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so vielmal küssen, als „Blätter an Busch und Bäumen" sind Western abend in der stillen Ruh).
Nun kommen die Liberalen; sie sind etwas unbeständiger Natur. Verlassen kann man sich nicht auf sie: solang sie lieben, sind sie treu, und wenn sie genug geliebt und genug „Sauerkraut und Braten" vertilgt haben, sind sie „auf einmal verschwunden" (Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren); ehrlich, aber nicht ohne Ironie bekennen sie im Manöver (Morgen marschieren wir zu dem Bauer):
Mädchen, ich liebe dich,
Heiraten aber tu ich dich nicht. s
Und geben weiterhin gutmütige, aber etwas spöttische Ratschläge: Kannst'du nicht schlafen ein,
Ei, so nimm dir einen Schlaftrunk ein, Trink ein Gläschen Tee, Zucker mit Kaffee Und ein Gläschen Wein, kannst du schlafen ein.
Am gemeingefährlichsten aber sind die Radikalen. Sie ergötzen sich an Vcrführungsgeschichten im Stil der Balladen vom „Hasersack" und von den „Brombeeren", sorgen auch selbst nach -Kräften für die Vermehrung des Proletariats:
Ihr Mädchen, nehnit euch nur in acht,
Dieweil ihr Jungfern seid;
Sonst werdet ihr betrogen, Marschieren wir davon, Und lassen euch das kleine, kleine Kind, Das heisst Soldatenlohn.
Sie lieben nicht aus Neigung, sondern weil cs ihnen „Pläsier macht (Ich halt' einmal ein Mädchen), nehmen auch einmal ^orueb mct einer, die nicht „schön von Angesicht" ist, sogar einen "Buckel haben kann, versprechen ihr auch wohl auf ihr Drängen hm, sie cm Sommer zu ehelichen. Natürlich:
Der Sommer ist gekommen,
Und ich hab sie nicht genommen, und wenn es dann weiter heisst:
Scher dich weg von mir, scher dich weg von mir. Scher dich weg von meiner Tür,
so steht man, daß sie beim Verstoßen des Mädchens durchaus nicht die feinere Lebensart der Liberalen besitzen.
Der Soldat hat nun seine eigene Art, die Lieder zu singen. Beim Zusamnlensitzen singt er auffallend langsam und fast an- dachtcg, wie überhaupt das Volk so singt im Gegensatz zu höheren Gesellschaftskreisen. Beim Marsch wird das anders. Ich hatte Gelegenheit, die Ballade „Es wohnt ein Müller an jenem Teich" einmal von einer Soldatenrunde und dann '.nieder beim Marsch zic hören. Im ersten Fall konnte der Fernstehende an eine (zum Text wenig passende) Trauermusik denken, im zweiten Fall war zunächst einmal das Tempo beschleunigt, ferner aber der Marschrhythmus dadcirch lebhaft geworden, daß anstelle gleichwertiger Noten durch Punktierung einzelner ungleichwertige entstanden waren. Besonders auffallend Ivar das bei dem Vallarallari Vallarallera: int ersten Fall lauter Achtel, nun beim Marsch punktierte Achtel mit je einem folgenden Sechzehntel.
Zur Erhöhung von Rhythmus nnb Lebhaftigkeit tragen ferner bei Juchzer und Zwischenrufe verschiedenster Art, welche die Pausen ausfüllen sollen. Da hören nur ein „Kideldiljau" in dem süd- deutschen „Drunten im Unterland", aber auch ein prosaisches „Eins zwei", eingeklemmt zwischen die Strophen des stirnmungs- vollen „Gestern Abend". Oesters ist es nur ein schnelleres .Wiederholen der letzten .Worte:
Wollt werden eine Nonn', eine Nonn'.
Da gibt's ein Wiederseh'n, ja Wiederseh'n.
Bis die Nachtpatrouille kommt, Patrouille kommt.
Oesters füllt auch die Melodie die Pause aus, indem sie durch mehrere auf'der letzten Silbe gesungene Noten zur Wiederholung überleitet:
Singen immer lust'ge Lieder,
Sein den Mädchen gu—u—u—ut; Singen . .
