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Ret Gott des Sturmes, der auf dem achtsüßigen Roß Sleipnir rettet, der Herr der Walküren. Der milde Jäger vom Rodenstein hieß sogar im Bolksmund der „Wöbe", aber keiner vermochte sich etwas darunter vorzustellen, nur der Name erinnert noch an Urzeiten.
, Rodenstein und Schnellerts, beide längst Ruinen, liegen in eurer Gegend des Odenwaldes, die besonders reich ist an mythischen UN? romantischen Elementen. Der Rodenstein liegt, unweit Frän- n A°^rumbach am Ostabhang der Neunkircher Höhe. Neunkirchen selbst war mt Mittelalter Wallfahrtsort, da ein wundertätiger Onell dort floß, dies führt uns wieder auf heidnischen Quelleukult und auf uralte Zeiten zurück. Wildweibchenstein und Wildfraucn- Mus, zwei imposante Feldpartien auf dem schönen Berg, sind gleichfalls Stätten der Sage und berichten uns von Naturwesen, Felsweibchen, die dort gehaust. Die Ruine Schnellerts liegt auf einem der Neunkircher Höhe benachbarten mit ihr parallel laufenden Höhenzug, der Böllstciner Höhe, oberhalb von Nieder-Kains- bach. Die Böllsteiner Höhe ist gleichfalls eine Wotanskultusstätte unserer Vorfahren, bei denen sich hier.im Odenwald das Heidentum noch gar lange erhalten hatte. Wie eine Erinnerung an die nebel- duster.e Vorzeit starrt bei Wöllstein ein mächtiger verwitterter Granitblock von Hausgrösze zum Himmel empor; von ihm geht die Sage, daß. er sich bewege, ivenn der Hahn kräht. Er steht unter Denkmalsschutz, und das ist gut, denn die Bauern hätten beit morschen Riesen gar gern schon als Kies benutzt.
Zwischen den beiden Ruinen Rodenstein und Schnellerts liegt das breite, fruchtbare Tal der Gersprenz, und dieses Tal ist der Schauplatz der gespenstischen Erscheinungen, die mit den beiden. Sagenstätten verknüpft sind, denn der Geist fährt von der einen Burg zur anderen und kehrt dann wieder zurück. Dabei nimmt er seinen Weg mitten durch den Hof eines Bauern in Ober-Kainsbach und in Fränkisch-Crumbach läßt er sich bei einem Schmied sein Rotz beschlagen. Immer aber hat der Auszug des Geistes etwas zu bedeuten; er kündet Krieg und Unruhen im deutschen Lande an, doch auch bei anderen Ereignissen, wie Kaiserkrönungen, zieht er um. Darüber sind uns noch amtliche Protokolle aus dem 18. Jahrhundert erhalten, und selbst bis ins 19. Jahrhundert, 1848, ist der Rodenstein noch gehört ivorden. Seitdem freilich nimmermehr.
Tas hatte seinen Grund. In den sechziger und siebziger Jahren bss vorigen Jahrhunderts, die gewiß politisch stark bewegt waren, hatte der Rodenstein sich noch einmal hören lassen können, wenn ihn nicht Scheffel — git Tode gehetzt hätte. Der Dichter der Roden- shnnlieder hat leider die alte schöne Sage so umgebildet, daß die nationale Weiterbildung unmöglich war. Nicht Mehr zog der Rodenstein ans, um drohende Kriegsgefahr zu künden, sondern weil er den letzten Schoppen zu trinken vergessen hatte und deshalb keine Rache im Grab linden kann. Wir schreiben hier keineswegs zugunsten der Abstinenzbewegung, aber es ist doch zu bedauern, daß die schöne nationale Sage durch die von allen trinkfrohen Menschen ja gern gesungenen Lieder Scheffels ein unrühmliches Ende ge- Milden hat; sie hätte ein besseres verdient. Biel schöner als die Märe von dem ewig durstigen alten Saufbold, der seine Dörfer vertrinkt, ist doch der ursprüngliche Zug, da der Ritter Rodenstein, seinem Kaiser sogar bis über das Grab treu, dem Reiche zu Hilfe eilt, wenn es in Gefahr. Die Sage hat einen geschichtlichen Hinter- grund in Person eines Rodenstzeiners, der in den Türkenkriegen kämpfte. Daneben besteht eine frühere, davon völlig unabhängige, romantische Sage, nach welcher der Ritter Rodenstein von seiner Gattin verflucht ivard, weil er sein Versprechen, den wüsten Fehden zn entsagen, gebrochen. j
Die Rodcnsteiner, die einst auf der Burg im Odenwald saßen, waren ein begütertes Geschlecht, das aber schon 1671 ausstarb. Die Burg weckt heute mit ihren epheuumrankten Trüminern eine reizvolle Stimmung. Beschattet von hohen ernsten dunklen Fichten liegt sie mitten in der Waldeinsamkeit. Schön ist der granitne Torturm am Südende der Burg mit seinem Rundbogensries und den mächtigen Buckelquadern aus rotem Sandstein. Sonst ist nicht viel Mauerwerk übrig. Die Scheffelgedenktafel inmitten der Trümmer fällt völlig aus dem Rahmen der Umgebung heraus. Im Gegensatz zum Rodenstein ist aber von der Ruine Schnellerts kaum noch ein spärlicher Rest, zu sehen; der Stumpf eines Turmes und ein paar Mauerstücke verschwinden fast im Wald; davor ein doppelter Wall und ein Graben — das sind die sichtbaren Ueberreste, an die sich die Schnellertssage knüpft. Wer die Burg bewohnt hat, ist unbekannt.
