Donnerstag, den 9. Januar
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Bon Frühling zu Frühling.
Roman von Erich Eben st ein,
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
III.
„Gnädigste sind also nicht so blind begeistert für Italien als andere Leute?"
Prinz Joachim von Reinsperg klappte langsam Metas Fächer ans und sah lächelnd in das schöne Gesicht der jungen Frau Petermann, über deren Haupt sich die Rispen einer Riesenpalme wiegten.
Auch Meta lächelte. Ein müdes, gelangweiltes Lächeln. „Wie banal!" dachte sie. „Jeder sängt von Italien an, weil ich zufällig dort war
Laut sagte sie: „Offen gestanden, nein, Hoheit. Es gibt ja sehr viel Schönes dort... Kunstschätze, Naturschön- heiten... aber im ganzen hat cs mich doch enttäuscht."
„Wodurch?"
Meta zupfte ungeduldig an den Spitzen ihrer weißen, duftigen Robc.
„Ja, wenn ich das wüßte! In meinen Träumen war es eben viel schöner. Poesieumflosseu — märchenhaft.. - Dann findet man statt der mondbaglänzten Terrassen und Myrtenwälder Heerscharen von Fremden und den marktschreierischen Cicerone, der einem fortwährend zuruft: „Hier ist das geschehen, hier hat dieser gewohnt, dort ist jener gestorben, das hat Raffael gemalt und das Leonardo." ... Dabei das fatale Gefühl, daß es oft nicht einmal wahr ist!"
„Damen machen sich eben von allem übertrieben ideale Vorstellungen!"
„Möglich. Dafür werden sie dann auch von der Wirklichkeit immer enttäuscht!"
„Immer?' Prinz Joachim beugte sich weit vor und sah seinem schönen Gegenüber mit einem tiefen Blick in die dunklen Augen. „Immer? Vielleicht lag es nur an der Führung?"
Ein hochmütiger Blick glitt über sein weiches, blasses Gesicht nut dem schon graumelierten Haupthaar darüber.
„Auch möglich," sagte Meta kurz.
„Ich habe einmal die Ehre gehabt, eine schöne Frau durch Italien zu geleiten," fuhr der Prinz, ohne den Blick von Meta zu lassen, fort, „und man hat mir nachher versichert, daß nichts dem Zauber und der Poesie jener Reise gleichkam!"
Eine anffallend hohe, schlanke Gestalt trat diskret an den Prinzen heran.
„Hoheit — Se. Exzellenz der Herr Statthalter lassen um zwei Minuten Gehör bitten —"
Dm: Prinz stand auf.
„Gestatten Gnädigste, daß ich Sie einstweilen der Obhut meines Adjutanten anvertraue — Major von Münster."
Meta neigte leicht den Kopf.
Ein paar tiefblaue Augen aus braunem, sonnverbrannt tem Gesicht waren fest auf sie gerichtet. Ein dunkler, tadellos frisierter Kopf beugte sich tief vor ihr und eine Stimme, deren weicher Klang sie überraschte, sagte: „Ich fürchte, gnädige Frau haben einen üblen Tausch, gemacht — ich bin ein schlechter Gesellschafter..."
War das Koketterie? Erwartete er ein Kompliment?
Meta blickte spöttisch in die ans sie gerichteten Augen. Da konnte er lange warten!
Plötzlich überkam sie ein seltsames Gefühl. In diesen blauen Angen lagen ein Ernst und eine Tiefe, die sonderbar ab stachen gegen ihre Umgebung. Das war keine Salonpuppe, wie die anderen alle ringsum. Das war ein Mensch'. Ein Manu, der sich sehr unbehaglich fühlte in den glänzenden Salons der Petermanns.
Etwas ivie Freundschaft wallte in Meta auf. Der Spott verschwand in ihrem Gesicht.
„Dann schweigen wir, Herr v. Münster," sagte sie einfach.
Mur lächelte er.
„So war es nicht gemeint, gnädige Frau! Ich wollte nur sagen, daß ich im Dienste gewandter bin als im Salon... speziell Damen gegenüber."
„Ah — Sie sind doch Lein Frauenhasser?"
„Durchaus nicht. Dazu liebe ich meine Mutter rmd Schwester viel zu innig. Aber eben darum habe ich vom Weibe auch vielleicht eine zit hohe Meinung —"
Er brach verwirrt ab. Das war ja die reinste Grobheit, was er ihr da sagte. Meta lächelte.
„Um Salongeschwätze über Nichtigkeiten zu führen —> vollenden Sie nur! Es tut so wohl, einmal eine Wahrheit ehrlich aussprechen zu hören!"
Herr von Münster blickte Meta warm an.
„Noch wohler, gnädige Frau, unter Larven auf eine fühlende Brust zu stoßen, die versteht, was man meint!"
Meta schwieg. Nach einer Weile sagte sie aus ihren Gedanken heraus: „Sie sind gern Offizier? Wenigstens glaubte ich dies Ihren Worten vorhin zu entnehmen!"
„Mit Leib und Seele!"
„Das ist schön! Sonst hört man jeden nur schelten auf den Stand, den er doch selbst erwählt."
„Ich stamme- aus einer Offizicrssamilie, daran mag's wohl liegen. Freilich diente ich lieber bei der Truppe —, aber da Se. Hoheit an mir Gefallen fand und mich speziell zum Dienst wünschte, muß man sich eben darein finden."
„Sind Sie schon lange des Prinzen Adjutant?"
„Kaum drei Monate — erst, seit er in G. das Kommando übernahm."
Wieder näherte sich ein Herr und unterbrach das Gespräch. Es war der Dragonerrittmeister von Montelli.


