Sage verkündete, daß heilkräftige, ja, wundertätige Kräuter am Muße des Sonnenkreuzes wucherten. —
Au der Rottacher Halde, nicht weit, da der wilde Gießbach seine ungestümen Wogen mit jauchzendem Brausen in die offenen Felsarme stürzte, da stand ein steinern Haus im Tann. •— Der ßlühende Efeu glühte aus den Fenstern und erzählte leuchtend Von Glück im Haus.
Der Efeu lügt. — Glück im Haus??
Am Fenster stand Hjelm Lönbörg, der Maler von Nordland, ber vor einen: Jahrzehnt in dies Felseugewirr das stattliche Haus errichten ließ und vor wenigen Monden sich aus der nordischen Heimat ein junges, blondes Weib geholt, Inge Linden.
Jetzt, in dieser Stunde weichender Nacht, stand Hjelm Lönbörg an: Fenster und schaute in die gischtenden Wasser der wilden Ache, und ihr Tosen schien ihm ein einförmig-schanrig Lied zu singe::: sie stirbt, — sie stirbt ■— sie stirbt!
Da wandte er sich schauernd ab und trat an das Bett. Hier lag das blonde, junge Weib, — noch in: Sterben schön Md hehr.
„Inge?" fragte er weich und legte seine große, feste Hand Ms den Scheitel und strich kosend die Haarringel zurück.
Sie lächelte ihn an: „Wird es bald Tag, Hjelm?"
„Die Sonne bringt ihn, schön und rosig."
„Kehren wir heute Hein:, mein Hjelm?"
„Wenn es der Arzt erlaubt!"
Da lächelte sie still und ihr Antlitz sprach von seligen Heiratsgedanken.
Tie Magd trat ein und brachte frische Milch, just in dem Augenblick, da die kleine, zierliche Pendule auf dem Tischchen vier Uhr schlug.
„Aber Herr, Ihr seid schon tvach!" schalt gutmütig die alte, 'treue Magd.
„Schon wach nicht, — noch wach!"
„Das ist Unrecht von Euch, Herr, denn die Frau braucht Euch des Tages, — so solltet Ihr mich des Nachts wachen lassen."
„Schilt nicht, Dörte! Tie Frau braucht mich Tags und auch Nachts und ich sie."
Und als die Magd der Frau die srische Milch gereicht, ging sie zur Tür und dort gab sie dem Herrn ein Zeichen, ihr zu folgen.
Er trat auf die Diele und sie sagte leise zu ihm: „Glaubt Ihr, Herr, daß sie :vieder gesund wird?"
Er schüttelte müde den Kopf: „Die Acrzte kennen ihre Krankheit nicht, — Heimweh, sagen sie."
„So fahrt doch heim, Herr!"
„Sie stirbt 'mir unterwegs, — das Fahren tötet sie."
Dörte sann, und dann sagte sie: „Die Aerzte können eben Vichts!"
„Dörte!!"
„Sie können nichts! Und Ivie leicht könntet Ihr die schöne Frau wieder gesund machen, daß sie dann heimfahren kann."
Er faßte sie am Arm, hart und zwingend. „Weib, das sagst du mir jetzt, nachdem sich das arme Wesen seit Monden quält?!"
„Ja, Herr, Ihr glaubt doch nichts, Ihr lacht doch nur, wenn man.Euch rät!"
„Ich versteh dich nicht! Sprich deutlicher!"
„Ihr schwört auf den Arzt und doch kann er der Frau nicht helfen, — und — und —"
„Sprich!"
„Und zur weiseu Frau au der Falcpp geht Ihr nicht."
„Wer ist das?"
„Die Hundertjährige im Walde an der Falepp, von der die Leute sagen, sie sei eine Hex! Aber sie kann mehr wie alle Merzte und Apotheker. Sie hat den Guffert-Sepp wieder aufgebracht, der sechszehn Jahre an der Gicht laboriert und hat den Barthlmä Edenhofer, den Großbauern drüben in Schliersee gesund gemacht und die Gramei in Kaltenbrunn und den Alois Brügger in Mäurach und alle die anderen!"