Von dem Wotansmythus des wilden Jägers wenden wir uns zur Sage von einem Wotaussprossen, dem Helden Siegfried. Siegfried fand nach der Sage im Odenwald den Tod, als er mit den Burgundenhelden zur Jagd zog. An einem Brunnen, an dem er trank, verlor er sein Leben. Stit Alters kennt auch die Ueberliefe-- rung den Siegfriedsbrriunen int Odenwald. Es sind aber deren! mehrere, die sich, wie eiftft im klassischen Altertum die sieben Städte um die Geburt Homers, darüber streiten, der Schauplatz von Siegfrieds Tod zu sein. Man nennt als solchen Hiltersklingen, Hüttcn- thal und Grasellenbach. Hiltersklingen aber scheidet ohne weiteres «us, da hier gar kein Brunnen existiert; er liegt vielmehr bei dem allerdings nahen Ort Hüttenthal, die beide in dem breiten Tal der Marbach gelegen,sind, einer lufie der andere weit ausgedehnt, mit Aeckern und Wiesen zwischen den einzelnen Hofrciten. Wenige Schritte,abseits der großen Landstraße Heppenheim—Fürth—Hetzbach entspringt im Wald ein Opell, der Lindelbrunnen, aber auch
Siegfriedsbrnnnen genannt wird. Von Unten herauf quillt in einem 13mm mit halbkugelförmiger Vertiefung das Wasser, darüber breitet eine dem Odenwaldpoeten Karl Schäfer geweihte Linde V*J Vv
Der Siegfriedsbrunnen von Grasellenbach liegt nicht wie der Lindelbrunnen im Tale, sondern auf einer Bergeshöhe, an dem von Grasellenbach zum Spessartkops, einem 548 Mtter hohen! S.andstemberg, hinausführenden Pfade. Durch Kiefernwald geht der chnan, bis man auf soiMiger freier- Bergeshühe angelangt ben Blick über weite Gebirgszüge schweifen läßt. Eine steinerne Hand weist uns zum Brunnen, der unter hohen alten Fichten aus dem roten Sandstein entspringt — ein schönes kühles, lauschi- < ok'-i zum Rasten auf weiter Wanderfahrt. Ein im Jahre
1851 errichtetes Kreuz mit einer Inschrift, welches die Verse des Nibelungenliedes über Siegfrieds Tod iviedergibt, mutet etwas naiv an.
