767
3m Vogelsberg.
Von T h. Cellarius.
Mein Kinderland.
(Fortsetzung.)
Unser Spielplatz von klein auf an solchen Tagen war dagegen der Speicher. Dort lag auf zwei Trägern eine lange Diele, auf welcher wir alle die Nichtigkeiten, die uns kostbar und wertvoll erschienen, ausbreiteten. Was wir spielten, weiß ich längst nicht mehr, aber geblieben ist mir die Erinnerung an das Behagen, mit dem wir — ganz auf uns selbst gestellt — uns eine eigenste Welt schufen. Die uns umfangenden leeren, öden Wände gaben uns Raum für die Bilder unserer eigenen Phantasie, die hauptsächlich durch die Märchen der Brüder Grimm befruchtet worden war. Bald war dort ein Wald, ein Königsschloß oder dergleichen zu sehen! Die dämmerigen Ecken belebten wir mit den dazu gehörigen Gestalten, mit welchen wir uns jedoch selbst in Beziehung setzten. Mochte es draußen regnen und drinnen und draußen trübe sein! in unserer selbstgeschaffenen Welt herrschte das trauliche, belebte Helldunkel wie auf Gemälden alter Meister.
Auch im Freien gab es Plätze mit geheimen, nur für uns Kinder vorhandenen Reizen: Ein Rain, an dem es Veilchen, Schneckenhäuser, zuweilen ein Beerchen und zuletzt am Strauch etliche Haselnüsse gab, war während des Sommerhalbjahres ein anziehender Punkt für uns. Nicht minder zwei durch das Aufschütten von Unkraut im Lauf der Zeiten entstandene Hügel, aus einem Gelände, wo jeder Dorfeingesessene sein Gemüsebeet hatte. Das waren Berge und Burgen für Geschöpfe, deren Welt noch die Welt. des Kleinen war. —
Daneben steht die Erinnerung an eine von Buchen umstandene Wiese, die Buchholz hieß. Zur Herbstzeit wurden unsere Kühe dorthin zur Weide getrieben, und w!ir Kinder liefen hintennach-, suchten Buchelnüsse unten den Bäumen, sahen den unaufhörlich schmausenden Tieren zu, oder ergötzten uns auch einmal an einem Herbstfeuer, in dessen Asche Kartoffeln gebraten wurden. Ich habe schon ost den Wunsch gehegt, das Buchholz einmal wiederzusehen, aber die Befürchtung, es nicht mehr so schön finden zu können wie einst, ließ mich davon Abstand nehmen.
Den Höhepunkt der Freuden, welche uns die Jahreszeiten boten, erlebten wir im Juli. Da hatten wir nicht nur an den Stachelbeeren- und Johannisbecrensträuchern die einzige ergiebige! Obsternte des Gartens, sondern wir zogen auch inst den Eltern! hinaus in den Wald, um die köstlichsten Früchte desselben: die Walderdbeeren zu pflücken, die es iln allen Wäldern der westlichen Abdachung des Gebirges in großen Mengen gab. Auch Himbeeren sind dort zuhause, aber Heidelbeeren, die es int Odenwald, Schwarzwald und anderen Mittelgebirgen in so großen Mengen gibt, daß ihr Ertrag von volkswirtschaftlicher Bedeutung ist, kommen im Vogelsberg nur im Oberwald und dort nicht sehr reichlich vor.
