Ausgabe 
6.8.1913
 
Einzelbild herunterladen

9223»

ML

-

<

W

II

Firnenrsulch.

Ronian von Paul Grabein.

'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Als Gottliebe eine Stunde später, in ihre Lodenpeleriue gehüllt, hinaus in den zwar dünnen, aber immer noch im? aufhaltsam rieselnden Regen trat, war es beschlossene Sache: Sie wollte morgen mit der Post hinauf nach der Ferdinands- Höhe und dann hinüber ins Bündnerland.

Das Unternehmen lockte sie bereits aufs lebhafteste. Sonnenschein drüben und die Aussicht auf genußreiche Touren durch das grüne, eisbediademte, alte Rhätierland das hatte ihr mit einemmal ivieder frischen Mut gemacht. Vorbei war das langweilige Sitzen rind Warten hier, das sie nun schon genug gekostet hatte. Nun wollte sie nur noch einen Weg hier tun, eine altgewohnte Pflicht der Pietät erfüllen, dann war hier nichts mehr für sie zu schaffen.

Ueber den Wiesenhang, der sich von der Straße zum Trafoibach hinstreckt, schritt Gottliebe den schmalen, heute völlig aufgeweichten Pfad hin. Sie hätte die bequemere Chaussee benutzen können; aber sie hatte mit Absicht diesen Seitenweg gewählt. Sie wollte möglichst unbeobachtet auf diesen! Gange sein. Niemand brauchte zu wissen, wohin sie ihre Schritte lenkte, und was sie da unterm Cape trug.

Mit leisem Rauscheu raschelten die Blätter des Lor­beers und die Tannenzweige, die zum Kranz gewunden! ihre Linke trug, gegen ihr Kleid. Ihr Ziel war der kleine Gottesacker da drüben neben der Kirche, die Ruhestätte des Spängler-Toni.

Alljährlich, wenn sie hier war, pflegte Gottliebe zu diesem Grabe zu gehen und den Kranz darauf niederzu­legen, den sie sich aus Bozen mit der Post schicken liest. Auch heute erfüllte sie diese gewohnte, sich selbst auserlegte Pflicht.

Nun stand sie an dem schmucklosen, efeuumsponnenen Hügel, der schlicht und einfach dalag wie all die andern ringsum. Nur ein hübscher Denkstein aus weißem Marmor am Kopfende zeichnete das Grab vor den übrigen aus, die nur ein einfaches Holzkreuz hatten; auch diesen Schmuck verdankte es Gottliebe.

Mit ernstem Sinnen ruhte Gottliebes Auge auf dem Hügel, nachdem sie den K^anz dort niedergelegt hatte.

Nun acht Jahre schon, daß der stille Schläfer dort drunten lag. Acht Jahre eine lauge Spanne Zeit! Und im Geist flogen diese Jahre mit all ihrer Luft und ihrem Leid noch einmal vorüber. /

Das Leid, wenigstens der Ernst, lvog dock Wohl vor darin. Das hatte gleich eingesetzt mit harten Kämpfen, da­mals nach dem Unglück mit dein Toni.

Heimgekehrt, hatte Gottliebe ihr Versprechen an seinem Totenbett eingelöst und sich ihr kleines Vermögen von der Dante eingefordert, um des Toni Familie damit zu unter­

stützen. Das hatte aber bei der Frau Major Morell, die schon durch die Abweisung Bessows, ihres Proteges, aufs tiefste verletzt war, das letzte getan.

So hatte sie denn schließlich wohl Gottliebe ihr mütter­liches Erbteil herausgegeben, aber darüber war es zuut offenen Bruch mit der Nichte gekommen, und diese hatte ihr Haus verlassen, um fortab auf eigenen Füßen zu stehen.

Gottliebe hatte ihr kleines Kapital damals geteilt. Die Hälfte hatte sie Tonis Mutter gegeben, die sich damit ein Logierhäuschen für Sommergäste drüben in Sulden erbaut hatte. Die andere Hälfte reichte etwa gerade hin, um Gott- liebe bis zur Ausführung ihrer Pläne mit sich selbst zu er­halten, die sie nun mit ernster Energie ins Auge gefaßt hatte.

Zunächst war dies Ziel das Lehrerinnenexamen. Nach drei Jahren voll ehrlicher Arbeit war es erreicht, aber nach wenigen Monaten des Probeunterrichts fühlte sich Gottliebe bereits völlig unbefriedigt.

Seitdem sie damals die Berge in ihren Bann gezogen, die in ihr so lange schlummernde Lust au ihrer Jugendktaft geiveckt und hell entfacht hatten, ließ es sie nicht mehr kos. Jahr für Jahr zog es sie wieder hinauf in das Reich der freien Höhen, und der Gedanke erstickte sie fast, nun ihr Leben lang dazu verurteilt zu sein, in stickiger Schulstuben­luft ihren noch jungen Leib verwelken, ihre elastische Kraft ungeübt verkümmern zu lassen.

Gottliebe hatte den Lehrerinnenberuf ja eben nur er­griffen, weil es das nächstliegende für em1 Mädchen ihres Standes war, weil alle ihre Bekannten in gleicher Lage es ebenso gemacht hatten, nicht aber aus innerem Drange. Nun, luo sie den neuen Beruf aber wirklich kennen gelernt hatte, zeigte er sich ihr erst im rechten Lichte unerträglich für sie, wie sie nun einmal wär.

Aber was nun?

Da war ihr schließlich ein Ausweg gekommen. War es nicht mindestens ebenso verdienstlich, sich statt der Pflege des Geistes die Kultur des Körpers der Heranwachsenden Jugend angelegen sein zu lassen? Nur im gesunden Leibe kann eine gesunde Seele wohnen eine alte Wahrheit! Und hatte unsere hastende Zeit mit ihrer nervenzerrüttendeu, geistigen Ueberanspannung nicht am allerersten ein Geschlecht mit stählernem Leibe nötig? Auch ein Frauengeschlecht, das dereinst gesunde Kinder gebar, geschaffen für den unbarm­herzigen Daseinskampf im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität?

Der Gedanke hatte Gottliebe immer mehr gefaßt, sie nicht mehr losgelassen, und endlich hatte sie ihm nachge­geben. Sie hatte die vorgefchriebenen Kurse genommen, sich auch als Turnlehrerin noch ausgebildet, und nachdem sie ihr Examen auch für dies Fach noch gemacht, war sie auf ein Jahr nach Schweden gegangen, um dort an der Quelle mo­derner Gymnastik zu studieren.

Daun ivieder heimgekehrt, wären ihre Mittel allerdings fast ganz erschöpft; aber das Erlernte war ja nun ein Kapi-