Ausgabe 
8.9.1913
 
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erzählt uns heute nur noch die Chronik. Nach ihr stand dort, wo heute sich das Gerichts- und RegierungsgebBude erheben, ans einer Anhöhe über der Fulda, das steinerne Haus eines edlen Sachsen und anschließend die Wohnhäuser der Meier und Dienst­leute. Das war das Dorf Caßla, wie es im Jahre 813 zum erstenmal erwähnt wird. Der Eigenhos galt später als Besitztum des deutschen Königs Konrad I. Nach dessen Tode übernahm es sein Bruder Eberhard als Erbe. Als dieser starb, fiel es als kaiserliches Kammergut an Kaiser Otto I. Jnl Jahre 1008 'wurde das Dorf Cassala in einer Schenkungsurkunde zum erstenmal als Stadt bezeichnet und Cassel ge­nannt. Zwei Jahrhunderte später, nachdem es verschiedenen Ge­schlechtern angehört hatte, im Jahre 1265, wurde Kassel vom Landgrafen Heinrich von Hessen zu seiner Resi­denz gemacht. Unter den Hesfensürsten erweiterte sich die Stadt, ward die Stätte, wo Kunst und Wissenschaft großes.Interesse und große Pflege fanden und wo unter der Sorge der Landes­fürsten der Äürgerfleiß dem Gewerbe und dem Handwerk zu einem gewissen Wohlstand verhalf. Für alle Fortschritte und technischen Neuerungen, wie für alle Vorgänge in der Welt hatten Fürst und Bürger einen offenen Blick und entgegenkommendes Verständnis.

Die Willkür des großen Korsen vertrieb schließlich den Kur­fürsten Wilhelm I. und machte Kassel zuni Regierungssitz des Königsreichs Westfalen und den leichtlebigen Jerome zUm Herr­scher auf Schloß Wilhelmshöhe, das vom Kurfürsten Wilhelm I. Ende des 18. Jahrhunderts erbaut worden war. Lange dauerte diese Verbannung jedoch nicht, denn nach der siegreichen Schlacht bei Leipzig verließ Jerome die Stätte seiner kurzen Regierungs­herrlichkeit, und der kunstsinnige Hessenfürst konnte, von seinen Hessen freudig begrüßt, bald darauf wieder feinen Einzug in Kassel Und Wilhelmshöhe halten.

Die frühere Zeit der beschaulichen Ruhe und Zufriedenheit wollte jedoch nicht wiederkehren. Bald begannen die Berfas- sungskämpfe, die namentlich Unter der Regierung des Nach­folgers Wilhelm I. zu Unruhen führten. Und im Jahre 1866 wurde das Schicksal der Hesscnfürsten dahin entschieden, daß sie ihrer Regierung entsetzt, ihrer Regierungsstadt Lebewohl sagen Und sich in Böhmen niederlassen mußten. Kurhessen wurde eine preußische Provinz und Kassel die Hauptstadt der Provinz Hessen- Nassau.

Waren die Hessen auch ihrem Herrscherhause ergeben und Unwillig gegen das annektierende Preußen, so klebten sie doch Nicht lange an alten Ueberlieferungen, sondern paßten sich der Vorwärtsstrebenden Zeit an. Mit den Jahren wurden selbst die erbittertsten Gegner versöhnlicher und gaben ihre Oppositions­stellung gegen Preußen auf. Wohl haben sich kurhessische Eigenarten bis heute erhalten, echt preußischer Geist erfüllt jedoch jeden kur­hessischen Bürger Und Bauer, Und Kassel ist eine durch Und durch preußische Stadt geworden.

Alle geschichtlichen Ereignisse konnten das Wachstum der Stadt Kassel nicht aufhalten. Sie entwickelte sich stetig weiter. Man legte Wert darauf, das Alte neben dem Neuen zu erhalten Upd pflegte beides mit gleicher Liebe. Ein Fremder, der durch die schmalen Gassen der Altstadt an den malerischen Fachbauten Vorüber wandert, empfindet denn auch nicht, daß das Neue aus Mosten des Alten geht. Ein intimer Reiz haftet sowohl dem neuen wie dem alten Stadtteil an. Die neue Bauweise hat nicht die hypermodernen Formen angenommen, sondern lehnt sich an alte Vorbilder an. So bilden Altstadt und Neustadt tatsächlich fcin geschlossenes Ganze und ergänzen sich gegenseitig.

