Ausgabe 
7.6.1913
 
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mit Einrichtung zur Bewässerung versehen werden. In den Zeiten primitiver gesellschastlicher Ordnung war der Wer Gesamt- besitz des Stammes oder der Gemeinde; der Garten aber gehörte dem zu eigen, der ihn. eingefriedigt und bestellt hatte, und so hat sich aus dem Besitze des Gartens das Grundeigentum eitttoi:Mt. Dem schlichten Naturgesühl der Vorzeit erschienen alte, ehrwürdige Baume als Wohnsitze der Gottheit; dann wurde ein mit Bäumen bepflanzter Bezirk einem Gotte geweiht und durch eine Mauer von der profanen Welt abgeschlossen. Als später die Kunst sich an höhere_ Aufgaben wagte, wurde dann mitten im Haine der Tempel mit dem Bilde Gottes erbaut. In solchen geheiligten Hainen lustwandelten die Bürger im Schutze des Gottesfriedens, wenn sie vor den Toren der Stadt die frische Luft genießen wollten. Aus den Tempelhainen gingen die öffentlichen Anlagen der antiken Städte hervor, in den Tempel Hainen ist die Philosophie Griechen­lands ausgewachsen.

Bevor sich aus griechischem Boden ein selbständiges Kultur­leben entwickelt hatte, waren schon Jahrhunderte vorher von den Sultanen des Orients Gärten in den Umgebungen ihrer Pa­läste angelegt worden, deren Ruhm in der Sage und in der Poesie fortlebt. Von den hängenden Gärten der mythischen Semi- ramis, die das Altertum zu den sieben Weltwundern zählte, ist mir ein mächtiger Trümmerhaufen am Euphrat übrig geblieben. Die. Paradiese der persischen Großkönige gelten bis auf den, heutigen Tag als das lieblichste, was Natur und Kunst in einer Landschaft zu schaffen vermag, lieber die Gärten von Jerusalem hat das hohe Lied poetischen 8öeiz gebreitet, und wenn König Salomon in seinen Gärten wirklich neben Granaten-, Feigen-, Aepfel- und Nußbäumen, neben Weinreben und Palmen, neben Lilien und Narzissen, auch Beete von Balsampflanzen,Würz­gärtlein der Ilpotlseker, Cypcr und Narde, Weihrauch und Myrrhen­baum, Kalmus und Cinnamvn, Safran und Alos" pflanzte, so müssen dieselben reicher an botanischen Seltenheiten gewesen sein, als irgend ein Garten des klassischen Altertums.

Wie in Griechenland, so wuchs auch in Rom gegen Ende der Republik die Zahl der großartigen Gartenanlagen derart, daß sie in Italien den Ackerbau fast verdrängten. Tie meisten Gärten der römischen Kaiserzeit waren auf beschränktem Raum rn regelmäßigem Stil mit Terrassen und Treppenbauten angelegt, die hohe Gartenmauer durch gemalte Fernsichten entrückt oder hinter stufenförmigen Bnchsbaumhecken und rebeuumrankten Lnub- gängen verborgen. Gerade Alleen von Platanen und Lorbeer­bäumen, deren Stämme von Efeu umrankt waren und zwischen denen Statuen, Hermen, Vasen und andere Bildwerke schimmer­ten, führten hier zu einem von Säulen getragenen Dempelchen, dort zu einem, phantastischen Pavillon oder zu einem großen Marmorbassin, in das skulpturenreiche Springbrunnen ihr kühlen­des Wasser aus Löwenrachen ergossen. >Än Halbkreis schwarzer Zypressen oder Pinien umfaßte viereckige Beete von Violen, Mohn oder Iris, duftige Rosenparterres oder künstlich zugeschuitteng Buchsbaumfiguren. Doch umschlossen die Mauern von Rom auch Landschaftsgärten von ungeheurer Ausdehnung, in bewußter Nach­ahmung schöner Natursormen geschaffen, mit mannigfaltiger Ter- raiubeiveguug, künftlichen Hügeln und Flüssen, Wald und Rasen­plätzen, mit Tierpark, Volieren und Bauwerken aller Art aus­gestattet. Daß selbst in kleinen Städten dem einfachen Bürger­haus niemals ein Hausgarten fehlte, beweisen die Ruinen von Pompeji. Wer in Rom keinen eigenen Garten besaß, begnügte sich, Blumen vor die Fenster zu setzen, und Plinius beklagt die armen Blumen, die ohne Licht und Sonne in den engen Gassen der alten Stadt verkümmern müssen.

