Ausgabe 
7.5.1913
 
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Gegeneinander, wenn auch voll Entrüstung und Groll gegen pie anderen begegneten.

Hildegard hörte mit regem Interesse, wie eifrig ihre Tischgenossen über Stücke und Micher und Bilder ihre Meinungen austauschten. Sie schämte sich ja allerdings, daß sie noch so wenig gesehen und gelesen hatte, die ve- rühmtesten Männer kaum dem Namen nach kannte,. selbst so gar kein Urteil besaß und nur schweigend die Be­hauptungen der Herren hinnehmen mußte, aber mit dem Heißhunger der Jugend nach Wissen, nach neuen Horizon­ten, nach Belehrung, genoß sie auch diese Anregung, die ihr neues Leben brachte, mit warmer Dankbarkeit und und freute sich, wenn ihr Vater, der ja oft trod} recht zerstreut vor sich hinträumte, sich and) einmal an der Unter­haltung beteiligte und seine Meinung geltend machte.

Ja, sie fühlte mit.prickelndem Entzücken, daß sie jetzt draußen stand vor der hohen Mauer, die sich um die Familie Bernhobler herumzog, daß hier ft eiere Luft wehte, daß das Leben reicher flutete und so groß und mannigfaltig und brennend interessant schien, wie sie es sich nur immer geträumt hatte in ihrer Sehnsucht, aus der engen Um­friedung zu entweichen. 1

Eines Tages, als.sie nach einem Mittagessen in der Stube, in die sie ein* rascher Regenguß getrieben, den Kaffee im Obstgarten tranken, wert es wieder wunder­bar sonnig geworden, kam ein neuer Gast.

Für Hildegard blieb diese Stimmung des Mainach- mittags unvergeßliche <

Es war ein solches Glanzlicht in der Luft, so leuch­tende, große weihe Wolken schwammen auf deni tief­blauen Himmel. Ter See war vom Ostwind! stark bewegt, weiße Wellenkümtne brandeten an das User, und die Berge lagen in solcher Klarheit, daß man die noch weiß be­schneiten fernen Spitzen des Watzmann und des Göll zu erkennen vermochte. Auf der Wiese funkelten die Gräser nach dem Regien und es roch köstlich nach dein sriihjährlichen Boden.

Ja, Grüß Sie Gott, Reichmann!" rief Steinberger plötzlich aufspringend, so rasch seine Korpulenz ihm das erlaubte.

Schön, daß Sie sich wieder herfinden in dieses Idyll," sagte mich van der Decken Mit einer gemessenen Höfliche tot.

Hildegard hatte sich eben zu einem jungen Kätzchen herabgebückt unb ihr das weiße Fell gestreichelt.

Nun hob! sie die Augen, ein freudiges Erschrecken durchzuckte sie, färbte ihre Wangen glühend rot.

Auch der junge Mann, der nun näher getreten war, starrte sie an, mit einem ganz fassungslosen Erstaunen.

Wie im Traum nur schien er zu hören, daß Stein­berger ihn vorstellte:

Herr Emanuel Reichmann| Herr Holst!" daß dieser lebhaft rief:

Ei, mein junger 'Kollege! Ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen. Habe schon einige Ihrer Arbeiten ge­sehen, die ich sehr bewunderte."

Reichmann murmelte geistesabwesend ein paar Worte, verbeugte sich ganz mechanisch.

Er schaute nur immer aus das junge, glühende Mäd­chengesicht und seine warnten, braunen Augen schienen zu sagen: Hier treffe ich dich, du lang und oft suchte! Ist es möglich? Ist es Wahrheit?

Meine Tochter!" stellte Holst Hildegard vor.

Das Wort steigerte nur ReickMünns fassungslose Ueber- xaschung, seine augenfällige Sinnverwirrung.

-Ich wußte nicht,i ich hatte keine Ahnung," stam- Melte er mit einem Lächeln, das sein frisches Gesicht sehr anziehend! und liebenswürdig machte.daß gnädiges Fräulein einer KünftlerfatMie angehören. Ich' sah Sie ein paarmal in einer mir ganz fremden Umgebung. Ich, freue mich so über alle Maßen, - ich Sie nun hier be­grüßen darf!" i

ftNicht wahr, so ein knorriger alter Einsiedler wie ich hat ein so fröhliches, blühendes Kind?" lachte Holst Mit glücklichen Augen. l

-/Ich erinnere Mich auch- daß ich Sie im Theater gesehen habe, intMeister von Palmyra"," sagte Hildegard mit ihrer natürlichen Aufrichtigkeit.Das Stück hat mir einen so tiefen Eindruck gemacht."

O, es war so wohltuend- dieses begeisterte Gesicht Unter all den Gelangweiltem Mgsierten, bie viel lieberTas

weiße Rößl" oder dieFledertn'aus" zum soundsovieltes Male gehört hätten, als das gedank'eutiefe Werk eines Dich­ters," rief er lebhaft.

