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natürlich Max Klinger gibt, wird.fidj in einem besonderen Pavillon an den Ausgelassenheiten unserer Karikaturisten, der Gul- branson, Wilke, Trier usw. ergötzen. Künstgewerbe und Raumkunst wird der deutsche Wcrkbimd vorsühreu, in dessen Raume einstweilen ein paar bunte Glasfenster von Pechstein, C^sar Klein und Beugen,verheißungsvoll hineinblicken. Es wird sehr viel und sehr Interessantes hier zu studieren geben — dereinst im Mai.
Aber eine so ausgedehnte Schau wie diese Baufach-Ausstellung ist an sich schon, eine Anlage, die zu fesseln vermag. Besonders uns Deutsche, die wir doch im Gegensatz zu den Stuckmoustreu der romantischen Ausflelluugsarchitekturen (man denke au die Weltausstellungen von Brüssel und Paris) seit 'Fahren um eure künstlerische A u s st e l l u u g s r e g i e bemüht waren. Diese neue Sachlichkeit und Anständigkeit war auch für Leipzig be- strmmeud, und wie 1901 die Künstler-Kolonie in Darmstadt, die Dresdener Künstgewerbeausstellung 1906 oder die Hygiene- Ausstellung Spiegelbilder des architektonischen Wollens waren, so ist in gewissem Sinne auch Leipzig eine Bilanz. Auch Leipzig gibt -eine Antwort ans die Frage, wo wir heute architektonisch stehen.
Man machte keine „Dokumente" mehr wie in der Darmstädter Zeit, man befleißigte sich auch wohl .nicht mehr wie in Dresden, die ganze Persönlichkeit dem sachlichen Baugedanken uuterzuordnen. Man hat einen neuen Halt gefunden in der Tradition. Tradition nicht so leblos, so renaissancelich, so maskeradenhaft verstanden, wie das von Brüssel und Paris sest- zustellen war. Aber doch Vergangenheit, die mit einem an der neuen Sachlichkeit erzogenen Sinn aufgefaßt worden, die sogar dem schwachen, dem unpersönlichen Baumeister Sicherheiten gibt, die ihn vor Entgleisungen bewahren.
Man hat ja wohl auch in Leipzig nicht die ausgeprägten Architekteupersönlichkeiteu wie in Dresden, hat nicht die viel bewährten Aussiellungsregissenre, die selbst 'vor dem vertvegen- steu Ginsall nicht zurückznscheuen brauchen. Den Lossow u. Kühne, die das monumentale Rcpräseutationsgebäude der Hygieueaus- stelluug schufen, hatte mau nur die Weidenbach-Tschammer cnt- gegenzusetzen, die sich Jn beit viele» Hallen, die sie errichtetes, einer sehr großen Anständigkeit und sachlichen Gediegenheit befleißigten, die aber, merkwürdigerweise gerade in dem Repräseu- tatiousgebäude versagten. Das Aeußcre mit der hochragenden Löwenfassade mag noch hingehen, aber den Festsaal mit Säulen, deren Stoßkraft unter einer Kruste stilisierter Blattornamente erstickt ist, kann man nicht anders als gesiunnngsbeflissenes Kunstgewerbe,bezeichnen.
Dieser Bau, der mit den Jndustriehalleu einen gewaltigen Raum umspannt, liegt an deni Schnittpunkt der beiden Haupt- aderu, die das Gelände durchziehen. Die eine Achse bildet die Straße des 18. Oktober, die von dem Völkerschlachtdenkmal in gerader Linie in das Zentrum der Stadt hineinführt. Der Hamburger Gartenarchitekt Migge hat aus dieser Straße eine Zypressenallee gemacht, die mit ihren flach gehaltenen Wasserbecken und Blumenbeeten zu einem stimmungsvollen Dokument neudeutscher Gartenkunst geworden ist.
Die Querachse, die von einem mit mächtigen Figuren besetzten Portal ihren Anlauf nimmt, findet ihren Abschluß in der von dem Deutschen Betonverein und der Stadt Leipzig errichteten Beto uh alle. Wilhelm Kreis hat sie gebaut oder richtiger: er hat mit dieser ganz in Beton nachgebildeten Pantheon- Anlage zeige» wolle», daß mit einem so modernen Material genau dieselbe Wirkung erzielbar ist wie mit dem Stein, den die Alten beim Bau des Pantheon verwenden mußten. Eine Beweisführung, die professoral anmutigen mag, die aber gelungen ist. Den» das Kreissche Pantheon mit seiner schönen Kuppel ist nicht weniger sein und reif.
