Ausgabe 
6.12.1913
 
Einzelbild herunterladen

763

der Führung der Stiemen; auch Ellen, die auf dein Watze des Steuermanns sitzt, hat das Ruder aus ihrer Hand ge­lassen.

(Fortsetzung folgt.)

Im voMbeig.

Bon Th. Ccl l ari us.

Mein Kinderland.

(Fortsetzung.)

Wenn des Frühlings Odem mild über das Gebirge strich, durste ich, das kleine Mädchen, das bis nach seinem zurückgelegten sechsten Lebensjahr einer zarten Gesundheit halber den Winter über meist ans Haus gefesselt war, hinaus ins Freie. Dann lebte ich auf in unbewußter Freude am Frühling, der feine, Reize endlich auch über das herbe Gebirge gebreitet hatte:, nicht üppig und ver­schwenderisch, aber unendlich zart und lieblich. Ich dachte nicht nach über all das neue Leben, das mich umfing, aber ich lebte und er­starkte darin. Von der Schönheit meiner Heimat wußte ich nichts zu sagen, aber gerade so, wiie sie mar, liebte ich fie;: wenn ich auch früh während des Aufenthaltes bei den Großeltern begreifen lernte, daß es gesegnetere Himmelsstriche gibt, als der, unter wel­chem ich zuhause war. Ich freute mich am Sonnenschein, an grünen Wiesen, an Blumen und jungen Tieren, an allem einzelnen in der Natur, was ich erfassen konnte, denn die Welt des Kleinen war noch 'm eine ganze Welt. Und unbewußt freute ich mich einer. Frei-, heit der Bewegungen, welche heute nur wenige Kinder genießen; denn ohne die Sorge, mit welcher die heutigen Eltern die Schritte ihrer Kinder bewachen müssen, konnten die meinigen uns Ge­schwister durch Wiesen und Fluren ziehen lassen auf Wegen, Ivo zwischen Hecken und Feldrainen immer etwas Köstliches zu finden war: Veilchen oder Sommerblumen, Schneckenhäuschen und Beerenfrüchte; und wenn es die letzteren nicht gab, nahmen wir «auch mit der grünen Frucht einer ganz niederen Malvenart, mit den Kaschen" sürlieb, deren einziger Vorzug in ihrer Unschädlich­keit bestand.

Unsere tätige Mutter, welcher durch den kinderreichen Haushalt und ganz besonders auch durch die Landwirtschaft eine Fülle von Arbeit erwuchs, war darauf angewiesen, uns Kinder frühe an Selbständigkeit zu gewöhnen. Es ist dadurch keines zu Schaden ge­kommen! Aber ganz ohne Schrecken ging eZ doch nicht ab: So zum Beispiel als mein zweijähriges Brüderchen, von dem vier­jährigen geleitet, über einen steilen Rain, mit welchem die Wiese hinter dem Haus abschloß, Veilchen pflücken wollte und dabei, zu Fall kam, ohne daß es sich wieder aufrichten konnte! Der Vier­jährige lief zur Mutter, kounte aber vor Weinen nur des Brüder­chens Namen stannneln! Man denke sich die Angst der Mutter, mit welcher sie nach dein Kleinen lief, den sie Kopf unten, Beine oben, leise weinend, aber unverletzt ani Rain liegend fand; und zwar über einem Vrünnchen, in dem er zwar nicht hätte ertrinken können, denn die einzige Röhre desselben war mit einem Stöpsel ver­schlossen, damit nichts von seinem köstlichen Naß, das allgemein als Trinkwasser für Gesunde und besonders für Kranke hoch geschätzt wurde, verloren ging; aber seine Lage war doch eine bedenkliche, denn wenn er nicht dank seines geduldigen Temperamentes ruhig liegen geblieben wäre, bis die Mutter kam und ihn wieoer a"i bie Beine stellte, wäre er höchstwahrscheinlich auf die Stein­platten gestürzt, welche die Vertiefung vor dem Brünnchen deckten.

