Ausgabe 
8.9.1913
 
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Montag, den 8. September

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Vom Pikkolo zum Millionär.

Heitere Erzählung von Harry Nitsch.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Es zeigte sich jetzt, was für ein guter Kern in dem schüchternen Jungen steckte. Erich wurde ehrgeizig, er wollte auch so ein gelehrter, vornehmer Kellner werden.

Im innersten Herzen gestand er sich allerdings, daß er diesen Wunsch nur deshalb hegte, um Mila, seiner ersten Hiebe", zu gefallen. Er hoffte, sie eher zu gewinnen, wenn sie sich auch mit ihm in den Sprachen, die ihr so geläufig waren, unterhalten konnte.

Mila und Erich saßen jetzt jede Minute, die er bei seiner angestrengten Tätigkeit erübrigen konnte, zusammen und lehrten und lernten. Erich mit rotem Kopf und glühendem Eifer, er wollte seiner Lehrmeisterin durch Fleiß gefallen. Herr Wenzel sah dies wohl, aber er drückte ein Auge zu, denn die russischen Gäste ließen ein schönes Stück Geld bei ihm sitzen. Da konnte man schon ein klebriges tun und den Pikkolo zur Unterhaltung des kleinen Fräuleins opfern.

Herr Wenzel hatte sich überhaupt in seinem früheren, etwas rohen Betragen gegen den Pikkolo geändert. Seitdem Erich mit den vornehmen russischen Gästen so intim verkehrte, war er in der Achtung seines Herrn und Meisters gestiegen.

Der Hotelier war früher Hausdiener in einem kleinen Hotel in Zittau. Er hatte sich dabei ein hübsches Stück Geld zusammengespart, und als er seine Frau, die Zimmermädchen in demselben Hotel war, heiratete, kaufte er sich in Froh­winkel denGoldenen Schwan" und avancierte vom Haus­diener zum Hotelbesitzer.

Klein aber mein", sagte Wenzel einst mit Stolz, als ihn die Stammgäste wegen des altertümlichen Baues mit den winkligen Treppen und Gängen neckten.

Nach Art vieler solcher, aus kleinsten Verhältnissen ein- porgekommener Leute war der Hotelier gegen alle, die über ihm standen, kriechend höflich, gegen unter ihm Stehende oder von ihm Abhängige dagegen grob und brutal. Von ihm durfte man mit doppelter Bedeutung sagen: Er kann schimpfen wie ein Hausknecht.

Die Russin obgleich Frau Cernau ein gutes Fohwink- ler Kind war, sprach der Hotelier doch immer nur von meinen Russinnen" erschien ihm wie eine große, vor­nehme Dame; er behandelte sie auch danach. Ueberdies zahlte Frau Cernau anstandslos die mit Rücksicht auf das Gebotene manchmal wirklich unverschämt hohen Rechnungen; dies wob ihr bei dem, alle Menschen nur nach dem Geldsack taxieren­den Hotelier eine goldene Gloriole.

Ein Widerschein hiervon fiel auf Erich. Ein Pikkolo mit so vornehmem Umgang mußte doch ein wenig anders be­handelt werden. Zum erstenmal, seit Erich Bei ihm in der

Lehre war, betrachtete sich Herr Wenzel auch einmal das Aeußere seines Pikkolos.

Die Musterung fiel sehr zu dessen Gunsten aus. Erich war tüchtig gewachsen und ein hübscher, schlanker Bursch ge­worden, dessen wunderschöne braune Augen gar treuherzig in die Welt blickten. Und als Herr Wenzel den schlanken Jungen so vor sich stehen sah, da kamen alte Zittauer Er­innerungen über ihn. Er gedachte der Zeit, als er noch in einem wirklichen, wenn auch kleinen Hotel angestellt war. Mit den Erinnerungen kam auch der Ehrgeiz.

Er hatte vornehme Logiergäste, so vornehme, wie das Lamm" in Zittau sie niemals gehabt, warum solle sein Haus hinter dem Zittauer zurückstehen!

Erich!" rief Herr Wenzel sehr laut und so unvermittelt, daß Erich heftig erschrak.Geh' mal rüber zu Meister Mül­ler", fuhr Wenzel fort, als Erich etwas ängstlich vor ihm stand,er möchte sofort zu mir kommen und dir Maß neh­men. Er soll auch Tuchproben mitbringen. Na, marsch fort", setzte er hinzu, als Erich mit halbgeöffnetem Mund stau­nend und zweifelnd stehen blieb.

Auf das barschemarsch fort" verschwand Erich schleu­nigst hinter der Glastüre des Gastzimmers, doch nicht ohne vorher noch einen fragenden und zweifelnden Blick auf den Patron zu werfen.

Der Schneider kam und diesmal knickte Erich vor freu­digem Schreck wirklich in die Knie, als Herr Wenzel zu die­sem sagte:

Messen Sie dem Jungen einen Frackanzug an. Und dann zeigen Sie mir Ihre Tuchmuster, lieber Meister, aber die billigsten."

Nach einer Woche, in der Erich fleißig studiert hatte, trat der Pikkolo zum erstenmal der niedlichen Freundin im Frack gegenüber. Der Jüngling war halb schüchtern und ver­schämt, halb stolz und glücklich.

Mila sah den schlanken Jungen erstaunt an, er erschien ihr erst so fremd, dann klatschte sie lustig in die Hände, sprang um ihn herum und rief lachend:

Wie du aussiehst, zu drollig! Als ob man dich in einen Sack gebunden hätte."

Als Erich die Freundin statt bewundernd und staunend so spottlustig sah, wurde es ihm weh ums Herz. Der arme Junge wußte ja nichts, daß er in seinem neuen Frack, der auf Herrn Wenzels Geheiß aufZuwachs" berechnet und daher viel zu lang und zu weit war, eine mehr lächerliche als elegante Figur spielte. Als Mila das trostlose Gesicht des armen Jungen sah, regten sich in ihr Reue und Mitleid, sie machte Erich einen zierlichen Knicks, streckte ihm die Hand entgegen und sagte schelmisch:

Je suis mechante, je vous deman.de pardon, mon ami.

Sie kicherte fröhlich, als Erichs trostloses Gesicht einen ungeschickten und hilflosen Ausdruck annahm und rief mit G.önnermiene: