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sten und lebten wie wahre Trapper: Frau Teil trug Man- nerkleidung, da wir meist zu Pferde tvaren und manche Nacht unter freiem Himmel biwackieren mußten. So zogen wirtm letzten Spätlenz auf der Grenze von Arkansas und dem Jn- dianerterritorium nordwärts, um durch Kansas den Mistou- ristrom zu erreichen und wieder in zivilisierte Gegenden zu gelangen; wir befanden uns am linken Ufer des Neosho, wenige Meilen von Fort Scout, als wir unvermutet von Osagen überfallen wurden. Ihre Eltern hatten gerade die Pferde abgesattelt und angepflockt, um das Nachtlager vorzubereiten; ich selbst war an den nahen Fluß gegangen, um Wasser zu holen. Wie ich inich bückte, um meinen Eimer zu füllen, hörte ich hinter mir Schüsse fallen. Ich ahnte sofort nichts Gutes; ich warf den Eimer auf den Ufersand und und stürmte, mein Gewehr in der Hand, zurück nach unserem Lagerplatze; doch ehe ich ihn noch erreicht hatte, sah ich vier Reiter in westlicher Richtung davonjagen. Es war em Trupp jener ziegelroten Halunken, denen die langen Haarflechten, welche sie auf dem Scheitel des sonst glatt geschorenen Kopfes wachsen lassen, wild im Winde flatterten; ste stutzen em tierisches Geheul aus, das mir schou genugsam bekannte Sre- gesgeschrei, und schlugen mit ihren in zottigen Hirschfellen fleckenden Beinen so kräftig die Flanken ihrer kleinen Gäule, daß diese wie vom Teufel besessen dahinfegten. Barmherziger Gott! Nun wußte ich, was geschehen war. Nach atemlos beschleunigtem Laufe stand ich ein paar Minuten später, von Grauen und Entsetzen geschüttelt, vor den Leichen meuter beiden Reisegefährten; seine Gattin hatte eine Kugel m der Brust; sie war neben ihrem Pferde aus das sie sich wahr-», scheinlich hatte schwingen wollen, niedergestreckt worden. Beide mußten sofort tot gewesen sein."
Es entstand eine Pause. Der Assessor verharrte regungslos und vom Schmerze überwältigt; Herr Just schien seiner eigenen Ergriffenheit erst Herr werden zu müssen, ehe er fortfahren konnte:
„Ich legte den Körper der Frau ueben den ihres Gatten und bettete beider Köpfe auf eine Pferdedecke; etwaige Bemühungen, das entflohene Leben zurückzurufen, das erkannte ch bald, mußten durchaus erfolglos bleiben. Die paar tauend Dollar, die Herr Teil im Laufe der letzten Jahre doch chou wieder zusammengescharrt hatte, waren verschwunden; nur die Legitimationspapiere für sich und seine Frau, die er ebenfalls bei sich zu tragen pflegte, hatte man ihm gelassen; sie hatten für die Räuber keinen Wert gehabt. nahm diese Papiere an mich — hier sind sie —, ich deckte hie Leichen mit einem Tuche zu und sattelte meinen müden Maul, um so schleunig wie möglich die unsichere Gegend zu verlassen. Die beiden ledigen Pferde und das Gepäck der Verunglückten nahm ich mit mir. Schon am andern Tage erreichte ich Fort Scott, ich hatte vierundzwanzig Stunden lang weder gerastet, noch Nahrung zu mir genommen. Dem in der Ansiedelung kommandierenden Offizier machte ich sofort Meldung und bat um schleunigste Untersuchung und Bestätigung des Falles. Ich wurde teilnehmend angehört; man herpflegte mich und meine Pferde und am zweiten Tage nach Emtreffen brach ich in Begleitung eines bewaffneten Trupps wieder auf, um an die Stätte des Verbrechens zurückzukehren. Wir fanden nur noch die unkenntlichen Ueberreste der beiden Getöteten. Die Raubtiere hatten während der Nacht die Leichen geschändet, dazu hatte ich vergessen, das Lagerfeuer zu löschen; der Wind hatte Funken und glimmende Holzteilchen auf die Leichname geweht und so waren sie angekohlt und teilweise verbrannt. Immerhin konnte die Identität der Verunglückten genügend festgestellt werden; wir gaben ihnen ein christliches Begräbnis und kehrten daun wieder nach Fort Scott zurück, wo mir die Totenscheine, die hier vorliegen, amtlich ausgestellt wurden. Die Pferde und das sonstige Eigentum Ihrer Eltern verkaufte ich an Ort und Stelle, dann machte ich mich wieder auf beit Weg und erreichte ohne wei- tertz Fährlichkeiten den Missouri, wo ich auch uteiii Reittier verkaufte und endlich die Bahn bestieg, um nach Neuyork und von dort nach Europa zurückzukehren."
Er griff in seine Brusttasche, holte ein ledernes Futteral hervor und entnahm ihm ein Päckchen Bankscheiue.
„Hier ist der Erlös aus dem verkauften Eigentum Ihrer Eltern, ich fege ihn in die Hände des einzigen und rechhi mäßigen Erben."
Verwundert schaute der Assessor dem anderen zu, der eine Summe von ungefähr fünftausend Mark in Banknoten auf hen Tisch zählte.