Wenn die Beerenernte in Garten und Wald vorüber war, hatten wir in dem hoch gelegenen Busenborn nur noch einige tvcnige Früchte von fragtvürdiger Güte in Aussicht. Das Beste lieferten noch die Haselnußhecken, welche Felder und hauptsächlich Wiesen anmutig umsäumten. Zu dem Mus, das allgemein auf dem Brot gegessen wurde, diente als Grundlage ausgekelterter Dickwurzsaft und die dazu gehörige Einlage von Obst mußte aus der fruchtbaren Wetterau geholt werden. — Es ist mir später ost vorgekommen, als ob sich die kliinatischen Verhältnisse des Vogelsbergs verändert hätten: als ob es keine so strengen Winter und mehr Obst dort gäbe als während meiner Kindheit! —
In den Grasgärten der Eltern meiner Gespielinnen standen etliche Birnbäume, deren Ertrag ein quantitativ und qualitativ geringer war. Aber Nus waren ihre Früchte nicht zu schlecht, und wir suchten eifrig nach jeder herabgefallenen Birne. Außerdem gab es noch niedrige, strauchartige Bäume voll von Früchten, die int Volksmund Bilsen hießen und halb Schlehen, halb Pflaumen waren, wegen ?>hrer Herbigkeit und späten Reife jedoch mehr an die ersteren erinnerten. Trotzdem: wurden sie von uns Kindern ebensowenig verschmäht wie die „Rasseläpfel", die der einzige Obstbauin des hinter dem Haus gelegenen Pfarrgartens für uns ins Gras fallen ließ. Es waren grüne, recht saure Früchte deren Kerne so lose im Gehäuse sahen, daß sie bei jeder Bewegung darin herum schlockerten.
Unsere gute Mutter, die bis zu ihrer Verheiratung die Herbstfreuden reichlicher Obsternteit geitossen hatte, bedauerte von Herzen ihre „armen Kleinen", wenn sie mit Schlehen und Rasseläpfeln fürlieb nehmen mußten! Deshalb verlegte sie die jährlichen Reisen zu den Großeltern, d. h. ihren Eltern, Wenns irgend möglich iunr, in den Herbst.
Unser Großvater war Pfarrer im Ohmtal, und sein Kirchspiel umfaßte sieben zum Teil weit auseinanderliegende Gemeinden. Tie Geistlichen dieser zwar gut dotierten, aber auch trotz eines Mitpredigers — der wie mein Vater die Woche über Schule zu halten hatte — äußerst beschwerlichen Pfarrei hatten von jeher Wagen und Pferde nötig gehabt, um nach den Filialen zu fahren oder zu reiten. Schon daraus ergab sich die Notwendigkeit, auch das große Pfarrgut selbst bewirtschaften zu lassen. Auf diesem Gut gedieh alles, was uns abging, und deshalb wurde von dorther unserem Mangel an diesem und jenem abge
holfen. Es war ein großer Freudenkag für uns, ivetut im Spätjahr der Knecht der Großeltern int blauen Kittel und mit der blau- weißen Zipfelmütze auf dem Kopf mit feinem Leiterwagen vor unserer Türe hielt, und wenn die darauflicgenden Sachen abladen wurden, von welchen wir Kinder besonders das Obst in frischem und getrockneten Zustand zu schätzen wußten.
Nur Eltern- und Grotzelternliebe vermag so zu beschenken, und an alles zu denken, !vas Kindern und Enkeln notwendig und erwünscht sein könnte, wie es hier geschah; wie es immer geschehen wird, solange Menschen den natürlichsten guten Regungen des Herzens.folgen.
Die Art, wie unsere Reisen zu den Großeltern — wenigstens halbswegs — von statten gingen, war eine von unserer heutigen sehr verschiedene. Zu Fuß konnten sie natürlich nicht gemacht lverdcn, solange kleine Kinder zu den Mitreisenden gehörten. Deshalb verwandelte der Kastennteister, der einzige Pferdebauer des Ortes, seinen Leiterwagen in einen Reisewagen, indem er Reise darüber anbrachte, die mit einem schweren Wagentuch überdeckt wurden. Früh morgens hielt er damit vor unserer Türe, und im Falle ein ganz kleines Kind mitfahren sollte, wurde ihm zuerst ein warmes Lager bereitet; und dann wurden auch für die übrigen großen und kleinen Mitreisenden so viele Mäntel, Decken und Fußsäcke hinein getan, daß alle warm darin sitzen konnten wie in Abrahams Schoß.
So gelangten wir auf eine Weise, die jetzt nur bei Kesselflickern und dergleichen sahrendem Volk gebräuchlich ist, nach dem vier bis fünf Stunden entfernten Marktflecken Freienseen.
