Ausgabe 
6.9.1913
 
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abgelutschte Pflaumenkern diente dann als Geschoß Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand gepreßt, wurde der Stein mit kräftigem Druck fortgeschnellt. Sein Zielpunkt war die große weiße Hauskatze, die es sich auf der Nachbar- bauk bequem gemacht hatte und dort behaglich schnurrte. Das Bombardement störte sie aber nicht sonderlich, denn weder Erich noch Mila waren gute Schützen. Viel besser traf Mila mit ihrem Stein Erichs Nase; dies allerdings mit Absicht. Das lose Mädchen entschuldigte sich daun heuchlerisch bei Erich, wobei der große Junge bis über die Ohren rot wurde und lebhaft beteuerte: ,

Ich habe es gar nicht gespürt, wirklich mcht, Mila.

Als Mila das Kernschleudern langweilig zu werden be­gann, sprang sie von der Bank, pflanzte sich vor Erich auf, musterte ihn streng und sagte: _

Pfui, was du für eine schmutzige Jacke an hast. Sage deiner Mutter, sie soll dir eine neue kaufem Oder lieber einen Frack! Natürlich, einen Frack, in den großen Hotels, wo ich bisher mit Mama gewohnt habe, trugen alle Kellner ele­gante schwarze Fracks und weiße Halsbinden."

Trugen dort auch die Pikkolos schwarze Fracks?" wagte Erich schüchtern zu fragen.

Mila schnickte mit den Fingern:

Um die Pikkolos habe ich mich damals nie gekümmert, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich werden sie auch Fracks getragen haben, in vornehmen Hotels ist dies so Sitte."

Erzähle mir ein wenig von deinen Reisen, Mila, und von den schönen Hotels, in denen ihr gewohnt habt. Ich möchte auch furchtbar gern reisen, aber ich habe leider kein Geld. Nicht wahr, dazu braucht man viel Geld?"

Nun," entgegnete Mila mit altkluger Miene,ich glaube wohl, daß man auf Reisen viel Geld braucht. Wieviel weiß ich allerdings wicht, weil Mama alles bezahlt, aber ich glaube schon, daß du für dich eine Mark, oder gar zwei täglich gebrauchst, wenn du auf der Reise gut aufgehoben sein und in ersten Hotels wohnen willst."

Zwei Mark!" Erichs Gesicht nahm einen zweifelnden Ausdruck an:Das wäre sehr toenig. Zwei Mark zahlt deine Mutter bei uns schon für euer Frühstück."

Nun, dann drei Mark. Ich weiß es wirklich nicht, cs hat auch gar keinen Zweck, darüber zu streiten, denn du kannst fa doch nicht reisen, weil du weder französisch noch englisch sprechen kannst," meinte Mila etwas von oben herab.

Französisch oder englisch?" rief Erich bekümmert. Das kann ich leider nicht, denn woher sollte ich es wohl lernen?"

Siehst du," triumphierte Mila. Sie war stolz darauf, ihren Spielgefährten, der es soeben gewagt hatte, sich ihrem Wissen in Geldsachen überlegen zu zeigen, wieder in sein altes Verhältnis zu ihr herabgeschleudert zu haben.

Siehst du, zum Reisen gehört mehr, als bloß Geld haben. Aber sage mal, wie kommt es denn, daß du nicht französisch und englisch kannst? Alle Kellner, mit denen ich bisher sprach, konnten es. In Nizza habe ich imHotel des Anglais" mit einem Kellner gesprochen, der sogar russisch verstand. Und russisch ist eine sehr schwere Sprache."

Ich habe es nicht gelernt," entgegnete Erich beschämt und ließ das Kinn aus die Brust sinken.

Das ist schlimm. Dann warst du wohl faul in der Schule?" doch als Mila das bekümmerte, trostlose Gesicht des Pikkolos sah, regte sich das Mitleid in dem guten Herzen des Kindes, und eifrig rief sie aus, um ihre Un­gezogenheit wieder gut zu machen:Ich werde dich fran­zösisch und englisch lehren! Ja, willst du?"

Bescheiden, doch glücklich, erwiderte Erich leise:Ach ja, ich möchte so gerne lernen. Ich möchte auch gerne einen Frack tragen, und in den großen, schönen Hotels angestellt sein, von denen du immer erzählst."

Schön, ei das wird lustig."

Das leicht erregbare Mädchen klatschte fröhlich in die Hände und würde am liebsten sofort mit ihrem Unterricht begonnen haben, wenn die rauhe Wirklichkeit dies nicht ver­hindert hätte.

Denn vom Hotel herüber schallte jetzt die ein wenig heisere Stimme des Herrn Wenzel, der den Pikkolo suchte, um ihn zur Erledigung seines ferneren Tagewerks an­zutreiben.

Also morgen gibst du mir Unterricht," raunte Erich noch seiner anmutigen Freundin zu, dann verschwand er eilig. Denn er wußte, daß es gefährlich war, Herrn Wenzel warten zu lassen.

