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Worte: „Gedenken Sie, Liuthardt, Ihr beflecktes Ehrenschild wieder teilt zu waschen, ehe es zu spät wird!" hatten ihn schwer ins Gewissen getroffen.
Ta wurde die schweigende Nacht lebendig. Vor ihnen wuchs aus der Erde verworrenes, gedämpftes Geräusch-, und der Wind brachte ihnen einen eigenen Geruch entgegen, einen Geruch, wie ihn Tausende von Menschen ausstrahlen, die eng zusammengedrängt sind. Waffen klirrten — Stimmen ertönten, Pferde schnaubten, hier und da blitzte eine Fackel auf — und nun klang wieder ein „Halt"!
Plötzlich waren sie von zehn oder zwölf Soldaten umringt, ein Offizier drängte fich herzu. „Wen bringt Ihr?" „Zwei Männer aus hiesiger Gegend!"
„Bravo! — Kommen Sie mit, meine Herren!"
Sie schritten an liegenden, hockenden und stehenden Soldaten vorüber, die schliefen oder rauchten oder leise sprachen. Immer mehr — immer mehr! — Wo waren die nur hergekommen, mitten in der Nacht und unbemerkt? Und nun standen Pferde da, lange, lange Reihen. Sie dampften noch. „Oberst Lehaire?" fragte der die beiden Deutschen führende Offizier in eine Gruppe von schwatzenden Offizieren hinein. — „Weiter vorn!"
Und immer weiter ging es. Ein Adjutant kant ihnen jetzt entgegen. „Wen bringen Sie, Lewin?" fragte er den Offizier.
„Zwei Einheimische, Herr Kapitän!"
„Gut! Gut! Der Oberst rast vor Wut, daß, wir uns verirrt haben. Er ist schlechtester Laune. Schnell, schnell!"
Die beiden Offiziere fingen an zu. rennen, und dem Pfarrer und dem Junker blieb nichts weiter übrig, als mit- zulaufen. Da hörten sie eine laute, krächzende Stimme, die wetterte und fluchte und schwur, die ganze Gegend zu verwüsten, wenn man nicht bald jemand brächte, der sie auf den rechten Weg führte. „Ah, da bringt man welche," sagte ein Major.
Nun standen sie vor dem Obersten. Der war ein kleines, dürres Männchen mit einem struppigen Barte, von dem man nicht wußte, war er weiß oder blond. — Ein viel zu langer Mantel, der tatsächlich den Erdboden berührte, schützte thn vor der Nachtkälte. Trotzdem schien er doch an allen Gliedern vor Kälte zu klappern. Mit grauen, stahlharten Augen sah es den Ankommenden entgegen. „Fackeln her," schrie er in hoher Fistel zu feiner Begleitung. Sofort brachten die Soldaten lange Fackeln, die sie in die Erde rammten pnd die nun ein flackerndes, schwelendes, unstetes Licht über die Gruppe warfen. „Wo habt Ihr die Leute aufgefangen?" fragte er barsch die beiden Soldaten.
„Drunten int Tale, Herr Oberst, etwa dreißig Minuten von hier!"
„Was machen Sie zu so später Nachtstunde noch int Freien?" herrschte er die beiden an.
Tempel, der jetzt seine ruhige Würde wieder gewonnen hatte, antwortete gelassen: „Wir ergingen uns int Freien, um etwas zu besprechen!"
„So, ausgerechnet nahezu um Mitternacht. Eigentümliche Sitte! Wer sind Sie?"
„Pfarrer Tempel aus Heidehorst!"
„Kämpfer?"
„Nein!"
„Und wer sind Sie?"
„Ich bin der Erbjunker von Altenlohe auf Schloß Heidehorst!"
„Kämpfer?"
„Nein!"
Der Oberst lachte hämisch und sagte aus Französisch zu seiner Umgebung : „Er ist ein Lügner. Ein deutscher Junker und nicht ein Kämpfer, so etwas gibt es nicht!"
Linthardt, der gleich dem Pfarrer sehr gut Französisch sprach, hatte das wohl verstanden, und diese Worte des Franzosen trieben ihm die Schamröte in das Antlitz. Also nicht einmal der Feind hielt es für möglich, daß es einen, deutschen Junker gäbe, der nicht mit gegen ihn kämpfte!
Der Oberst wandte sich nun ausschließlich dem Pfarrer- zu. Mit beißendem Hohn sagte er: „Nun, edler Gottes- manit, Sie kommen mir wie gerufen! Woher sind Sie?"
„Ich sagte es bereits, aus Heidehorst-I"
„Heidehorst, wo liegt das?"
„Etwa drei Stunden von §ierv. \ K „In welcher Richtung?" > h ’ ■ x x Tempel schwieg. > ■> ' ?
„Hören Sie schlecht? In welcher Richtung liegt Hcidc- horst?"
