Ausgabe 
6.11.1913
 
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Würde er ein mit seinen beiden Stiefbrüdern schon ver­lobt gewesenes Mädchen jemals zu seiner Braut begehren wollen? Würde er da schwelgen mögen, wo Adolf und Peter doch auch schon geschwelgt hatten? Er schauderte. Eine Art Haß gegen sich selbst regte sich in feinem Herzen. Jener Kuß erschien ihm jetzt wie ein heuchlerisch gegebenes Ver­sprechen, wie ein Gelöbnis, das er schnöde brechen wollte. Aber sie war so reizend in dem Zauber ihrer frischen Ju­gend! So verführerisch mit dem Goldglanz ihrer blond- seidenen 'Haarfülle! So sinnbetörend mit dem funkelnden Schelmenblicke ihrer Beilchenaugeck! Wenn es Sünde war, ein Paar solcher Lippen zu küssen, die sich einem gewährend darboten, wo war der Mann, der in gleicher Lage der Ver­suchung nicht erlegen wäre?

Als er endlich die Genthiner Straße erreicht hatte, be­merkte er zu seiner Ueberraschung, wie sich im Osten schon eilte tiefere Purpurglut entzündete; er war so ausschließlich mit der Erforschung seines inneren Menschen beschäftigt ge­wesen, daß er die Länge des Weges gar nicht gemerkt hatte.

Einer jener großen, an die Arche Noahs erinnernden Möbelwagen rollte schwer beladen durch die Torfahrt eines Hauses in der Friedrichstraße, das ein neu gemaltes Firmen­schild mit der goldenen Inschrift auswies:Haßlach und Dechner. Blasinstrumente. Pianosorte-Lager.""

Im Hose, in dem der Möbelwagen vor einer Hintertür des Vorderhauses hielt, sah es etwas wüst und ungemütlich aus, denn ein hoher, schon mit dem Dachgerüst gekrönter Neubau ragte dort in die Luft, Er bildete beit südlichen Seitenflügel des Vorderhauses, das auf der Nordfeite des Grundstücks einen schon älteren Flügel weit in den Hof hinein vorstreckte, und er sollte, wie dies bereits der ältere Flügel tat, ebenfalls zu Werkstätten der unter der neuen Firma eriveiterten Fabrik von Blasinstrumenten dienen.

Aus der Hoftür des Vorderhauses trat eilig ein junges Mädchen in hellem, geblümtem Kattunkleide und mit weißer, sauberer Schürze; ihr üppiges Seidenhaar, das an die Farbe reifer Aehren erinnerte, war bei der rastlosen Geschäftigkeit dieses Vormittags etwas wirr geworden; eine lose Strähne desselben flatterte ihr, wie sie jetzt von der septemberlaiten Zugluft des Hofes angeweht wurde, kokett über die Stirn. Ihre Wangen glühten; ihre Brust hob sich in beschleunigten Atemzügen; unverkennbar hatte sie schon tüchtig gearbeitet, aher in freudigster Schaffenslust, die keine Ermüdung kannte, schaute sie einen der Wagenbegleiter lächelnd an und fragte, fast schalkhaft:Kommt noch mehr? "

Nee, Fräul'n, bet is der letzte."

Dann muß alles hier ins Haus gleich die erste Tür. Es find doch keine Sachen aus der Werkstatt mehr auf dem Wagen?"

,,Nee, sie sind dort schon alle drin." Er deutete auf den nördlichen Seitenflügel, aus dessen beiden Stockwerken durch die geöffneten Fenster ein ununterbrochenes Pochen, Häm­mern, Schwirren und Quinguilieren in den Hof drang.

Gut, dann sind dies nur Sachen für die Wohnung des Herrn Dechner. Also hier unten zu ebener Erde, die erste Tür rechts."

Sie raffte ihr sauberes Kleidchen, um nicht den Staub von der Türschwelle zu fegen, und war mit einem Husch wie­der im Hause verschwunden.

Blitzmädel!" schmunzelte ein anderer der Ablader. Hast de geseh'n, Karl, wat se für kleine Puppenfüßchen hat?"

Ja", bestätigte der Gefragte,aber kiek du mau nach de Pantoffeln von deiner Ollen! Wat jeht dich so'n junges Mächen an?"

Jetzt kommen deine Sachen, Adolf!" rie Sabine in das erste der drei Erdgeschoß-Zimmer, die fortan zur Privat- wohnung des Haßlachschen Sozius dienen sollten.Du kannst ruhig nach den Werkstätten gehen; ich werde hier alles be­sorgen, ich kenne deine Wünsche und weiß, wie du es gern eingerichtet hast."

