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Was null im einzelnen gesungen wird, davon geben die ossi- ziellcn Soldatenliederbücher nur eine sehr schwache Vorstellung. So kennt das Gießener Soldatenliederbuch von 31 häufig gesungenen Marschliedern, int Jahre 1907 von mir in der 5. Kompagnie ausgezeichnet, nur 15, also noch nicht die Hälfte. Ta lene Lieder zugleich das jüngere Marschliederrepertoire des ganzen Regiments annähernd richtig widerspiegeln, so seien wenigstens deren Anfänge hier mitgeteilt:
Ach Schönste, Allerschönste . . . Auf, auf zum Kamps . . . Mus dieser Welt hab ich kein' Freud... Drei Lilien... Trumen int Unterland ... Es war mal eine Müllerin ... Es welken alle Blätter ... Es wohnt ein Müller ... Es wollt ein Mädchen in der Früh aufstehn ... Es wollt ein Mädchen wohl auf ein Schiff . . . Es wollte sich einschlcichen . . . Freund, wie hat es dir gefallen . . . Gestern abend in der stillen Ruh .’. . Gold und Silber lieb ich sehr . . . Heut zum letzten Mal, ihr Brüder . . . Ich halt ein’ Kameraden ... Ich halt einmal ein Mädchen . . . Ich kann nicht sitzen, ich kann nicht stehn. . . Ist alles dunkel, ist alles trübe . . . Köln am Rhein. . . Mein Regiment, mein Heimatland . . . Mein schönster Schatz erlaube mir . . . Morgen marschieren wir . . . Musketier scin’s lust’gc Brüder . . . O Straßburg . . . Schatz, mein Schatz, reis' nicht so weit . . . Setzt zusammen die Gewehre . . . Soldaten sein schön . . . Steh ich in finstrer Mitternacht. . . Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren . . . Wie ein stolzer Adler . . .
Zu dieser ganz stattlichen Anzahl treten noch einige nur von wenigen gekannte Lieder hinzu, ferner die getrageiteren, für den Marsch ^ungeeigneten Weisen, darunter besonders die Reserve- lrcder. Im gaikzen kamt man sagen, verfügt unser Turchschnitts- musketier über ein Soldatcnliedrepertoire von ca. 40 Liedern Mm Teil recht erheblichen Umfangs.
Woher stammen nun diese Lieder? Ten Musketier würde man vergebens danach fragen. Es kümmert ihn nicht, daß „Steh ich in finstrer Mitternacht" von Hauff, oder „Ich hatt' einen Kame- radeii" von Uhlaud gedichtet ist, auch interessiert ihn wenig zu wissen, daß „Es war einmal eine Müllerin" und „Es welken alle Blätter" die letzten Reste von Liedern aus dem 15. Jahrhundert vorstellen, oder daß schon ein Gelehrter der Zeit Luthers und Hans Sachsens, Fischart, sich über die Unsittlichkeit des Habcrsaekliedes ebenso tief entrüstete, wie heute noch manche Vorgesetzten, die das Anstimmen dieses Liedes kurzerhand verbieten.
Sicher ist, daß die meiften der angeführten Lieder älter sind als unser und überhaupt eins der heute bestehenden Regimenter. Damit, hängt zusammen, daß so viele von ihnen ursprünglich gar keine Soldatenlieder waren. Sie waren Volkslieder; finden wir sie doch als allgemein bekannt in früheren Jahrhunderten bezeugt und hatten sie doch — das ist das Ausschlaggebende — mit dem Kriegerstand gar nichts zu tun. In vielen spielt der Soldat noch heute keine Rolle, sondern statt seiner: der Edelmann, der Müller, der Matrose und ganz besonders der Jäger. In einigen hat er sich neuerdings erst eingeschlichen, durch sogenannte Soldatenstropheit, in wieder anderen ist die alte Hand- lmig so zerstört, daß die einstige Hauptperson nicht mehr deutlich hervortritt. Wer, bemerkt es heute noch, daß in „Es welken alle Blätter" der einstige Liebhaber der Nonne ein treuloser Ritter oder Gras war, wer fühlt es heute noch bei „Köln am Rhein, ein schönes Städtchen", daß dies Lied zuerst von Hand- werksburschen um 1750 bei Gehen auf die Wanderschaft ge- fungen wurde? Noch eigentümlicher ist die Herkunft des vielgesungenen Trci-Lilienliedes. Es stammt dieses aus einer fragmentarisch schon 1531 bezeugten Jägerballade mit dem Anfang:
Es blies ein Jäger wohl in sein Horn Und alles was er blies, das war verlor'u.
Dieser Jäger fängt statt des Wildes im Wald ein Mädchen ein und will es ermorden. Des Mädchens letzte Worte lauten:
Sterbe ich noch heute, so bin ich tot, Begräbt man mich unter die Röslein rot.
Dann endet die Erzählung,:
Es wuchsen drei Lilien aus ihrem Grabj Es kam ein Reiter und brach sie ab. Ach Reiter, laß die Lilien stau, Es soll sic ein jungfrischer Jäger hau.
Dieses Endstück wurde abgeschititteu und ein neues Lied daraus geformt, wahrscheinlich von Studenten um 1830 herum; und cer Höhepunkt des Unsinns — oder des Tiefsinns — wurde erreicht, als noch eine vierte Strophe hinzukam:
Ums Morgenrot, ums Morgenrot, will ich begraben fein, Denn da ruht ja mein Feinsliebchen so ganz allein.
