Ausgabe 
8.10.1913
 
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teren Gesprächston anschlagend:Sind Sie denn jener Pfif­fikus, der gestern meine Pflegeeltern vor eurem so empsino- lichen Verluste bewahrt hat?"

So wissen Sie schon? Ich denke, Sie haben Frarr Lam­pert noch gar nicht gesprochen?"

Meine Aufwärterin ist heute früh schon im Lampert- schen Hanse gewesen und hat mir von da die grosse Neuig­keit mitgebracht. An Ihnen ist ja ein Detektiv verdorben; wie kamen Sie denn nur auf die Vermutung, daß der fremde Baron ein Schwindler sei? Kannten Sie denn den Patron?"

Ich kannte ihn nicht und doch erinnert er mich an irgend jemand, der mir schon einmal in unliebsamer Werse mußte begegnet sein. Wie ich bemerkte, daß er Herrn Lam­pert nach Diktat schreiben ließ und dessen Vornamen auch als den seinen angab, da kam mir plötzlich ein unbezwingliches Mißtrauen gegen diesen gespreizt vornehmen Kunden, und ich beschloß seine Pläne, wenn sie etwa betrügerisch sein soll­ten, sofort zu vereiteln. Ich eilte, ohne mich'lange zu besin­nen, zu Frau Lampert, um sie für alle Fälle zu warnen; der Erfolg'hat mir vollkommen recht gegeben. Wenn man, wie ich, lange in der Weit nmhergeworfen worden ist, hat man die Menschen kennen gelenit und traut ihnen im allgemeinen nicht viel Gutes zu."

Wissen Sie denn jetzt, wer es eigentlich war?"

Trotz meines schärfsten Nachsinnens kann ich es nicht herausbekommen; ich bedauere immer noch, daß mir Frau Lampert nicht gestatten wollte, die Polizei zu holen; wir hätten den Vogel eingefangen und dann hätte ich am Ende doch seine Art etwas näher bestimmen können. Vielleicht flat­tert er mir noch einmal über den Weg; dann soll er nicht wieder so ungerupft davonhuschen. Doch nun, mein lieber Herr Assessor, gestatten Sie mir, daß ich mich empfehle, ich muß mein Gewissen beruhigen und noch jene beiden auf­suchen, von denen ich Ihnen gegenüber nie mehr sprechen werde."

Tell faßte die Hand des Scheidenden und schüttelte sie.

Adieu, mein lieber Herr Just. Wann werden Sie denn wieder nach Ihrem gelobten Lande zurückkehren?"

Mein gelobtes Land ist jetzt Deutschland; ich bleibe hier. Wenn man so lange vom Vaterlande fern war, dann lernt man alle seine Schönheiten und Vorzüge erst recht er­kennen; glauben Sie mir, Herr Assessor, es gibt kein herr­licheres, anheimelnderes Land als das liebe Deutschland Gott segne es!" ,

Der Assessor, der gar manches an den heimischen Ver­hältnissen ausznsetzen hatte, blickte den anderen, dem er viel eher eine gewisse Hinneigung zum Weltbürgertum zugetraut hätte, verwundert an.

Sie sind ja ein Idealist, trotz Ihrer fünfundzwanzig- jährigen amerikanischen Irrfahrt! Wohl Ihnen, wenn Sie Ithaka gefunden haben!"

Mein Ithaka? Das war ja wohl warten Sie rch hab's: das war die Heimatsinsel des Odysseus, nicht?" Und wie der andre nickte, fuhr er freudig fort:Sehen Sie, so ganz habe ich meine Schulkcuntnisse noch nicht vergessen. Mein Ithaka! Gewiß, ich habe gefunden, was ich suchte, und freiwillig verlasse ich nicht wieder die heimische Scholle."

Was wollen Sie aber beginnen, können Sie denn als Rentner leben? Berlin ist ein sehr teures Pflaster."

Nicht teuerer als New York. Ich bin ein anspruchs­loser, mäßiger Mann; ich werde mich schon einzurichten wissen. Und wenn es nicht reichen will, nun, dann verstehe ich auch noch dies und das, mit dem ich mir mein Taschengeld verdienen kann. Auf Wiedersehen, wenn Sie ge­statten, mein lieber Herr Assessor." Er drückte aufs neue die Hand des anderen und schaute mit Genugtuung an dessen Tannenwuchs empor. Da blieb sein Blick wieder an dem Mensurschmisse haften, der des Assessors linke Wange zeich­nete, und fast besorgt fragte er:Sie haben da eine tüchtige Narbe man hat Ihnen doch nicht etwa einmal nach dem Leben getrachtet?"

Tell fuhr mit der Linken über die Narbe und lachte, (gut Stammbuchzeichen eines meiner besten Freunde nein, lieber Herr Just, so schlimm hat's niemand mit mir

gemeint."

Das freut mich, das freut mich in der Tat. Ich möchte auch niemand raten, mit Ihnen ernsthafte Händel anzu­fangen, er bekäme es fortan mit mir zu hin."

-Ei, ei, ss würden Sie mein Sekundant sein,?"

Nicht Ihr Sekundant, vielmehr Ihr Helfer und Be­schützer, Ihr Blitzableiter! Nur über meine Leiche hin geht

hinfort der Weg zu Ihnen; wer Sie anrühren wollte, dem würde ich den Hals umdrehen."