Durch die glückliche Lage im Talkessel der Fulda, eingesäumt Vom Habichtswald, von der Söhre und dem Kaufunger Wald, hat Kassel Vorzüge, um die es von anderen Städten beneidet wird. Wohin man innerhalb der Stadt den Blick richtet, findet sich Kunst und Natur int friedlichen Verein, und schweifen die Augen über die Stadstgrenzen, fo zeigt sich im Norden, Osten, Süden und Westen eine Naturherrlichkeit, die ihresgleichen sucht: Ueberall Berge,. Hügel, Wälder und Wasser; überall verlockende Wege Md Stege und überall lauschige Plätze zum Ruhen und Träumen.

Selbst ein flüchtiger Gast wird nicht versäumen, dem Aue- park einen Besuch abzustatten. Mit feinen uralten Bäumen, teppichartigen Rasenflächen und künstlichen Wasseranlagen schiebt er sich bis ans Herz der Stadt. Der Kunstsinn der Hessenfürsten hat hier der Natur hilfreich die Hand geboten. Ihnen verdankt Kassel überhaupt alles, was es heute an Schönheiten und Reizen besitzt und was es an Sehenswürdigkeiten aufweisen kann. Sie bauten die Schlösser, bauten Museen und vor allem das ge­waltige Wunder, von dem Tausende und Abertausende gebannt werden, das Oktogon, dieje durch die mächtige Herkulesgestält gekrönten Wasserkünste auf Will lmshöhe. Sie verschönten Kassel und machten das von der Natur so verschwenderisch bedachte Wil­helmshöhe zu einem der sehenswertesten Flecken deutscher Erde.

Kassel hat durch den steten Aufstieg und die vieleir Ein- gememdungeu feine Einwohnerzahl beträchtlich vermehrt. Mit mehr als 160 000 Einwohnern zählt es sich heute zu beit Großstädten. Industrie und Handel fanden in Kassel eine günstige Stätte, und die zentrale Lage machte es vielen leicht, den Sehenswürdigkeiten der Stadt und der lockenden Wilhelms- Höhe Besuche abzustatten. Der Fremdenverkehr ist ganz außer­ordentlich gewachsen. Und niemand hat die Stadt wohl ver­

lassen ohne Erinnerungen, ohne fröhliches Gedenken an schöne Tage und Stunden, die ihm die große Zahl der historischen Denk­mäler, die herrliche Natur und die Naturwunder, die Meister­hände schufen, boten. Trotz seiner großen Einwohnerzahl ist Kassel eine ruhige Stadt und wird von vielen pensionierten Beamten und ruhebedürftigen PrivatleUteit gerne als Wohnort benutzt.

Der neue Stadtteil blickt auf ein nur geringes Alter zurück. In den letzten zehn Jahren gab- es nach einer Pause beschau­licher Ruhe ein neues Aufraffen. Die Stadt wetteiferte mit den Bürgern, Kassel auszubauen. Ganze Stadtteile schossen aus der Erde. Mit der Bürgerschaft und der Stadt wetteiferte der Staat. In schneller Reihenfolge erstanden die Reichsbank, die Handels­kammer, die Gewerbehalle, die Hauptpost, die Oberpostdirektion, die Eisenbahndirektion, die Oberzolldirektion und das Polizei­präsidium. Diese Bauwerke Wurden gekrönt durch einen 4V2-MM.- Bau, das neue Rathaus, das als der größte und archi­tektonisch schönste Bau der neueren Periode angesehn werden muß. Nicht zu vergessen das vor ein paar Jahren neuerbaute Hoftheater, das namentlich durch seine prachtvolle innere Ausstattung andere Theater aussticht und das Lob aller Tyeater- fachleute findet.

