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„Allons donc, mon eher, 11 faut faire attention! Grb acht, ich werde es dir übersetzen, dann sprichst du es nach) je — ich, suis — bin, miiehante — schlecht, je — nun, was heißt je?“
„Ich", rief Erich eifrig
„Vous — Sie, demande — bitte, pardon — Verzeihung, und mon ami heißt?“
„Mein Freund."
„Siehst du, wie gelehrt du schon bist. Nun sage mir den ganzen Satz."
Mit Feuereifer widmete sich Erich seinem Studium und hatte bald seinen Kummer wegen des unförmigen Fracks ver-
Einige Tage nach diesem Vorfall ging Erich mit dick verweinten Augen umher. Frau Cernau hatte ihre Geschäfte beendet und war mit Mila und der Gouvernante abgereist. Jede Minute, die Erich seinen Pflichten abstehlen konnte, benutzte er dazu, um in sein kleines Kämmerchen zu eilen. Dort stand er dann mit tränenüberströmtem Gesicht vor enter Photographie der fernen Freundin, welche sie ihm in der schweren Abschiedsstunde geschenkt hatte.
„A mon eher ami Erich Sanner, Mila Cernau. La Eussie.“ stand in zierlicher Mädchenschrift auf der Rückseite. Außer dem Bild hatte Mila dem Freund noch eine dicke französische und eine englische Grammatik hinterlassen, ferner einen älteren Jahrgang von Meyers kleinem Konversationslexikon, drei dicke Bände, sowie einige ziemlich wahllos zusammengesuchte französische und englische Bücher verschiedensten Inhaltes. Die meisten davon waren harmlose Geschichten für Backfische.
Erich hatte für die scheidende Freundin im Drennark- bazar des Städtchens ein zierliches Kettchen mit einem.Herzen erworben und es ihr verstohlen in die Hand gedrückt, als er ihr zum letztenmal schluchzend Adieu sagte.
*
Inzwischen war der Herbst mit Macht ins Land gezogen. Die bewaldeten Berge rings um Frohwinkel schimmerten im goldfarbenen Kleid; fielen die Strahlen der Herbstsonne auf dieses Blättermeer, leuchtete und glühte es in nie geahnter Pracht. Das hellgelbe Laub der schlanken Birke wechselte ab mit dem tiefsatten, dunkelroten Blätterdach der ernsten Buche. Dunkle Tannen und breitausladende Fichten gaben dieser Farbensymphonie einer sterbenden Welt den warmen, lebenssatten Grundton. Sie verkörperten die Hoffnung: Wir sind das Leben und die Beständigkeit im ewigen Wechsel. Nehmt euch an uns ein Beispiel.
Doch auf den schon feuchten Wegen des herbstlichen Waldes raschelte das welke Laub und der Fuß versank in diesem Meer einstiger Pracht. Was im Sonnenglanz wie gesponnenes Gold leuchtet, sieht im Schatten des Waldes, unter unseren Füßen, häßlich und fahl ans. Der sterbende Wald stimmt die Menschen ernst und traurig, sie suchen im Herbst daher lieber die weiten, freien Felder auf, wo Sonne und Wind ungehindert ihr neckisches Spiel treiben können. Das ist Menschenart!
Ernste-Mahnr sucht niemand freiwillig auf.
Die Wiesen und Felder rings um Frohwinkel widerhallten von fröhlichem Lachen und lustigem Geschrei, und hoch oben in den Lüften standen die stolzen Drachen, welche kundige Bubenhände gen Himmel steigen ließen.
Der fröhliche Jubel fand in der Stadt fein Echo. Der Pikkolo des „Goldenen Schwan" stand an dem Fenster des Gastzimmers und dachte halb trüben Herzens, halb freudig bewegt der Zeit, als auch sein Drachen noch am blauen Firmament als winziges Pünktchen schwebte.
In dem nun zu Ende gegangenen Sommer hatte ein bedeutsames Ereignis die Bewohner Frohwinkels aus ihrer beschaulichen Ruhe aufgerüttelt.
Ein Mitglied der Barfüßergemeinde war durch einen ihm unerwartet in den Schoß gefallenen Goldregen zum reichen Mann geworden. Er hatte ein Viertellos der sächsischen Landeslotterie an Zahlungsstatt für eine Schuld annehmen müssen und darauf das große Los gewonnen.
Das erste, was der nunmehrige reiche Mann, dem sächsischen Volkscharakter entsprechend, tat, war der Bau einer Villa, welche würdig genug erschien, die Behausung des reichen Herrn zu werden. Aus alter Anhänglichkeit an seine Pfarrgemeinde baute er sich die Villa nicht in dem vornehmen Viertel der Kreuzkirche, sondern in einem für billiges Geld erworbenen großen Garten, der am Ausgang des Städtchens lag und zur Barfüßergemeinde gehörte. Als man die
Villa im Rohbau fertig hatte, ließ der Besitzer auch eilten Brunnen bohren, da eine Wasserleitung noch zn den Dingen gehörte, von denen die Einwohner Frohwinkels nur durch die Zeitungen wußten.
