Ausgabe 
8.1.1913
 
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Heim steht wahrscheinlich Ms den Fundamenten eines beseitigten xömischen Kastells.

Aus diesen kurzen Angaben ersieht der freundliche Leser schon ganz deutlich, daß die drei Ortschaften Echzell, Bingenheim, Get­tenau uralt, so an die zweitausend Jahre alt sein mögen. Zur Zeit Karls des Dicken betrug die Bevölkerung der Fuldischen Mark etwa 650 Seelen. Demnach hat sie sich in tausend Jahren verzehnfacht. Die Vermehrung würde eine viel bedeutendere sein, wenn der 30jährige Krieg keine so entsetzlichen Verheerungen Und Entvölkerungen auch in der Wetterau hervorgebracht hätte. Wir werden hernach daraus zurückkommen.

Etwa 500 Jahre lang blieben die drei Dörfer Echzell, Bingen- heinr und Gettenau und mit ihnen die Fuldische Mark im Besitze des Klosters Fulda. Nach! dem Jahre 1300 trat Geldverlegenheit ein; cs wurden Stücke an die Grafen von Ziegenhain, die Herren von Münzenberg und Fakkenstein, die Grafen von Nassau, die Landgrafen von Hessen ver-fändet, verkauft, oder als Lehne über­tragen. Es würde zu weit Uhren, wenn wir die Verpfändungen, Belehnungen, Tausche und Verkäufe einzeln hier vorführen wollten. Die Häuser Hessen und Nassau waren schließlich noch allein im Besitze der Fuldischen Mark. Im Jahre 1570 verkaufte Nassau seinen Anteil daran um 121000 Gulden an Hessen und behielt sich nur Reichelsheim zurück. Im Jahre 1866 fiel dieses mit Dornassenheim an Hessen, welches seitdem alleiniger Besitzer dieses fruchtbaren und geschichtlich interessanten Landstriches ist.

Mehr als diese Uebergäuge, Käufe und Belehnungen inter­essieren den Leser urerkwürdige geschichtliche Ereignisse. Wie es Mr Zeit des 30jährigen Krieges bei den drei Dörfern aussah, darüber gibt uns folgende Aufzeichnung Kunde:

In der ganzen Gegend von Echzell wüthete 1635 die Pest. Aus den bis zu jener Zeit reichenden Kirchenbüchern kann man über die Wuth der Seuche einen Schluß fassen. Viele Bewohner hatten ihre verödete Heimath verlassen, wie dieses das Kirchenbuch von Dauernheim besagt und waren an andere Orte, besonders nach, Nidda, geflüchtet. Heinrich Gang, damals KMlan und Schul­lehrer zu Dauernheim und von 16351657 KMlan zu Echzell verzeichnet von Michaeli 1634 bis dahin 1635: 350 Menschen, welche aus dem einen Orte Dauernheim uutkamen. Am Rande des Sterbeprotokolls heißt es gewöhnlich,: pesta (durch Pest) oder taute (durch Hunger). Dasselbe Kirchenbuch erwähnt von einer am 16. -Oktober 1649 zu Blofeld stattgefundenen Taufe, daß dieses das erste Kind sei, welches seit 15 Jahren (1634) in Bloseld getauft wurde, weil das ganze Dorf beinahe ganz ausgestorben gewesen. - Das Totenregister von Nidda, geführt von der Hand des da­maligen 1. Pfarrers M. Ludwig hat verzeichnet 1900 Personen in 1634 bis 14. September 1635. An manchen Tagen kamen 30 Sterbefälle vor und dabei wird in einer Note bemerkt:Ueber Und neben diesen ausgezeichneten sollen mehrere herausgetragen worden sein, so nicht angezeigt gewesen." Echzell soll jedoch verhältnismäßig weniger Opfer gebracht haben, als andere be­nachbarte Orte, was die hiesigen Bewohner dem Genüsse des hiesigen Sauerbrunnens zuschreiben. (Anmerkung: Daß lM- teres richtig ist, hat die neuere Wissenschaft glanzend bestätigt. Gesundes Trinkwasscr, rein von Pilzen und Bakterien, ist ein Haupterfordernis für menschlichc Gesundheit. Darum handeln kleine Orte, die sich Wasserleitungen mit bedeutenden Kosten an- legcn, sehr klug, benn sie sparen mit der Zeit au Arzt und- Apo­theke, was sie die Wasserleitung kostet. Sobald irgendwo eine Epidemie, z. B. 1892 die Cholera in Hamburg, ausbricht, ver­ordnen die Aerzte reines Trintwasser, womöglich Mineralwasser. Nur diesem hatten es die Echzeller 1634 und 1635 zu danken, daß so wenige von der Post himvcggerafft wurden.