„Geschwätz, albernes!" sagte er unwirsch und trat in die Stuben, und als er sein Weib so elend auf der Statt liegen sah, stieß cs ihm fast das Herz ab. Und er trat wieder an das Fenster Und schaute tvieder in die tosende Ache, und er gedachte des blühenden Mädchens, das er sich vor einem Halbjahre aus dem Dänenlande geholt hatte. Und je weiter sie der Heimat sich entfernten, je mehr ward sie stiller, die kleine, lustige Inge Linden. Und nun starb sie ihm an gebrochenen: Herzen, von Heimweh gebrochen.
„Den Guffert-Sepp hat sie gesund gemacht, die weise Frau an der Falepp, und den Großbauern in Schliersee und die Grame: in Kaltenbrunn und die andern alle!" dachte Hjelm Lönbörg Und ärgerte sich, daß er es pachte. Aber er konnte diese Gedanken nicht banne::, immer, immer, immer kehrten sie wieder.
Da schlich er hinaus und rief der Magd: „Dörte!"
Sie kam herbei. „Herr?"
»Jst's weit zur Falepp?"
»Ein Stündl, Herr!"
»Willst du bei der Frau drin bleiben?"
»Ich weiche nicht."
„Wenn sie nach mir fragt, sag, ich hätte mich eine Minute Wasen gelegt,"
-„Das glaubt sie nicht, Herr."
„So sage etwas anderes."
Und er nahm den Hut von der Gamskricke Und den Stock von: Nagel und sagte noch unter der Tür: „Hüt' ffie gut, Dörte!" Und dann ging er leise über den Kies und das tosends Rauschen der Ache stahl seinen Tritt.
Und bergwärts hastete er, und die Morgennebel fielen über ihn her und überschütteten ihn mit seuchtem Sprühregen und sperrten ihm Weg und Pfad, er aber schritt rüstig aufwärts und schüttelte Nebel und Sprühe ab und war bald auf dem Knüppeldamm, der zur Waldstraße führte, wandte sich dann der Falepp zu und schnitt auf schmalen Jägerpfaden manch gutes Stück ab. Und nun stand er an der Falepp. :
Ein Sennbub, das Felleisen auf der breite:: Schulter, stieg zur Mn: aufwärts.
„Du, Bub, wo wohnt denn die weise Frau?" fragte er den ©en::.
Der Bub spie aus, wie es jeder rechtschaffene Christ tat, wen:: von der Hex jemand sprach und zeigte mit dem Ellenbogen links auf einen Waldpfad, der ins Dickicht führte.
Dann schritt Hjelm Lönbörg den Pfad entlang. Da stand sie, die Hütte, morsch und schief. Ich will dich fürstlich lohnens wem: du sie mir gesundest, gelobte der Däne im Stillen Und trat bann in die Hütte. Ein Schauer übermannte ihn, denn er stand einem dreifachen Menschenalter gegenüber, einem Stück Einigkeit.
Es war keine Hexenküche, in die er eintrat, es !var ein gar sauberes Stüblein ohne Katz Und Kater, ohne Rab ’unbj offenes Feuer. Und vor dem großen Wandbette hockte in einem Lehnstuhle die Greisin, die schon längst nichts mehr im erstM Hundert zu suchen haben mochte.
Ein zwar morsches, verfallenes, aber weltkluges Gesicht mit klaren, hellen Seheraugen sah ihm entgegen.
Gebannt blieb er auf der Schwelle stehen. Sie sah ihn lange an, dann sagte sie gelassen und ruhig, ein wenig zitternd in der Stimme: „Ihr kommt spät, Hjelm Lönbörg!"