Als der Brunnenbauer einige Meter tief in die Erde eingedrungen war, mußte die Arbeit plötzlich unterbrochen werden, denn aus dem finsteren Schacht war den Arbeitern mit einem Male, wie der Dieb in der Nacht, unvermutet ein mächtiger Strahl kochenden Wassers ins Gesicht gesprungen. Man mußte wohl eine verborgene heiße Quelle getroffen und bloßgelegt haben. Die Quelle strömte in großer Mächtigkeit fortgesetzt aus dem Schacht, füllte ihn ganz aus und bahnte sich dann einen Weg durch die benachbarten Wiesen, bis zu dem kleinen Flüßchen, an dem zu liegen Frohwinkel noch heute die Ehre hat.
Zuerst waren die Besitzer der Wiesen empört und wollten dem reich gewordenen Brunnengräber den Prozeß machen. Doch nicht lange währte es, dann begann man sich allerlei in Frohwinkel, ganz speziell im Barfüßerviertel, zuzuraunen. Man munkelte von künftigem Reichtum, der im Schoße des Städtchens ruhe und den die Quelle freigespült habe. Einige reiche Angehörige der Kreuzkirchengemeinde entdeckten in ihren Herzen mit einem Male ein lebhaftes Interesse für die sonst so gemiedene Barfüßergegend, ja, sie machten sogar allen Ernstes den Versuch, sich dort anzukaufen.
„Die Luft ist dort so gesund", meinten sie, als man nach den Gründen dieser plötzlich erwachten Liebe forschte.
Dieses machte den alten Pastor Töpfer stutzig. Er hatte ohnedies die neue Quelle schon wiederholt mit lebhaftem Interesse besichtigt und ihr ganz merkwürdig schmeckendes Wasser gekostet. Er veranlaßte den Besitzer der Quelle daher, eine Probe des Wassers einigen bekannten Autoritäten auf diesem Gebiete zur Analyse einzusenden.
Der Erfolg war überraschend. Statt der Analyse kamen die gelehrten Herren selbst. Mit dem ganzen Ernst der Wissenschaft untersuchten sie die Quelle, ihr ganzes Gebiet, sowie das Wasser wiederholt gründlich. Das Resultat ihrer gelehrten Forfchung war für Frohwinkel das mit heimlichem Bangen unb ängstlicher Hoffnung erwartete. Es wurde daher auch mit jubelnder Freude ausgenommen, denn mit dieser Analyse ging Frohwinkel einer glänzenden Zukunft entgegen. Der „Anzeiger für Frohwinkel und Umgegend" brachte die Analyse in riesigen Settern am Kopf des Blattes:
„Die Quelle ist eine akratische Therme von ungeheurer, unerschöpflicher Mächtigkeit. In Zukunft werden Tausende durch sie die ersehnte Heilung von schweren Leiden finden. Die Quelle gibt an Stärke und Heilkraft denen in Wildbad und Gastein nichts nach."
Nun nahm sich auch der Bürgermeister der Sache au. Fast im Handumdrehen hatte sich durch das tatkräftige Eingreifen einiger geschäftsgewandter Herren, sowie mit Hilfe von Leipziger und Dresdener Banken, eine Aktiengesellschaft gebildet, welche dem Glückspilz von Lotteriegewinner seinen Grund und Boden samt halb vollendeter Villa für eine ganz enorme Summe abkaufte. Dann wurde die Quelle gefaßt, und während schon die Reklamenotizen über das neue Heilbad in alle Winde hinausflatterten, begann ein ungeheuer geschäftiges Leben und Treiben auf dem der Quelle benachbarten Gebiet. Ein prächtiges Kurhaus wuchs dort wie aus dem Boden hervor, von einigen Dependancen im modernen Hotel- Villenstil umrahmt. Wie durch eines Zauberers Hand verwandelten sich die bescheidenen Obst- und Gemüsegärten der Barfüßer-Frohwinkler in Anlagen von englischem Charakter.
(Fortsetzung folgt.)
Die tausendjährige Statt,
Zum Jubiläum der Residenzstadt Kassel.
Bon Ernst Quadt - Kassel.
In den letzten Septembertagen wird die Residenzstadt Kassel ein Jubiläum feiern, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung verdient und, wie die Festartikel in den deutschen und ausländischen Zeitschriften beweisen, auch findet. Tausend Jahre sind eine lange Zeit und tausend Jahre Geschichte eine endlose Kette von frohen und trüben Ereignissen. Wer Kassel nicht kennt, wird leicht verleitet, sich unter der jubilierenden Stadt einen Ort mit schlechten Straßen Und baufälligen Häusern und ähnlichen! Zeichen des Verfalls vorzustellen. Er wird nicht glauben wollen, daß das Kassel, welches heute auf eine Vergangenheit von zehn Jahrhunderten zurückblickt, mit zu den schönsten Städten Deutschlands gezählt werden muß. Die Wahrzeichen der Stadt reichen nur wenige Jahrhunderte zurück. Aus den Anfängen der Stadt