In deut stattlichen Dorfe Echzell goß es in früheren Jahr­hunderten viele adelige Familien, folgende verdienen erwähnt zu werden.

Die Herren von Echzell kommen schon 1239 vor und sind wahrscheinlich 1495 ausgestorben. Familie von Kleen erscheint 1383 in Urkunden. Von Weis zu Fauerbach tritt in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Echzell auf und reicht bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Die jetzige Apotheke daselbst war der Stamm­sitz der Weise tion Fauerbach. Auf diese folgten von Bronnbach, von Geismar, von Nordeck zu Rabenau. Weitere adelige Fami­lien waren: die Herren von Stockheim, von Löw zu Steinfurt, von Schmalbach, von Karben, von Deres, tion Hohenfels, von Ulsener, Wolfskehlen von Voitsberg, tion Frankenstein, tion Hat­stein, tion Berlepsch, von Langlen, Nagel von Bisses, von Gem­mingen, tion Dalberg, tion Prcttlack, von Bose, von Harmär.

Ueber die Kirche tion Echzell bringen wir folgende kurze Mit­teilungen: Sie steht auf einem kleinen Hügel, der geebnet wurde Und ehemals eine kreisrunde Form' (mit einem Radius von 1.5 Klaf­ter) besaß. Jetzt ist diese Kreisform durch Anbauten verschwunden. Wann die Kirche erbaut wurde, weiß man nicht mehr. Der Turm hat gewaltige Mauern von 8 Fuß dicke. Die Mauern des Schiffes sind 4 Fuß> dick. Die Turmspitze ist seit Meuschengedenken etwas schief, steht aber trotzdem fest. Es sind noch viele alte Grabsteine, zum Teil mit lateinischen Inschriften vorhanden, wavon wir die­jenige des Pfarrers Vigelius (Wächter, oder Wachter) hier anführen:

Hac Johannes vigilans pastor requiescit in urna Pone cubat dulcem filia cara patrem.

Ille vigil vigili vigilavit pro grege zelo, Pro zelo coelum nunc habebit ille Dei.

Zu deutsch ungefähr:

Es ruhet hier in der Gruft der wachsame Hirte Johanns, und dem Theureu Mr Seit' schlummert die Tochter zugleich. Wachsamen Eifers hat über die Heerde der Wächter gewacht Nun bei der himmlischen Heerd', findet sein Eifer den Lohn.

Im Jahre 1648, also im letzten Jahre des schrecklichen 30- jährigen Krieges schenkte Lairdgraf Georg II. von Hessen-Darm­stadt die Fuldische Mark seinem Eidame, dem Landgrafen Wilhelm Christoph- von Hessen-Homburg, welcher die Seitenlinie Hessen-, Bingenheim gründete. Er hatte acht Söhne, die sämtlich vor ihm starben und zwei Töchter. Die Linie Hessen-Bingenheim erlosch mit ihrem Stifter wieder. Unter Wilhelm Christoph wüteten die entsetzlichen Hexenprozesse, geführt von dem Justizkommissarius Kas- pari von 16521660. Da derGieß. Anz." über jene Greuel bereits vor Jahren ausführlich berichtete, gehen wir kurz über die Hexenprozesse weg und fügen nur noch bei, daß Landgraf Wilhelm Christoph im Jahre 1681 starb, worauf das Amt Bingen­heim wieder an Hessen-Darmstadt zurückfiel und bei diesem Hause geblieben ist, bis auf den heutigen Tag.

lieber das Dorf Gettenau bemerken wir, daßi es ehemals zu Echzell gehörte, mit dem es Kirche, Schule, (Gemeindehaus, Schultheiß, gleiche Gerechtsame, gleiche Pflichten und Lasten hatte. Früher lagen beide Dörfer einen Kilometer weit voneinairder; jetzt sind sich die Häuser ganz nahe gerückt, nur ein schmaler Grabüi trennt beide voneinander. Früher waren Gettenau, Bisses, Blo­feld und Bingenheim nach Echzell eingepfarrt; sie lösten sich aber nach und nach los; Blofeld und Bingenheim gingen voran; Bisses und Gettenau folgten 1863 nach.