Ec wann sehen wir uns wieder.
In Philadelphia—a—a—a; Ec wann . . . Aber das macht mir, aber das macht mir, Wer das macht mir Plast—i—ir; Aber das . . 7 Wo diese Verbindungsbrücken fehlen, kann man sehr oft die Beobachtung machen, daß die Pause zu lang ausgedehnt und dadurch der Takt umgeworfen wird. Von feiten einiger Mus-, fettere wurde auf .Befragen erklärt, sie hätten die Gewohnheit, stets mit dem linken Fuße wieder den Gesang anzuheben. Ueber- iegt man sich nun, daß der meist bestehende Auftakt bald ein, bald zwei Taktteile hat, so leuchtet ein, daß im crfteit Fall bei der Wiederholung stets der Schwerpunkt des neuen Takts aus dem rechten Fuß, und nicht mehr wie vorher, auf dem linken ruht. Gewöhnlich entsteht in solchen Fällen eine kleine Verwirrung : einige Leute haben falschen Tritt, wollen aber auch die Wiederholung mit dem linken Fuße beginnen, einige wiederum — vielleicht Gesangvereinsrnirglieder — wollen die strenge Takc- ecnteilung aufrecht erhalten wissen; gewöhnlich aber kämpfen diese beiden kleinecc Parteien vergebens gegen die große Masse.
Diese große Masse, die Gesangseinheit, ist stets die Kompagnie; und vb das Bataillon, ober sogar das Regiment geschlossen marschiert, die Gesangseinheit bleibt dieselbe, und singt das ganze Regiment, so singt es eben 12 Lieder zu gleicher Zeit. Gewöhcc- lich machen aber nicht alle Kompagnien mit, manche sind „scng-
faul ; zu den singeifrigen gehören augenblicklich n. a. die Leib- und die gebeute. Das Repertoire im Regiment ist ziemlich das- o'i Kompagnien tauschen gewissermaßen aus; so ist ein ^eed, das s. Zt. Hauptmann v. Struensce für die 6. Kompagnie verfaßt hat (Des morgens um halb Fünfe, da ist der Teufel los), auch zu andern Kompagnien des Bataillons, noch nicht aber zu den andern Bataillonen herübergeloaudert.
.. Innerhalb der Kompagnie wird einstimmig gesungen, doch cjt eine gelegentliche Vorliebe für Stimmenteilung zu beobachten. **m Schluß jeder Strophe des Drei-Lilien-Liedes gehen die Stimmen, oce über genügende Hohe verfügen, noch eine Terz über die aicoeric herüber. In dem Lied „Auf dem Berg so hoch da droben", steigen dce höheren Stimmen bei „da steht ein Schloß", von der Dumte aufwärts in den Grundton, die andern begnügen sich, von der Qucnte zum Terz herabzuschreiten, so daß em hübscher zweistimmiger Satz entsteht. Noch auffallender ist die Stimmen- teclmrg bet dem „Haltet aus" am Schluß vocc „O Deutschland, hoch in Ehren". Da halten nämlich eine Anzahl Sänger den hohen Toit (die Quinte) fest auf das Wort „aus —", während die andern von der Quinte aus ftufentoeife zum Grundton herab- schrecteccd dce Strophe „im Sturmgebraus" zu Ende singen — bet gutem Gesang von imponierender Schlußwirkung.
