Ausgabe 
6.3.1913
 
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Doch ich fühlte, daß ich bald nicht mehr konnte. Ich hatte getan, was ein Mann tun kann manche sagen sogar mehr aber endlich war ich an einem Punkt angekommen, von dem ich kein glückliches Entrinnen mehr hoffen konnte. Die Pferde meiner Verfolger waren erschöpft, doch meins wars auch und noch ver­wundet dazu. Es blutete so stark, daß wir auf der weißen, staubigen Straße eine rote Fährte hinterließen, sein Schritt wurde schon matter, und früher oder später mußte es unter nur zusammenbrechen. Ich drehte inich um und erblickte die fünf unvermeidlichen Preußen Stein war ungefähr hundert Meter voraus, dann tarn' ein Ulan und dahinter nebeneinander die drei letzten. Stein hatte den Säbel gezogen und schwang ihn gegen mich in der Luft. Ich meiiiesteils war entschlossen, mich keines­falls zu ergeben. Ich wollte suchen, möglichst viele von diesen Preußen mit mir hinüberzunehnien in die andere Welt. In diesem erhabenen Moment tauchten alle die großen Taten meines Lebens vor meinem geistigen Auge noch einmal auf, und ich hatte das Gefühl, daß diese, meine letzte, wahrhaftig ein würdiger Schluß einer solchen Laufbahn sei. Mein Tod würde freilich ein schwerer Schlag sein für jene, die mich liebten, für meine Husaren und für die anderen, deren Namen ich verschweigen will. Aber sie alle hatten meine Ehre und meinen Ruhm in ihren Herzen, und ihr Schmerz würde durch den Stolz gemindert sein, den sie empfinden würden, wenn sie erführen, wie ich an diesem letzten Tag geritten wäre und gekämpft hätte. Deshalb tröstete ich mich und, als mein Araber auf seinem lahmen Bein immer mehr und mehr hinkte, zog ich den schweren Säbel, den ich dem Kürassier abgenonrmen hatte, uild machte mich zu meinem letzten Und höchsten Kampfe bereit. Ich zog gerade den Zügel an» um kehrt zu machen, weil ich fürchtete, wenn ich noch länger wartete. Womöglich zu Fuß gegen fünf Berittene fechten zu müssen. In diesem Augenblick fiel mein Auge auf etwas, das nur wieder Hoffnung emflößte und meiner Brust einen Freudenschrei entrang.

Aus 'einer kleinen BcmMgruppe vor mir ragte der Turm einer Dorfkirche hervor. Es konnte kein anderer fein, als der, welchen ich erst vor zwei Tagen gesehen hatte, es mußte also das Dorf Gosselies sein. Der Turnt hatte nämlich, weil an der einen Kante, wahrscheinlich durch Blitzschlag, das Mauerwerk zerstört und 'rausgefallen war, eine sehr charakteristische und phantastische Gestalt, die nicht zu verkennen war. Doch wars nicht die Hoff­nung, das Dorf zu erreichen, was mich mit Freude erfüllte, sondern weil ich jetzt wieder wußte, wo ich war, und daß jenes Bauernhaus, dessen Giebel ich keine Viertelstunde weit durch die Bäum« schimmern sah, das Gehöft St. Aunay sein mußte, wo wir gelegen hatten, und das ich dem Rittmeister Sabbatier als Mendez-Wons der Couflansschen Husaren bezeichnet hatte. Dort waren sie also, meine flinken Jungen, wenn ich sie nur erreichen konnte! Mit jedem Sprung ivnrde mein armes Tier matter. Mit jedem! Augenblick tarnen meine Verfolger näher. Schon hörte ich dicht hinter mir eine Salve germanischer Flüche, schon pfiff mir eine Karabinerkugel am Ohr vorbei. Wie toll spornte ich Meinen Araber und schlug mit dem flachen Säbel auf ihn ein, UM sein Tempo auf der Höhe zu halten. Tas offene Hoftor war vor mir. Ich sah das Blinken der Waffen drin. Als ich durch- dounerte, war Stein keine zehn Meter Mehr von mir entfernt. Herbei Kameraden! Herbei!" rief ich mit mächtiger Stimme. Ich hörte ein SumImeN, als wenn die emsigen Bienen aus ihrem Korb ausschwärMen. Dann stürzte mein herrlicher Araber tot Unter mir zusammen, und ich fiel aufs Pflaster, womit meine Erinnerung mrfhört.

