Ausgabe 
8.12.1913
 
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Laurrnblut.

Noman von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Rittmeister v. Dollen hat mit seinen Falkenaugen den nur halb verdeckten und voll vom Mondlichte beschie­nenen Beobachter erkannt und ruft munter:Sieh da, der Justizrat! Was treiben Sie denn da?"

Da sich Dell erkannt sieht, tritt er hinter dem Gesträuch hervrr und zieht grüßend den Hut.Ich schaue nur nach dem Wetter aus."

Und was kündet der Himmel?" fragte Tollen.

Es scheint, wir werden Sturm bekonnnen."

,Wie im Menschenleben nach sonnigen Tagen," ergänzte der Rittmeister mit einem komischen Seufzer.

Ellen bleibt stumm, sie erwartet, daß der Einsiedler, der jich ihr in Giesdorf noch nicht ein einzigesmäl gezeigt hat, zuerst das Wort an sie richten werde. Ein gleiches setzt Dell voraus; wenn das Fräulein keine Silbe der Begrüßung für ihn hat, so will sie offenbar nichts mehr von ihm wissen, jo darf er auch seinerseits den Baun nicht brechen.

Walter v. Brauk, der, längst aus Heidelberg zurückge­kehrte, jetzt im Vaterhause wohnende Majoratserbe, schweigt ebenfalls; nur wie Tollen Zu einer neuen Frage an den Justizrat anheben will, flüstert er halblaut, doch so, daß Dell es hören kann:Es wird wahrhaftig Zeit, daß wir Keimkehren, Herr v. Tollen."

Die Herren im Kahn grüßen, der Rittmeister durch lauten Zuruf und mit freundlicher Handbewegung, Walter v. Brank nur durch einen kurzen Griff an seine Jockeimütze; dann lassen.sie die Riemen wieder in die Flut tauchen und treiben das kleine Fahrzeug vom Ufer ab.

Dell setzt mit geteilten Empfindungen seinen Weg fort Und sieht, wie der Kahn nach wenigen Minuten drüben landet und seine Insassen aussteigen. Aufseufzend kehrt er dem See den Rücken und wendet sich seinem Heim zu, das inzwischen auch von dem Rest der Gäste verlassen worden ist.

*

Das Herz möchte einem brechen, wenn man bedenkt, daß der hohe Herr sein Leben darangestellt hat, um aus dem sonnigen Süden in dieses mörderisch-eisige Land zurück- zueilen und das Zepter seiner Väter zu ergreifen."

Dell sagt es zum Pfarrer Sammler, der aus Breditz bei Giesdorf herübergelommen ist, um den Einsiedler von Dobeu zu einem Spaziergauge äbzuholeu. Beide schreiten neben­einander am See entlang, auf der int Märzwinde stauben­den Straße nach Breditz.' Der Pfarrer nickt mit dem weiß­umbuschten Haupte und versetzt ernst:Es ist eine Prüfung, die Gott dem deutschen Volke auferlegt. Es gibt kein zweites Volk der Erde, dem im ganzen Lauje der Zeiten je ein so Kochehrwürdiger, glanzumwobeuer Kaiser gestorben tonte,

wie unser greiser Wilhelm, und noch nie ist ein so heiß­geliebter, großherziger und leutseliger Herr unter dem Drucke ähnlicher Quälen auf den Dhron gestiegen wie unser armer Kaiser Friedrich."

Gemahnen Sie mich nicht daran; man könnte an der ewigen Barmherzigkeit irre werden! Sie wissen noch gar nicht, was ich an ihm besitze, was ich an ihm zu verlieren bange; er ist der Stern, zu dem ich hoffnungsvoll im Dunkel' dieses Lebens aufzublicken gelernt hatte, und dieser Stern ist nun im Verlöschen! Als ich ihm das letzte Mal in seins sonnigen Augen schauen durfte, es war in Berlin Unter den Linden, ich hatte gerade mein Abschiedsgesuch eingereicht und war im Begriffe, nach Dobeu überzusiedeln da redete er mich m seiner herzgewinnenden Weise an er hatte mich sofort erkannt.Ich muß Ihnen noch meine Anerkennmzg aussprechen," sagte er, mir die Hand bietend,daß Sie durch Ihre Umsicht und Energie unserem Herrn von Brank einen Teil seines Eigentums gerettet haben. Ich habe ztk meinem Bedauern erfahren, daß einer der Teilnehmer au dem Ein­brüche ein Stiefbruder von Ihnen gewesen ist , Sie Aerinster! Was müssen Sie bei dieser Entdeckung gelitten, haben! Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß die Anerkennung Ihrer Vorgesetzten und eine schnelle Beförderung dazu bei­tragen mögen, die Wunden zu heilen, die Ihnen Ihr schweres Amt geschlagen hat; das beste Heilpflaster freilich ist das Bewußtsein, ohne Ansehen der Person, seine Pflicht getan zu haben." So redete er mit mir, und mir schwoll das Herz und das Wasser stieg mir in die Augen. Mir zitterte die Stimme, als ich gerührt erwiderte:Ich danke Eurer Kaiser­lichen Hoheit untertänigst für diese mich hochbegluckende Teil­nahme, aber auf Beförderung rechne ich nicht mehr; ich will mich gurückziehen und selbör meinen Kohl bauen." Er schlug verwundert die Hände zusammen, beugte den Oberkörper etwas zurück und'sah mich neckisch-prüfend an:Sind Sie ein Kapitalist? Wollen Sie ein Rittergut kaufen?"Ich will und bin bereits um meinen Abschied eingekommen." in der Nähe ein Stück Land geerbt, das ich selbst beackern will und bin bereits um einen Abschied eingekommen.". Das tut mir leid!" rief er bedauernd aus.Der Staat kann solche Beamten tote Sie gar nicht entbehren; die Land- bevölkerung wird freilich ein neues ausgezeichnetes Mitglied gewinnen. Wenn Sie der Staatskrippe durchgus beit Rücken kehren wollen, dann freue ich mich, daß Sie wenigstens den vornehmsten aller freien Berufe gewählt haben. Sie werden die adeligen Gesinnungen erhalten helfen, die meist noch unter unseren märkischen Bauern herrschen."

Man war bei den ersten Gehöften von Breditz angelangt. Eines derselben ivar ein Kaffeehaus, das im Sommer ein be­liebtes Ziel der Berliner Ausflüglez^war. Dell deutete auf das Wirtshaus und sagte:Lassen Sie uns dort einen Augenblick cintreten, ich habe einen brennenden Durst."

' Bald saßen Dell' und der Pfarrer an einem der roh­gezimmerten Tische in der Gaststube. Der Kachelofen glühte, denn es wehte eine eisige Lust. Die geforderten beiden Gläser