ms - Nr. 174
Donnerstag, den 6. November
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„ Lauernblut.
Eontan von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Merkwürdig! Etwas ähnliches mußte ihm Ellen auch vmmal gesagt haben! Erzeugt denn der Verkehr mit dem Manne in allen Mädchen Gedankenreihen? Bei welcher Gelegenheit hatte cs doch Ellen geäußert? — Immer wieder Ellen! Warum drängte sich die Erinnerung an sie zwischen rhn und dieses Mädchen?
Mit spöttisch zweifelnder Betonung wiederholte er Sabinens letzte Worte: „Unt das Glück beim Schopfe zu fassen! Du lieber Gott! Es läßt sich nur nicht so leicht festhalten, und wenn man wirklich glaubt, man habe es erwischt, dann ist's ein Schatten, nach hem man gegriffen hat, iirtb man hält ein Nichts in den Händen!"
Sabine schwieg. Sie wunderte sich im stillen, daß Teil, der Stolz des Lampertschen Hauses, der hochangesehene Beamte, der in der vornehmen Welt verkehrte und hier, wohl nur ans Rücksicht auf seine etwas eitle Mutter, eine flüchtige Gastrolle gab, doch allem Anschein nach auch nicht ganz! glücklich und zufrieden war. Sie hätte ihm gern Mut zugesprochen, aber sie getraute sich nicht, vor dem studierten Manne ihre Mädcheneinfalt anszukoamen. Deshalb begnügte sie sich mit einem warmen und ermunternden Blick iii seine großen, ehrlichen Augen, dann stand sie auf, huschte in die Mitte des Saales, wo Herr Knoblauch eilt Atlaskissen mit bunten Papierorden auf ein Tischchen gelegt hatte, und suchte einen silbernen Stern aus, um ihn dem Staatsanwalt mit geschickten Fingern an seinen Frack zu heften.
Der so Ausgezeichnete nickte ihr geschmeichelt zu: „Nun müssen Sie mir noch eine Tour schenken."
Mit sichtlichem Vergnügen kam sie seiner Aufforderung nach und schmiegte sich in seinen sie umfassenden Arm.
Gegen drei Uhr war der Kotillon beendet, und die übermüdeten Ballmütter drängten zum sofortigen Aufbruch.
„Aber warum denn so eilig?" fragte unzufrieden die Wirtin; „jetzt kommt ja erst der Kaffee — nun soll es erst recht gemütlich werden."
Der dicke Lohndiener humpelte mit verglasten Augen, ein Riesenbrett mit randvoll gefüllten Kaffeetassen auf dem Arme, in den Saal. Er war jetzt völlig trunken (nach Völkers Behauptung „wie eine Radehacke") und bemerkte gar nicht, daß sich bei seinen schwankenden Bewegungen ein Teil des Inhalts der Tassen in die Untersätze ergoß. Der Kollege, der ihn begleitete, trug einen Chimborasso kleiner, in allerlei phantastischen Formen gebackener und reich mit Früchten belegter Kuchen.
„Alle Achtung!" spottete der mit seinem Freunde Dell plaudernde Maler, „die Mieseke macht sich auch noch über dieses Kuchengebirge her! Der Leichnam dieser Frau muß
nach der Anatomie kommen, sie hat entschieden einen Klapperschlangenmagen.?
„William!" keuchte Frau Julie, indem sie dem Staatsanwalt ihre Hand auf den Arm legte, „du mußt mir einen Gefallen tun und Frau Meerholt nebst Tochter nach Hauke bringen; einen Wagen werden die beiden wohl nicht bestellt haben — du begreifst, der Kosten wegen. Es wäre PeterI Pflicht gewesen, sie zu begleiten, aber der ist ja über alle Berge; so ein Mensch! Ich begreife gar nicht, was da vor- gefallen sein muß . .
„Pscht! Pscht!" mahnte der Staatsanwalt, „davon ein anderes Mal! Was Meerholts anbetrifft, so sei unbesorgt, ich werde sie unter meinen Schutz nehmen."
„Danke, William; du bist, wie immer, ein aufmerksamer Kavalier! Ich werbe es Frau Meerholt sagen."
Es war schon in der vierten Morgenstunde, als die durch Mäntel und Kopftücher wohl verwahrten Meerholtschen Damen die Richtung nach der Chausseestraße einschlugen. TeT ging neben ihnen und unterzog sich einer etwas gequälten' Unterhaltung mit Mutter Meerholt, die, wie sie sagte, für heute genug hätte und mit hastig trippelnden Schritten dem Ziele ihrer nächtlichen Wanderung zustrebte.
Der volle Mond schwamm am wolkenfreien Himmel; es war bitterkalt, im Osten hämmerte es schon wie Frühschein über die Dächer herauf. Ein Wächter schaute mit etwas zudringlichem Forscherblick den beiden Frauen ins Angesicht.
„Bitte, Herr Staatsanwalt," sagte Frau Meerholt mit besonderer Betonung des Titels, „geben Sie meiner Tochter den Arm! Ich alte Frau bedarf keines Schutzes."
Der Wächter stutzte und trat höflich grüßend einen Schritt zurück, den Weg frei zu machen.
Tell dachte im Stillen: „Frau Meerholt ist eine schlagfertige Frau, sie weiß sich zu helfen." Mit Vergnügen unterzog er sich dem ihm aufgetragenen Ritterdienste. Er bot dem hübschen Mädchen seinen Arm unb ließ ihn nicht eher wieder los, als bis man vor dem Meerholtschen Hause an- gekommen lvar.
Frau Meerholt schloß auf, dankte dem Staatsanwalt für seine liebenswürdige Begleitung und trat in den dunklen Hausflur. Sabine wollte der Mutter folgen, als sie Dell mit den Worten zurückhielt: „Warteu Sie, Fräulein Meerholt — hier ist Feuerzeug! Bitte, bedienen Sie sich desselben, Sie finden ja sonst die Treppe nicht."
Er gab ihr eine Schachtel Streichhölzer, und durch den geschlossenen Flügel der Haustür vor den Blicken der Mutter geschützt, küßt er sie schnell auf den Mund. Hatte sie wirklich den Kuß erwidert? Oder war sie nur, durch seine Kühnheit überrumpelt, unfähig zur Abwehr gewesen? Pfeilgeschwind huschte sie in den finsteren Flur; der Türflügel klappte zu und Tell hörte, wie der Schlüssel von innen ins Schloß gesteckt und zweimal umgedreht wurde.
Einen Moment stand er da von Wonne durchrieselt, daun zuckte er zusammen und murmelte: „Pfui! Das war schlecht von dir!"