„Das ist ja aber viel mehr Geld, als der Verkauf zweier Pferde und einiger dürftiger Habseligkeiten eingebracht haben kann," sagte er überrascht und mit abwehrender! Handbewegung.
„Trotzdem ist das Geld Ihr unbestreitbares Eigentum. Ihre Frau Mutter pflegte von dem wenigen, das ihr der Gatte zukommen ließ, immer noch einige Ersparnisse zu machen, die sie mir gelegentlich heimlich zusteckte, damit ich das Geld verwahrte und es vor den rücksichtslosen Griffen des Herrn Tell sicher stellte. So war ich am Tage, als das, Unglück passierte, im Besitze von beinahe viertausend Mark, die Ihrer Mutter gehörten und die ich ihr aufhob; Ware ich nicht nach dem Flusse gegangen, um Wasser zu holen, so wäre ich wahrscheinlich ebenfalls niedergemacht worden, und Ste hätten weder etwas geerbt, noch je eine Kunde von dem Ende Ihrer Eltern erfahren. Bitte, stecken Ste gefälligst das Geld ein! Eimer Quittung bedarf es nicht, denn niemand ahnt, daß ich Ihnen dies Vermächtnis überbringe." ,
Der Assessor war völlig mittellos; er verdankte seme Erziehung und die Erreichung seiner jetzigen Stellung nur der Opferfreudigkeit des Lampertschen Ehepaares; so waren diese fünftausend Mark in der Tat für ihn ein Schatz. Aber noch Winter weigerte er sich, zuzugreifen, er gedachte daran, daß er zwei Stiefbrüder hatte, die auf die Hinterlassenschaft seines Vaters doch dieselben Ansprüche zu erheben berechtigt waren, und sagte zögernd: „Die ganze Summe kann ich unmöglich annehmen; mein Vater hat aus erster Ehe zwei Söhne erzielt, mit denen ich doch pflichtschuldig zu teilen hätte."
„Das ist wohl ein Irrtum, Herr Assessor," wandte der andere bescheiden ein. „Herr Lampert hat mir schon erzählt, daß die beiden Brüder Dechner — das ist ja wohl ihr Name? — gleichfalls hier leben. Wie könnten aber Söhne aus erster Ehe aus das Vermögen einen Anspruch erheben, was die zweite Frau für ihr eigenes Kind erspart hat?"
„In diesem Gelbe steckt doch aber anch der Erlös aus dem Eigentum des Vaters."
„Allerdings; doch dieser Betrag erreicht noch keine sechshundert Mark. Das Pferd Ihres Vaters habe ich beispielsweise für nur zwanzig Dollar losschlagen müssen. Wenn Sie glauben, das von Jhreni Vater Herstammende mit Ihren beiden Stiefbrüdern teilen zu müssen, so werde ich jedem derselben noch heute zweihundert Mark überbringen."
— Die ich Sie ersuche, gleich von dieser Summe wieder zurücknehmen zu wollen."
„Das ist nicht nötig, Herr Assessor; ich werde dte,e Zahlung aus eigenen Mitteln leisten."
„Wie kämen Sie zu solchem Opfer?"
„Ich bin der langjährige Genosse Ihres Vaters gewesen; ich habe mir als solcher auch einiges zurückgelegt, um auf die alten Tage nicht hungern zu müssen, und ich betrachte es als eine Freundschaftspflicht gegen euieit Verstorbenen, daß ich uuch feiner Söhne aus erster Ehe gedenke."
Der Assessor wurde durch die Großmut und Selbstlosigkeit eines Mannes aus scheinbar so niederen Lebenssphären wahrhaft betroffen; da keine Menschenseele um die Hinterlassenschaft seiner Eltern wissen konnte, so hätte der Fremde, wenn er anders dazu Lust gehabt hätte, die ganze Summe ohne jede Gefahr der Entdeckung für sich behalten können. Daß er dies nicht tat, daß er vielmehr eine so weite und kostspielige Reise gemacht hatte, um| den ihm unbekanntes Erben seines Genossen Rechnung zu legen und die Hinterlassenschaft bar auszuzahlen, das ließ ihn als einen Manjn von seltener Treue und Gewissenhaftigkeit erscheinen.
So stand denn William Tell feierlich auf, bot dem Gaste die Hand und sagte in warmem, herzlichem Tone: „Herr Just, Sie haben mir eine sehr betrübende Kunde überbracht, mich aber zugleich aufs wohltuendste überrascht durch Ihr selbstloses und ehrenhaftes Verhalten. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen; es gibt noch edle Menschen auf der Welt; Sie sind mir von dieser Stunde an ein zuverlässiger und treuer Freund." (Fortsetzung folgt.) ,
herbst.
Von Hans Otto Becker.
Wieder ist der Herbst gekommen, wieder nahm ein Sons- nter von uns Abschied. Die Herbststimmuug hat zweifellos, weil die schöne Jahreszeit so bald wieder dem grasten kalten Teil des Jahres weichen muß, etwas unsäglich Trauriges und Melaücholifches an sich und aus feinorganisierte Naturen übt sie oft genug eine geradezu deprimierende Wtr^


