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losen Fernwirkungen noch immer nicht das Rezept gefunden ist, wie und was man Trinkgeld zu geben hat.

Im allgemeinen kann man sich an die Regel halten, sowohl in Paris wie in den französischen Sommerfrischen: demjenigen das größte Trinkgeld, der nichts für uns getan hat; zum Beispiel dem im Großzeremonienmeister-Prunkgewand einherwandelnden Portier, der uns nur herablassend grüßt. Andererseits am wenig­sten Trinkgeld dem, der sich für unschemüht hat, z. B. dem Last­träger oder dem Schuhputzer. Selbst in den französischen, vom großen Reiseverkehr verschonten Provinznestern findet man nur noch wenige von diesen charmanten, ländlichen Herbergen, wo man in Zimmern mit altväterlicher Einrichtung und Himmelbett wun­derbar aufgehoben ist und wo man für wenig Geld ein vorzügliches Essen und Trinken bekommt. Da wird man nach ein paar Tagen als der Gast des Hauses angesehen: man ißt mit dem Wirt und dessen Familie, und die zwei Ns drei dienenden Geister, die gleich­falls mit zur Familie zu gehören scheinen, werden von uns ver­traulich mit dem Bornamen angeredet. Ta ergibt sich das Trink­geld, wie in der guten, alten Zeit, von selbst; dieservin du Valets wie man damals sagte.Zwei Sols für dich damit du mich in gutem Andenken behältst," war das Abschiedswort an den Kell­ner. Zwei Sols! Tas klingt wie ein schlechter Witz heute. Man höre, wie sich für einen Tnrchschnittsreisenden in Paris die Tages- rcchnung an Trinkgeldern stellt: Jede Autotaxifahrt vierzig bis fünfzig Centimes Pourboire; beim Coiffeur für Rasieren allein drei Sous, für Kopfwäschen, Friktion usw. fünfzig Centimes; jeder Besuch im Kaffeehaus und Taverne 10 v. H. des Bestellten, min­destens aber zwei bis drei Sous. In den besseren Restaurants erwartet der Kellner für Dejeuner oder Diner einen Tribut von fünfzig Centimes bis zu einem Franken; sind wir in Gesellschaft, natürlich entsprechend mehr. In den Galerien, Palais, Museen, Sehenswürdigkeiten sind Trinkgelder meistens verboten; man weiß, wie das gemeint ist. Die Zehnsousstncke fliegen nur so. Im Theater kaufen wir uns ein Programm. Kostenpunkt?Ce que Monsieur voudra!" Geben wir aber nicht genug, zieht man ein schiefes Gesicht. Man wird deutlicher.Monsieur Peuse ä nos petits bensfices!" Veranschlagen wir diesepetits bsnsfices" zu niedrig, wird man grob und sängt an, Argot zu reden. Tages­trinkgelder im Hotel machen zusammen zwei Franken. Erfahreire Pariser rechnen ans ihre Tagesäusgaben sogar 20 v. H. Trink­gelder. Da kann man sich denken, was der Ausländer sich für eine Abgabe auferlegen muh, will er nicht als schäbiger Knauser gelten.

Das Schlimmste ist aber, dah man die andere Klippe, das Zu- vielgeben mindestens ebenso zn fürchten hat, denn nirgends kommt man so schnell in den Rins eines leicht zu rupfenden Einfaltis- pinsel, einespoire", wie in Paris. Rach alledem kann man er­messen, was uns bevorsteht, wenn wir einen französischen Badeort genießen wollen! In Paris hat man noch eine Gewvhnheits- skala; da draußen beginnt das Reich uferloser Willkür. Das kümmerlichste Strandnest der Normandie oder Bretagne setzt uns Preise auf wie Ritz oder Bristol, und die Trinkgelder wachsen bei dem Heer von Portiers, Garyons, Chasseurs, Grooms, 'Dienst­mädchen, Listjungen, Kutschern, Chauffeurs usw. ins Phantastische..

