Ausgabe 
7.8.1913
 
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eine verwitterte, altersgebeugte Gestalt in einem ver­schlissenen, rotbraunen Lodenmantel und bretttramptgem L>ut von nicht mehr zu erkennender Farbe.

Grüß Gott, Alter!"

Gottliebe trat zu ihm heran und fragte ihn nach dem Weg. Sie war absichtlich von der üblichen Route ab ge­wichen, weil sie nach ihrer Karte dieser Seitenpfad schneller ihrem nächsten Ziele, dem Piz Murtero, zuführen foute.

In seinem schwer verständlichen, von labiiuschen Aus­drücken durchsetzten Dialekt gab der Alte Auskunft, ivährend sich einige Tiere der jetzt sichtbaren Ziegenherde neugierig herandrängten und an Gottliebes Rock schnupperten, als vb sie einen Leckerbissen in ihrer Tasche vermuteten.

Gottliebe entnahm mehr den Gesten als den Worten des Alten, daß sie erst geradeaus gehen, sich dann aber nach rechts halten müsse. So dankte sie denn freundlich für die AuskNnft und machte sich dann auf den Weg, der sich zunächst über ein langgestrecktes, schräg abflachende^> Trümmerfeld zog, auf dem kärgliche Grasstreisen den zer­streut weidenden Ziegen die Nahrung boten. Sie beschleu­nigte jetzt ihren Schritt nicht nur, da es bergab ging, sondern weil vor ihr nun plötzlich drohendes Gewölk am Horizont, über dem scharf abschneidenden Rande des Pla­teaus, sichtbar wurde, das ihr bisher durch deu Bergfattel verborgen gewesen war.

Ein schweres Wetter braute sich da vor ihr zusammen; die schwarzgraue Wolkenwand vor ihr stand breit und massig da, alle Aussicht auf die gegenüberliegenden Hohen verbergend. Sonst hätte sie, nach ihrer Karte zu urteilen, von dem Joch hier einen weiten Blick über das ganze Berg­gebiet des Münstertals bis hin zum Piz Utnbrail und Murtero haben müssen. Schade, daß sie so um diesen ersten Gruß des Bündner Landes kam, aus dessen Boden sie hier schon dahinschritt.

Doch es war jetzt keine Zeit, darüber zu trauern, das drohende Unwetter trieb, zu Tal zu kommen, in ein schützen­des Obdach.

Ein kurzer Marsch, aber im Eilschritt, brachte Gottliebe an den Rand des schräg geneigten Plateaus, das nun plötz­lich steil zum Tal abfiel. , .

Ah was für ein wunderbarer, einzig fchoner Blick!

Trotz der Wetterwand drüben blieb Gottliebe bewun­dernd stehen. Eine echt bündner Tallandschaft tat sich da vor ihren Blicken auf.

Gerade unter ihr, einige hundert Fuß tiefer, eme Alm, saftig grün, über die jetzt gelbe, fast metallisch gleißende Töne hinschillerten, die aus der schwefelgelben, plötzlich sonndurchleuchteten Wetterwand brachen; ganz tief drunten aus der Sohle des schmalen Seitentals ein kleiner See, nut tief grün-blauem, fast schwarzem Spiegel, über den sich ein winziger Nachen hinflüchtete, noch vor dem Unwetter ans schützende Gestade zu kommen. Jenseits des Wassers stieg steil die Felswand aus; au ihre dunklen, vielfach geborstenen Flanken klammerte sich bis in schwindelnde Höhen licht­grünes Buschwerk, im Stein nistend wie die Adler.

Das Schönste aber, was dem wunderbaren Bilde den Augenpunkt gab, ein altes Gemäuer da unten auf der Alm zu ihren Füßen, ein uraltes Bergnest, ein Kastell mit trutzigem, sechseckigem Turm und hoher, halb ver­fallener Zinnenmauer, rings uuNvuchert von einem leben­den grünen Schutzwall, einem wahren Dickicht von Berg­ahorn, Kastanien- und Haselnußgesträuch. Gegen die grau- verwitterte Turmwand aber standen, schlankschäftig tote zwei riesige Pylonen, zwei italienische Pappeln, deren dunkle Py­ramiden jetzt in einem grün-goldenen Bronzeton slim- menten.

Gottliebe stand ganz versunken in dies Bild voll einer großen, ernsten, schtoermutsvollen Stimmung. Zu dem welt­verlorenen Felsennest da unten gab- die düstere Wetter­wand ja einen wünderbareti Hintergrund. Sie war wie eine sichtbare Verkörperung der grauen Zeit, wilder, düsterer Schicksale, die dies alte Gemäuer im Laufe vieler Jahrhunderte gehabt haben mochte.

Ein jäher Windstoß machte Gottliebe auffahren. Keine Zeit jetzt zum Träumen der Tanz ging los! Die Winds­braut lag schon im Arm des wilden Freiers. Der erste dumpfe Donner brach sich von den Felswänden des Tals.

