Ausgabe 
6.8.1913
 
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tal, von dein sie bald zu leben wußte. Der freie Hauch des Lebens droben in dem skandinavischen Reich hatte den Rest altcrerbter deutscher Vorurteile bei Gottliebe abgestreift. Sie scheute nun nicht davor zurück, aus ihrem gründlichen Können sich einen Beruf und- Erwerb zu machen, wie niuje» wohnlich er auch in ihrer Heimat war. Sie eröffnete in Berlin gymnastische Kurse für junge Mädchen, die darauf abzielten, ihren Schülerinnen eine heilsame körperliche Aus­bildung uni) Gewandtheit zu geben.

Der Erfolg war überraschend groß, gerade, weil cs lief) um etwas Neues handelte, und so warfen denn jetzt diese Kurse, zu denen sich die Töchter wohlhabender und vor­nehmer Familien drängten, war doch die Lehrerin auch eine völlige Lady, selbst Angehörige dieser Kreise Gott- liebe so reiche Einnahmen ab, daß sie aller Sorgen um die Zukunft enthoben war.

Soweit hatte sich ihr Los also nun freilich günstig ge­staltet; aber dennoch fehlte ihrem Leben die wahre Be­friedigung. Sie fühlte ihr Dasein trotz aller Arbeit und Be­rufserfolge nicht voll ausgefüllt, sie Ivar trotz eines regen, gesellschaftlichen Verkehrs in den angenehmsten Kreisen innerlich einsam.

Auch heute fühlte das Gottliebe wieder, wie sie so ernst sinnend an dem Grabhügel im leise herniederrieselndeni Regen stand.

Einsam ja, nur zu einsam! Mit einem unbewußten, dunkel sehnenden Seufzer gestand sie cs sich.

Aber wonach stand ihr geheimes Verlangen?

Sie blieb sich selber die Antwort auf diese so oft auf- tauchende Frage schuldig; oder wenn sie kommen wollte, drängte sie sie'schnell wieder zurück unwillig, oder gar wohl mit einer geheimen Furcht, denn sic wollte diese Ant­wort nicht hören. Was da ans den Tiefen ihres Gefühls in dunklem, instinktivem Drange anfsteigen wollte, ihr klarer, geschulter Verstand, ihr stark entwickelter Wille litten es nicht, bestritten ihm die Berechtigung zum Dasein.

Oder sollte sie, die an der Hand großdenkender, stark- geistiger Männer und Frauen das Leben sehen gelernt hatte, die die mystisch lockenden Rätsel der Natur all ihres ver­hängnisvollen Nimbus entkleidet in brutaler Nüchternheit vor sich liegen sah, sollte sie den törichten Taumeltanz der Eintagsfliege mitmachen, dem raffiniertesten Trick der Natur auch ihrerseits verfallen und die uralte Tragikomödie der Liebe auch an ihrem Teil mitspielen?

Was da die große, schlaue Kupplerin, den blindver- trauenden Menscheniindern vorgankclte von höchstem Glück durch die dauernde Vereinigung zweier Individuen, es war ja der dreisteste Betrug, den man sich denken konnte! Was lag der dunklen, gigantischen Macht, die das Weltall lenkt, an dem Wohlergehen des winzigen Atömchens, das sich Mensch nennt? Gottliebe sah das große, kalt-grausame Lächeln hinter der Maske, die so mütterlich-freundlich gn- lockte. Ja freilich, die große Mutter war jene Macht, aber was ihr am Herzen lag, das war lediglich die Erhalrungl der Gattung, nicht die des Individuums.

Mit tausend bewundernswert sinnreichen Kniffen lockt die Natur alles, was da atmet im rosigen Lichte und sich in dunkelsten Meerestiefen birgt, zur Vereinigung; aber nur zum Zweck der Fortpflanzung, eben zur Erhaltung der Gattung. Die junge Brut, der Sicherheit halber oft mit einer unglaublichen Verschwendung ins Leben gerufen, wird um­hegt und geschützt lvie der kostbarste Schatz des Weltalls. Aber was liegt an den Eltern, wenn sie ihren Zweck erfüllt, der nächsten Generation das Bestehen gesichert haben? Am besten hinweg mit ihnen, sie sind überflüssig, nur nutzlose Mitesser, die dem kommenden Geschlecht nur Licht und Luft wegnehmen. Das klassische Beispiel eben der Eintagsfliege, die am Ende der Brautnacht tot zu Boden taumelt.

Nicht anders auch der Mensch! Wenn er der Natur den Gefallen getan, wenn die Vereinigung mit dem so heiß begehrten andern vollzogen war, dann kommt das schnelle Absterben auch bei ihm. Zwar nicht körperlich obwohl der unbarmherzige Existenzkampf, die Sorge für die Familie ja so manchen Mann, das Gebären und Groß?-- zieheu der Kinder so manche Frau auch leiblich zugrunde richtet, aber auf alle Fälle seelisch. Der holde Wahn zer­reißt alsbald, sobald die beiden Betörten ciuseheu, für welchen plumpen Zweck sie sich haben einfangen lassen.. Vereint nicht als Freie, zum Genießen höchsten, verfeiner­ten Seelenglücks, sondern als Tributpflichtige, als Sklaven Hgrter Wtagsfron und eines niederen WMPL'chi Triebes,

der mit brutaler Breitspurigkeit im Mittelpunkt des ge­samten Schöpfungswerkes steht.