Im Hoflager von Eompiögne wurde den kaiserlichen Gästen durch den Majordomus beim Mfchiod ein Zettel überreicht, auf dem sie für das Gesamttrinkgeld ihres Aufenthaltes eintaxierk waren ein fremdländischer Botschafter zum Beispiel auf 600 Franken. Nehmen wir den gebührenden Abstand vom Kaiser­palais und Botschafter: warum könnte nicht in gewöhnlichen fran­zösischen Hotels uns gewöhnlichen Sterblichen eine ebensolche Trink­geldrechnung vorgelegt werden? Freilich: wir würden ja hinter­her doch doch wieder Extratrinkgelder zu geben haben. Trink­gelder und Uebertrinkgelder gehören anscheinend zu den aus Pan­doras Büchse stammenden Menschheitsplagen, die ewig sind. Auch in ^Frankreich, dem Land des Bon Sens.

Vermischtes.

* Napoleons Bädeker für den russischen Feld­zug. Der französische Mb« Joseph Bonnet, der sich nach Petersburg begab, um in der dortigen kaiserlichen Bibliothek in der umfang­reichen Sammlung französischer Manuskripte Forschungen zu ver­anstalten, hat im Verlaufe feiner Arbeit einen ungewöhnlich interessanten Fund gemacht: er entdeckte das Reisehand­buch, dessen Napoleon sich während des russischen Feldzuges bediente. Das Werk, gewissermaßen ein eigens für Napoleon her­gestellter Bädeker durch Rußland, ist mit der Hand geschrieben und bildet einen ziemlich starken Band, der in derbe Pappdeckel gebunden war und an Lederstreifen und Metallöfen anscheinend im Reifewagen Napoleons befestigt war. Man sieht es dem fes­selnden Manuskripte, wie der Marzocco ausführt, noch an, daß es häufig benutzt wurde, die Blätter verraten, daß eine nervöse und hastige Hand sie oft umwandte und daß dieses Reisebuch Napoleons von dem Feldherrn sehr oft um Rat befragt wurde. Aber noch interessanter als das äußere Aussehen dieses handschrift­lichen Buches ist sein Inhalt, der geeignet schien, die Eroberuugs- lust zu entflammen und doch zugleich die furchtbaren Schwierig­keiten eines kriegerischen Unternehmens gegen Rußland nach­

drücklich hervorhebt. Ausführlich wird der Bodenrerchtum Rußlands geschildert, u. a. auch die noch ungehobenen mäch­tigen Miner al schätze des Uralgebietes, dann aber wird ausgeführt, daß ein Feldzug gegen das russische Reich mit dem Augenblick der Uebcrfchreitung der russischen Grenze Gefahren mit sich bringen müsse, die nicht zu überwinden wären. Das russische Heer wird betrachtet, die gewaltige Ausdehnuug und verhältnis­mäßig schwache Bevölkerung des Landes geschildert und darauf hingewiescu, daß Rußland infolge feiner Unkultur sich alsjen­seits der Eroberungsmöglichkeit stehend, ansehen könne.Die Feinde", so heißt es wörtlich,würden hier nicht besser ab­schneiden wie im Altertum die Römer im Kampfe gegen die Skythen und Parther." Oft genug mögen diese prophetischen Worte im Verlause des Feldzuges im Geiste Napoleons nachgeklungen haben, als sich dieser kluge und vorsichtige Führer durch Rußland längst nicht mehr im Besitze Napoleons befand. Denn das kost­bare Buch wurde dem Kaiser in Wilna gestohlen; dort ivar der Reisewagen schlecht bewacht, ein Mönch, namens Pais, benutzte die Gelegenheit, um sich das Gefährt anzufehen und nahm dabei das Reifebuch mit, ohne daß irgend jemand ihn verhinderte oder es auch nur zu bemerken schien. Der Mönch übergab seine Beute dem General Kaizarow, der durch einen eigenhändigen schriftlichen Vermerk die Herkunft des Buches be­zeichnete und das Manuskript dannals ein Zeichen unendlicher Dankbarkeit" dem Alexander Michaelowitsch Berdiew zum Ge­schenk machte. Mehrfach wechselte das napoleonische Reifebuch den Besitzer, bis im Jahre 1859 Warsolomiew das kostbare Manuskript der kaiserlichen Bibliothek in Petersburg überwies, wo cs seitdem inmitten anderer Handschriftenschätzc schlummerte.

