Ausgabe 
8.2.1913
 
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Mit ganz besonderes Vorliebe' leitöte man Spitznamen einzelner VoWstäiutue von den bei ihnen besonders bevorzugten Speisen oder Getränken ab. So taufte der Volksmund die Sachsen Kassee- vdcr Kartosselsachsen. Namentlich ihres Leibgetränkes, des Blümchenkaffees, so genannt weil die auf den Grund der Tasse gemalten Blümchen noch freundlich durch den dünnen Trank schimmern, hat sich der Volkswitz. bemächtigt. So erzählt man sich, daß die Sachsen alljährlich in der Silvesternacht unter aller­hand frommen Bräuchen eine Mokkabohne auf den Boden des Kaffeetopfes nageln, die mit viel Wasser unb Genügsamkeit während der folgenden zwölf Monate zur Herstellung ihres Morgen- und Nachmittagslabsals diene. Ein Stück Zuckerkand hängt die Zeit über zur Versüßung des letzteren an einem Faden von der Decke herab, um beim Trinken von Mund zu Mund zu «gehen.

Ihren Nachbarn, den Thüringern, rief man spottend zu: 7,Heringsnasen", da sie Heringe sogar gebratenen Vögeln vor­ziehen sollten. Ein lateinisches, zweifellos auf Volkswitzen be­ruhendes Gedicht behauptete von ihnen, daß sieeinen gesalzenen Hering mit Dank annähmen und sich aus dem Kopfe ccklein neun verschiedene Gerichte herzustellen verstünden", und eine sprichwört­liche Redensart lautete: Dem Thüringer der Hering gefällt, weil er'n für einen Schinken hält. Noch heute rufen die Kinder int Orlagau, wenn es zum Streit gekommen ist, einander zu: .

Schimpft mich immer, wie ihr wollt. Schimpft mich nur nicht Heringsnase."

Auch mit dem Namen .Kloßesser suchte man die Thüringer (und Sachsen zu foppen.

, Eines wenig guten Rufes erfreuten sich in früheren Zeiten die .Bayern, von deren Einsalt esu Geschiehtchen von fünf Eselsfüßen, die sieüber Meer gebracht", im Umlauf war. Heutzutage werden sie in Tirol sowohl wegen ihrer Liehlingsspeise als auch wegen ihres ost bicheiltendeu Körperumfanges Dampfnudeln genannt und bei Zins ist wohl der Spitzname Bierbayer allenthalben bekannt. .Der Bayer duldet alles, selbst das Fegefeuer, meint er dabei nur gutes Bier trinken kann." Diese etwas allzu große Vorliebe für einen kühlen Trunk war und ist noch heuteund damit mögen sich die Bayern trösten fast allen deutschen Stämmen eigen., Sachs, Bayr, Schwab nnd Frank Lieben allesamt den Trank,

sagt ein schon 1616 bekanntes Sprichwort. i

Die Schlesier lauste der Volkswitz Eselsfresser und sagt ihnen nach, sie hätten vor Zeiten nichts von Eseln gewußt, und als sie dann einen zu Gesicht bekamen, hätten sie ihn der langen Ohren wegen für einen großen Hasen gehalten und geschossen, woraus er zu Zopten gebraten und zju Breslau verspeist worden ei. Nach einer anderen Version soll es früher ein altes schle- isches Bergwerk gegeben haben,der güldene Esel" genannt, »essen Ertrag die adeligen Besitzer durch ein üppiges Leben gleich- am ausgesressen hätten und deswegen hießen alle Schlesier Ejels- resser. Daß der Spitzname noch nicht vergessen ist, beweist eine Stelle ans A. Kopischs Schlesierlied mit folgender gelungenen Abfertigung der . Spötter:

Hceßt ins eener Aeselfrasser, hoab a Oacht, Daß ftter sich aus ihm nich a Gerichtet macht!

Der Schwaben Labsal und Leibgericht ist eine gute Suppe, schon in Fischarts Gargantua heißt es: Das schwäbische Suppenmahl, -da man dreh Suppen auffeinander gibt. Deshalb können sie über .den Spitznamen.Supvenschwaben denkend quittieren. Im Mittelalter wurden sie auch Frösche genannt, einesteils wegen der engen, gelben Hosen, die sie trugen, andernteils wegen des breiten Mundes und Redens, so spricht z. B. Fischart ut derber .Weise von beitfroschgoschigeu, braiten Schwabenmäulern".