Es liegt nun nahe, zu der Frage Stellung zu nehmen, welcher der beiden Brunnen den Vorzug verdient, den Namen des größten deutMen Sagenhelden zu führen. Die Frage darf natürlich nicht dahin gestellt werden, wo Siegfried erschlagen worden sei oder nnt welchem Recht die lieberlieserung den einen ober anderen Ort als Schauplatz des Mordes bezeichnet, sondern vielmehr wird man nur fragen dürfen: Hat der unbekannte Verfasser jener Strophen von Siegfrieds Tod die Odenwaldlandschaft gekannt und hat er vielleicht bei seiner Schilderung den einen ober anderen Platz im Auge gehabt? Aus der mittelhochdeutschen Sprache unseres großen. Nationalepos dürfen wir daraus schließen, daß fein Bearbeiter ern Süddeutscher gewesen ist, vielleicht ein Rheinfranke, dem dann doch auch der Odenwald nicht unbekannt gewesen ist. Und nun rufen wir uns ins Gedächtnis die 16. Aventiure des Nibelungenliedes „Wie Siegfried erschlagen ward". Wir erinnern uns der Jagd, die die Wormser Helden in ben Odenwald führte, denken an bas frohe. Mahl nach dem glücklichen Gejaib, bei dem es aber an dem Getränk, dem Wein , fehlt. Hagen entschuldigt sich auf Siegfrieds Vorwurf damit, daß er den Wein auf den Spesfart gesandt habe. Nun ist ganz ausgeschlossen, daß mit diesem Spesfart das Nachbargebirge östlich des Mains gemeint feilt kann,, da die Entfernung gar zu groß ist; vielmehr erkennt man in dem Spessart den oben schon erwähnten Berg, den Spessartkops. Wir erinnern uns weiter, daß Hagen von einer Quelle im Walde spricht, und daß die Helden einen Wbttlauf zu der Quelle über den „schönen Anger" durch das hohe Gras unternahmen; als erster kommt trotz der Wasfenrüstung Herr Siegfried an und siegt über König Gunther und Hagen, die nur int Rock gleich zwei Panther laufen; feine Ritterlichkeit aber, die ibn auf den König warten läßt, damit dieser zuerst trinken kamt, kosten ben Helden das Leben.
Vergleichen wir nun die Schilderung int Epos mit der Landschaft, so müßte man dem Brunnen von Hüttenthal unbedingt den Vorzug geben, man müßte sagen, daß der Dichter die Landschaft des Marbachtals int Ange hatte, als er den Schauplatz von Siegfrieds Tod schilderte. Denn nur in dem weiten Wiesengrunb des Tals kann man den Anger finden, über den der Wettlauf zu dem Quell int Walde stattfand; bei dem Brunnen auf dem Spesfart- kops findet sich gar kein Wiesengrunld, und er liegt ja auf Bergeshöhe, weit entfernt von den Wjesen drunten in GrasellenbaH. Auch ist die Entfernung zwischen dem Spessartkopf, dahin Hagen den Wein sandte, und dem Brunnen an seinem Nordabhang viel zu gering, um in den Zusammenhang der Stelle in der Dichtung zu passen, während die Entfernung des Hüttenthaler Brunnens vom Spessartkopf sehr wohl hineinpaßt. Dazu kommt noch, daß bereits int Jahre 795 in der Grenzbefchreibung der Hüttenthaler Mark der Hüttenthaler Brunnen als „Lintbrunnen" erwähnt luirb, und daß in demselben Jahre ein „Burgundhart" genannt wird, die zu Hiltersklingen gehörte. Es bestehen also hier ganz alte Beziehungen. /
Mit diesen Erwägungen soll feilt Urteil in der Frage der „Echtheit" der Siegfriedsbrunnen abgegeben werden. Ganz im Stich läßt uns die Volkssage. I. W. Wolf berichtet in feinen „Hessischen Sagen" über bett Siegftiedsbrunnen folgendes: „DerfelÄ liegt bei Hiltersklingen und (!) Grasellenbach int Odenwalb unb an ihm sollen zwei Männer einander erschlagen haben. Die Hirtenknaben gingen nicht gerne in den Mittagsstunden in die Nähe des Brnn- nens, denn sie sagten, alsdann erscheine dort der Siegfried und der habe Hörner auf dem Kopfe wie der leibhaftige Teufel". Man sieht, daß ja nach eine Erinnerung an den „hörnernen Siegfried" besteht, aber aus der vom Blute des Drachen stammenden Hornhaut sind Teufelshörner geworden und von dem Helden unseres Nationalepos, dem altnordischen Frühlingsgott, ist nichts übrig geblieben, er ist in sein Gegenteil, die Tcufelsfratze, verkehrt.
Ritterliche Klänge tönen uns aus dem Nibelungenlied entgegen und das Rittertum ist ja auch der beste Nährboden der romantischen Sage. Deshalb soll hier noch zweier Odenwälder Sagen aus der glanzvollen Zeit des deutschen Mittelalters gedacht werden. Jhv Sitz jutb zwei Ruinen an der nördlichen Bergstraße, Frankenstein und Tannenberg.
Der Frankenstein liegt unweit Darmstadt auf einem langgestreckten, schönen, bewaldeten Berg. Oestlich von der Burg führt eilt steiler Pfad hinab ins Tal nach Nieder-Beerbach. An der Kirche des freundlichen Dörfchens steht ein seltsames Steinbild, die Statue eines Ritters im Platteitharnisch von 1530. Die Rüstung ist in