Zur Tausendjahrfeier erhält die Stadt nun auch die lang­entbehrte S t a d th a l l e, die Raum für große Veranstaltungen bietet, wodurch Kassel oft der Versammlungsort wichtiger Tagungen werden wird.

Am 27., 28. und 29. September wird Kassel im Festschmuck prangen. Die Vorbereitungen zu dieser Feier werden schon über ein Jahr eifrig betrieben. Einladungen sind an alle auswärts wohnenden Kasselaner ergangen und wie der Kaiser, so sind alle Fürsten und hochstehenden Persönlichkeiten, die jemals Kassel mit einem Besuch beehrten, eingeladen worden. Man erwartet einen Fremdenstrom aus aller Welt, erwartet Festteilnehmer ans allen Schichten und Kreisen und hat ein Festprogramm entworfen, das in einem Festzuge Kassel von Anbeginn zeigen soll und das in allen seinen Veranstaltungen das Gepräge eines echten und rechten Volksfestes tragen wird. Jetzt 'schon prangt am Bahnhof bon Girlanden geziert, ein großesWillkommen". Die deutsche Kunst ausstellung int Orangerieschloß hat eigentlich die Jahrtausend- feier eröffnet und drei Regimentsjubiläen sind gleichsam als Vor­feier betrachtet worden. DasWillkommen" wird jedoch in einen weit schöneren Rahmen gebracht werden, denn es soll, wie das bisherige, nicht nur Zehn-, sondern Hunderttausenden beim "Ein­tritt in die festfrohe Stadt entgegen leuchten.

Die wiedererstandene Hafenstadt Homs ein zweites Pompeji.

O st i a, die älteste Kolonie Roms und seine Hafenstadt, die in der Kaiserzeit ein so wichtiger Mittelpunkt des Han­dels war, lag seit dem Ausgang des Altertums, dem 5. und 6. christlichen Jahrhundert, verödet und wurde von den Rom- fahrern wenig beachtet. Erst in neuester Zeit ist darin eine Wandlung eingetreten: das alte Ostia ersteht wieder neu, nachdem es so lange unter den dünnen Schuttschichten ver­graben gelegen, und eine ganze antike Stadt, ans Licht ge­rettet durch die jüngsten in großem Stil betriebenen Ausgra­bungen, breitet sich ans. In der Internationalen Monats­schrift für Wissenschaft, Kunst und Technik gibt der ausge­zeichnete Kenner des alten Rom P r o f. C h r. H ü l s e n einen Ueberblick über die heute bereits sichtbaren Reste der Stadt und erörtert die außerordentliche Bedeutung, die die Wieder­erstehung Ostias für die Kenntnis der alten Kultur und Kunst besitzt.

Die neuesten Ausgrabungen, die seit 1908 unter der Leitung von Prof. Dante Vaglieri in imposantem Maßstabe ausgeführt wurden, haben so bedeutende Ergebnisse gezei­tigt, daß man jetzt die Gesamtheit der etwa 40 ha be­deckenden und etwa 50 000 Einwohnern Raum bietenden an­tiken Stadt überschauen kann. Betritt man Ostia durch das Stadttor, schreitet an der Stadtmauer hin, an demKut­schenplatz" und der gewaltigen Statue der Siegessäule vor­bei die Hauptstraße entlang, so erheben sich bald die erst vor kurzem ausgegrabenen neuen Thermen mit ihren groß­artigen Badeeinrichtungen und prächtigen Dekorationen. Die stattlichen Wohnhäuser auf der Straße an der Ostseite der Thermen, der Via bei Vigili, werden erst ausgegraben, aber man erkennt bereits den charakteristischen Typus des Großstad thau ses mit seinen vielen Stockwerken und zahlreichen voneinander unabhängigen Eingängen und Trep­pen, der sich von hem altitalischen aus Pompeji bekannten Atrienhause so deutlich unterscheidet. Unter dieser Straße, die frühestens am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts an­gelegt ist, hat man Reste einer älteren Bauschicht gefunden, in der ein prächtiger Mosaikfußboden zutage trat. Um ein rechteckiges, mit vier Delphinen geschickt ausgefülltes Mittel-