Ausgabe 
8.11.1913
 
Einzelbild herunterladen

698

mir eine Antwort habe: stillschweigende Verachtung." Er ver­beugte sich gemessen vor Adolf und Sabine und ging mit ener­gischen Schritten hinaus. ,

Adolf war, aufs peinlichste berührt, hinter Peter getre­ten und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Du hättest Dich nicht so gehen lassen sollen,. Peter: Wozu soll das führen? Du hast Dir einen Feind mehr ge­macht und ganz vergessen, daß ich der Sozius des Herrn

Haßlach bin."

Er wird Dir's nicht nachtragen", sagte Peter, den Kopf nach dem Bruder herumwendend;daran werden ihn schon die schönen Augen Deiner Braut verhindern, die doch nun wohl bald hier als Hausfrau schalten und walten wird; er ist, wie die meisten alten Junggesellen, ein verliebter Geck, der für einen huldvollen Blick Sabinens wie ein Pudel über den Stock springen wird."

Du sprichst von meiner Braut?" versetzte Adolf in höch­ster Verwirrung; das Blut war ihm bis in die Stirne empor­geschossen.Du scheinst zu vergessen, daß ich ich habe doch keine Braut mehr."

Was sagst Du dazu, Sabine?" fragte Peter, nun mit dem Forscherblick eines Inquisitors das purpur-übergossene Antlitz des Mädchens musternd.Erlaubst Du ihm, daß er Dich so schnöde verleugnet?"

Und da Adolf und Sabine in verlegenem Schweigen verharrten, fuhr er belustigt fort:Kinder, so verstellt Euch doch nicht länger! Mir werdet Ihr doch nichts weiß machen wollen; daß Ihr Euch längst wiedergefunden, das sieht ja ein Blinder. Wer anders, als nur die Braut, richtet dem Bräutigam mit so viel Hingabe und Umsicht das Nest ein? Und wenn Ihr in meiner Gegenwart so kühl gegeneinander tut, so will ich gehen, um Eurer Zärtlichkeit nicht länger im Wege zu sein." Er hatte sich erhoben und Sabinens zuckendes Händchen gefaßt:Ziere Dich nicht so, Sabine! Ich bin wahr­lich nicht eifersüchtig, ich gönne Dir ihn von Herzen, meinen viel besseren Bruder. Daß ich nicht zur Ehe tauge, das habe ich längst eingesehen; ich bin ein unsteter, friedloser Gesell, ich könnte kein Weib glücklich machen. So geh' und gib ihm einen Kuß, damit ich sehe, daß ich Euch nicht hinderlich bin."

Er schob sie mit sanfter Gewalt seinem Bruder zu.

Sie sträubte sich und stammelte mit schämig gesenktem Köpfchen:Ich weiß ja nicht, ob er mich überhaupt noch mag-?"

Ich Dich nicht mögen?" jauchzte Adolf beseligt.Sa­bine! Geliebte! Soll's denn wahr sein? Darf ich Dich wie­der meine süße, kleine Braut nennen?"

Sie hob ihr Antlitz und nickte ihm durch Tränen lä­chelnd zu.

Da zog er sie stürmisch an seine Brust und bedeckte ihre Stirn und Wangen mit Küssen, die nicht minder feurig wa­ren, als einst die Küsse seines Bruders; die lange Trennung von der Geliebten hatte eine Glut in ihm angeschürt, deren er früher gar nicht fähig gewesen wäre.

Peter, der das Glück der beiden betrachtete, empfand ein schmerzliches Zucken des Herzens; etwas wie Reue wollte sich in ihm regen, daß er jetzt Zuschauer sein mußte, wo er selbst die Rolle des Liebhabers hätte spielen können. Aber schnell ging diese Empfindung vorüber; er hatte nicht mehr Zeit und Neigung, an die stillen Freuden der Liebe zu den­ken, jetzt, da er ganz andere Dinge im Kopfe hatte. Ein Gefühl der Genugtuung überkam ihn, daß er mit seinem be­rechneten Verhalten ein altes Unrecht gesühnt und zwei Her­zen wieder zusammengebracht hatte, zwischen die er als rück­sichtsloser Störenfried getreten war. Adolf war ihm immer eilt so zuverlässiger Freund und Bruder gewesen, daß er sich die eben bewirkte Versöhnung des Brautpaares wie-einen wenigstens teilweisen Abtrag seiner Dankesschuld gegen ihn anrechnen zu dürfen glaubte.

Ich sehe, ich bin hier jetzt übrig", hob er leicht spöt­tisch an;wenn Ihr nach dem Standesamte fahrt, steh ich Euch als Zeuge zur Verfügung, nur verlangt nicht von mir, daß ich der kirchlichen Trauung beiwohne. Und nicht wahr, Sabinchen, Du trägst Deinem Schwager nichts nach? Wenn er auch ein gallsüch tiger Patron ist, er meint es doch-gut mit seinen Freunden."

Er stand schon im Rahmen der Tür, als er, sich noch ein­mal zurückwendend, dem Bruder winkte. Adolf folgte dem Zeichen und ging mit dem Scheidenden durch die anstoßen­den beiden Zimmer bis nach dem Flur. Dort näherte Peter seine Lippen dem Ohre des andern und sagte dringend:Du

mußt mir einen Dienst erweisen: Wieviel Geld kannst Dir augenblicklich entbehren?"