An diesem Tag ging Erich wie im Traum umher, sehr zum Schadeu derjenigen Gliedmaßen, die der liebe Herrgott den Pikkolos wohl extra zur Vornahme von Schüttelexperi­menten geschenkt hat. Als Erich zu Bett ging, war sein rechtes Ohr blau und seine linke Backe dunkelrot; diese Farbensym­phonie hatte ihm sein Traumleben eingetragen. Denn der Schmiedemeister wurde zu höchsten: Zorn gereizt, als der Pikkolo ihm sein Bierglas in Gemeinschaft eines Bier- wärmers vorsetzte. Der Schneidermeister hatte Magenkrämpfe und Erich dafür zwei Backpfeifen bekommen, weil in des Meisters Bier statt des Bierwärmers ein großes Stück Eis schwamm. Der Barbier aber hatte Erich giftig in das un­schuldige Ohr gekniffen, als ihm dieser ein Glas Bier vor­setzte, dessen Inhalt zur Hälfte aus Schaum bestand.

Nur der vornehme Herr Rose begnügte sich mit einem strengen Blick des Tadels für den unglückseligen Pikkolo, als er seinen Wein gekostet und dabei gefunden hatte, daß er noch etwas saurer war als gewöhnlichdenn Erich hatte dem Aermsten die Essigflasche serviert.

Das war allerdings verzeihlich, weil imGoldenen Schwan" eine halbe Weißweinflasche diese für Salate und dergleichen so nützliche Ingredienz enthielt.

Noch lange lag Erich mit offenen Augen im Bett und dachte über das am Nachmittag Gehörte nach.

Davon hatte er bisher nichts gewußt, daß es so gelehrte Kellner auf der Welt gibt, die in mehreren Sprachen mit ihren Gästen konferieren können. Er hatte immer geglaubt, daß seineqKunst damit erschöpft sei, ein Glas Bier oder Wein, die Suppe oder den Braten so zu servieren, daß nichts davon vergossen wird. Gegen die vornehmen Kellner draußen in denfäschnäblen" er sprach das ihm von Mila zu-« geflogene Fremdwortfashionable" so aus, Fremden­plätzen war er nur ein trauriger Kerl, ein wirkliches Nichts.

Es war schon drei Uhr morgens, als Erich endlich eiu- schlief. Im Traum sah er sich in einem langschößigen, ele­ganten Frack die hübsche Mila bedienen, er unterhielt sich mit ihr in drei Sprachen. Voll Ehrfurcht nannte ihn MilnHerr Oberkellner" und schließlich heiratete sie ihn, nachdem er ihr auf französisch gestanden hatte, wie lieb er sie habe.

Als der alte Friedrich den Pikkolo morgens weckte, ant­wortete Erich, noch halb tut Traum, in einer Sprache, die keiner von beiden verstand. Doch der gute Friedrich hörte es mit Verwunderung und frommem Staunen, er hielt cs für französisch und war stolz darauf, daß der Pikkvlch den er ein wenig in sein Herz geschlossen hatte, ein so kluger Juuge war.

Nun kann er wohl gar französisch, der Sackermenter­bengel", murmelte Friedrich stolz in den grauen Bart.Das hat er sicher dem russischen Freilein abgeguckt, er ist doch weßknebbchen ein tücht'ger Bengel."

(Fortsetzung folgt.)

Gipfelwunder.

Skizze von Max Karl Böttcher -Chemnitz.

Dampfender Nebel wuchtete int Tal.

Morgennebel.

Aus dem Kreuther Winkel, von Tirol herauf, huschten taue Winde, spielten mit den Nebeln und zerrten sie von Berg zu Berg', von Gipfel zu Gipfel, stießen hinab auf den See, daß sie die Wellen küßten, hoben sie auf und zerrten sie durch Tann und Hag, und ihre Fetzen hingen wie Schleier an Latschen und Kniekiefern und schwebten Gespenstern gleich in bizarren Schwadcnl auf und nieder.

Und über all deut die Sonne!

Noch unerwacht, noch keusch verhüllt in lichten Wolken, und nur ein lieblich Morgenrot, zart wie Maienglühn auf den Firnen, rosig wie ein schlafend Engelskind, ließ ahnen, daß die herrliche, prangende Königin des Tages u.ahe sei auf ihrer einigen,' Bahn.

Die Kahlgipfel des Gebirges überzogen ihr graues Gewand mit zartpurpurnem Morgenkleid und bereiteten sich vor, den jungen Tag zu empfangen.

Und aus all den Kuppen nnb Gipfeln ragte ein jäher, wilder Fels empor, zackig-spitz, und aüf seinem Haupte stand ein steinern Kreuz, das kühne Steiger einst errichteten, und weil die Sonne­wenn sie erwachend über die Almen zog, dies Kreuz just zuerst mit ihrem glühenden Glanze überzog, daß es weithin über die Lande verkündete: Sie ist da, die Herrlichste, die Große, sie ist erwacht!! sv nannte man das Kreuz dasSonnenkreuz".- Schwierig war fein Ersteigen und mancher Bub- hatte schon ast diesem jähen Gipfel sein Leben gebüßt. Und doch wagten immer und immer wieder tollkühne Steiger den Aufstieg, weil eine