Der Konkurrenz des Beto», dein Eisen, hat Br u»o Taut nebenan ein Monument errichtet, das in einem gewissen Gegensatz zu diesem Experiment 'Wucht und Schönheit zu entfalten sucht durch die Herausarbeitung der ganz neuen Ausdrucks- möglichkeiteu, die in dem Material als noch ungelöst schlummern. Aus Grisaillegläseru und mächtigen I-Eisenträgern, die eine vergoldete Kuppel tragen, hat Taut einen achteckigen Turm geformt, der als ein Monument unserer Technik, unseres Zeitgeistes und nicht zuletzt als ein eindrucksvolles Monument des Stahlwerkverbandes das Gelände beherrscht. Man muß im Inner», in dem hübschen Kinoraum stehen, um die heimliche Musik der aufstrebenden Träger zu erleben. Zusammen mit dem Maler Mutzenbrecher, dem Keramiker Martens, dem Silhouettenschneider Repsold hat ,der Architekt an Stoffen und Konstruktionen inancher- let ausprobiert, was die Sinne entzückt. Derlei Experimente soll e8 auch in der »och unfertigen Halle des W erd and i- bnildes gebe», der hier seine bekannte Propaganda für einzelne Baultoffe fortietzen will. Ei» »euer Baustoff: der Guhciseu- Beto» soll während der Ausstellung schon praktisch erprobt 1 »erben, feilte der Brücken, die zur Ueberführung der Eisenbahn angelegt werden mußte, und die zur Erinnerung an den Heerführer der Verbündeten: -schwarzenberg-Brücke genannt wurde, «A r lfl» Material, das im Gegensatz zu den geschlossenen Wandflachm des Betons eine freiere Detaillierung zu erlauben scheint, ausgesührt. Nicht minder eindrucksvoll ist die gewaltige Doizkonstruktion einer Sporthalle, die übrigens wie
auch das Kongreßgebäude und das Haus der Fachpresse eine ansprechende Fassade bekommen hat.
Sehr würdig präsentiert sich auch der vo» Fritz Boggcn- berg er errichtete Bau, der eine mustergültige Krankeni- hailsaulage enthält. Es wird das ein Teil der großen Hygieue-Ausstellnug sein, die hier gezeigt wird. Z» ihr wird man rin weiteren Sinne auch das von der Generalkommission der Gewerkschaften errichtete Backsteinhaus rechnen können, an denen au Baitgerüsteu, Aufzügen, Schutzvorrichtilugeu, an Holz- bearbeitnugsmaschiueu gezeigt werden soll, mit welchen Mitteln 51e Unfallziffern herabgedrückt werde» köiinte». An die Hygiene- Ausstellung schließt sich die Gruppe der R e p r ä s e»t a t io ns - bauten an, die von der Stadt Dresden, dem sächsischen Staat, von Oesterreich und schließlich von allerlei privaten Ausstellern errichtet worden ,sind. Bei dem österreichischen Haus, das im letzten Ä ^vlent und in aller Hast aufgeführt wurde, meint man auch im etwas von der durch die Balkanwirren erzeugten Nervosität zu vermerken. Im Innern sieht man aber schon allerlei feimiervige Dinge, der, Wiener Künstler herumstehen. Versprechungen, die hier wie in de» anderen Hallen wohl in kurzer Zeit eiugelöst sein werden.
