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Samstag, een 6. Dezember
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„ Lsurrnblut.
SBOntan von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Aus einem Anbau neben dem gegenüberliegenden Kuh- stall trat die schmiegsame, rundliche Gestalt Friedrich Justs in einem blauen, leinenen Anzuge. Wie er seinen Gönner mit dem Heuwagen bemerkt, eilt er quer über den Hof auf ihn an und fragt miit seiner hohen, klangvollen Stimme: „Soll ich das Äbladen besorgen, Herr Tell?"
„Sie, Just? Nein, das ist keine Arbeit für Sie. Sie haben sich schon genug anfgepackt. Was gibt es denn setzt noch in der Milchkammer zu tun? Der Pächter muß die Milch doch schon geholt haben?"
Just schaute seelenvergnügt Ku dein Frager empor. „Ich habe den Kühlapparat wieder in Ordnung gebracht. Die fieitte meinten, das müsse einer aus der Stadt besorgen; ich habe ihnen aber gezeigt, daß der alte Just so etwas auch noch versteht. Es ist wieder alles im Schick, den teuren Handwerker können wir uns sparen."
„Sie sind ja ein Allerweltsmensch, ein wahrer Tausend-- künstler! Was wäre hier draußen ohne Sie geworden?"
„Na, na, Herr Teil, Sie sind uns doch allen über! An Ihnen haben wir ein Vorbild, das wir niemals erreichen können. Aber es bekommt Ihnen prächtig, dem Himmel sei Dank!" Mit Genugtuung sieht er an dem Hünen in die Höhe und seine Blicke bleiben fast zärtlich an dessen sonnenverbranntem 'Antlitz haften. „Sie schauen heute doch anders Uns als damals in Moabit, da Sie jenen Schurken verdonnerten — nur ein kleiner Zug um den Mund, der gefällt mir noch nicht, der muß noch weg!"
Dell Kuckt die Achseln und sagt ironisch: „Aber doch nicht etwa schon heute? Meine gute Pflegemama hat wieder Gesellschaft — wenn wir uns doch drücken könnten!"
„Das können Sie jeden Augenblick. Das Heu hier — heda, August, kommen Sie mal her! ( das kann der hier besorgen (er deutet auf einen herbeigernfenen Knecht), ich gehe und kette den Nachen los und, wenn Sie sich nmgezogen haben, fahren Sie hinüber zu Herrn v. Brank, mit dem Sie sowieso wegen Anlage des Dohnenstriches sprechen wollten. Ich muß schon hier bleiben und sorgen, daß die Gäste etwas zu essen bekommen."
Tell macht eine heftig abwehrende Bewegung. „Heute nach Giesdorf? Nicht um die Welt! Die Damen da drüben find zu Hause und der Majoratsherr ist auch anwesend."
„Der junge Herr Walter geht Sie doch gar nichts an." —
„Ich kann den hochnäsigen Patron mit seinen Renommierschmissen und seinem zurückhaltenden, gefrorenen Wesen nicht leiden. Laden Sie das Heu ab, August," sagte er mit einer Wendung nach dem harrenden Arbeiter, „und dann," feinen Freund Just beim Arm lassend, fährt er vertraulich
fort: „Kommen Sie, wir wollen hineingehen, und unsere' Schuldigkeit tun —- es hilft doch alles nichts!"
„Da bist du ja endlich, William," sagt die jetzt nur noch schwarze Seide tragende Frau Julie strahlenden Blickes, wie Dell, der sich in einen Cheviotanzug geworfen hat, -lässig auf die Veranda hinaustritt, wo die Dame des Hauses ihre Gäste um sich v rfammelt hat und, sich an diese wendend, fährt sie mit fast komischer Gespreiztheit fort: „Die Herrschaften kennen ja meinen Pflegesohn, den Herrn Jnstizrat?" Ans das letzte Wort legt sie -eine scharfe Betonung. Der Erfolg dieser Frage bleibt nicht aus: von verschiedenen Seiten erschallt es zugleich: „Guten Abend, Herr Justizrat! — Endlich bekommt man auch Sie zu sehen, sehr verehrter Herr Justizrat! — Nein, Herr Justizrat, wie prächtig Ihnen das Landleben bekommt! Sie werden wahrhaftig immer jünger, Herr Justizrat!"
Adolf Dechner allein begnügt sich mit einem kurzen und herzlichen „Guten Abend, William!", indem -er dem Stiefbruder die schwielige Hand bietet.
Adolfs Gattin Sabine, geborene Meerholt, schaut von ihrem Schaukelstuhl nach dem Schwager und denkt: „Er must M mir herankommen und mir die Hand küssen, wie er es immer bei Frau Lampert tut." Sabinchen ist erst vor zwei Jahren unter die Haube gekommen; die Trauer um Peter und dann um den Pflegevater ihres Bräutigams hatte die schon wiederholt angesetzte Hochzeit immer wieder verschoben. Die junge Frau ist auseinander gegangen, aber ihr 'Gesichtchen ist immer noch von großem Liebreiz, aus ihren funkelnden Augen blickt der Schelm und aus den Grübchen ihrer Wangen lächelt -eine ganze Schar Liebesgötter. Seitdem Adolf geerbt hat und die Firma Haßlach und Dechner mit dem Hoflieferantenprädikate ausgezeichnet worden ist, trägt sie ihr Köpfchen ziemlich hoch; kein Mensch würde erraten, daß diese kleine, runde, so gern das Näschen rümpfende und außerordentlich elegante Dame einen armen, bescheidenen Subalternbeamten -zum Vater gehabt. Den würdigen Herrn Haßlach hat sie wie eine Circe zu bezaubern verstanden; der steife, altfränkische Hagestolz macht ihr auf seine, d.h. in auffälligster Weise bett Hof, und er fühlt sich nicht wohl, wenn sie nicht täglich zu ihm in die Friedrichstraße heraufkommt, nm etwas Sonnenschein in sein kahles, ungemütliches Junggesellenheim zu bringen. Sabine nimmt die Huldigungen des alten Herrn nicht nur geduldig an, sondern sie kommt ihm gelegentlich auch schlau -entgegen und weiß ihn immer wieder durch einen heimlichen Blick oder durch einen vertraulichen Händedruck in dem ihm noch möglichen Grade von Glut zu erhalten. Alle Welt kennt Haßlachs Vorliebe für die hübsche, kokette Frau, und man munkelt, daß;er sie zur Erbin seines Hauses und seines Vermögens, eingesetzt habe.
Tell hat Sabinens Erwartungen entsprochen; er ist an sie herangetreten, führt ihr kleines, sestes Patschchen an seine Lippen und sagt nicht ohne eine gewisse Befangenheit: „Das