Er fand kein Wort der Erwiderung, so sehr traf :hn der Schreck, daß sie ihn kannte.
Und nun ruhte ihr Blick so unendlich gütig, so teilnahmsl- voll auf ihm, daß es ihn dünkte, als stünde er vor feiner alten Ahne, die ihn in der Jugend betreut, und ein warmes Vertrauen zu der Alten erfaßte ihn. Und er schritt zu ihr und sagte stehend: „Hclst mir, Mutter, wenn Ihr könnt!"
Sie schwieg und sann mit geschlossenen Augen vor sich hin und ließ ihm willig ihre Hand, die er streichelte. Und Mn war es, als ob ein großer Schmerz über ihr Antlitz zöge. Und leise fragte sie: „Ihr habt sie sehr lieb, die schöne Frau?"
Er nickte und schien mühsam der Tränen zu wehren, der große, starke Mann.
Nun sank sie vornüber in sich zusammen unb ward klein und Mißgestalten Und sah einer Märchenhexe jetzt wirklich nicht unähnlich, und ein Hustenanfall schien ihr den Rest 'des Lebens? funkens ausblasen zu wollen, und nun stieß sie unter Husten hervor: „Steig zum Sounekrenz, dort wird dir werden, was du brauchst, und dann ist euch beiden geholfen!" klang wie ein Todesurteil, nicht wie Hoffnung und Trost, was sie sagte. Dann schob sie ihn fort und wies ihn zur Tür.
Und er ging davon, erschüttert, durch den Wald zurück.
„Zum Sonnekreuz!" Das ging aus Leben und Tod.
Er kannte den Weg. Jetzt, nach hastigem Laus war er am Einstieg. Ohne Seil und ohne Kletterschuh! Es war ein vermessen Strick, er wußte es. Aber die Seherin, hatte sie nicht gesagt: Ihr kommt spät, Hjelm Lönbörg?! Sollte er erst Führer und Hilfe holen?
Was er eigentlich oben sollte, an diesem seltsam glänzenden Kreuze, war ihm nicht klar, aber eins war ihn: klar, er mußte hinauf, denn: du findest, was du brauchst! hatte die Hundertjährige gesagt und dann: euch ist dann beiden geholfen.
Er suchte den Kamin, wo der Einstieg am leichtesten erschien und stemmte sich nun empor, krallte mit den Fingern in den kalkigen Stein, umklammerte mit seinen mächtigen Armen jede Felsnafe und schob so Fuß um Fuß empor. Wohl glitt der Nagelschuh an mancher Stelle ab, wohl schürste das Knie, daß das Blut durch den Stutzen drang, aber das harte Wort der Seherin: Ihr kommt spät, Hjelm Lönbörg! trieb ihn aufwärts, gab ihn: Kraft und stählerne Nerven, und der fünfzig Meter tiefe Abgrund unter ihm, den er erschaute, wenn er rastete, um Atem zu schöpfen und das fast zerspringende Herz zu beruhigen, machtiq ihn nicht schaudern.
Weiter, weiter klomm er aufwärts, der arme Tor und bedachte nicht, daß, wenn er erst oben, auch ein Rückweg gefunden werden mußte. Ein Rückweg in diesem Höllenriß! Immer höher stieg er. Die Hande bluteten, Hut und Joppe hatte er längst der gierigen Tiefe geopfert. Er blickte über sich. Da blinkte das Sonnenkreuz, noch vom Frühmorgennebel umschattet. Unb ein Kraut, blaublütengeschmückt, wucherte zu seinen Füßen.
Das wird es fein, was ich! brauche, dachte er. Vorwärts ■— vorwärts. — Noch zwei Manneslängen — noch eine — noch eine Spanne. Der Fuß, der rechte, fuchte Grund an der verwitterten Kante. Da brach die Sonne durchs Gewölk! In toller Jagd stürzten die Sonnenstrahlen zu Tal, überfluteten mit