Adolf Dechner blickte sie dankbar gerührt an; etwas Dunkles drängte sich in feine Augen, wie gern hätte er ihr, die nun schon seit vier Monaten von Peter aufgegeben war, die unveränderliche Fortdauer seiner Gesinnungen beteuert, wie gern aufs neue um ihre Huld und Hand geworben! Aber er war em bescheidener, zartfühlender Mann! Ohne Emp­findlichkeit dachte er daran, daß ihm einst der ZwilAngs- bruder vorgezogen worden war; durfte er es unter diesen

Verhältnissen wagen, ihr wieder als Werber lästig zu fallen? Er verehrte sie in so treuer Liebe, daß er ihr nur ein volles, unbeeinträchtigtes Glück wünschte, und wenn er selbst nicht für geeignet gehalten wurde, ihr ein solches Glück zu gewäh­ren, dann war er edel und selbstlos genug, seines Herzens heißeste Wünsche zurückzudrängen und sie nur aus der Ferne mit stummen Lippen anzubeten.

Und Sabine? Ach, sie hatte längst erkannt, welchen Dia­manten sie damals mißachtet hatte, um sich durch ein wert­loses, wenn auch prächtig funkelndes Stückchen Glas täuschen zu lassen! Bittere Reue über ihre Kurzsichtigkeit, über die Eitelkeit und Unbeständigkeit ihres Herzens erfüllte sie. Schon in den ersten Tagen nach ihrem Bruche mit Peter hätte sie zu Adolf zurückkehreu und ihr beschämtes Antlitz an feiner treuen Brust bergen mögen, gab es doch weit und breit keinen besseren, zuverlässigeren Menschen; er würde sie ohne jeden Vorwurf wieder aufgenommen haben, das wußte sie. Und sie wäre wieder feine Braut geworden, die er dankbar aus den Händen getragen hätte. Aber damals brannte ihr noch jener heimliche Kuß des Staatsanwalts aus den Lippen, und in unbegreiflicher Verblendung hatte sie sich mit dem Ge­danken getragen, daß Teil vielleicht wiederkommen und ernst­lich um ihre Hand werben würde. Frau Staatsanwalt! Wie vornehm das geklungen hätte! Mit einem Schlage wäre sie in jene Kreise versetzt gewesen, zu denen arme Mädchen nie-, derer Herkunft doch nur in den seltensten Fällen den Zutritt gewinnen. O, wie töricht war sie gewesen! Herr Tell hatte sich nie wieder um sie gekümmert, und ihr Hoffen und Wähnen war einer gewissen Verbitterung gewichen, die sich aber bald zu einer stolzen Gleichgültigkeit abgeklärt hatte. Die Erinne­rung an den Staatsanwalt sollte ihr keine Minute ihres Seins mehr trüben; mit diesem Manne hatte sie abgeschlos­sen. Sie war eine jener Naturen, die für dauernde Eindrücke nur schwer empfänglich sind; um aber reumütig wieder an Adolfs Brust zu sinken, fehlte ihr vor der Hand noch der Mut, sie bemühte sich nur, ihm wieder, wie früher, sein Junggesel­lenheim zu machen und durch ihr frisches, munteres Wesen, das nach glücklicher Ueberwindnng der letzten Ereignisse wie­der in voller Blüte stand, gelegentlich ein dankbares Lächeln auf seine meist so schwermütig geschlossenen Lippen zu locken.

Du hast heute schon so viel für mich getan", entgeg­nete Adolf, auf ihren Vorschlag,daß ich Dich ernstlich bitte; ruhe Dich jetzt ein wenig aus und nehme einen Bissen zu Dir."

Ich habe wirklich noch keinen Hunger."

Doch, doch! Du mußt etwas genießen."

Er winkte einem Ablader, der eben einen Polsterstiihl hereingebracht hatte, und raunte ihm einen Auftrag zu, in* dem er ihm ein Geldstück in die Hand drückte.

Der Mann nickte und entfernte sich mit wuchtigen Schritten.

Adolf trug den Sessel nach dem letzten der ihm über­wiesenen Zimmer, ließ dorthin auch eines der inzwischen abge­ladenen Tischchen schaffen und lud Sabine ein, sich mit ihm nach diesem nun notdürftig eingerichteten Raum zurückzu­ziehen.

So!" sagte er, als sie sich auf fein wiederholtes Drän­gen endlich gesetzt hatten,nun soll es gleich gemütlich wer­den. Siehst Du? Da bringt man mir auch einen Stuhl. Heda!" rief er dem Träger des Stuhles zu,sagen Sie beit oberen Leuten, sie sollen alles in ben beiben ersten Zimmern niederfetzen; das Fräulein hier muß eine halbe Stunde Ruhe haben. Wir ordnen nachher selber die Sachen und schaffen jedes einzelne Stück an seinen Platz. Ah! Da kommt unser Frühstück."

Der Bote, den er mit Geld entsandt hatte, brachte auf einem Präsentierbrette kaltes Fleisch, Brot und Butter, da» zu zwei Gläser schäumenden Bieres. Adolf nahm ihm daß Brett ab, stellte es vor Sabine und bat diese, zuzulangen.

Wozu nur diese Umstände, Adolf?"

Du siehst, ich habe keine Uinstände gemacht ein sehr bescheidenes Frühstück, aber es soll uns beiden schmecken, zumal es uns das Mittagessen ersetzen muß; es ist schon itt der zweiten Stunde."

(Fortsetzung folgt.)