Das war meine letzte und berühmteste Tat, mes chers amis, eine Tat, die in ganz Europa bekannt wurde, und den Namen Etienne Gerard im Buch der Geschichte unauslöschlich gemacht hat. Ach! daß alle meine Anstrengungen dem Kaiser nur wenige Wochen länger die Freiheft erhalteir haben, weil er sich am 15. Juli den Engländern ergab! Doch, es war nicht meine Schuld, daß er nicht imstande war, die Kräfte zu sammeln, die in Frankreich noch seiner warteten, UM ein zweites Waterloo zu liefern, mit einem glücklicheren Ausgang. Wenn andere so ergeben geivesen wären wie ich, so würde die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen, der Kaiser seinen Thron behalten, und ein Soldat wie ich nicht nötig haben, sein Leben mit Kobl- vflanzen hinzubringen, oder sich in seinen alten Tagen mit Ge­schichtenerzählen in einem Coss .die Zeit zu vertreiben. Sie wollen wissen, meine Herren, was aus Stein und den preußischen Reitern geworden ist? Bon den dreien, die zurückgeblieben waren, weiß ich nichts. Einer ist, wie Sie sich entsinnen werden, durch meine Hand.gefallen. Dann warens also noch fünf. Drei davon find von meinen Husaren niedergemacht worden, die, im Augen­blick,.wirklich unter dem Eindruck gestanden hatten, den Kaiser zu verteidigen. Stein wurde leicht verwundet und gefangen genommen, e&en|o einer von den Ulanen. Wir sagten ihnen die Wahrheit nicht, weil wirs für besser hielten, keinerlei Nachrichten über den Aufenthalt des Kaisers in die Oeffentlichkeit bringen zu lassen. Ätetn ta&te also immer noch in dem Glauben, daß er bis auf ein t>aar Meter dran war, den furchtbaren Fang zu machen.Ich tawi jetzt wohl begreifen, daß Ihr Eueren Kaiser liebt und ver­ehrt, sagte er eines Tages,denn einen solchen Reiter und *

Wächter habe ich nie gesehen," Er wußte nicht, warum der htngf« Husarenoberst bei seinen Worten so herzhaft lachte . aber e? hat es spater erfahren.

(Fortsetzung folgt)

Vermrschtss.

' Verdentschuugstafel » für Kaufleute. Seit seinem Bestehen hat der Allgenieine Deutsche Sprachverein feine mahnende Stimme gegen die Fremdwörterei im Kaufmannsdeutsch erhoben. Sie ist in der Tat lächerlich genug; wird doch dem Kaufmannslehrling zugemutet, sich unter Aufwendung unsäglicher Muhe fremdsprachliche Ausdrücke einzuprägen, für die ihm aus der Umgangssprache gute deutsche Ersahwörler zur Verfügung stehen. Zu dem Zweck nun, zunächst den gangbarsten Fremdwörtern der Kaufmaimssprache auf den Leib zu rucken, haben mehrere Zweig- vereiue Verdeutschungstafeln veröffentlicht, die einen Auszug aus dem Verdeutschungsbüchlein des SprachvereinsDer Handel" dar- stelleu. Sie sind auf Steifpapier gedruckt, mit einer Oese versehen und bestimmt, in der Aähe des Kontorpultes aufgehängt zu werden. Augenblicklich find noch die Karten des Bonner, des Hamburger und des Remscheider Zweigvereins zu beziehen und zwar die Boiiner durch W. H. Merckens in Bonn (Beethovenstraße 32), die Hamburger durch A. Frederking in Hamburg (Gr. Bleichen 25) und die Remscheider durch W. Witzel in Remscheid. Der Preis der Karten beträgt mir 2025 Pfg., und bei größeren Bezügen tritt eine Preisermäßigung ein. Die Bonner und die Remscheider Karten sind große Tafeln, die die Wörter auf einer Seite in mehreren Spalten nebeneinander bringen; die Hamburger Karte ist klein und dreiteilig. In allen drei Zweigvereinen find die Fremdwörter und besonders ihre Verdeutschungen aus sorgfältigste Weise von besonderen Ausschüssen ausgewählt morden, so daß die Taselii aufs eindringlichste empfohlen werden können.

ff. Menschenfressende Eskimos. Hoch oben im Norden Amerikas an der Hudson-Bai leben in einsamer Eis­wildnis verstreut zahlreiche Eskimos, die noch auf einer sehr niedrigen Stufe der Kultur stehen. Erst in jüngster Zeit sind auch Missionare in jene unwirtlichen Gegenden hinausgezogech nm dort das Gotteswort und Zivilisation zu verbreiten. Einer dieser Gottesmäuner, der englische Geistliche W. G. Wal tau, hat .einem Mitarbeiter desStandard" von dem Eskimoleben ein gutes Bild gegeben. Wenig bekannt dürfte fein, daß unter ben Eskimos der Hang zur Menschenfresserei in gewiffen Zeiten der Not zum Durchbruch kommt. So erzählte der Geistliche von einer Mutter, die ihre eigenen Kinder gegessen hatte, von einem Manne, der sein Weib verspeiste und nur mit Mühe daran gehindert werden konnte, auch Kinder zu vertilgen. Ganz er­schreckend verbreitet ist unter den Eskimos die Blutrache, di« alljährlich viele Opfer fordert. Dem Missionar ist ein Fall be­kannt, wo ein Mann aus Versehen einen anderen Menschen er­schoß und dann die Sippschaften beider sich gegenfeitig ausrotte: ett, bis zuletzt nur noch ein Ueberlebender der beiden Familien vor­handen war. Gesetze tannt man dort nicht. Merdings kommen Diebstahl,. Raub und ähnliche Mgentmusvergehen gar nicht vor.. