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ist nett, liebe Schwägerin, daß bit wieder einmal hierher gekommen bist." , , . , ,, .■
Sabine hebt ihr hübsches Gestcht und sagt angenehm' überrascht: „Tie siehst brillant aus, lieber Schwager! Könnte ich doch auch nur meinen Adolf mehr an die frische Luft bringen: aber das ist ein Philister, eine wahre Haus- itnt'e; er muß immer in den ^erlstätten hocken und hat es doch wahrhaftig nicht mehr nötig."
, Ho, ho, ho, meine hochverehrte Frau Dechuer!" mahnt der hinter ihr stehende Haßlach beinahe erschrocken, »wachen Sie mir meinen Sozius nicht rebellisch! Auf seiner Pslicht- treue und Tätigkeit steht der Ruf unserer Firma; id} bin ein alter Manu und nichts mehr nütze, wenn er nicht für uns beide schafft, dann können ivir nicht mit Ehren bestehen." *
„Ach Gott, Herr Haßlach," wirft Frau Mieseke dazwischen (sie sitzt neben Frau Lampert an einem mit. ganzen Kucheubergen besetzten Tischchen itnb kaut eifrig auf beiden Backen), „verstellen Sie sich doch nicht so! Ihre Firma hat doch keine Konkurrenz mehr zu fürchten; wenn Sie wollten, könnten Sie dreist den ganzen Tag mit Herrn Dechuer spazieren gehen." 1
„Das sagen Sie so, Frau Mieseke," bemerkte nun Tech- ner behaglich lächelnd, „wir haben unseren festen Kundenkreis." Y ' .. , .
„Der täglich größer wird," fällt Sabine ergänzend ein, , neulich hat erst wieder eine Kapelle eines süddeutschen Regiments alle ihre Instrumente bei Haßlach und Dechner bestellt." ~.
„Pscht, pscht!" macht der alte Haßlach geschmeichelt, „eie werden doch unsere Geschäftsgeheimnisse nicht ausplaudern? Auch so schöne Lippen können einem schaden, wenn sie zu mitteilsam find."
Sabine beugt den Kopf hintenüber und sieht von unten nach dem hinter ihr schmachtenden alten Herrn gefallsüchtig in die Höhe: „Das ist doch kein Geschäftsgeheimnis? Sie erschrecken mich, Herr Haßlach! Jii diesem Falle bitte ich um . ."
„Ich scherzte ja nur, ich scherzte ja nur!" beruhigt sie der Courmacher. Er beugt sich mühsam zu ihr nieder und; flüstert ihr zärtlich ins Ohr: „Von Ihren Lippen, Frau Dechner, kann einem immer nur Huld und Segen kommen!"
Der lustige Herr Knoblauch, der trotz der überschrittenen Fünfzig immer noch eine grellbunte Krawatte und eine fast ganz weiße, kurze, stutzerhafte Joppe trägt, ist an das Geländer der Veranda getreten und ruft erfreut: „Hurra, auf daß das Haus voll werde! Da kommt der Professor Volker! Guten Tag, Herr Professor!" schreit er dem kleinen Herrn entgegen, „immer rein in die gute Stube! Run, verehrte: Frau Lampert," fährt er gegen die Wirtin fort, „heute werden Sie wohl ein paar Bullen Schaumwein zum Besten geben müssen; so jung kommen wir hier nicht wieder zusammen. In wenigen Tagen wollen Sie ja schon wieder nach der Stadt ziehen, dann wird es hier recht einsam und still iverbeit, denn der Herr Justizrat liebt keine Gesellschaft und sieht die Gäste lieber fortgehen als ankommen."
Teil begnügt sich, dem kecken Maurermeister, der immer noch gern den Lustigmacher und jugendlichen Täusendsassa spielt, mit dem Finger zu drohen, daun verläßt er die Veranda, geht durch das Haus dem Professor entgegen und hält sich, wie er ihn im Vorflur trifft, den Kopf mit beiden Händen, indem er in heller Verzweiflung ausruft: „Ich sage Ihnen, Herr Professor, das Geschwätz der Elstern auf der Veranda ist nicht zu ertragen! Es ist gut, daß Sie kommen und mich erlösen!"
„Na, na, mein bester Justizrat, man muß die Menschen nehmen, wie sie sind! Wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen. Ich wünsche nur, ich könnte so lustig fehl wie das harmlose Volk: aber haben Sie denn schon gehört? Es sind wieder schlechte Nachrichten von unserem Kronprinzen^ein- aetroffen — Sie wissen noch nichts? Hier, hier können Sie's lesen!" Er übergibt ihm die Abendausgabe einer Zeitung, und Teils finstere, erschreckte Blicke fliegen über das Papier.
„Barmherziger Gott!" ruft er schmerzlich ergriffen, „warum verhängst du ein so schweres Schicksal über ihn und unser ganzes Volk? Es liegt wie ein Alp auf der Brust jedes Vaterlandsfreundes, und rin Schelm, wer jetzt noch fröhlich sein könnte!"
Er geht mit dem Maler nach der Verandä, wo diteser Krau Julie und die übrigen Gäste begrüßt.
Mißfällig bemerkt Tell den von Just inzwischen auf- getragenen Champagner und fragt leise dessen Träger: „Wozu denn Inst? Wer hat das angeordnet?"
„Frau Lampert hat es befohlen."
Tell seufzt und ioirft einen vorwurfsvollen Blick nach feiner Pflegemama. Diese winkt ihn zu sich heran und fragt bekümmert: „Du siehst so unzufrieden aus, William? Vermissest du etwas?"
„Ich hätte wohl gewünscht, daß ivir nicht gerade heute diese lauten Gäste bei' uns gehabt hätten," gibt er flüsternd zurück. „Es steht schlecht um unseren Kronprinzen, und hier soll nun gescherzt und pokuliert werden."
Völker, der in der Nahe steht und Teils Bemerkung gehört hat, tritt hinzu und sagt begütigend: „Lassen Sie den Leuten ihr harmloses Vergnügen! Nicht wahr, Frau Lampert, Sie geben mir recht? Er ist ein Selbstqualcr und vergißt das alte Wort: Man muß die Feste feiern, Wie sie fallen." ■
„Ganz, meine Meinung, lieber Herr Professor! Setzen Sie ihm einmal ordentlich Sen Kopf zurecht. Er muß wieder lachen lernen — du lieber Gott, ich habe ihn seit Jahren nicht mehr lachen sehen."
Frau Julie nickt und fordert die Gesellschaft ans, sich an die Tafel zu setzen.
Es wurde tapfer gegessen und noch tapferer getrunken. Die beiden einzigen Enthaltsamen waren Tell und Just, der ebenfalls an den Tisch geladen worden war.
Rach der Tafel empfahl sich Völker und machte sich aus den Weg nach der nahen Bahnstation. Teil gab ihm das Geleit. Die anderen Gäste wollten erst den allerletzten Vorortzug benutzen. , -
Es war eilt warmer, köstlicher Herbstabend, von den Wiesen wehte ein würziger Heudnft, Und drüben im See spiegelte sich, fast magisch die fast volle Mondscheibe. Tell schien heute aber unempfänglich für den Zauber der Natur; er seichte aus tiefer Brust und gab dem ehrlichen Bekenntnis Ausdruck: „Gut, daß wir entflohen find! Ich hätte diese Menschen nicht mehr ertragen! Diese Frau Miesere nut ihren Hängebacken und ihrem Klapperschlangen-Appetit und dieser platte Knoblauch als Witzbold - es ist geradezu fürchterlich!"
Völker hemmte den Schritt, wandte seiu .Antlitz nach der Seite und sah seinen Begleiter spöttisch lächelnd an: Und wer wollte einst alle Ständennt-erschiede sorldekre- tieren und den gesellschaftlichen Urbrei anrühren? Mein lieber Freund, ich freue mich, daß Ihre wahre Statur immer mehr zum Durchbruch kommt: Sie sind em Aristokrat wie ich, und wenn es noch keine Stände gäbe, Sie würden der erste sein, der durch Absonderung -einen besonderen Stand bilden würde."
„Ich bin ein Bauer und will nichts anderes sein."
„Das ist nahezu dasselbe wie ein Aristokrat. Der Bauer hat wider die Unterschiede in der Gesellschaft nichts ein« Zuwenden; er findet sie ganz in der Ordnung und ist noch so nackensteif und selbstbewußt, daß er den anderen Ständen ihre Besonderheiten und eingebildeten oder wirklichen Vorzüge neidlos gönnt. Sie aber, Herr Delk, Sie sollten ein Weib nehmen! Wer ein -echter Bauer sein will, darf nicht unbeweibt bleiben."
„Und das raten Sie mir, der Sie selber ein hart-; gesottener Junggeselle sind?"
„Ich bin ein Künstler, ich tauge nicht zur Ehe. Aber Sie, wahrhaftig, Sie scheinen mir wie vorherbestimmt zur Ehe. Uebertegen Sie sich's."
„Gut," erwiderte Tell in scherzendem Tone, und seit langer Zeit schwirrt zum ersten Male ivieder ein leises! Lächeln nm seinen Mundwinkel. „Ich will ntir's überlegen. Und nun Gott befohlen, Völker, kommen Sie bald wieder,, aber ohne die anderen
„Gute Nacht, Sell! Sie werden der ganzen Gesellschaft noch begegnen."
„Das werde ich nicht, ich gehe ihr aus dem Wege."
Er trennt sich vom Professor, verläßt die Straße und! folgt einem Fußpfade, der auf einem kleinen Umwege längs des Sees nach Dober zurückführt.
Wie er hinter einer Sträuchergruppe, aus deren Blätter einzelne Beeren im Mondlicht wie Blutstropfen leuchten, am Ufer entlang schreitet, hört er menschliche Stimmen von der Wasserseite her. Er bleibt stehen nnd lugt hinter einem Strauche hervor nach dem See. Dicht vor ihm schwimmt ein Kahn mit Ellen v. Brank, deren Bruder und dem Herrn v. Tollen. Die beiden Herren machen gerade eine Panse in