Nun selber dieser unwürdigen Sklaverei verfallen? Wie all die Dutzendmenschen ringsumher?

Nein! Alles bäumte sich in zitternder Empörung bei Gottliebe auf: Nimmermehr lieber allein und frei!

Diesem Entschluß getreu, war Gottliebe all die Jahre hindurch einsam ihren Weg gegangen, und ein wissender Skeptizismus, eine Geringschätzung des Mannes hatte ihr dies Alleinbleiben erleichtert.

Der Keim dazu hatte schon immer in ihrem Wesen, gelegen, und der tragische Zwischenfall hier mit dem armen Toni hatte ihn sich ganz entfalten lassen. Seit jenem Schrcckenstage, wo sich ihr Bessows Charakter in seiner! kalten, brutalen Art enthüllt hatte, hatte sich eine leise Verachtung alles dessen, was Manu heißt, in ihr fest­gesetzt, und da sie fortab das andere Geschlecht nur mit spöttisch kritischen Augen, mit festgewurzeltem Vorurteil betrachtete, entdeckte sie auch meist nur Schattenseiten an ihm, seelisch wie körperlich.

Allein schon das Acnßcre war meist hinreichend für sie, um zu einem absprechenden Urteil zu kommen. Was war das für ein entartetes, verweichlichtes Geschlecht, das den Ehrentitel einesHerrn der Schöpfung" für sich so an- maßlich in Anspruch nahm! Namentlich bei uns daheim im lieben Vatcrlande. Zumeist recht rundlich und wohlgenährt, aber ohne markige Kraft; dazu von einer entsetzlich nüch­ternen Auffassung der Dinge und einer inneren Leere, die sich aber als lächelnde Ueb.erlegeuheit aufspielte und für befugt hielt, alles, was verfeinertes geistiges Leben heißt, als Kinderei kurzerhand abzutun.

Wohl gestand Gottliebe Ausnahmen von diesem Turch- schnittsbilde zu, aber da entdeckte sie wieder bei manchen blendenden Seiten Minderwertigkeiten des Charakters, die ihr den Betreffenden fast noch unsympathischer machten als jenen Dutzcndmann, der doch schließlich im Grunde wenigstens ein anständiger Kerl war.

Diese Geringschätzung des andern Geschlechts steigerte sich noch, je mehr Gottliebe ihre Energie und körperliche Leistungsfähigkeit im Beruf und Sport ausbildete. Sie, die ohne männlichen Beistand auf kühnen Bergtouren voll­führte, was Tausende von Männern nicht fertig brari)teu, sie sollte sich jenen nicht überlegen fühlen?

Tics Empfinden, das ihr den Mann nichts weniger als ei» Ideal, in keiner' Weise begehrenswert erscheinen ließ, hatte Gottliebe den Verzicht auf eine Ehe also leicht gemacht. Slber dennoch dies llnausgcfülltscin im ticfstcn .Innern! lind wenn sic sich ehrlich Prüfte, bis in die Tiefe ihrer Seele, so kam dies dunkle Sehnen eben doch aus jenem Punkte: die Weibesnatur in ihr ließ sich doch nicht mit allem klügelnden Verstände ausmerzen der uncin- gestandene Wunsch nach Anlehnung an einen Stärkeren und Größeren, das Verlangen nach Betätigung schlum­mernder Mutterliebe klang als ein leiser, wehmutsvoller Unterton in ihr sonst so starkes und gesundes Empfinden hinein.

Was half es ihr, wenn sie es auch vor sich selbst ab- leugnen wollte? Vogelstranßendummheit! Nein, lieber offen und ehrlich zugegeben: Es ist so, leider aber ich will und werde mir das nicht über den Kopf wachsen lassen! In der Unvollkommenheit der menschlichen Natur ist dieser Zwiespalt zwischen dumpfen Trieben und klarem, vernnnftgemäßem Wollen eben einmal unausrottbar; nur dafür sorgen, daß der Wille der Stärkere bleibt! Und die Lebcnskunst erfordert es, trotz jenes Konflikts, trotz unge­stillter Wünsche, sich die Freiheit der Seele zu bewahren.

Das sagte sich Gottliebe auch jetzt wieder, und mit einer kraftvollen Bewegung schüttelte sie die Gedanken ab, die ihr hier an dem stillen tzügcl angeflogen waren.

(Fortsetzung felgt.)

Die Gießener Solöatenlköer.

Von Dr. Phil. Beyer (Frankfurt a. M.).

Ein altes, wertvolles Besitztum unseres Regiments, von allen gekannt, von wenigen recht gewürdigt, sind seine Soldatenlieder. Man hört sie aus den Stuben der Kasernen heraus, vom fonn- täglichen Biertische her, einzeln vorgetragen und noch lieber ge­meinsam, am häusigsten und liebsten hört man sie wohl, wenn die Soldgtcn iinaegd durch Stadt upd Land marschieren^