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streitig. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wnd man von hier oben ans auch an den scharf und rechtwmkllg ge-, schnittenen Meckern und Wegen die fertiggestellte Feldberpt- nigung erkennen können. Nur wäre zu wünschen, daß die allgemeine Vorwärtsentwicklung in Industrie, Landwirtschaft und Gewerbe so weiter fortschreitet und eine parteilose Unterstützung der verantwortlichen Stelle der Gemeinde-Verwaltung finden möge. Wenn da unten auch manches anders geworden ist, so scheint doch der Turm mit fernem alten Wachter konservativ an der Vergangenheit festzuhalten. Telephon, Wasserleitung, elektrisches Licht und andere moderne Einrichtungen hat er von sich fern gehalten. Und wie und warum sollte es auch anders sein? Es scheint, als hatte der alte Festungsturm, der durch Jahrhunderte hindurch schon manchem Sturm trotzte und schon vieles kommen und gehen sah, auch seinen treuen Wächter gegen alle menschlichen Gebrechen gefeit; 81 Jahre alt, 52 Jahre lang Turmwachter! So tut er, der Typus eines Türmers nut dem charakteristischen runden Käppchen auf dem ergrauten Haupte, Tag für Tag seinen Dienst, wenn auch die Zeit schon lange vorüber ist, da er Tag und Nacht von seinem Turinstübchen aus mittels eines an einem langen Seile befestigten Klöppels jede Stunde selbst schlagen mußte. Seine Fertigkeit im Treppenlaufen ist heute noch erstaunlich. Er läßt es sich nicht nehmen, dem Besucher des Turmes die Umgegend, sein Sprachrohr, Einzelheiten der drei Glocken, das Uhrwerk, tue Pechnasen und manches andere genau zu erklären. Vor einiger Zeit hat er sein 50 jähriges Jubiläum als Turmwächter gefeiert. Man hat ihm gratuliert; auch unser wohlhabendes Städtchen hat dies nicht versäumt und ihn außerdem durch ein ^nbUamns- geschenk von 50 Mk. erfreut. Aber ich glaube, daß hie Hohe dieses Betrags im Verhältnis zur Länge ferner Dienstzeit und zur Höhe seiner luftigen Wohnung etwas knapp bemessen war, jedoch wird mail für sein hundertjähriges Jubiläum mit mathematischer Konsequenz mindestens 100 Mk. m den Gemeinde-Etat einstellen müssen.
warum müßen wir schlafen?
Die Antwort auf diese Frage lautet ohne weiteres: weil wir müde sind, das heißt, weil unsere Nervenzellen durch die tagsüber aeleistete Arbeit so viel Ermüduugsstoffe angesammelt haben, datz der Blutkreislauf nicht medr im Stande ich diese Stoffwecbfcl- produkte iortzuschasfeu, daß also in den Nervenzellen „erst eine Ruhe- veriode eintreten mutz, um dem Blute diese seqr notige Arbeit zu ermöglichen. Während des Schlafes ruhen unsere Nervenzellen vollständig, und bann können, da ja keine neuen Ermutungsstotze gebildet werden, die angehäuften mit Leichtigkeit fortgegchafst werben. Die Nervenzellen verhalten sich in dieser Beziehung ganz anders wie andere Zellkomplexe unseres Körpers, z. B.^die deS perzeus und der Lmige, die immer, selbst im tieglen schiene, m vo.ier Tätigkeit sind und bereu Stoffwechselprodukte daher immer restlos durch das Blut beseitigt werben müssen.
Ist nun Ermüdung zur Herbeiführung des schlafe^ unbedingt nötig? Wir sind geneigt, diese Frage zunächst zu uernemen, denn viele Menschen, die den ganzen lieben Tag nicht die geringste Arbeit geleistet Halen, bei denen also von einer Ermüdung nicht gesprochen werben kann, schlafen trotzdem prachtvoll und behalten ihren gesunden Schlai ohne jede Arbeitsleistung viele Fahre lang. Wie reimt sich das nun mit der Ermüdung zusammen? Wenn wir auch den ganzen Tag die Hände in den schoß legen unb nicht die geringste körperliche' ober geistige Arbeit leisten, so werben unsere Nervenzellen doch miibe, beim unsere Sinnesorgane sind fortwährend in Tätigkeit. Die Nerven nuferes Gesichts- und Gehörsinnes, unferes Geruchs- und Kefühlssinnes empfangen wrt- während Reize von autzeii, durch die sie zur Tätigkeit angeregt werben, sie müssen also auch iortbauernb arbeiten, das heißt Stoff- wechselprobukte bilden. Trotz des Mangels an geistiger und körperlicher Arbeit bilden sich also in den tätigen Nervenzellen die Ermüdungsstoffe, zu bereit Entfernung die Periode des Schlafes unbedingt nötig ist. Daß das Schlafbedürfnis bei arbeitenden Menschen größer ist als bei körperlich und geistig Ruhenden, tit selbstverständlich, da ja bei ihnen bebeuteub mehr Ermudungsstoffe gebilbet werben. .....
