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Bier wurden gebracht und die beiden hielten in angeregtem Gespräche kurze Rast. .
Der „Kilometer-Pastor", so nannten ihn bie Giesdorfer, weil er ein leidenschaftlicher Spaziergänger war und jeden Tag, es mochte stürmen oder regnen, ein paar Meilen zu Fuß zurücklegte, begleitete den Dobener Einsiedler wieder ein Stück Weges zurück und trennte sich erst von ihm, als man sich gegenüber den Giesdorfer Treibereien befand.
Der .Hufschlag eines galoppierenden Pferdes störte den in Gedanken versunken wandernden Tell. Er blickte auf und gewahrte Herrn Walter v. Brank, der ihm ans einer schnaubenden Fuchsstute entgegensprengte
Ob er dich wohl anreden wird? dachte Tell, der sich vorgenommen hatte, keinesfalls zuerst zu grüßen, sondern steifnackig den Gruß des Jüngeren abzuwarten.
Das Pferd kam iit langen Galoppsprüngen näher und näher. Jetzt hatte es den Fußgänger erreicht, und der Reiter hob mit einer fast beleidigenden Grimasse seine rechte Hand bis zur Hutkrempe, ohne jedoch den Hut zu lüften.
Wie du mir, so ich dir, dachte Tell, der auch nur knapp den Rand seines runden Filzhutes berührte und dabei den jungen Freiherrn mit einem finsteren, herausfordernden Blicke streifte. .
„Uebermütiger Schlingel!" murmelte er m den Bart, wie Walter vorüber war.
„Dickköpfiger Bauer!" brummte der andere, indem er kräftig den Schenkel anlegte uiid sein Tier noch zu schnellerer Gangart antrieb.
( Als Tell in den Hof trat, steckte Just, der in der Tür zur Milchkammer stand, hastig einen Brief ein, den er eben gelesen hatte. Er wollte mit Hilfe des Professors Völker seinen Freund und Gönner Tell gewissermaßen in eine Falle locken. Da dieser nicht mehr zu bewegen war, die Gesellschaft der Giesdorfer Damen aufzusuchen, und int Laufe der letzten Jahre nur ein paarmal unb immer nur zu einer Zeit, drüben gewesen war, wo, wie er gesehen hatte, der Wagen mit den beiden Damen vom Schlosse nach der Bahnstatiott davongerollt war, so hatte Just einen Plan geschmiedet, den Eigensinnigen zu überrumpeln nitb wider seinen Willen mit Ellen zusammen zu bringen. Die zu morgen angesetzte feierliche Beisetzung des Kaisers Wilhelm sollte die Gelegenheil dazu bieten. Völker verfügte zufällig Unter den Linden über die Wohnung eines seiner Verehrer, der krank an der M-r vier« weilte. In diese Wohnung hatte er die Branksche Familie eingeladen, nnt von dort aus das Leichenbegängnis vorüberziehen zu sehen. Braitks hatteit angenommen. Nun wäre (das war der Jithalt des Briefes gewesen, den 3nft- eben gelesen hatte) auch an Tell eine gleiche Einladung ab- gegaugeu, ohne daß darin der bevorstehenden Mitanwesenheit der Giesdorfer Erlvähnuug getan wäre; Just sollte mit- kommen, sich aber vorher um Gotteswillen nichts merken lassen. „
Seine Genugtuung über den empfangenen Brief verbergend, schritt Just deut zurückkehrenden Spaziergänger entgegen. _
,,Es ist ein Brief für Sie angekommen, Herr Tell, ich habe ihn auf Ihren Schreibtisch gelegt."
„Sonst nichts Neues?"
„Ich wüßte nichts."
<< „Der junge Brank, der hier vorbeigeritten ist, Hal doch nicht etwa die Dreistigkeit gehabt, sich meinen Hof anzusehen?"
„Nein, Herr Tell, er hat mir nur zugenickt und ist vorübergesprengt.... ein famoser Reiter! Das Herz dem Pferde immer eine Pferdelänge voraus! Das hat er von seinem Vater!"
Tell ärgerte sich über das Lob Walters. Er ließ Just stehen und begab sich brummend nach dem Verandazimmer, das er in der Zeit, wenn Frau Lampert nicht hier draußen weilte, als sein Wohnzimmer benutzte.
Er las die Völkersche Einladung und fühlte sich angenehm überrascht. Er rief Just ins Zimmer.
„Ich habe da eine Einladung des Professors, mir morgen das Leichenbegängnis mit anzusehen; er erwähnt Ihrer zwar nicht besonders, aber ich denke, ich werde Siü ohne weiteres mitnehmeu können."
„Ich habe die Einladung ebenfalls erhalten," meldete Just, „der Herr Professor ist immer so aufmerksam, auch gegen unsereinen."