Mit hastigem Griff holte Gottliebe das Lodenkape aus dem Rucksack. So! Und nun hinab, dem/ Kastell dort zu soweit das Ange reichte, ja der einzige Unterschlupf hier in dem verlassenen Tal. Schon fielen die ersten schweren:

Tropfen, und in Sprungschrttten eilte Gottliebe den Zickzack­weg die Felswand hinab.

Aber trotzdem zu langsam. Noch ehe sie die Alm erreicht hatte, prasselte klatschend der Regen hernieder, und die drei Minuten, während derer sie über den Rasen zum Kastell hinlief, genügten mit ihrem wolkenbruchartigen Wasserschwall, um selbst die imprägnierte Pelerine zu durchnässen.

Gott sei Dank, daß sie an ihrem Asyl angelangt war! In die tiefe Wölbung des Dores sich rettend, schüttelte Gott- liebe lachend die schwer gewordene Kapuze ihres Umhangs ab. Dann spähte sie nach der Gelegenheit znm Einlaß.

Uralte, starke Eichenbohlen mit schweren, verrosteten Eisenbeschlägen versperrten ihr den Eintritt. Vergebens sah sie sich nach einer Klinke um, lehnte sie sich mit dem ganzen Gewicht des Körpers gegen das Dor; es wich und wankte nicht verschlossen.

Ein gelinder Schreck durchrieselte Gottliebe,. Daran hatte sie ja noch gar nicht gedacht. Wenn das Kastell hier nun unbewohnt war! Was bann? Eine schöne Aussicht, naß bis auf die Knochen hier in dem offenen Torbogen dem Ge­witter standzuhalten, vielleicht stundenlang!

Da fiel ihr Blick auf den altertümlichen Türklopser, und unwillkürlich griff sie nach dem schweren Eisenring. Dumpf dröhnend rasselte er jetzt, dreimal, viermal, gegen die Eisenplatte darunter, daß es das Prasseln des Regens laut übertönte.

Eine Weile regte sich nichts. Plötzlich aber ein Geräusch zur Rechten, und etwas oberhalb in der Torwölbung schob sich ein kleiner hölzerner Fensterladen zur Seite. Ein Kopf ward sichtbar, ein runzliges, bartloses, altes Gesicht; im Dämmer der kleinen Oefsnuug wär nicht gleich zu entschei­den, ob Mann ober Weib. Wortlos starrte der Mensch da oben auf die Einlaßheischende mit mürrischen, mißtrauischen Blicken.

Ach bitte, erlauben Sie mir doch unterzntreten ich bin vom Unwetter unterwegs überrascht."

Hinaufschauend bat es Gottliebe. Es kam keine Antwort von droben, doch das Schiebefenster schloß sich wieder. War das nun ein gutes ober ein schlechtes Zeichen?

Geduldig harrte Gottliebe mehrere Minuten. Als sich aber drinnen noch immer nichts rührte, begann ein hef­tiger Unwille in ihr anfzusteigeu. War sie beim eine ver­dächtige Landstreicherin, daß man sie hier in diesem Hunde­wetter vor'm Tor stehen ließ?

(Fortsetzung tilgt.)

Die Gicheuer 5o!düten!ieöer.

Von Dr. Phil. Beyer (Frankfurt a. M.). (Schluß.)

Das Verhältnis znm ewig Weiblichen macht überhaupt den Kern des Soldatenliedes aus. Man könnte auch sagen: ine Liebe in allen Abstufungen. Da stehen sagen wir einmal am weitesten rechts die Ultra-Konservativen, d. h. die Allzutren- Liebenden Sie sind vom Mädchen betrogen; aber sie lieben weiter fort, die Unglücklichen, und warten, bis man sie nächstens ins kühle Grab senken wird. Beispiel:

Ist alles dunkel, ist alles trübe. Dieweil mein Schatz ein' andern liebt. Ich hab gemeint, sie liebte mich, Aber nein, aber nein, :|: sie hasset mich.

Dann kommen jene, die zwar glücklich lieben, aber sich nicht wohl fühlen, weil sie vom Liebsten getrennt sind oder von ihm scheiden müssen. Beispiel:

Steh ich in finstrer Mitternacht,

So einsam ans der stillen Wacht, So denk' ich an mein fernes Lieb, Ob sie mir treu und hold verblieb, und

Schatz, ach Schatz, reis' nicht so weit von nur..

Im Rosengarten will ich deiner warten, Im grünen Klee, int weißen Schnee.

Es folgt der glückliche Liebhaber, der aber von der Patrouille vor. zeitig abgefaßt wird:

Mein schönster Schatz erlaube, nur Nur noch eine einz'ge Viertelstund, Deinen Rosenmnnd zu küssen,

Bis die Nachtpatrouille kommt. , .

Und dann die Wunschlos-Glücklichen, die nicht einmalalleine zu einem Glas Weine" gch'n mögen, ohneFeinsliebchen daM zu haben (Soldaten sein schön) ober die ihren Schatz un Walo«