Ausgabe 
7.7.1913
 
Einzelbild herunterladen

LMU

a MsRu

y A yW Ä B

L® 6 I rw.

Die Flsmmenzrichen rauchen.

Roman aus dem Jahre 1813

vvn MÄx Karl B ö t t ch er - Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Stumm stand der Pfarrer 'beiden gegenüber. Linthardt erhob sich -und zog Toinette sanft empor und legte, wie schützend, seinen Arm um sie. .Aber Toinette machte sich los, küßte Linthardt auf die Stirn und ging mit einer leisen Verneigung am Pfarrer vorüber und hinaus.

Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte der Pfarrer:Herr von Altenlohe, ich bringe Ihnen einen Brief," und überreichte. Linthardt das Schreiben, das ihm der Bote zur Besorgung übergeben hatte. Linthardt warf einen Blick darauf und murmelte:Der Gräfin Sjorsch Handschrift!" und riß es hastig auf. Eine Bankanweisung flatterte, von Linthardt unbemerkt, auf den Tisch und blieb dort offen liegen. Der Junker selbst las den Brief, und Tempel, der nun -einen Blick auf den Bankzettel warf, sah in Buchstaben die Zahl: Dreitausend Gulden courant. Je Wetter Linthardt las, desto heller wurde sein Antlitz,, das ver­trocknet und um zwanzig Jahre älter aussah, als er war. Dann, als er zu Ende gelesen hatte, wandte er sich zum Pfarrer:Ich -danke Ihnen, Herr Pfarrer, Sie brachten mir fröhliche Botschaft!"

Ich brauche nicht Ihren Dank, Junker. Nur eins wollte ich noch zu Ihnen sagen: Ihr Leben ist in Gefahr. Nicht mehr lange vermag ich den glühenden Haß und den wilden Zorn der Dörfler zu fesselu. Soeben erst hielt ich sie zurück. Sie wollten zu Ihnen, Junker!"

Ha, sie mögen kommen, Herr Pfarrer, ich habe gute Waffen und fürchte mich nicht. Und hier," -er zeigte auf den soeben erhaltenen Brief,schreibt mir die Gräfin zu Storsch-Pisek, eine reiche und angesehene Gönnerin von mir, daß in wenigen Tagen zu meinem Schutze und zu meiner. Hilfe ein Dutzend fester Männer von ihren Giitern, galizische Leute, eintreffen werden, und hier," er suchte die Bank­anweisung,schickt sie mir dreitausend Gulden, um Vieh an­zukaufen und die Felder zu bestellen, soviel in diesem Jahre noch möglich ist. Sehen Sie, Herr Pfarrer, nun ist das schlimmste vorbei. Ich habe treu ausgeharrt und . . ." Er hielt inne, denn er sah, wie sich Tempels Gesicht ent­stellte.Was ist Ihnen, Herr Pfarrer?"

Temvet zitterte am ganzen Körper, so packten ihn Zorn und Abscheu, aber er hielt an sich, mit übermenschlicher Ueberwindung kämpfte er das nieder. Hier galt es nicht zu strafen, sondern zu helfen, zu bessern. Was, fremde Menschen wollte er in das Dorf bringen, mit fremdem Gelbe gewissermaßen einen Krieg int Kleinen führen, und das misten irr wilder Krieaszeit?!Ich kann hier nicht länger

bleiben, Junker, aber ich muß mit Ihnen reden, wollen ©i mich ein Stück begleiten?"

Linthardt zögerte erst einen Augenblick, dann sagte er: Ja, auch mir wird die Luft gut tun!" Der Junker nahm den Brief und den Kassenzettel der Gräfin und steckte beides zu sich, dann hob er die Pistole auf und schob sie in seine Tasche, nahm Mantel, Hut und Stock, und nun schritten sie beide über die Korridore, dttrch den Park und gingen querfeldein.

Erst stumm und schweigend, dann begann der Pfarrer zu sprechen, warm und eindringlich, manchmal fast flehend, manchmal fordernd und zürnend. Was er gesprochen?! Nie wird das jemand erfahren. Lange, lange schritten sie durch die Fluren, sie wußten nicht, wohin ihr Fuß sie trug, und als der Mond sein fahles Licht über die Heide schimmern ließ, mochten sie weit, weit vom Dorfe entfernt sein.

Da rief sie ein barschesHalt!" an. Sie stutzten und standen still. Zwei französische Soldaten, das Gewehr auf sie gerichtet, standen vor ihnen. Pfarrer Tempel faßte sich- zu­erst.Was wollte Ihr?" fragte er auf-Französisch.

Sie antworteten:Folgt uns, wir müssen Euch zum Kommandanten bringen!"

Was soll das heißen? Wir sind friedliche Menschen hiesiger Gegend und"

Eben solche braucht der,Oberst Lehaire. Also kommen Sie mit uns! Strätiben macht uns und Ihnen nur Un- 9 eichen feiten \u

Da ging der Pfarrer mit ihnen, und der Junker schloß sich an. Einer der Soldaten schritt voran, dann folgten nebeneinander Tentpel und Linthardt, und einige Schritte hinter ihnen ging der zweite Soldat mit schußbereiter Waffe. Versuchen Sie nicht zu fliehen, ich müßte sonst auf Sie schießen," bedeutete sie der nachgehende Soldat noch, und nun ging es wohl zwanzig Minuten querfeldein.

Tempel und Linthardt gingen schweigend dahin. Int Pfarrer stieg eine fürchterliche Ahnung auf. Sicher hatte sich eine französische Abteilung verirrt und nun Posten aus­gesandt, um nach ortskundigen Einheimischen zu fahnden, die sie den rechten Pfad oder nach dem gewünschten Orte führen konnten. Er wußte jetzt genau, wo sie waren. Rechts von ihnen lag der Hügel, auf deut vor einigen Wochen jenes Gefecht stattgefunden hatte, das durch das Eingreifen der französischen Leibhartschiere, durch ihren Ansturm auf die preußische Artillerie zu einem Blutbad wurde, für den großen Krieg und die Weltgeschichte allerdings nur ein unbedeutendes, namenloses Gefecht. Da links unten lag das berüchtigte Heidemoor, grün wie eine Wiese, aber unter seiner schlichten Decke furchtbaren Tod bergend.

Auch Linthardt hatte sich bei dem schweigenden Marsche in der Gegend zurechtgefunden. Aber er achtete nicht weiter darauf. Die Worte des alten Pfarrers, die dieser auf ihrem nächtlichen Jrrgang zu ihm gesprochen hatte, hattett ßu seinem Herzert Wurzel geschlagen, besonders der letzte Mahn­ruf Tempels, ehe die Soldaten ihnen entgegentraten, die