Donnerstag, den 8. Mai
MA "aiJi
Zwei Welten.
Roman von' Emina Merk.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Jnr kleinen Schiffchen schwammen sie draußen auf der Kartblauen Fläche in dem sonnigen Geglitzer. Um sie her so köstliche Sonntagsstille.
„Mir kommt -es immer noch so wunderbar vor, daß Sie hier sind, gnädiges Fräulein, ich bin wie in einer Märchen- stinlmung. Tas Unmöglichste, das Unwahrscheinlichste er« eignet sich spielend, -als hätte mir eine gutgelaunte Fee eine Wünschelrute geschenkt! Sie glauben gar nicht, wie leid Sie mir -eigentlich taten, als ich Sie das erste Mal -sah!"
„Warum tat ich Ihnen leid, Herr Reichmann? Weil rch damals noch keine Aussicht hatte, Ihre Bekanntschaft «t machen?" fragte sie mutwillig.
„Ja, auch zum Teil," gab er lachend zurück. „Das war allerdings mehr für mich selbst schmerzlich. Aber so diese Damen in ihrer Nähe — die langweiligen Gesichter in Ihrer Loge — die Nachbarinnen, mit denen Sie sich nirter- halten mußten. Mau sah Ihnen an, wie wenig Sie das Geschwätz interessierte."
„Das haben Sie alles bemerkt?"
„O ja, ich habe dafür einiges Verständnis. Wie kommt sie in diese Umgebung, dachte ich. 'Sie hatten so etwas von -einein wilden Vogel unter Spatzen, um nicht zu sagen unter zahmen Gänsen."
Sie lachte hell.
„Ich habe -auch jetzt oft das Gefühl, als wäre ich aus dem Käfig -entschlüpft, ans dem Pferch meinetwegen!^
„Ich habe ja ähnliche Empfindungen selbst durchlebt, wissen Sie! Darum erriet ich die Sehnsucht in Ihrem jungen Gesicht. Darum verstand ich den Schrei nach Freiheit, der -auf Ihren Lippen schwebte!"
„Sie?" meinte sie ungläubig. „Ich bitte Sie, Männer ahnen doch gar nichts von solch einer eingeschlosse-- n-en Madchenexistenz! Sie dürfen ja immer und überall Ihr Leben einrichten nach Ihrem Geschmack!"
,,O passiert.. Da täuschen Sie sich doch gründlich, tznadrges Fräulein. Ich bin ja einfach durchgebrannt, weil rch es nicht mehr aushielt in dem Kreis, in den sch durch dre Verhältnisse hineingeraten war."
Sie blickte fragend zu ihm auf, und während er die Ruder bewegte und das Schifflein weitersteuerte in die werte, einsame Wasserfläche hinaus, erzählte er:
Vater war Musiker, ein lieber, warmherziger -Mensch, dem es wohl ernst Ivar mit seiner Kunst, der aber gelegentlich auch toll, unvernünftig-, kindisch sein konnte mrt seinem -Jungen, der für meine Kna-bentorheiten und meme grünen Schwärmereien ein so wunderbares Ver- ,
ständnis hatte, daß er ein Kamerad zugleich und ein Er- gtcfrer für mich war. Er ist früh gestorben, bei einer Wagenfahrt verunglückt. Und meine Mutter hat ein paar Jahre später -ein zweites Mal geheiratet. Einen Kaufmann in Mannheim. Darin liegt schon alles. Me eng« herzigen Kreise der Handelsstadt, in denen man von Kunst nicht viel wußte, in denen nur Geld eine Rolle spielte und der ganze brave, höchst achtbare, höchst wohlhabende und höchst korrekte Anhang!".
Nach einer kurzen Pause fufjr er fort: „Ueberall dieselbe Einrichtung, dieselben Lebensgewohnheiten, dieselben Ansichten, -ein Mensch wie der andere! Und wenn einer aus der Art herausfällt, daun ist er ein Lump oder ein Narr! Zwischen diesen beiden Kosenamen hatte ich bei jeder Szene mit. meinem Stiefvater die Wahl! Ich hatte das Gymnasium -absolviert, mein Jahr gedient. Nach dem Willen meines verstorbenen Vaters, nach meinem eigenen brennenden Wunsch sollte ich jetzt -auf die Kunstakademie nach München. Ich hatte ja schon viel gezeichnet, weil mich diese Tätigkeit reizte, lockte. Und statt dessen hätte rch mich nun plötzlich für Kaffee interessieren sollen, für die schivankenden Kaffeepreise, mein Stiefvater „arbeitete!" in Kaffee. Wenn er mir die Schätze Indiens gezeigt und gesagt hätte: wähle. Das Verdienst du in meinem Geschäft! — ich hätte nicht gekonnt. Es ging einfach iricht! Sp habe 16). mir d-enn mit einundzwanzig Jahren das Erbteil meines Balers ausbezahlen lassen — es war klein genug — und mich mit den wenigen tausend Mark durch,gefristet — manchmal durchgehungert, bis ich etwas verdiente. Geschadet hat es mir nichts, nicht wahr? Und Bereut habe ich es auch nicht! Nur seine Natur nicht urnmodelu, nur nicht seine Individualität verleugnen, daran geht man zugrunde! Mn ein bißchen Entbehrungen noch lange nicht!"
Er sah so mutig, so froh aus, so recht wie ein Tapferer, der sich in allen Lebenslagen zu behaupten vermag uird sich nicht unterkriegen läßt vom Leben.
Ihre Augen hingen tut ihm, wärmer, als sie wohl selbst wußte.
„Für Ihre Mutter muß -es doch sehr traurig gewesen sein," meinte sie dann rasch, mit einem Erröten den Blick wendend. „Sie sind ihr wohl g-arch entfremdet?"
„Meine Mutter hat mehrere kleine Kinder, ich weiß nicht, ob sie den großen Sohu nicht ganz vergessen hat)" erwiderte er, und ein Schatten flog über sein sonniges Gesicht. „Ich habe natürlich viel verloren. Seit sieben Jahren weiß ich nichts mehr vom Familienleben, feit sieben Jahren habe ich niemand mehr, der nur ein bißchen Interesse an mir nimmt. Es war schwer, besonders in der -ersten Zeit. Man fühlt doch oft ein so unbezwingliches Sehnen nach einer warmen Frauenhand, nach einer lieben, weichen Frauenstimme, vor allem nach jemarrd, dem man rückhaltlos vertrauen kann."