Dort, wo ein Wagenwechsel stattsinden sollte, kehrten wir immer in einem am tzanptplatz des Ortes gelegenen reinlichen, kleinen Gasthaus ein, mit welchem eine Metzgerei verbunden war. — Rach fast fünfzig Jahren bin ich wieder einmal darin eingekehrt und habe es noch ebenso klein, rein und nett und im Besitz derselben Familie — nur um zwei Generationen weiter vorgerückt — gesunden, und auch sein Ruf als Gasthaus war noch der gleiche gute wie vor Zeiten. — Die Frau Wirtin begrüßte uns, die alljährlich wiederkehreitden Gäste, als gute Bekannte. Sie erkundigte sich nach dem Ergehen der ganzen Familie — anch der großelterlichen — und bewunderte das vielleicht int Lause des Jahres angekommene Kleinste. Auch lute größeren Kinder fanden Anerkennung wegen unserer Lei- ftitngen int Wachsen und — „weil wir so brav waren"?
Nachdem wir uns an Speise und Trank gelabt hatten, schickte sich der Kastenmeister zur Heimfahrt an, und wir Kinder gingen auf die Straße, um da unsere Beobachtungeit zu machen und nach der großelterlichen Familienkutsch-e, mit welcher die Reise fortgesetzt werden sollte, auszuschauen. Gewöhnlich hatten wir nicht lange zu warten, bis sie in Sicht kam! Und nach einer kurzen Mittagspause von Kutscher und Pferden, verstaute uns der erstere in der Chaise, aus der uns gegen Abend die Großeltern, die jugendlichen Tanten und Onkels herausholten.
Besonders eine dieser Reisen ins Ohmtal, die wir im September 1851 antraten, ist Snir int Gedächtnis geblieben. Es war schönes, warmes Wetter, und ein Kinderbettchen brauchte nicht int Wagen hergerichtet zu werden, denn der Kindersegen meiner Eltern bestand damals nur aus mir, der Fünfjährigen, und aus meinem Bruder, einem kräftigen Jungen von bald zwei Jahren. Das Wagentuch war weit zurückgeschlagen, damit Luft und Sonne und die an unserem Wege liegenbe Schönheit der Gegend uns nicht vorenthalten blieben. Für meinen Begriff fing die letztere an, a ls wir vor Schotten von unserer holperigen Bergstraße auf die Staatsstraße kamen, die mir in ihrer Glätte und im Schmuck der daran gepflanzten Vogelbeerbäume mit roten Früchten den Eindruck von etwas sehr Harmonischem! machte. Wenn des Kastenmeisters Gänlchen Trab lief, fingen auch die Vogelbeerbäume an mitzulaufen, was sehr unterhaltend für meinen Bruder und mich Ivar.
Nördlich über Schotten zieht ein Wald her, der vom Oberwald — nahe an Ulrichstein vorbei — herabkommt und sich in west-nordwestlicher Richtung ununterbrochen bis Laubach fortsetzt; und während die Straße von Schotten nach Laubach auf ihrem dreistundenlangen Weg durch diesen Gebirgswald hinzieht, ist sie von einem landschaftlichen Reiz begleitet, der auch verwöhnte Augen entzücken dürste. Auf dieser Straße fuhren toir dahin! Gleich hinter Schotten, ehe sie ganz im Wald verschwindet, gewährt sie noch einen Rückblick über die höchsten Erhebungen des Gebirges, von welchen der von Basaltmassen gekrönte Bilstein, über Busenborn, zwar nicht die höchste^aber entschieden die malerischste ist. An dem bald folgenden Fvrst- unb Gasthaus Falltvrhaus läßt der Wald die eine Seite der Straße frei, so daß man über große, tiefer liegende Wälder hinweg bis in die Wetterau hinein schaut. Bald nimmst der Wald wieder beide ©eiten neben der Straße ein und entfaltet in der Mannigfaltigkeit seiner Bestände, bis zu dem in ^tiefer Einsamkeit liegenden Forsthaus Jägerhaus, seine größte Schönheit: Urwaldschönheit! im fteten Wechsel von kraftstrotzenden Fichten mit Buchen, von Hochwald mit Schonungenund Lichtungen, in welche von sonnigen Hängen int Juni die wilden Rosen und ßm Herbst die poten Hagebutten hineinlachen.
Ich bin in den neunziger Jahren wieder zweimal über diese Straße gekommen: einmal zur Zeit der wilden Rosen und das anderemal im Herbst; tind habe da erst die sie begleitende Schön-


