befehlen..."
In seinen schwarzen Augen flackerte die Eifersucht, als er den beiden nachsah.
„Dieser Prinz und sein Adjutant haben mir gerade gefehlt hier!" murmelte er wütend und schlenderte dann langsam in den Tanzsaal, wo er eine reiche Brauerstochter für die Polonaise engagierte.
Der Prinz tanzte auch die dritte Quadrille und den Kotillon mit Meta und schien nur Arigen für sie zu haben.
Der alte Petermann bemerkte es mit zufriedenem Lächeln. Ein solch strahlender Mittelpunkt, wie ihn die schöne Schwiegertochter mm bildete, hatte seinen Salons gefehlt. Es war nicht bloß gesellschaftliche Eitelkeit, welche ihn veranlaßte, Unsummen für diese Gesellschaften hinauszugeben. Er war ein kluger Rechenmeister und brauchte diese Menschen. Sein spekulativer Kopf trug sich stets mit große:: Plänen, die weit über den Betrieb der Fabrik hinausreichten. Bahnbautei:, Banlgründungen — das waren Dinge, an benen man Millionen gewinnen konnte.
Aber dazu braucht man neben dem Kapital auch Konnexionen. Hohe Konnexionen. Bisher hatte er diese Konnexionen durch kleine Gefälligkeiten und kostspielige Feste gewonnen.
Meta war ein neuer Faktor. Und er begann, ihn in seine Berechnungen einzubeziehen.
Gut gelaunt trat er an seinen Sohn hieran, der finster in einer Fensternische lehnte und dem Tanz zusah.
„Fabelhaft, wie deine Frau Anwert findet, Niki!" sagte er. „Sie sieht aber auch entzückend aus! Dieses Blaßblau steht vortrefflich zu ihrem rotblonden Haar. Ich fürchtete anfangs, sie würde sich schwer in die neuen großen Verhältnisse finden — aber sie ist die geborene „Dame"."
Niki Petermann schwieg.
„Nun?" Der Alte gab seinem Sohn einen leichten Rippenstoß. „Mir scheint gar, du freust dich nicht einmal?"
„Gar nicht! Soll es mich, freuen, wenn das Weib, das ich liebe, und das gegen mich kalt wie ein Eiszapfen ist, vor meinen Augen mit aller Welt kokettiert?"
Der alte Petermann stieß einen leisen Pfiff aus.
„Eifersüchtig? Du, Niki? Seit wan.n denn? Du warft doch immer ein Vertreter gegenseitiger Freiheit —"
„Bis zu einem gewissen Grade — ja. Aber —"
„Du Meinst, nur du hättest das Recht I— indessen kann ich gar nicht finden, daß, Meta irgendwie die Grenzen der wohlerzogenen Dame überschreitet."
„Und Mvntelli? Und dieser Prinz? Du.hättest sie nur sehen sollen vorhin bei Tisch!"
(Fortsetzung folgt.)
Kleine Geschichtsbilder aus Oberhessen.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Wir wollen nun noch einige Nachrichten ans der neueren Geschichte der drei Dörfer bringen. Wie 1635 die Pest! in der Umgegend hauste, haben wir oben schon geschildert; aber auch das Kriegs- Volk, welches nach einigen Jahren im dreißigjährigen Kriege scheußlich verwilderte, hat die dreh Blumen dex Wetterau nicht verschont.