In interessanter Weise ist neilerdings durch zwei frauzoiische Forscher die Erinüdung der Nervenzelleii als lirsache des Schlafes experimentell nachgeiviesen worben. Man wußte seit längerer Zeit, daß bis durch anstrengende Arbeit hervorgerufene Ermüdung in den Festen sich dadurch kennbar macht, daß bei den ermüdeten Nerven der Inhalt der Zellen sich bebeutenb verändert. Die Nervenzellen haben außer ihrem Rern zahlreiche dunkle Partien im Protvplasina, die man „Schotten" nennt. Bei ermüdeten Zellen nehmen nun diese Schotten bedeutend ab, um schließlich zum größten Teile oder sogar ganz zu verschwindeit. Tie Forscher ver
hinderten nun in ihrem Experiment mehrere Hunde, die keinerlei Arbeit leisteten, lange Zeit hindurch, bis zu 250 Stunden, also übet 10 Tage und Nächte lang, nm Schlafen. Tie Untersuchung der Nervenzellen dieser Tiere zeigte nun, daß bei ihnen ebenfalls die Schotten aus dem Innern der Zellen verfchivunden waren, daß sie also einen hohen Grad von Ermüdung zeigten. Wenn die Forscher von der nusgepreßten Gehirnflüssigkeit dieser schlaflosen Hunde kleine Quantitäten anderen normalen und munteren Hunden ein- spritzten, bann wurden diese sofort müde und zeigten ein großes Schlafbedürfnis; in ihren Körper waren also aus künstlichem Wege Ermüdungssloffe gelangt, die im ruhenden Zustand der Nerven, also im Schlafe, ivieber weggeschasft werden mußten.
AuS diesen Versuchen geht unzweideutig hervor, daß der Schlaf durch die Ermüdung der Nervenzellen hervorgernien wird, und daß er durchaus nötig ist, um die angehänflen Ermüdungsstoffe aus den Zestenkomplexen wieder zu entfernen, das heißt mit anderen Worten, um Geist und Körper wieder frisch und fähig zur Arbeit zu machen. 0. K.
Vermachtes.
kos. Wolf unb H u n d. In Gegenben, in denen viele Wölfe Hansen, haben die eingeborenen Jagdhunde eine unüberwindliche Furcht vor ihnen. Treffen sie auf eine irische Wolfe spur, so eilen sie mit eingeklemmtem Schweife und gesträubten Rückenhaaren zu ihrem Herrn unb nehmen unter keinen llmftätiben die Wol sfährte an, selbst dann nicht, wenn' es ein angelernter Wolfspacker vor ihnen tut. Dies bezieht sich auf Hunde, die in den Bergdörfern der Karpathen und ivansMvanischen A'pen anfwuchsen und in Winternächten Gelegenheit hatten zuzusehen, wie mancher ihrer Geiährten vom Wolfe weggeschleppt wurde. Jagdhunde aus Gegenden, in denen Wölfe nicht vort'omm.en, nehmen dagegen die Wolissvur ohne Bedenken wie die des Fuchses an. Ich jagte in Siebenbürgen, so schreibt ein Leser bem Kosmos Hand weiser (Stuttgart!, mit einem deutschen Vorstehhunde, zwei Dackeln unb einer steirischen Bracke. Aste vier nahmen die frische Wolssspur an, nicht nur zusammen, sondern auch jeder astein, sie zeigten auch vor dem erlegten Wolfe keine Furcht, nur Kampiesgier, wie bei Füchsen. Die Furcht der eingeborenen Hunde beruht am bösen Erfahrungen, nicht auf allgemeiner Feigheit, denn dieselben Hunde fallen wütend den grimmigen Keiler an. Jagt ein Hund aufWild- fchwein, Fuchs oder Hafen unb kommt babei in ein Wolfsgehege, fo i t er verloren, ber Wolf fängt ihn unb schleppt ihn fort, wie er es auch mit bem Fuchs macht. Nimmt aber ein unerfahrener (selbst kleiner) Hund die Wolfsspur an unb rückt tautgebenb bem Meister Jsegrimm zu Leibe, so nimmt dieser Reißaus und wird dem Hunde nichts znleibe tun. Der Wolf ist so gewöhnt, daß die Hunde ihn ängstlich meiden, daß er sich durch einen verfolgenden Hund verblüffen läßt unb ihn wie ein ihm unbekanntes Tier miß» trauifch meidet.
* Letzte Neuheiten. „Gewiß, diese neuen Seidenstoffe sind sehr hübsch, ein wenig gewagt vielleicht . . . Ich fürchte nur, daß sie für ein Kleid nicht gehen, weil sie sich iiichii an- bei) Sonne halten werden." „O nein, gnädige Fran, da brauchen Sie nichts zu fürchten. Dieser Stoff hat zwei Jahre im Schair- fenfter gelegen und sich nicht eine Spur verändert."
viichrrtifch.
— D ie Schaubühne, herausgegeben von Siegfried Ja- cobfohn, enthalt in der Nummer 45 ihres neunten Jahrgangs: Der Kaiser baut. Bon Robert Breuer. — Shakespeare. Bon Thomas Carlyle. — Venedig. Von Peter Ältenberg. — Emilia Galotti. Bon S. I. — Das Theatergeschaft: Rückblick und Ausblick Von Max Epstein. — Pygmalion. Von Alfred Polgar. — Ibsen und Maubert. Bon Julius Bad.— Der Abbs de Servy. Von Ulrich Rauscher. — Antworten. — Schirin unb Gertraude. Von Arthur Sakheim. — Tagebuch (Der alte Pagay: Peccavl). Bon Peter Panter. — Aus der Praxis. — Die Schaubühne kostet - 40 Pfennige die Einze.nummer, 3,50 Mark vierteljährlich, 12 Mark jährlich- Probenummern gratis und franko durch alle Buchhandlungen und Postanstalten sowie durch den Verlag der Schaubühne, Charlottenburg, Dernburgstraße 25 Der Verlag ist auch bereit, neuen Interessenten auf Wunsch bte Schau-, bühne einen Monat lang zur Probe gratis und franko zu liefern.
Rätsel.
„Ta§ fchmeckt ja herrlich zu dem Brote!" Ruit der- Soldat mit Schmunzeln aus.
Setz' statt des letzten Zeichens h und t, Sogleich erhältst du, ivas im Wald zuhaus.
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer: Mir gab' es keine größ're Pciii, War' ich im Paradies astein.
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Uuiversitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen.