In der Sturmflut der Völkerwanderung gingen im Abend­land e vbne Zweifel die Gärten zuerst zugrunde. Als Rom äuf- hörte, die Hauptstadt der Welt zu sein, verlor sich auch bald der Wohlstand, dessen zu ihrer Blüte die Gärten mehr als jede andere Kunst bedürfen. Ein Rest römischer Gartenkunst fristete sem Dasem in den Klostergärten der Benediktiner, welche den Geschmack der regelmäßigen Beete, der rechtwinkelig gekrenzteü Alleen, tote sie in den Ländern des Mittelmeeres Mode waren Wer die Mpen trugen. Mich die Rosen und Lilien, die meisten Ktichen- und Urzneipflaiizen und die feineren, edleren Obstbäume, zugleich mit der Kunst ihrer Veredlung und Pflege, Würben; durch sie aus ihrem Muttergarten am Monte Casino in den Norden Europas verpflanzt. Glücklicher war der Orient; denn int byzantinischen Reiche, wo die Tradition der oströmischen Kultur ohne gewaltsame Katastrophe das ganze Mittelalter hindurch fort- e^halten blieb, erhielten sich auch in vielen Städten die Gärten und Anlagen bis in spätere Seiten. Als endlich int achtelt Jahr­hundert unter der Herrschaft der Araber eilte neue, glänzende Achltur sich entfaltete, die heute noch in den Märchen von 1001 Nücht fortleuchtet, da wurden die schönsten Gewächse des Orients nach Westen nt die Gärten der Kalifen verpflanzt. Die arabischen Gartm bestanden aus rechteckigen Blumenbeeten, die mit Rosen Und Ltltem mit Safsran, Narzsisen, Mohn und Levkojen bepflanzt und nut Salbet, Rosmarin und Lavendel eingefaßt waren. In den rechtwtnkeligen Kreuzungen der gepflasterten Wege standen Zypressen, Orangen- und Zitroneubäume; Reben wölbten schattige | Laubgänge. Im Mittelpunkt ergoß ein Springbrunnen in rau- I schenden Kaskaden kühles Wasser in ein Marmorbecken. Die äußere I Umgrenzung des Gartens bildete ein Gebüsch von Lorbeer, Buchs 1

und Myrte, von persischem Flieder und Poutischem Rhododendron, Oleander mit rosenfarbigen und Granaten mit feuerroten Blumen, 'n den Teppichbeeten bildeten Blumen in den verschiedensten Farben herrliche Zeichnungen und ganze Inschriften, in den Wasserbecken blühten rote, gelbe und blaue Lotosblumen.