, Daß es an* Ulk und Vergnügungen, an Musik-, Tanz- nii-b Trmkgelegenheiten bei solcher Veranstaltung nicht fehlen dürfe, ist ei» alter Ausstellungsgrundsatz, gegen den die Leipziger natür- uch auch nicht verstoßen wollten. Und sie haben wahrlich ergiebig für das Amüsement gesorgt. 'Nicht weniger als drei Rummelplätze sind angelegt worden. Der eine, bei dem die Leute von der Vogelwiese^ihre eigenen Regisseure waren, wird hoffentlich allen anderen Sinnen mehr Wonne bereite» als einem empfindsamen Auge. Für Menschen, die damit behaftet sind, ist ein empfindsamer Rummel, ein „Dorfch en" angelegt worden, tn dem zwischen den Kulissen der Heimatskunst gezecht stmd geschlemmt werden kann. Man hat eine alte Dorfstraße mit einem Kirchlein, einer Dorfschule, einer Schmiede, einer Obstweinschenke und derlei Häuschen aufgebaut, in denen außer der Gaudi das Auge noch in Biedermeierei schwelgen Fann. Auf diesen Ton ist auch das Alt-Leipzig gestimmt, das wie das Bölkerschlachtdenk- mal an die Zeit vor hundert Jahren erinnern will. Die.Pleißen- burg, die Universitätswandelhalle, der Zwinger, der alte Mar- stall, die Paulinerkirche und das Dominikanerkloster find da zu einer malerischen Gruppe vereinigt worden und man braucht nur mit etwas Phantasie sich daraus die Kneiperei wegzudenkein um Stadt und Geist der Völkerschlachtzeit vor sich erstehen zu. sehen.
Was die Ausstellung auch alles bietet, das gewaltigste BaN-> fach-Dokument erlebt man schon bei der Einfahrt in die Stadt. Der neue von Lossow u. Kühne gebaute Leipziger Hauptbahnhof ist nicht nur die größte derartige Bcrkehrs- anlage des Kontinents; er ist mit seinen ivundervoll gespannten Hallen bereits eine der gewaltigsten Lösungen der Probleme,- die das Programm einer solchen Ausstellung aiismachen.
Neues über das Drama von Meyerling.
3um Tode des Kronprinzen Rudolf)h.
Einer der wenigen lebenden Zeugen des Dramas von Meher- ling, die Gräfin Marie Larifch, mleldet sich jetzt zum Worte, Jin Mittelpunkte ihrer in diesen Tagen in London erschienenen Selbstbiographie, die den Titel trägt: „Meine Vergangenheit",- steht der geheimnisvolle Tod des Kronprinzen Rudolph und der Baronin Marie Betsera. Gräfin Larifch ist die Tochter d«S Herzogs Leopold von Bayer» aus dessen morganatischer Ehe mit einer Schauspielerin. Kaiserin Elisabeth von Oesterreich war eine Schwester des Herzogs und die kleine Marie war schon in jungen Jahren ihre LieblingsuMe. Mit dem Dramä von Mey-erling verknüpfen die Gräfin Marie Larifch die ver- schlungensteu Bande. Sie erklärt selbst, sie würde den Schleier nicht gelüftet haben, wäre sie nicht in Schmähschriften in entwürdigender Weise angegriffen worden. In ihren Bekenntnissen schont sie sich! selbst nicht und so haben denn ihre Erzählungen Mindestens den Schein der Wahrheit für sich. Die Vetseras spielten nur eine untergeordnete Rolle in Wiener Hofkreisen. Sie warben eifrig um- die Gunst der Gräfin.Larifch.
Marie Vetsera, die als ein jugendschönes, prachtvolles Weib mit etwas sinnUchem Charakter geschildert wird und die Gräfin Maris Larifch traten einander näher, und bald hatte die Gräfin Kenntnis von der Liebe, die die Baronesse zu dem! Kronprinzen Rudolph im Herzen trug. Kronprinz Rudolph und die Baronesse Marie fanden in der Gräfin Larifch den — leider —- willigen Postillon d'amour, der nicht nur die Liebesbotschaften hi» und her beförderte, sondern auch- Rendez-vous geschickt arrangierte. Ta fam eines Tages der Höhepunkt. Kronprinz Rudolph hat die Gräfin, Marie Vetsera zu feine» Privaträumen in der Hofburg zu geleiten. Dabei ließ er durchbliche», baß, eine politische Gefahr fein Leben bedrohe. Gr überredete feine Kusine dann weiter, eine Stahlkassette in Verwahr zu nehmen, die in feinöm- Besitze nicht gefunden werden dürfe. Sie solle sie solange behalten, bis er selbst sie -urückv erlangen würde. Würde er sterben, so solle sie die Kassette der Person aushÄndigen, die zum Beweise, daß sie uni dM Geheimnis wisse, ihr folgende vier