Obgleich Echzell mehr als doppelt so groß wie Bingenheim ist, gewann letzteres im Mittelalter eine größere Bedeutung durch sein Schloß und seine Gerichtsbarkeit. Das Bingenheinter Gericht, welches eine zeitlang die Stelle eines Gaugerichtes vertrat, erscheint schon 932 in einer Urkunde. Nicht bloß- die Orte der Fuldisäjeir Markt, sondern auch die in der Nähe gelegenen übrigen Orte des Klosters Fulda mußten vor dem Gerichte in Bingenheim (und zwar alle Freigeborene dreimal im Jahre) erscheinen.

Als die Fürsten immer mächtiger und unabhängiger tourbeit, zogen sie bie Gerichtsbarkeit an sich und ließen durch ihren Amtleute Recht sprechen. Von dem Bingenheimer Gerichte blieb zuletzt nur noch ein Schein, ein Markgericht übrig, welches alljährlich dreimal: auf Freitag nach Dreikönigstag, auf Freitag nach Himmelfahrts­tag und auf Freitag nach Remigiustag, abgehalten wurde. Forst- und Feldfrevel und Bagatellsachen kamen dabei zur Verhandlung. Der steinerne Tisch-, an welchem Recht gesprochen wurde, ist noch vorhandeu; aber die drei Linden, die dabei standen, gingen nach und nach! ein. Die letzte, altersschwach, morsch, hohl und schief, wurde in den dreißiger Jahren dieses Sanlülums gefällt. Noch! leben Leute, welche sich der Linde genau erinnern. Schreiber dieser Zeilen fand mehrere Bingenheimer Gerichtssiegel in alten Akten: sic zeigen einen Baum und darunter einen Tische

Da Bingenheim durch! den Wegfall der Gerichtstage viel ein» büßte, gab Landgraf Ernst Ludwig dem Dorfe im Jahre 1721 das Recht, auf die drei oben bezeichneten Gerichtstage drei Märkt- tage halten zu dürfen. Die Stistungsur'kunde ist heute noch vor­handen, aber bte Märkte sind nach und nach verfchwunben. Nur der Markt auf Freitag nach Dreikönigstag ist noch im Gedächtnisse der Bevölkerung geblieben und er wird von der Jugend gefeiert. Marktabend" heißt jener Tag. Die jungen, ledigen Leute kommen an jenem Freitage, außerdem- aber auch am folgenden Samstage und Sonntage zusammen und unterhalten sich! mit Essen, Trinken, Spielen, Singen und sonstiger Kurzweil. Bon Bingenheim ist zu batnerfen, daß es schon seit hundert und mehr Jahren einen schwunghaften Handel mit Geflügel nach Frankfurt betreibt.

Schon in alter Zeit erscheinen interessante Namen als Burg­männer von Bingenheim. Wir nennen folgende: Eberhard von Echzell 1280; Philipp v. Münzenb'erg 1300; Johannes von Beitsberg 1309; Wollrad, Schultheis zu Frankfurt 1317; Luther v. Isenburg 1318; Gerhard v. Bubenstein 1327; Kuno v. Falken­stein 1333; Graf Philipp v. Solms' 1341; Thilo v. Beldersheim 1346; Kraft v. Alse 1352; Markolf v. Hatstein 1358; Heinrich ti. Isenburg-Büdingen 1359; Gottfried v. Stockheim 1374; Werner und Gottfried v. Lesch 1385; Eberhard- Lewe zu SteinUrt 1396; Werner v. Lynden 1398; Friedrich von Kleen 1430; Johann v. Langsdorf 1450; Henne und Mengos von Düdelsheim 1473,.

(Schluß folgt.f

Aus Len Erfahrungen einer UinLerpflegerin.

Wie man Kinder behandeln soll, kann in keiner Schule erlernt iverdeu ; man kann sich durch Uebu >g durch Kurse in Kinderpflege, durch Studium und Ernährung alierhaud Griffe und alle Gesichts­punkte aueignen, die bei der Pflege von Kindern in Betracht kommen,- aber das Schwierigste von allem: die Art, in der kleine Kinder behnndett und genommen sein sollen, ist eine Frage persön­lich er Begabteng.. fit tttu- Frage der Fähigkeit, ob eine Kinder» Pflegerin sich wirklich in das Geiühlsleben und in das Phantasie« leben ihres Pflegiinges einzuiübleu vermag. Gerade die Kinder, die am meisten der Pflege bedürien, kränkelnde kleine Menschen­kinder und Patienten, sind eriahrungsgemätz am schwersten zu be­handeln. Wie ost scheitert da nicht die beste Absicht der Pflegerin