Auch jetzt, wo die Busenbörner eine Wasserleitung haben,, wan­dern sie noch immer mit ihren hölzernen Trinkgefäßeir, den Gelzen, die auch mit ins Feld genommen werden, zum Wiesenbrünnchen, , denn so gut und so heilträftig, wie dessen Wasser ist, gibt's keines mehr"! Unser Pfarrhaus, ein Fachwerkbau, der, wie ge,agt, m- initten des Dorfes stand, hatte ebensowenig wie die Bauernhäuser einen abgeschlossenen Hof. Das erleichterte den Verkehr mit den Rachbnrskindern, der von uns Geschwistern eifrig gepflegt wurde. Nicht nur zwei artige Mädchen aus dem gegenüber liegenden Bauernhaus spielten mit uns, sondern auch die Kinder ans den Hütten der Armut. Niemand aber soll denken, die mit deir Kmdern schlichter Leute aufwachsenden Pfarrkinder wären ohne Standes- bewußtseiu! Im Gegenteil: indem sie schon in der .Kinderstube eine bessere, den Verstand und die Phantasie mehr anregende Erziehung erhalten als die anderen Kinder ihrer Umgebung, .ergibt es sich von selbst, daß sie in der Schule den ersten Platz einnehmeir und bei gemeinsamen Spielen die Führerrolle erhalten. Das nehmen sie auch als etwas ganz Selbstverständliches an; und das Psarr- töchterlein fühlt sich in aller Unschuld als Dorfprinzefsm! Erst wenn die Weltluft diesen Kindern um die Nase weht, wird gewöhn­lich ihr Selbstbeivnßtsein auf das richtige Maß beschrankt

Neben dem Pfarrhaus stand ein immer fließender Röhren­brunnen, dessen Abwasser in einen mit Wasserlinsen bedeckten, un­heimlichen kleinen Teich, genannt die Kaute, floß, vor dessen ge- sahrbringender Nähe man alle Kinder warnte: weil, so sagte man uns, der Krappemann darinnen säße und auf die Stu wer lauere, die ihm zu nahe kämen, um sie hinunter zu ziehen.

lieber dieser Kante stand ein kleines Haus, dessen drer Bewoh­nerinnen Vertreterinnen ebensovieler Generationen etwas Fremdartiges an sich hatten. Merkwürdig war allein schon der Umstand, daß sie zu einer Zeit, wo kaum eine Busenbörnerin über

Spielen Weiter- ernsten

Frenn- junger

Bruders war int Grunde die Kehrseite einer Tugend: der­ber Beharrlichkeit, die er frühe im Spiel. z. B. beim mit dem Baukasten, das für ihn den Reiz enter stetigen entwickelung seines Könnens hatte ; und später den Aufgaben des Lebens gegenüber betätigt hat. . _

In der unteren Dorfgasse wohnte eine meuter besten binnen: bas Grittche. Sein Vater, damals noch ein Mann, war Bürgermeister; und als ich ihn in der zweiten Halste der achtziger Jahre hochbetagt wiebersah, verwaltete er dieses Amt immer noch. Ausgezeichnet durch seine Intelligenz und einen wohl­wollenden. biederen Charakter, besaß er bas Vertrauen seiner Mit­bürger und die Wertschätzung der Behörden in der Kreisstadt bis hinauf am Ministerium zu Darmstadt. .,,

In seinem Familienleben blieben ihm schwere Schicksale nicht erspart, bie er aufrecht mit Standhaftigkeit und entern bem Ewigen zugeweubeten Sinn ertrug. Von seinen bret Kindern, lauter Töchter», war nur bie älteste tadellos gewachsen tote er. Nur sre ist Hausfrau und bie Stammutter gesunber Nachkommen geworden, deren sie sich zurzeit noch erfreut. Ammiche, sein, zweites Kind, war verwachsen, und Grittche hatte ein lahmes Bem. Aber ivah- renb bas Erstere als ein stilles, über seine Jahre hinaus gesetztes Kind in meiner Erinnerung steht, kann ich nur meine kleine Spielkameradin, Grittche, nur heiter und bewegltch vor,tcllcm. Un­gehindert durch sein lahmes Bein, nahm es an unseren Spielen und Streifzügen durch Wiesen und Felder teil; und wenn ihm auch im späteren Leben manches versagt bleiben mußte, so hat ihm doch die Erinnerung an eine sröhltche Kindheit das Herz jung erhalten und es zur verständnisvollen Freundin der Ktnber- lucit gemacht. ' ,, .