Ein mißbrauchtes Go et he wort, lieber bildende Kunst und. über künstlerisches Gestalten darf ein jeder schreiben^ es sei denn der einzig dazu berufene: der Künstler. Was dem Philosophen, dem Aesthetiker, dem Schulmeister, dem Journalisten recht ist, das ist dem Maler oder Bildhauer noch lange nicht billig. Er wage es nur, aus der Fülle seiner Erfahrungen etwas mitzn- teilen, was landläufigen Anschauungen widerspricht, und alsbald wird er es zu hören bekommen, das vernichtende Dichterwort: Bilde, Künstler, rede nicht! Damit ist der Fachmann für den Kunstrichter erledigt, in seine Schranken zurückgewiesen, ihm in Goethes Namen der Rat erteilt, es beim Pinsel, und Meißel be­wenden zu lassen. Nun sind ja dem Leser vier Worte eines Genius in der Regel willkommener,-als vierzig selbst des witzigsten Geschmäcklers, vorausgesetzt, daß die vier am rechten Ort er­scheinen, und, wie man sagt, den,Nagel auf den Kopf treffen. Aber diese Voraussetzung trifft hier nicht zu. Goethe ist mißverstanden, und seine Zitatenfreigebigipit schmählich mißbraucht worden. Das an den Künstler gerichtete Schweigegebot hat nämlich mit dem Reden und Schreiben im gewöhnlichen Sinne gar nichts zu tun. Man lese es vollständig, so wie es über dem AbschnittKunst der Dichtungen des Meisters geschrieben steht:

Bilde, Künstler, rede nicht!

Nur ein Hauch sei dein Gedicht! , Um sein Kunsttverk also handelt es sich, um sein Gedicht, nicht um seine außerberufliche Schrift stell er ei. In unverstümmelter Gestalt rst das Berschen nichts anderes, als eine feine Benierkuug über das Wesen der Lyrik und dessen, was lyrischer Art in den bildenden Künsten ist. Es enthält die Mahnung an den Dichter, den Maler und Bildhauer Schöpfer und Gestalter zn sein, nicht Schilderet: und Erzähler, und gleichzeitig fordert es von ihm, er solle in seinem Werke nicht die Wirklichkeit der Tinge gebet:, sondern nur ihren Abglanz, ihren Schein, den Duft, der sie, umschwebt, den Geisterhauch, der sie umwittert". Das ist der nämliche Gedanke, der auch in Hölderlins Apostrophe an die jungen Dichter zu finden ist:Lehrt und beschreibet nicht!" Nur ist hier weniger das Un- körperliche, Unstoffliche, derTraumcharakter" der Kunstschöpfung betont, wie es dem Sänger des Schicksalsliedes vorschwebt, als ihre Tendenzlosigke.it, ihre Freiheit von lehrhaften,^ Nebenrücksicksten, feien diese nun wissenschaftlicher, religiöser, ethischer, morauscher, sinnlicher oder praktischer Art. Jedenfalls aber hat niemand, das Recht, sich auf Goethe oder Hölderlin zu berufen, wenn er eurem Liebermann, Klinger oder Artur Bolkmann den Mund verbieten, ihm dasSchuster, bleib bei deinem Leisten" zurusen will.

Z'ttatenratsel. t .

Aus jedem der folgenden Zilate ist ein Wort zu nehmen, fo vag sich ein neues Zitat ergibt:

1. Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten.

2. Wenn Sie eine Kunst haben wollen, so haben Sie eilte 1

3. Müßige Ruh' ist das Grab des Muts.

4. Lana, lang tst's her!

5. Er lebte, nahm ein Weib und starb.

6. Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

7. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.

8. Unser Schuldbuch sei vernichlet!

9. Mehr als das Leben lieb ich meine Freiheit.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer:

Im Waffenlärm schiveigeu die Gesetze.___

Redaktion : I. B.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.