„Suchen Sie es selbst, wenn Sie es wissen wollen. Es ist nicht meines Amtes, den Feind im Heimatlande zurechtzuweisen!"
Der Oberst psiff durch die Zähne und sagte dann mit rohem Lachen: „Aha, also ein sogenannter Ehrenmann, was?.! Na, nur Geduld, mein liebes Pfäfslein. Der drohende Tod hat schon manchen gefügig gemacht!" Dabei sah er den Pfarrer mit einem stechenden, harten, lauernden Blick an. Aber Tempel zuckte mit keiner Wimper. Mit seinen großen, reinen, gütigen Augen schaute er den Franzosen offen flit; ja, ein schwaches, fröhliches Lächeln schien sein durch die Aufregung der letzten Stunden geblaßtes Gesicht zu röten und mit einer gewissen Verklärung zu umkleiden. Und der Oberst Hub wieder an: „Meine Zeit ist kostbar, Pfäfflein. Also nicht lange Worte. Hören. Sie, was ich von Ihnen will: Ich soll mit meinen Regimentern nach Tiefenbach, um mich dort mit anderen Truppen zum gemeinsamen Losschlagen zu vereinigen, muß morgen in aller Frühe unbedingt dort sein, habe aber die Heeresstraße verfehlt. Ihre Ausgabe ist es nun, mich auf dem kürzesten Wege nach der Heeresstraße und dann bis in die Nähq von Tiefenbach zu führen. Können Sie das?"
„Tas könnte ich wohl!"
„Aber?"
„Aber ich tue cs nicht!"
„Grund?"
„Ich bin kein Verräter!" sagte Tempel mit schlichter Hoheit.
„Noch nicht, noch sind Sie kein Verräter," lachte der Oberst höhnisch und wandte sich dann zum Adjutanten: „Rufen Sie ein Dutzend Grenadiere mit ihren Waffen!" Und zu Pfarrer Tempel sagte er: „Ich lasse Ihnen drei Minuten Zeit. Hören Sie — ich spaße nicht! — Ich bin Lehaire, der harte Oberst, wie mich die Welt nennt, und der Mensch hat nur ein Leben!" Dann wandte er sich ab und trat zu einigen höheren Offizieren.
(Fortsetzung folgt.)
hessische Truppen unter Napoleons Zahnen im Jahre W-’1
Von Tr. H. B c r g e r - Gießen.
IV. B o m Ende des P o i s ch w i tz e r W a f f e n st i l l sta nd e s bis Leipzig.
(15. August bis 16. Oktober 1813.)
Ter Waffenstillstand von Poischwitz war am 10. August abgelaufen. Mit dem Glockenschlag 12 Uhr nachts ging der Kongreß in Prag auseinander, ohne den Frieden zustande gebracht zu haben. Feuerzeichen aus den schlesischen Bergluppen verkündeten die Fortsetzung' des Krieges. Nur noch 5 Tage Panse, dann sollten die Feindseligkeiten wieder beginnen. Am 12. August erfolgte Oesterreichs Kriegserklärung an Frankreich und sein Beitritt zur Koalition. Tas numerische Uebergewicht war nun auf Seite der Verbündeten. Ihre Truppenverteilnng bot jolgendes! Bild:
Tie N o r d a r m e e der Verbündeten befehligte der ehemalige Marschall Bernadotte, jetzt Kronprinz von Schweden. Ihm waren unterstellt: 25 000 Schweden unter Feldmarschall Stedingk, 19 OÖÖ Russen unter Wintzingerode, 82 000 Preußen unter Bülow und Tauentzien. Dazu kamen noch 30 000 Mann in englischem Sold unter Wallmoden bei Hamburg. Das Kontingent des Nordens stellte also eine Heeresinacht von 156 000 Mann. In Schlesien standen unter dem Oberbefehl von Blücher 123 000 Mann; die einzelnen Korps wurden von Sacken, Langeron und Borck geführt.
Tie böhmische Armee in einer Stärke von 150 000 Mann, meist Oesterreichern, befehligte Fürst von Schwarzenberg, dem später, nicht zum Vorteil des Ganzen, die gesamte mm- tärische Oberleitung aus politischen Räcksichteit eingeräumt werden wußte. In Linz stand Fürst Reust mit 25 000 Oesterreichern gegen Bayern, in Steiermark General Hiller mit 40 000 Mann gegen den Vizekönig von Italien. Tie Hauptmacht stellte also Oesterreich mit einem Truppeitkörper vvy 215 000 Mann.
Tie Napoleon zu Gebote stehenden Streitkräfte waren folgendermaßen verteilt: In Hamburg standen 30 000 M mut unter Marschall Dämmst, dem Herzog von Eckmühl, in Danztg 30 000 Mann unter Marschall Rapp. 60 000 Mann unter Oudtnot, dem Herzog von Reggio, sollten gegen den Kronprinzen vonSchweoen
*) Benutzt: Akten des Harns- und Stgats'archivs #1 Darmstadt.