Noch eigentümlicher scheint es mit der Herkunft eines andern, den Volksliedsammlern bisher entgangenen Liedes bestellt, das von der Verführung des Mädchens durch einen Matrosen berichtet. Dieser Matrose ist sicher jungen Datums, er scheint mir jedoch einen direkten Vorläufer in einem Landsknecht des 17. Jahrhunderts gehabt zu haben. Ich stelle beide Lieder ueben- eiiiander:
Es wollte ein Mädchen wohl ans ein Schiff,
Ein junger Matrose zu ihr spricht:
Ei wohin denn, du wunderschönes Mägdelein, Laß mich diese Nacht dein Beischläfer fein, Denn ich schlaf so ganz alleine.
' Pme Beischläsrin lein, das kamt ich nicht,
, Meine Mutter dte hat mich ausgeschickt;
Meine, Mutter die hat mich ausgeschickt. Hat mir einen Taler in die Hand gedrückt Für so ein jungen Matrosen.
Gr nahm das Mädchen wohl bei der Hand Und führte sic ,abseits zum Mecresstrand.
Und da lagen sie fröhlich beisammen,
. Bis daß der helle lichte Tag anbrach, Und dann gingen sie wieder von bannen. Und als der helle Tag anbrach, Ta sing das,Mädchen zu weinen an: Et,wo hab ich denn meine Unschuld gelassen. Bet so einem schönen jungen Schisssmatros Und der wird mich doch ganz sicher nicht verlassen.
Es ging ein braun Mägdlein über den Steg, Begegnet ihr ein braver Landsknecht: Gott grüß euch, Jungfrau reine!
Wollt ihr des Nachts mein Schlafbuhl fein, So ziehet mit mir Heime.
Ich mag nicht reiten, ich mag nicht gehn. Ich muß zu morgen früh anfstehn, So , manchen Reichstaler zu lösen;
Mein Mütterlein hat mich ausgesaudt Zum Qhtt’n und nicht zum Bösen.
Er nahm das Mägdlein bei der Hand, Führts in ein Korn und das war lang, Sie beide lagen beisammen. Bis daß der Helle Tag anbrach, Der Bauer kam gegangen.
Das Mädchen war voll grimmigen Zorn, Sie wars ihr Kränzlein in das Korn: Hier hab ich meine Ehr gelassen. Bei einem braven Soldaten gut, Er wird mich nicht verlassen.
Das alte Lied steht in einer Sammlung mit dem schöne» Titel „Tugendhafter Jungfrauen und Jnnggesellen Zeit-Vertreiber", gedruckt um 1690. Von dem neuen Lied sind mir noch drei Zitsatzstrophen bekannt, die dem alten Lied fremd waren und mitteilen, daß das Mädchen von dem Matrosen verlassen und daheim von der Mutter ausgescholten wird.
Wie gelangen nun solche Lieder in das Regiment? Die Regel wird feilt, daß die Heimat der meisten Soldaten, also unser Hefsenland, aus seinem reichen Volksliederbestand geeig- iictc Lieder abgegeben hat: damit hängt zusammen, daß fie den meisten Rekruten Beim Eintritt ins Regiment längst bekannt sind. Aber auch merkwürdigere Arten von SiebüBertragungen sind zu beobachten. So brachten im Herbst 1910 Musketiers bie gelegentlich der Anwesenheit des Zaren nach Friedberg kpiN- mandiert waren, ein neues, landfremdes Sieb in die Garnison zurück, das sie durch Mainzer Kameraden während des, Friedberger Zusammenseins kennen gelernt hatten und Pas sich bald durch das ganze Regiment verbreitete:
Ans dem Berg so hoch da droben Da steht ein Schloß, :|:
lind wir fingen Abschiedslieder, Steigt das Schifflciii auf und nieder. Steigt das Schifflein in die Höh', Wenn wir scheiden von dem Bodensee.
Steigt der Weidniann früh am Morgen :|: Bergauf, bergab; :|: /
Hat er eine Gcms geschossen, Hat er sie zu Tod getroffen, Jubelt er vor Freud: Juchhe!
Denn er traf fie an dem Bodensee,
Freunde, wenn wir scheiden müssen.
So denkt an mich. :|: ' -
Wollt ihr mir noch etwas schenken. Schenkt mir euer Angedenken, Tief im Herzen tut mir’s weh, Denn ich scheide von dem Bodensee.
Einige Leute in den Kompagnien scheiden statt „vom Bodensee" lieber „auS der Heilsarmee"; aber das braucht uns in der Herkunft des Liedes nicht irre zu führen; das m. W. nirgendwo ausgezeichnete Sieb, von bent zuweilen noch eine 4. Strophe gesungen wirb, ist sicher süddeutschen Ursprungs; es ist eins jener Alm- oder Sennerlieder, wie fie in süddeutschen Garnisonen bis Frankfurt und Mainz hinauf beliebt sind.
Wie in diesem Fall wird auch sonst der Liederschatz des Regiments fast in jedem Jahr bereichert, dafür allerdings auch manches alte Gut fortgeworfen. Das Sieb „Gestern Abenb in ber stillen Ruh" hört man kaum noch gefangen, ebensowenig das stimmungsvolle „Es wollte sich einschleichen ein kühles Siiftelein"; an ihre toteUc sind getreten: „O Deutschland hoch in Ehren" und „Wir lässigen 116er fein allzeit zusammen". Dies letzte Sieb ist im übrigen nicht mehr jung. Kühne Leute behaupten,, es sei schon