Reichmann wurde aufgefordert, bei ihnen Platz zu nehmen. Die Wirtin begrüßte ihn wie einen Stammgast.

Aus einem Karren wurde ein Koffer gebracht, dazu Staffelei und Malntensilien.

Bravo, Reichmann! Sie wollen sich also wieder häus- lich niederlassen?" sagte Steinberger.

Hildegard stieg eine warme Röte in die Wangen.

Man blieb länger als sonst beim' Kaffee sitzen. Es plauderte sich so hübsch in der wohligen Maiensonne bei Vogelgezwitscher unter den blühenden ObstbäuMen.

Und Hildegards Augen glänzten, als der Vater später- auf dem kurzen Weg! zu ihrem Bauernhause, mit lebhafter! Anerkennung bemerkte: (

Ein fabelhaft geschickter Mensch, dieser ReichMauu!," I 13.

Hildegard stand mitten in der Wiese, und die Bauern-« linder umringten sie und schauten mit erwartungsvollem seligen Augen M. der Tüte auf, die sie in der Hand hielte aus der sie der Reihe nach Zuckerbrezeln verteilte.

Es sah ungemein lustig aus: die blonden und braunen Kinderköpfe, und zwischen ihnen die sck)lanke, helle Mädchen-, gestalt in dem lichtblauen Waschkleid und ringsum Mai und Bsumen!

Reichmann, der von weitem die Szene beobachtete, hatte zu zeichnen versucht.

Aber wie Hildegard dann lachend einem der SitBcii die weiße Tüte auf den Kopf stülpte und sich der zudring-i Itdjcn Schar lustig entwand- da sank der Bleistift aus seiner Hand und er schaute nunmehr mitlacheud, mitjubelnd, wie die,Kinder an ihrem Gesicht hingen.

Fleißig? Sogar am Sonntag?!" rief sie ihm lachend zu'.

Es ist ja wahr! Sonntag, da hat der Mensch doch die schönste Ausrede, nick)ts zu tuu!" meinte er vergnügt. Darf ich nicht nach einem Kahn suchen, gnädiges Fräu- lein, und Sie spazieren rudern? Es ist zu schön heute morgen, die Berge sind von einer Klarheitft

O gern, ich hole nur meinen Hut!" (Fortsetzung folgt.)

Die vier Iolantherr.

Eine Erzählung ans Deutschlands eiserner Zeit von Max Karl Böttcher-Chemnitz. s

Hallo, Herr Erbförster!---Hat er nicht drei Söhne?"

Tobias Jolanther, der am! Wildgatter stand nnd einem' jungen Reh etliche Brocken reichte, wandte sich mm Am Gartentor der Bergförsterei lehnte ein Mann in Reisekleidung, bestaubt nnd er­müdet, sah aber trotzdem erwartungsfroh zu dem alten Jagdmanne über den Zaun. 1

Mer seid ihr und was soll diese Frage?"

Man erzählte Mir, daß ihr der gastfreieste Mann und dazu der gütigste int ganzen Gebirge seied. Mir scheint, ich bin schlecht berichtet." 1 '

Freund! Gastfrei und gütig?! Ja, das bin ich tvohl ge­wesen! Aber man verlernt das in diesen Tagen."

In diesen Tagen?! Sind sie so schlecht?"

Ihr sprecht deutsche Zunge und scheint doch landfrentd zu sein und nichts zu wissen von den Greueln der letzten Jähre. Und doch, deucht mich, schreit Deutschlands Not und Knechtschaft weit über die Grenzen bis ins Welschlaud und über die Meere."

Ja, ja, die Not ist groß, oder war groß, 'denn es kommt besser. Habe viel von Deutschlands Unglück gehört, habe auch ge­hört, daß Napoleons Stern im! Sinken ist, Russische Külte und Alexanders Kosakeir haben seinem Siegestaumiel ein Halt geboten, Und nun noch einmal die Frage: Habt ihr nicht drei Söhne?"

Seltene Frage! Jeder im Umkreis von drei Meilen weiß- daß der fürstlich Pleßsche Erbförster Tobias Jolanther drei Söhne hat. Und was svll's mit diesen?"

Da lachte der aM Zaune auf und rief:Und sie wissen es alle falsch, Herr Erbförster." Deins Alten kant eine Angst an und er fixierte den Frager scharf. ---Ja, was soll denn

das heißen? Oder wißt ihr es besser?"

Das will ich meinen! Herr Jolanther hat der Burschen vier."

Geht ! Ihr seid hart! Ihr wißt etwas und wollt mich quälen. Kommt herein und berichtet."

Ist schnell berichtet! Also habt ihr vier?"

Nein, ich hatte vier. Mein ältester aber, der Valentin- ging als Jüngling in die Welt. In ihm steckte das heiße Blut der Mutter, die eine Italienerin war. Ihm gefiel das herzliche, ein­same Leben in unseren Wäldern nicht, die Pirsch war ihm nichts