„Das ist nett!" sagte Tell erfreut, „so fahren wir zusammen, morgen mit dem ersten Zuge! Wir müssen das Gedränge vermeiden, es wird lebensgefährlich sein."
Am anderen Morgen in der siebenten Stunde saßen Tell und Just in einem überfüllten Wagenabteil des Vor- ortzuges. Es war eine förmliche Mobilmachung der ganzen Landbevölkerung auf zehn Meilen im Umkreise, und was nur irgendwie Zeit und Kräfte hatte, das eilte nach den Hauptstadt, um noch einen letzten Abschiedsblick auf den kaiserlichen Sarkophag zu werfen.
Tell unb Inst hatten trotz der frühen Stunde schon! Mühe, sich bis Unter den Linden durchzukämpfen. Sie strebten dein ihnen bezeichneten Hause zu uitd waren froh, als sie es endlich erreicht hatten und int ersten Stock von Völker empfangen und in die beiden nach vorn gelegenen Zimmer der kleinen Wohnung geleitet wurden.
„Hier sind vier Fettster," sagte der Professor. „Wählen Sie sich, welches Sie wollen! Ich habe für jedes Fenster nur vier Personen gerechnet — wir werden also Platz haben."
„Wer kommt beim noch?" fragte Tell ahnungslos.
„Noch dreizeytt Personen, so daß wir in Summa sechzehn fein werden," erwiderte Völler ausweichend; „alles Freunde von mir. Einer wird natürlich auch seinen Photographie- Apparat mitbringen, aber fürchten Sie nichts, ich schicke ihn nach oben, so daß er uns nicht stören wird."
Die Tür öffnete sich und Walter v. Brank trat mit eilt» geklemmtem Monokel über die Schwelle. Er dankte dem Professor für die freundliche Einladung, schnitt ein ziemlich unzufriedenes Gesicht, wie er Dell entdeckte, dem er nur eine kaum merkliche Verbeugung gönnte, und wandte sich dann sofort dem anderen Zimmer zu.
„Der auch hier?" äußerte Tell empört zu seinem Faktotum; „kommen Sie, wir gehen."
Just legte die Hand auf den Arm des anderen und hielt ihn zurück: „So hören Sie doch nur, von draußen tönen schon die Stimmen seiner Eltern, sie sind schon im Flur, um abzulegen, gleich werden Sie hier fern . . es ist unmöglich, daß wir ohne das peinlichste Aufsehen jetzt noch aufbrechen."
Dell stand wie angewurzelt und starrte nach der Flurtür, durch die jetzt der alte Freiherr mit seiner Gattin eintrat. Dem elterlichen Paare folgte die Töchter. Als sie Teil er- kannte, errötete sie flüchtig, und es huschte wie Sonnenschein über ihr Antlitz.
Der alte Freiherr schritt auf Teil zn, schüttelte ihm die Hand und sagte bewegt: „Ein schicksalsschwerer Tag! Was wird uns die Zukunft bringen?"
„Gott gebe, nur Gutes!" erwiderte Teil; „auch ein kranker Kaiser Friedrich ist ein Segen für das deutsche Volk! Die Angst und Sorge nm ihn reißt wie eine Pflugschar die Herzen auf unb aus dem ungebrochenen Boden wird das aufgehen, was hienieden immer seltener wird: Liebe und Treue."
Frau von Brank und Ellen, die hinzugetreten war en, hatten die letzten Worte gehört. Mit einem fast dankbaren Blicke sagte jene: „Sie sprechen mir aus der Seele, Herr! Justizrat!"
Truppen zogen unten vorbei in der Richtung nach denk Schlosse. Ellen war wie zufällig an das der Flügel beraubte Fenster geraten, und neben ihr stand Dell, und, hingerissen von dem Zauber ihrer Erscheinung, sagte er zaghaft: „Was müssen Sie von mir gedacht haben, daß ich mich solangq ferngehalten habe?"
Sie sah ihn mit einem Blicke forschender Besorgnis an: „Was ich gedacht habe? Ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen, natürlich nur unabsichtlich, irgendwie zu nahe getreten sein könnte. — Hätte ich das bejahen müssen, wie gern würde ich Sie um Verzeihung gebeten haben!"
Mit einem Schlage barst da das Eis in seiner Brust, die Bäche hoffimngsfrohen Lebens riefelten wieder; jubilierende Vogelstimmen tönten dazwischen; es war Frühling in ihm geworden.
Die Straße unter ihnen bot jetzt einen nie gesehenen Anblick. Der Mittelweg menschenleer, mit gelblichem Kies sauber bestreut, und dieser Kies mit frischem Tannengrnn übersprenkelt. In den florumwundeii-en, vergoldeten Dreifüßen an den Krenzungspunkten der Straße qualmten die Pechflammen und wirbeln lange, schwarze, flatternde Rauch«, fahsteu in die Lust. ' <
(Fortsetzung folgt.)


