Ausgabe 
6.10.1913
 
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Lauernbiut.

Kfman von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck! verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Assessor fühlte sich eigentümlich ergriffen; nachdem er so viele Jahre lang den Anblick der Eltern hatte entbehren und sich nur mit gelegentlichen kleineren Geldsendungen von feiten der guten Mutter begnügen müssen, ward er jetzt, da er jemand vor sich sah, der so lange Zeit in unmittelbarster Nähe der Eltern gelebt und mit ihnen Gunst nnd Ungunst der Zeiten geteilt hatte, wie durch einen Zauberschlag in die ferne Vergangenheit zurückversetzt.

Meine gute Mutter!" seufzte er schmerzlich auf,so lebt sie nicht mehr! Ich war erst ein zweijähriges Kind, als ich von ihr getrennt und hierher nach Berlin zu ihren Freun­den gebracht wurde; aber mir ist immer, als ob ich mich ihrer noch ganz gut erinnerte, als ob der Ton ihrer freund­lichen Stimme mir noch im Ohr klänge. Frau Lampert be­hauptet, daß meine Mutter eine der schönsten jungen Frauen gewesen sei; ist das wahr? Haben Sie das auch gefunden?"

Friedrich Just hatte das Schlitzmesser aus Elfenbein, das auf dem Tische neben einem unaufgeschnittenen Buche lag, in die Hand genommen und spielt damit, ab und zu erhob er aber den Blick und musterte den Assessor, der ihm gegenüber saß, so scharf beobachtend, als wolle er sich dessen Züge für alle Zukunft aufs allerstrengste einprägen. Auf Teils Frage nach dem Aussehen der Mutter schaute er wieder nach dem Messer in seiner Hand und sagte, scheinbar in Erinnerung verloren:Sie mag wohl einst recht hübsch ge­wesen sein ja, jetzt fällt es mir ein, man hät sie als eine Schönheit gepriesen, damals, als wir noch in den großen Städten des amerikanischen Ostens unsere Vorstellungen gaben und reiche Ernten hielten; aber da sie sich Wohl gap zu heftig uach ihrem Kinde sehnte, schwanden recht bald die -Rosen von ihren Wangen, und als das große Unglück kam und Mr. Teil all sein Gespartes durchgebracht und verspielt hatte, da wurde aus der schönen Viktorine Tell eine alte, ver­kümmerte Frau, die selbst dem eigenen Gatten zur Last fiel, weil sie nicht mehr die jungen Herren zum Ankäufe von Ein­trittskarten zu den Vorstellungen anzulocken wußte."

Sie sprachen von einem gewaltsamen Ende meiner El­tern bitte, erzählen Sie das nähere; enthalten Sie mir nichts vor."

Sie sind beide von Osagen überfallen, getötet und aus­geplündert worden. Hier, Herr Assesfor, sind die Totenscheine, die vorschriftsmäßig im Fort Scott, im Staate Kansas, aus­gestellt worden sind." Er legte zwei zusammengefaltete Bo­gen Papier auf den Tisch und bat den Assessor, von dem Inhalte derselben Kenntnis nehmen zu wollen.

Tell faltete mit leicht bebender Hand die Bogen aus­einander und erkannte zwei in englischer Sprache abgefaßte

imb mit Unterschriften und Dienststempeln der betreffeichen Behörden versehene, rechtsgiltige Urkunden, welche den Tod des Mr. William Tell, Kunstschützen nnd Prestidigitateußs, nnd seiner Gattin, Mrs. Viktorine Tell, geborene Albin, be­scheinigten. Er wischte eine Träne von den Wimpern und fragte erschüttert:Wie ist das zugegangen?"

Mr. Tell hatte, wie ich bereits erwähnt zu haben glaube, sein nicht unbedeutendes Vermögen verspielt; er war besonders von einem Brasilier geplündert worden, einem Schwindler, der wahrscheinlich gar kein echter Brasilier war, sondern ein verkommener Deutscher, da er das Deutsche fer­tig und ohne jeden fremden Akzent sprach. Von jener ZeiÄ an begann unser Unglück. Mr. Tell wurde jähzornig, trank dann und wann mehr, als er vertrug, und behandelte auch seine Frau immer rücksichtsloser und grausamer."

Meine Mutter?" schrie der Assessor empört auf; alles Blut war aus seinen Wangen gewichen.

Ich bitte, machen Sie mich für die Ueberbringung so schmerzlicher Nachrichten nicht verantwortlich; ich ehre die Empfindungen, die einen Sohn für seine Eltern beseelen, an­derseits halte ich mich aber auch für verpflichtet, dem Sohne in so ernster Stunde keine Unwahrheiten, zu sagen, nnd so verzeihen Sie mir, wenn ich die Dinge beim rechten Namen nennen."

Tell seufzte schwer auf und nickte dann mit dem Kopfe; der andere fuhr mit sanfter Stimme fort:Mein Genosse, so darf ich ihn wohl nennen, denn wir arbeiteten in letzter Zeit immer auf Dreiteilung des Gewinnes, zwei Drittel für ihn und seine Frau und ein Drittel für mich mein Ge­nosse hatte seine Gattin leider schon immer recht schlecht be­handelt, weil er eifersüchtig war und ihr allerlei Trug und Hinterlist zum Vorwurf machte."

Hat meine Mutter dazu Anlaß gegeben?"

Das weiß ich nicht, Herr Assessor zu meiner Zeit, als ich mit Tells reiste, ganz gewiß nicht. Ob vorher, ehe wir drei nach Amerika übersiedelten, etwas vorgesallen war, was den Frieden und das Glück jener Ehe getrübt haben mochte, das kann ich nicht sagen; Frau Tell muß ja, als sie heiratete, noch ein halbes Kind gewesen sein; schlecht war sie ganz bestimmt nicht; das glaube ich, der ich ein Viertel- jahrhundert mit ihr und ihrem Manne zusammengelebt habe, aufs allerbestimmteste versichern zu können."

Was taten meine Eltern, als die Ersparnisse dahin waren?"

Sie taten das, was drüben jeder in gleicher Lage tut: sie fingen von vorn an. Aber Herr Tel! hafte infolge des Trinkens keine ganz sichere Hand mehr: mit dem Kunst­schießen wollte es nicht mehr recht glücken, und so zog er als Gaukler und Taschenspieler von Ort zu Ort, bis wir end­lich am Missouri in die unwirtsamsten Gegenden gelangten. Frau Tell und ich bestanden auf Umkehr. Herr Tell aber fühlte sich, wie es schien, in der Wildnis am wohlsten und verschmähte es nicht, vor dem zweideutigsten, durch Zufall aufgelesenen Lumpengesindel seine Künste zu zeigen. Wir rei-