Es kommt im Torfe selten Vor, daß jemaitb ledig bleibt und nicht seinen vollen Anteil am natürlichen Menschenlos erhalt; und ick bezweifele nicht, baß auch Grittche und Amunche als achter einer angesehenen, 'begüterten Familie sich trotz allem hatten ver­heiraten können; aber sie haben das bessere Teil erwählt, mdem sie lebig blieben.

ihre nächste Umgebung hinaus kam, Reisen gemacht hatten: das heißt, in Nürnberg gewesen waren. Aüky int Aeußerti war die Großmutter die alte Rainhöwern, allen anbereit Frauen un­ähnlich, so daß anztmehmen ist, daß fremdes Blut in ihren Adern floß. Wenn ich mir ihr Bild vergegenwärtige, steht es wie das einer alten Frau ans bem Süden vor meiner Seele; und ihre Enke­lin, bie-Stiiline, ein Kind meines Alters, glich ihr auffallend. Ihre Tochter, die Raiithöwers Kathrine, dagegen war ein kleines, zartes, sehr hellblondes Frauchen. .

Wie diese Leute mit Busenborn zusammenhingen, ob die Väter der Karline und Kathrine gestorben waren, oder was es sonst für eine Bewandtnis mit ihnen hatte, ist mir nicht bekannt geworden. Es hat mich damals auch nicht im mindesten interessiert! Desto mehr allerdings ihr Nürnberger Spielzeug, von dem sie die schönsten Stücke in einem Schrank anfbewahrten, den die alte Rainhöwern eines Tages öffnete,, um mir, nachdem fie mir alle Schätze gezeigt hatte, eine Pnppenkommode zu schenken, mit welcher ich beglückt nach Hause ging.

Unweit des Pfarrhauses stand auch das Hans eines Mamtes, der sich, wie mein eigener Vater, in drei Berufsarten betätigte. Er war Weißbinder, Landwirt und Kirrnesrnusikant. Als letzterer benützte er zwei Geigen, die in seiner Wohnstube an der Wand hingen; und diese harmlosen Instrumente haben mir fein Haus und ben Verkehr mit seiner kleinen Tochter verleidet! Ich wurde nämlich bei ihrem Anblick die Furcht nicht los, es könnte darauf gespielt werden; und während ich Blasinstrumente und Klavier- fpiel gern hörte, peinigte der Ton von Geigen und Flöten meine Gehörnerven derart, daß ich diesen Dingen aus dem Weg ging wie bösen Hunden. Ob es dasselbe gewesen wäre, wenn ich Ge­legenheit gehabt hätte, von Künstlerhand eine Stradivari spielen zu hören, muß dahin gestellt bleiben.

Auch das Nervenshstent vieler Der eben genannten itiere reagierte grabe so, wie es oas meinige während meiner ersten Lebensjahre getan hat, auf bie gleichen Töne. Das konnte , ich merken, wenn ich bei beit Großeltern zu Besuch war: Dem Klavter- spiel der Großmutter hörten bet Hund und ichganz anstaubtg zn, aber sowie meine beiden jungen Onkels ansingen nut ber Violine unb mit ber Flöte zu musizieren, fing ber Hund an zu heulen und ich zu fdjreicn. Das Konzert kam erst zustanbe, nach­dem ivir beide, hinweg gebracht worben waren. .

Mehr Last als meine Eigentümlichkeit hat Eltern unb Grotz- ettern bie meines Brubers gemacht. Sie bestanb in einem hart­näckigen Beharrenwollen beim Alten. Nicht nur neue Gebrauchs- gegenftänbe waren ihm verhaßt, fonbern auch jebes neue Kleidungs- sttick. Als er aus der Wiege in ein größeres Kinderbett umziehen mußte, weil ein kleines Wiegenkind im Anzug war, trug ihn ber Vater schlafend in das letztere. Staunend sah er fich am Morgen darin um, nahm aber doch die vollendete Tatsache schweigend hin. Jedem alten, löcherigen Skrohhut, den et nut einem neuen vertauschen mußte, weinte er heiße Tränen nach: mein Hut, mein Hut, hu, hn, hn".

Aber seine Verziveiflnug erreichte den höchsten Grad, als ihm zweieinhalbjährig ein schöner neuer Hosenanzug, bte, ersten Hös­chen, aufgezwungen wurden. Ich war bamals fünf ^ahre alt, kann mir aber heute noch ben schreienden Jungen und den Gegen­stand seines Jammers: das hübsche Kleinjungengewand, _em Pathengeschenk, gut vorstellen. Diese Sonderbarkeit meines ältesten Bruders war im Grunde bie Kehrseite einer Tngenb: der Tugend