Also Bundesgenossen auf Tod und Leben!" scherzte der Assessor, dem die jugendliche Erregbarkeit des entschlosse­nen Graukopfes ungemein gefiel.

Aus Tod und Leben!" bestätigte Just, und nach einem nochmaligen Händedruck war er zur Tür hinaus.

Just zog auf der Straße die Uhr und sah, daß es schon in der siebenten Nachmittagsstunde war; wenn er Adolf Dechner, der nach Eintritt des Feierabends wahrscheinlich seine Werkstatt verlassen würde, noch antreffen wollte, mußte er eilen. Er nahm aber keine der am Magdeburger Platz haltenden Droschken, denn er war ein sparsamer Mann und scheute unnötige Ausgaben. Mit langen, elastischen Schritten ging er auf einen heranrollenden Straßenbahnwagen zu, schwang sich geschickt auf das Trittbrett und ließ sich bis zum Potsdamer Platz mitnehmen. Dort sprang er wieder ab, um sich auf einem Wagen der Ningbahtr nach dem nörd­lichen Ende der Friedrichstraße zu begeben. Obgleich er viele Jahre lang nicht mehr in Berlin gewesen war und gerade in dieser Zeit die Wandlung der Spreestadt zur Metropole des Deutschen Reiches sich vollzogen hatte, fand er sich doch mit der Umsicht des Weitgereisten sofort in die neuen Ver- kehrseinrichtungen, und nach wenigen kurzen Fragen an die Leute hatte er schon binnen vierundzwanzig Stunden die zweckentsprechende Benutzung der verschiedenen Straßen­bahnlinien mit Sicherheit erlernt. Am Ende der Friedrich­straße angekommen, verließ er wiederum den Wagen und setzte seinen Weg in die Chansseestraße hinein zu Fuß fort. Bald bog er in eine der rechts abführenden Straßen^ein und blieb vor einem Hause mit einer hochgewölbten Tor­einfahrt stehen. Er erhob sein Antlitz, prüfte noch einmal die Hausnummer, die er im Dämmerlicht gerade noch er­kennen konnte, und entdeckte dann neben der Einfahrt ein Schild, auf dem in großen goldenen Buchstaben j)ie Worte standen:Adolf Dechner, Instrumentenmacher. Hof rechts, zweite Tür." , ,

Das wäre richtig," murmelte er vor sich hin und schritt nun weiter nach dem Hofe des umfangreichen Gebäudes.

In der in diesem Hofe befindlichen Werkstatt Adolf Dech- ners hatte sich eben eine eigenartige Szene abgespielt. Der Bruder des Instrumentenmachers, der Maurerparlier Peter Dechner, war dort vor einer Viertelstunde eingetroffen, um Adolf zu besuchen. .

Nanu?" hatte Adolf verwundert gefragt,ich denke, Dn bist in Giesdorf?"

Ich komme direkt von dort," hatte der Bruder erwi­dert, indem er seine Kappe aus der erhitzten Stirn abrückte, wir schenken uns heute die Ueberstnnden; meine Leute sind abgerackert genug; gestern ist mir schon ein Steinträger jäm­merlich abgefallen; man braucht sich für das dumme Pack doch nicht gerade die Hanl vom Leibe zu schinden; der dumme Glaskasten, den wir draußen bauen, wird noch zeitig ge­nug fertig. Dann kann ja der Herr Baron von Brank unseren vornehmen Herrn Stiefbruder, den Herrn Assessor, mit hin­einstellen und seinen Gästen als Wunderpflanze zeigen, ha, ha, ha!" Er lachte höhnisch und spuckte aus.

Na, na" mahnte Adolf gemütlich,hab nur nicht wie­der Deinen fürchterlichen Furor; mich bekehrst Du doch nicht."

(Fortsetzung folgt.)

Mythen Md Zagest im Menwald.

Bon 5p a u s Otto B c ck. e r.

Der Odenwald gehört zu den Gebirgen, die sich durch einen besonderen Reichtum an Mythen und Sagen auszerchnerr. Kein Wunder, ist doch der Odenwald eine alte Knltusstätte des germani­schen Gottes Wotan und noch manche Erinnerung an alte Zeit lebt unbewußt in Volksherzen und in Volksbräuchen immer noch weiter. Hier darf aber erwähnt werden, daß der Name Odenwald mit dem Gotte Odin überhaupt nichts zu tun hat, obwohl man diese Ableitung des Namens des Gebirges öfters hören kann; Odin ist die nordisch-skandinavische Bezeichnung des Göttervaters und bei uns in Deutschland völlig unbekannt geblieben.

Auf den Wotanskult ist jedenfalls die schönste aller romantilchen Sagen, die Mär vom Ritter R o d e n st e i n und dem S ch uel - lertsgeist zurückzuführen. Die Erscheinung ist ja bekannt,: mit Hussa und Hallo, mit Peitschenknall und Hundegebell saust un­sichtbar durch die Lüfte die wilde Jagd und der wilde Jäger ist niemand anders als der alte Gott Wotan, den die christliche Kirche zu einer gespenstigen, teuflischen Wesen umgewandelt hat. Es ist