Entbehren? Nun, weißt Du, Peter, entbehren kann ich augenblicklich so gut wie gar nichts. Der Umzug, die Neu­einrichtung ......"

Kosten Dich Geld, natürlich. Aber trotzdem mußt Du mir unter die Arme greifen; kannst Du mir wenigstens drei­hundert Mark leihen? Ich bin völlig auf dem Trockenen."

Dreihundert! Das ist ein wenig viel könntest Du Dich nicht mit der Hälfte begnügen?"

Willst Du mit mir feilschen? Ich bin in der Not!" Wenn Du in Not bist, dann freilich, dann gebe ich dir das Letzte, was ich habe." Er hatte schon seine Brieftasche hervorgelangt und entnahm derselben drei Einhundertmark­scheine.Hier, Peter, steck es ein, es ist der Restbestand mei­ner Monatskasse, aber ich werde mich schon durchschlagen."

Dank, Du Guter! Wenn Du mich einmal nötig hast, so rechne auf mich!"

Wehmütig blickte Adolf dem Enteilenden nach.Der Aermste," dachte er,ist stets in Verlegenheit, und doch hätte er es mit seinen herrlichen Anlagen schon längst zu einigem Wohlstände bringen können. Ein brüderliches Herz hat er aber. Nur seiner freundschaftlichen Vermittlung verdanke ich die wiedergewonnene Braut; nie will ich ihm vergessen, was er heute an mir getan hat."

Peter eilte in der Friedrichstraße nordwärts, kreuzte die Straße Unter den Linden und erreichte die Wölbung der Stadtbahn, die nahe dem Bahnhofe Friedrichstraße einender kräftigst pulsierenden Verkehrsadern der Reichshauptstadt überbrückt. Er zog die Uhr und sah, daß er die Stunde des verabredeten Stelldicheins schon um zehn Minuten über­schritten hatte.

Guten Tag, Herr Maurermeister!" grüßte ihn ein hochgewachsener, elegant gekleideter Herr, der ihm lässig ent­gegengekommen war und nun Kehrt machte, um ihm das Ge­leit zu geben. Leiser murmelte er ein vorwurfsvollesEnd- / lich! Ich glaubte schon. Sie hätten sich anders besonnen."

Ich habe A gesagt", gab Peter ebenso leise zurück, und werde nun auch B und E und so fort sagen bis zum Z."

Bravo! Das wird uns. beiden nützen!"

Wohin gehen wir?"

Immer gerade aus; dort weiter unten ist eine Kneipe, in der wir um die jetzige Stunde kaum jemanden treffen werden, außer dem Wirte, uud für den stehe ich ein."

Peter nickte; er war mit dem Vorschläge seines Beglei­ters einverstanden.

Wer die beiden genauer betrachtet hätte, würde sie für Vertreter ganz verschiedener. Gesellschaftskreise gehalten ha­ben; der untersetzte, mittelgroße Peter in seinem bescheiden neu, schon ziemlich abgetragenen schwarzen Tnchrocke, einen zerknüllten, weichen, grauen Filzhut auf dem unordentlichen dunklen Fetthaare, die kräftig entwickelten Hände ohne Hand­schuhe dem Staube und Sonnenbrände ausgesetzt, verriet auf den ersten Blick den in die Tretmühle der Erwerbsarbeit Gebannten, und die tiefe Falte zwischen seinen schwarzen Brauen und der herbe Zug um seine glattrasierten, geknif-» fetten Lippen ließen nicht gerade vermuten, daß für ihn das Handwerk einen goldenen Boden habe; der andere in seinem modischen, hellen Sommeranzuge, einen hellgrauen, mit glänzender Seide gefütterten, leichten Ueberzieher über dem Arme, beit spiegelblanken Zylinder auf den grau gesprenkel­ten, ziemlich kurz geschorenen Haaren, in prall fitzenden, mäusefarbenen Glacss und hocheleganten, ziegenlcdernen Schuhen, erschien vom Scheitel bis zu den Zehen als ein vornehmer Kavalier, dem die Prosa der Nahrungssorge wohl noch nie im Leben nahegekommen war.

Donnerwetter!" spöttelte Peter nach einer Weile still­schweigenden Fortschreitens, während der er seinen Beglei­ter wiederholt von der Seite flüchtig gemustert hatte - -mit einem so patenten Herrn darf ich mich eigentlich gar nicht sehen lassen man wird mich für Ihren Bedienten halten."

Der würde eine Livree tragen," belehrte ihn der andere, und nicht die Bourgeois-Uniform: den.verdammten schwar­zen Tuchrock. Uebrigens, es ist mir ganz erwünscht wenn man mich für was besonderes hält, seit acht Tagen bin ich es auch er neigte sich zum Ohr seines Begleiters und flüsterte:Ich bin der Marquis Carvalho."

Wozu denn die ewigen Vermummungen?"

Die haben ihre guten Gründe; diesmal bin ich direkt von Rio de Janeiro gngekommen und halte mich nur wenige Tage hier auf; in kurzem gehe ich in eines der böhmischen