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Samstag, den 6 September
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Dom Pikkolo zum Millionär.
Heitere Erzählung von Harry Nitsch.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Langsam verstrich die Zeit. In kleinen Städten, wo es weder aufregende Ereignisse noch Zerstreuungen gibt, scheint Chronos länger Rast zu machen. Ein Jahr kommt dem Kleinstädter zuweilen um einige Monate länger vor, als dem verwöhnten Großstädter. So ging es auch Erich Sanner. Er war seit einem Jahr im „Goldenen Schwan", — das Jahr schien ihm aber 18 Monate gehabt zu haben, — als Erichs älterer Lehrkollege, der kurz vor dem Ende seiner Lehrzeit stand, verschwand. Mit ihm war ein niedliches junges Dienstmädchen aus der Nachbarschaft des „Schwan" verschwunden. Beide wurden wohl nach einiger Zeit in Berlin wieder aufgefischt, aber nur das Mädchen kehrte, um ihren Nus ärmer und viele Erfahrungen reicher, nach Frohwinkel zurück, während man den jungen Herrn dadurch in Berlin zu fesseln suchte, daß man ihm freies Logis und Kost gewährte. Denn der Jüngling hatte die Unvorsichtigkeit begangen, einen Hundertmarkschein mitzunehmen, der nicht in seinem, sondern in Herrn Wenzels Schrank gelegen hatte.
Erich Sanner avancierte dadurch. Er wurde Ober-, Zimmer-, Restaurations-Kellner und Pikkolo in einer Person, denn Herr Wenzel wollte vorerst keinen Lehrling mehr einstellen.
Erich verging die Zeit sehr langsam. Das erste Jahr seiner Lehrzeit erschien ihm lang, so sehr lang, und wenn er an die frühere, ungebundene und sorgenlose Knabenzeit zurückdachte, so schien ihm diese eine ganze Ewigkeit zurückzuliegen.
*
Anderthalb Jahre seines Pikkolo-Daseins hatte Erich abgedient, als sich in seinen Neigungen und Anschauungen eine Wandlung bemerkhar machte. Ein kleines rosiges „Mädchen aus der Fremde" trug die Schuld daran.
In den nicht oft bewohnten „Salon" des Goldenen Schwan, der sich von den übrigen Zimmern vorteilhaft dadurch abhob, daß er einen großen, wenn auch schon etwas fadenscheinigen Teppich, sowie ein knallrotes Plüschsofa und zwei ebensolche Sessel hesaß, waren für einige Wochen Gäste aus weiter Ferne eingezogen. Frau Cernau, die Tochter eines angesehenen, sehr wohlhabenden Bürgers des Städtchens, war an einen Fabrikdirektor in Südrußland verheiratet. Dix Eltern der Dame waren jetzt kurz nacheinander verstorben. Um den etwas verworrenen Nachlaß zu regeln, blieb Frau Cernau nichts weiter übrig, als selbst die weite Reise in die Heimat zu machen, da ihr Gatte geschäftlich nicht abkommen konnte.
Die aus den kleinstädtischen Verhältnissen ganz herausgewachsene Frau bewohnte mit ihrem reizenden, vierzehn
jährigen Töchterchen, sowie deren Gouvernante den Salon und zwei anstoßende Zimmer.
Fräulein Mila, so hieß die schwarzlockige Kleine, wakr ein munteres, aufgewecktes Ding, das flott französisch und ein wenig englisch plapperte, außer russisch, der Spracheihrer eigenen Heimat, und deutsch, der Muttersprache beider Eltern.
In Ermangelung anderer Zerstreuungen war die Kleine dem Pikkolo sortgesetzt auf den Fersen, von ihm verlangte sie die gewohnte Ahwechslung, die das kleine Nest dem verwöhnten Kind nicht bieten konnte. Mutter und Gouvernante hinderten sie hieran nicht, da beide es längst aufgegeben hatten, den Wünschen des kleinen, aber gutherzigen Eigensinns Opposition zu machen.
Der schüchterne Erich ging dem vornehmen Fräulein erst ängstlich aus dem Wege; ein Wesen, das in vier Sprachen seine Wünsche auszusprechen vermochte, erschien ihm wie etwas überirdisches. Erst ganz allmählich, hauptsächlich herbeigeführt durch das zutunliche Wesen des Mädchens, wurde Erich dreister und wagte es, sich mit dem munteren Ding in eine Unterhaltung einzulassen.
Jetzt enthüllte sich ihm eine ganz neue Welt. Mila war mit ihrer Mutter schon sehr viel gereist, sie kannte gar manchen der fashionablen Fremdenplätze an der Riviera, in der Schweiz, in Süddeutschland; ja sogar in Egypten war das junge Mädchen schon gewesen.
Seine Freistunden von 2 bis 3 Uhr mittags widmete Erich jetzt der kleinen Mila. Dann saßen die beiden jungen Menschen unter den alten Bäumen des ehemaligen Patriziergartens, und begierig lauschte der Pikkolo den Erzählungen seiner kleinen Freundin.
Es war eilt warmer, sonniger Septembertag. Im Garten herrschte Mittagsruhe, nur leise und dumpf tönte Kinderlärm oder Wagengerassel von der Straße her zu den beiden.
Erich war im letzten Jahr unter der sorglichen Pflege von Fräulein Maus tüchtig gewachsen, auch seine Wangen hatten an Rundung gewonnen und leuchteten in jugendlicher Frische. Leider hielten Erichs Beinkleider und seine ehemals schwarze, jetzt eine undefinierbare Farbe zeigende Jacke mit diesem rapiden Wachstum nicht gleichen Schritt, sie waren überall zu eng oder zu kurz.
Mila hockte mit emporgezogenen Knieen neben Erich auf der harten Steinbank und sah ihm altklug ins Gesicht. Die freiherabhängenden, etwas unbändigen schwarzen Locken waren ihr über die Schultern geglitten und umrahmten das reizende, pikante Gesichtchen des frühreifen Kindes. Das hellblaue Kleid, ein mit weißen Spitzen und schwarzen Bändern verzierter plissierter „Hänger", trug sichtbare Spuren der kaum beendeten wilden Jagd, welche beide durch die verschlungenen Wege des Gartens veranstaltet hatten. Auf ihrem Schoß, zwischen die Knie geklemmt, hielt Mila eine große Düte mit Pflaumen, in deren Tiefe abwechselnd Erichs und Milas Hand verschwanden, um bald darauf mit einer der blauen, saftigen Früchte wieder aufzutauchcn. Der sorglich