snt 14 Jahrhundert in Italien jene wunderbare Zeit der Wiedergeburt aller Künste und Wissenschaften anbrach, da erhoben sich wieder bte lichten Bogenhallen, die heiteren Säulengänge der rvmtschen Architektur und verdrängten die düsteren Spitzbogen­gewölbe der Gotik, da boten die Trümmer der Villen und Gart en - anlagen der ehemaligen römischen Ritter den Leitfaden zur Restau- ratton, _ bte Gärten bes Altertums erblühten zu neuem Leben. So entstanden nach den Entwürfen der berühmten Künstler Bra- mante, Rafael und Angelo die italienischen Villen des Cinque­cento, bte sich in ihrer Malerischen und architektonischen Schönheit fast unverättdert bis in die Gegenwart erhalten haben. Freilich dauerte bte Blüte der italienischen Renaissance isicht lange. Schon zu Ende des 16. Jahrhunderts übernahm Frankreich die Führung tm Reiche der schönen und dekorativen Künste, die es bis auf den heutigen Tag sich zu bewahren gewußt hat. Auch in der Garten- kunst bewährte sich Paris als die Herrscherin der Mode und des Geschmackes. Zwar ist es von England in der Kultur von Schaft- Pflanzen und in der reichen Ausstellung der Gewächshäuser, von Deutschland itt der Züchtung von Florblumen, von Holland in' der von Zwiebelgewächsen, von Belgien in der Einführung bota- micher und floristischer Novitäten übertroffen worden, aber in der künstlerischen Verwertung des gesamten Gartenmaterials hat Frankreich seit Jährhunderten den Ton angegeben, tote auch heute Paris der Mittelpunkt des Marktes ist für all den herrlichen Blumenschmuck der prächtigen Blumenläden unserer Städte. . Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Garten- sttl der italienischen Renaissance auch nach Paris verpflanzt. Int folgenden Jahrhundert wurden aber fast alle Anlagen umgestaltet, nur der Garten des Luxembourg mit seiner Marmorkaskade/ ieinen Doppeltreppen und Steinbalnstraben, mit seinen gerad­linigen Alleen und seiner Statuengalerie hat sich erhalten. Unter Ludwig XIV. entwickelte sich auf allen Gebieten der Kunst aus der leichten Grazie der italienischen Renaissance der prachtvolle/ abe rschwülstige Barockstil, der in den großartigen Gartenanlagen,- die dieser Monarch durch Lenötre bei seinen Schlössern zu Fon­tainebleau, St. Germain, St. Cloud, Versailles, den Tuilerieft ausführen ließ, zu mustergültiger Gestaltung gelangte. Der Garten bildet, gleichsam als Erweiterung des Schlosses, eine Menge riesiger Säle, zierlicher Kabinette, langer Korridore, Arkaden, Kolonnaden, Theater, die durch hvchgewölbte Tore ober durch enge Pforten in Verbindung stehen. Der Fußboden ist mit einem grünen Rasen­teppich von unabsehbarer Länge belegt, die Wände sind mit gerade geschnittenen Laubspalieren, wie mit grünen Gobelins austape- ziert, mit marmornen Ruhebänken ausgestattet, mit Vasen und Statuen in verschwenderischer Pracht geziert. Ueberall waltet klare, architektonische Gliederung und regelmäßige symmetrische-Orb- nung. Am Silbe jeder Allee, jedes lauschigen Laubganges zeigt sich als Point de vue hier eine kleine Fontaine, dort eine Statup, eine Pyramide oder ein Obelisk, ein Tempel, ein Müsiksalon, ein Kasino, eine Gloriette ober ein gemalter Prospekt. Nach außen schließt sich der Garten Lenötre's in vornehmer Pracht durch ein monumentales Gitter ab und repräsentiert so die stolze Un­nahbarkeit der Majestät.

Auf das Zeitalter Ludwigs XIV. folgte die Woche Lud­wigs XV., auf das Barock das Rokkoko, das auch in den Gärteft des 18. Jahrhunderts seinen Ausdruck fand. Tie hohe Grandezza Lenötre's artete aus durch schnörkelhaft verschnittenes Hccken- toerf, durch verkünstelte Figuren des Parterres, durch phantastische Muschelgrotteii und kleinliche Wässerkünste, alles dies in Ueber- einstimmung mit der überfeinerten Dekoration, welche die Künstler des Rokkoko über die Budoirs und Salons ihrer Schlösser in üppigster Verschwendung ausgossen. In dieser Uebertreibung ist der altfran- zösische Garlenstil auch nach Deutschland gekommen und hat sich in einigen fürstlichen Gärten bis in die Gegenwart erhalten'. Viele Nachahmung fand er aber nicht, weil diese Gärten helft deutschen, Naturgefühl wenig sympathisch sind.

Als im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Frankreich die Reaktion gegen den Absolutismus begann, welcher nicht bloß den Geist des Volkes, sondern auch die Natur in Fesseln ein­schnürte und selbst den Bäumen die Freiheit verkümmerte, als man in Bewunderung der schönen Natur bie Entdeckung gemacht hatte, baß die Schweizer Alpen eine schöne Gegend und ein würdiges Reiseziel seien, da erschien die Unnatur der .Rokkokvgärtcn, die nur für den Prunk eines korrumpierten Hofes geschaffen schienen, unerträglich. Man ließ die Bäume wieder wachsen wie sie woll­ten, aber man beseitigte zugleich mit ben geschorenen Hocken auch die Alleen und BluMenparierres. So entstanden beim die Naturgärten der Zopfzeit mit ihren melancholischen Seen und ihren getouitbenen Waldwegen, die in rascher Folge von einer Einsiedelei zu einem griechischen Tempel, von einer Mooshütte zu einer Moschee führten. Dauernden Gewinn brachte diese Periode der Gartenkunst dadurch, daß durch Freistellen einzelner Bäume und Baumgruppen der Sinn für die malerische Schönheit un- verstüMmelter Baumkronen wieder geweckt, und daß durch die gleichzeitige Einführung ausländischer Arten das Material ver­mehrt wurde, über das die Gartenkünstler verfügen konnten.