Innerhalb der Kompagnie wird ferner durchaus einheitlich gesungen; Heute Varianten — das ins Kloster aegangene Mädchen cjt von einigen Sängern bereits zur Nonne „geweiht", bei der Mehrzahl aber erst zur Nonne „bereit" — vernimmt man nur bet fcballerem Zuhören. Wohl aber zeigen sich schon in Nachbar- kompagncen ausfallende Unterschiede. Das doppelte „Fuvivalle- rallera" im Drei-Lilienlied z. B. wird im Regiment aus 2 ganz verschiedene Weisen gesungen, bet manchen Kompagnien zweitaktig, das Motiv bei der Wiederholung um genau 1 Ton erhöht; bei andern Kompagnien viertaktig, in den Hauptakkord- tonen aufwärts steigend, dabei die letzten Silben lang ausgehalten, so daß wir die Hornrufe der Jägerballade noch zu vernehmen glauben, dem das Drei-Lilienlied einst angehörte. Oder: im Lied von der schönen Müllerin kommt hinter dem reftainartigens Anhängsel: „Doch wer war schuld daran? Das war die böse Schwiegermaina . . ." ein zweites, mir von einigen Kompagnien gesungenes: „Eine TrikoTriko-Taille hat sie an, Stiefel ohne Sohlen, und fein’ Absatz' dran". Noch interessanter war mir eine Textverschiedenheit im selben Lied. Am Schluß der eigentlichen ersten Strophe (also vor Beginn des Refrains) heißt es: die Müllerin „wollt' selber Mahlknecht fein", und dieser Text wurde von den meisten Kompagnien wiederholt. Nicht jedoch z. B. von der 5. Kompagnie. Diese sang nämlich „Wollt' selber Mahlknecht sein zu Straßburg an dem Rhein". Da nun die übrigen Strophen mit einer Ausnahme die letzte Zeile wiederholen, hielt ich den Text der 5. Kompagnie für einen „Flickreim", wie sie sich öfters im Volkslied einstellen. Bis ich einem verwandten Lied des 15. Jahrhunderts begegnete, in dem man fang:
Nun meri’ent al geliche von ainer Müllerin Die was so mcites riche, Darzu schoen, hübsch mit siic Am Rhein zu Straßburg saß . . . Man fragt sich da: ist es Zufall, diese Heimatübereinstimmung, oder ist die Gedächtnistreue des Volksliedes so bewundernswert, daß die vor einem halben .Jahrtausend genannte Heimat der buhlerischen Müllerin noch heute nicht vergessen ist?
Wie dem aber auch sei, sicher ist das Soldatenlied heute, wo die alten Spinnstuben aussterben und die Zusammenkünfte unter der Dorflinde immer seltener werden, die treueste Bewahrerin alten deutschen Volksliedgutes geworden. Und noch etwas anderes sollte die Vorgesetzten veranlassen, das Singen in ihrer Truppe nach Möglichkeit zu fördern. Gesang und Leistungsfähigkeit stehen beim Soldaten in eigentümlicher Wechselwirkung zueinander: der Gesang wirkt belebend und stärkend auf die ermüdete Mannschaft ein, andrerseits zeigt die Kompagnie, die noch nach schwierigsten Strapazen zu singen vermag, damit an, daß sie ihre Frische behalten hat und bereit ist, auch noch weitere Anstrengungen zu ertragen.
Trinkgeld und sommerreise.
Wenn Sie wünschen, daß Sie weiter zum Tont Paris gerechnet werden, haben Sie sich sofort aus Paris zu entfernen. Sie rönnen noch dem Himmel danken, daß wir heute so milde mit Ihnen verfahren; srütz.w hatte man als anständiger Mensch bereits am Tage nach dem Grand Prix seinen Koffer zu packen, und habet wurde der Grand Prix vor ein paar Jahren noch vierzehn Tage früher gelaufen als gegenwärtig. Nach dem neuen Knigge haben Sie bis zum Nationalfeiertag Gnadenfrist' dann werden Sie erbarmungslos hinausgestoßen in die Wüste her Sommerfrische mit Sonnenstichhitze, bösartigen Insekten, Eisenbahnängsten, Hotel- rechnungen, Komfortmangel und trinkgeldheischenden Wegelagerern. Es gibt Leute — wir gehören selbst dazu —, denen die Trink- gelbfrage bas ganze Reisevergnügen verdirbt; nicht weil der Geiz ihnen bei jedem- kleinen Silberling das Herz bluten läßt, sondern weil in dieser „Aera der Luftfliegerei" und aller möglichen draht-