Die Schwaben sind überhaupt mehr als alle andern deutschen Stämme Zielscheibe der Spottlust gewesen. Das fühlen sie natür- lich auch selbst, und deshalb schufen sie zu ihrer Verteidigung das Sprichwort: der Schwabe muß allezeit das Leberlein gegessen haben. Sehr alt sind z. B. die Behauptungen, daß die Schwaben erst mit vierzigJahren gescheit werden, daß sie bis dahin allerlei Dummheiten,Schwabenstreiche" begehen und daß sie nur vier Sinne haben, weil sie für riechenschmecken" sagen. Uralt ist auch die Mär von den sieben Schwaben, die gegen den Hasen ansrückten und dabei in ihrer Einsalt allerlei Abenteuer bestanden, unter denen auch der Versuch figuriert, durch ein Flachsfeld zu schwimmen, das sie, weil es blau blüht nnd int Winde wogt, für einen See halten. Nach ihren Gewohnheiten Unterscheidet man Bigott-, Blitz-, Knöpfle-, Nestle-, Spiegel­schwaben, Rot- und Gelbfüßler. Die ersteren führen! bei jeher Ge­legenheit die WorteBi (bei) Gott" oderPotz-Blitz" im Munde, Knöpfle sind die in Schwaben üblichen länglichen Knödel oder Klöße, die Nestelschwaben verschmähen alle Knöpfe und die Spiegel­schwaben halten ein Taschentuch für ein völlig überflüssiges Möbel.

Ter Aerntel ersetzt nach ihrer Meinung das Taschentuch voll- kommen, infolge seiner häufigen Inanspruchnahme bei einer ge­wissen^ Tätigkeit ist er freilich ost spiegelblank geworden. Die Rotsüßler halten es mit dem Getränk der rotfüßigen Gänse/ trinken Gänsewein. Die Gelbfüßler aber hatten einmal eine große Eierlieferung zu besorgen, und weil die Säcke nnd Fässer die Eier nicht alle faßten, so wußten sie sich zu helfen, indem sie hinein- sprangeit und die Eier zusammentraten. 1

Ebenso oft wie dergute, einfältige" Schwabe wird auch der schon erwähnteheesliche, gemietliche" Sachse verspottet. Ja,

beide haben teilweise Unter denselben Neckereien zu leiden. Wie man sprichwörtlich von beit dummen Schwaben redet, so spricht man ironisch von den Hellen Sachsen und meint: Die Sachsen seien Helle, aber wie, der Mond, nur alle vier Wochen., Ebenso werden beide wegen ihrer Sprache oft verspottet. Am häufigsten werden die Sachsen von den Preußen, namentlich vom Berliner gehänselt. Sie haben sich natürlich revanchiert, und wenn einer derHerren Berliner" gar zu üppig wird, so darf er auf beit' KosenamenBerliner Großschnauze" nicht lange warten.«, Uebrigens scheint auch der preußische KasfeeBlümchen" zu fein,' denn in Thüringen heißt dünner Kaffeepreußischer", int Gegen­satz zum starkenBayerischen". Im übrigen gilt der Preuße, namentlich der Oftpreuße, für grob und aufbegehrlich, in einem Berschen in ostpreußischer Mundart bekennt sich der letztere selbst zu der erwähnten Eigenschaft:

So een Berliner

Os Wötzig, on de Schlesier froh', lfsemötlich merschdendeeis de Sächser, De Ostpreuß grob wie Bohnenstroh.

Auch den Westfalen wird der Vorwurf der Grobheit gemacht. . Charakteristischer "konnte der Volkswitz diefe Eigenschaft wohl nicht barstellen, als burch folgenbe kleine Geschichte. Als der liebe Gott durch bas noch menschenleere Westfalen ging, sah er dort einen großen, roten Tonblock liegen. Er stieß ihm mit dem Fuße au, alsbald richtete sich der Tonblock in' Menschengestalt auf nnd es entstand der erste Westfale. Sofort besamt sich dieser >aus seinen Stammescharakter, hob drohend .die -nächtige Faust und rieft Wat stöttst du nti denn mitn Fant (Fuß) ? Willi du matt an de Snut'hewwen?" Bei den Ostfrießen werden die West­falen für erzduinme Kerle gehalten und mit dem Spitznamen Feling belegt, der dort gleichbedeutend ist mit Dummkopf. Zahlreiche sprichwörtliche Redensarten und Anekdoten dichten ihnen manches Schildbürgerstücklein an.

