Ausgabe 
7.8.1913
 
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Donnerstag, den 7. August t<4

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Firnenrsulch.

Bornen von Paul Grabern.

'Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Mit wieder gleichmütig fester Miene machte sich Gott- »rebe noch einige Minuten nm Grabe zu schaffen und ent­fernte einige abgestorbene Efeuranken. Sie war frei von fentunentalen Regungen bei diesem Werke der Pietät, das dem Toten da drunten galt. Die Jahre hatten ihr inneres Verhältnis auch zu ihm ruhig gestaltet.

Die sie im Anfang befallende Reue war verflogen. Sie dachte jetzt leidenschaftslos über jenes unselige Vorkomm­nis. Sie konnte sich keine besondere Schuld an dem tragischen Ende des armen Jungen beimessen. Sie hatte doch nichts getan, um seine unglückliche Leidenschaft auzufachen, und die Entrüstung, mit der sie seinen liebergriff zurückgewiesen, war demnach ihr gutes Recht gewesen. Wenn er sich das bann so zu Herzen genommen, war es nicht ihre Schuld. Gewiß, sie hatte das tiefste Mitleid mit dem armen Toni, hätte wer weiß was-darum gegeben, hätte sie das alles un­geschehen machen können; aber sie konnte es doch nun ein­mal nicht ändern.

Was sie hatte tun können, war geschehen, für seine Fa­milie war gesorgt worden, und ihm selbst bewahrte sie ein pietätvolles Andenken. So konnte sie ihm denn im Geiste ruhig ins Antlitz sehen, wenn das Bild des Toten dann und wann vor ihrer Seele erschien. Um so mehr, als sie keinem Mann nachher je ein Recht auf fich eingeräumt hatte.

Keinem! Herb und kühl hatte sie vielmehr jeden Ver­ehrer von sich gehalten, trotzdem ihre herangereifte Schön­heit die Männer nach wie vor angezogen hatte. Sie war selbst jetzt, trotz ihrer 28 Jahre, noch jung und schön. Die ständigen Sportübungen hatten ihren Leib ja vor einem altjüngferlichen- Welken bewahrt, ihm im Gegenteil eine wunderbare, kraftstrotzende Frische verliehen. So war denn das Werben der Männer um sie nichts Verwunderliches, trotz ihres abweisenden Wesens. Ja, vielleicht reizte das gerade nur noch mehr zum Erobern an. Aber sie gewährte keinem auch nur die leiseste Vertraulichkeit.

Er konnte also ruhig schlummern da unten, der arme Junge mit dem heißen, leidenschaftlichen Herzen. Keiner konnte und würde sich je dessen rühmen, was ihm versagt worden war!

Wie in einem stillen Gelübde beteuerte es Gottliebe von neuem an dem Grabe und strich mit leiser, mütterlicher Zärtlichkeit über das Kopfende des Hügels, als könnte sie damit beruhigend die heißen Schläfe eines fiebrig unruhig Schlummernden berühren. Dann richtete sie sich aus und ging langsam vom Friedhöfe fort.

*

Heiß stach die Jülisonne auf die Felshalde hernieder, die sich in mäßiger Steigung zur Jochhöhe des breit vor­

gelagerten Bergkamms hinaufzog. Trotz der Schwüle und des sicherlich nicht leichten Rucksacks schritt aber die ein­same Wanderin, deren Tritte hier von öden Felsenkaren widerhallten, rüstig aufwärts, mit weiten, elastischen, ater mäßig schnellen Schritten.

Der Weg war nur ein schmaler, wenig betretener Saum­pfad, der über Gletscherschlrffe zwischen Blöcken und Fels- schutt entlang führte; nicht selten durch Mulden sonnen­erweichten Schnees hindurch, wo der Fuß bis weit über die Knöchel versank. Das ermüdete aber schließlich auf die Däner doch, so daß. die Touristin, wieder auf eine glattgescheuert« Platte gelangt, fich nun auf den trockenen Felsbooen zu kurzer Rast niederließ.

Das Haupt auf dem Rucksack, lag Gottliebe Rhyngaert so einige Minuten in wohliger Ruhe, in langen tiefen Atem­zügen die reine Luft der Höhe eiuschlürsend. Ihre Blicke schweiften dabei über die sonngebleichten, zerrissenen Berg­slanken, die ringsum die Aussicht verschlossen, und darüber hinaus in den tiefblauen Himmel, an dem nicht der leiseste Hauch eines Wölkchens stand.

Ungebrochene Stille in diesem weltentrückten Winkel; nicht einmal das Rieseln eines Schmelzwasserrinnsals scholl durch die Einsamkeit. Nur bisweilen ein schriller Pfiff, tr- gendwoher aus dem Blockgewirr am Boden ein Murmel­tier, Has einzig lebende Wesen, das diese Einöde beher­bergte.

Plötzlich aber brach ein scharfer, peitschender Knall durch die Stille Gottliebe hob lauschend den Kopf nun zum zweitenmal, ohne Zweifel: Schüsse.

Mit einem Ruck sprang sie aus und schickte die Blicke umher an den Felswänden. Ein Gemsjäger oder gar ein Wil­derer? Aber nichts zu sehen.

Sonderbar! Gottliebe stand lauschend, den Kopf borge» neigt. Da wieder der scharfe Knall, dessen Echo die Wände rollend zurückwarfen. Also doch ein Schütze hier und offen­bar in nächster Nähe.

Hallo!" Laut scholl ihr Heller Ruf durch die Bergstille.

Da eine Antwort, und nun erschien droben vor ihr auf der Jochhöhe eine menschliche Gestalt, scharf und groß stand sie gegen den blauen Aether da: Ein Mann in Hirtentracht, in der Hand eine Peitsche.

Gottliebe mußte leise vor sich hinlachen, das also wär der vermutete Wildschütz ein harmloser Ziegenhirt! Lang­sam nahm sie ihren Rucksack wieder auf den Rücken und stieg die kurze Strecke zu dem Mann hinaus, der gelassen stehen blieb, nur mit verwunderten Blicken auf das weibliche Wesen hier in seiner Felseneinsamkeit starrend.

Der Paß hier war ein wenig begangener Weg. 'Die gebräuchliche Touristenstraße führte drüben, jenseits der Höhen, über das Wormser Joch ins Münstertal. Selten nur verirrte sich einmal ein Fremder hierher, am wenigsten aber eine Frauensperson und noch dazu allein.

Mit berechtigter Verwunderung blickte daher der Hirt auf die Herannahende, die nun auch ihn ins Auge faßte,