Bekannt sind dieblinden" Hessen. Wie sie zu diesem Spitz­namen gekommen sind, ist nicht völlig klar nachzuweiseu. Da man das Wappen der Hessen als Katze ober Hund gedeutet hat/ welche Tiere ja einige Zeit nach der Geburt noch blind sind/ so ist es nicht unmöglich, daß daher der Spitzname bezogen ist, wie man ja auch früher, z. B. noch im 16. Jahrhundert, von denHundshessen" sprach und noch heute sagt: Die Hessen können vor Neun nicht sehen. Später ward allgemein, wie die sprichwörtliche Redensart beweist: Er geht draus los wie ein blinder Hesse, ihr tollkühnes Drauslosstürmen int Kampfe, das blind war gegen alle Gefahren, unter demblind" verstanden., In derselben Bedeutung war auchblinder Schwabe" .gebräuchlich, da diesem Volksstamme ebenfalls eine außerordentliche Tapfer­keit nachgerühmt ward. War ihm doch sogar als einem der tapfersten deutschen Stämme die Reichssturmfahne anvertraut/ nnd er hatte das Recht, den Kampf zu eröffnen.Die Schwaben fechten dem Reiche vor." Heutzutage wird freilich blinder Schwabe und noch öfter blinder Hesse für einen Menschen gebraucht, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.

Zum Schluß sei noch des Spitznamens gedacht, der baut deutschen Volk in feiner Gesamtheit beigelegt wird, desdeutschen Michel". Er rührt von dem Bilde des alten Schutzheiligen des deutschen Volkes her, des au Stelle des Schlachtengottes Wodan getretenen Erzengels Michael. Dieser kriegerische Erzengel wurde schon in den ersten Zeiten des Christentums als Schutzengel für Kirchen verehrt und in Schlachten um Beistand angerufen. Ihm zu Ehren feierte man am 29. September das Michaelissest. Besonders viele Anhänger sand dieser Michaeliskult in Deutsch­land, Michael galt geradezu als Schutzpatron des Deutschen Reiches. Deshalb prangte auch, bevor der Adler Reichszeichen wurde, fein Bild auf der uralten deutschen Reichs-Kriegssahne/. so in beit blutigen Ungarnsschlachten 933, 955, und bie Schlacht­gesänge feierten ihn als Herzog Michael, als unüberwindlichen! Helden. Ta nun gar bald her Name Michael als Vorname sehr häufig wurde, insbesondere auch unter der bäuerlichen Bevölke­rung, so sank er allmählich ebenso wie Hans und Peter znm Appetativum herab. Bon da aber war der Weg bis zur Personi- siziernita des deutschen Volkes alsMichel" nicht weit. 3unt erstenmal sinden wir wohl diesen Spitznamen unseres Volkes in den Schriften Sebastian Franks, dort heißt es: Em rechter bummer Jan, ber tentsch (Michel. Meist verstand man unter demMichel" einen biederen, gutmütigen, aber schwerfällig-un­beholfenen, etwas beschränkten Menschen. Namentlich tu politischer Beziehung ward der Name ost gebraucht, so nach den Besremugs-i kriegen wegen der politischen Unreife und Unempfindlichkeit des deutschen Volkes und noch heute, weil seine alte Ehrlichkeit und Rechtlichkeit gegenüber anderen Volkern nicht selten den kürzeren Siebt. _______

Der Vize.

(Eine Studie ans Oberhessen.)

Früher war er Polizeidieiter gewesen. Dann, als et zst alt würde, hatte man ihn zum Feldhüteravaitzieren" lassem .

Fragte ihn aber einer, was er fei, so warf er sich in die Brust und sprach stolz:Ich bin bet Vizepolizeibietter von N. . ." .Darum hatten bie Kinber ihm beit NamenVize" angehängt, so baß man ihn kaum unter anderem Namen kennt. Er heißt Kessel.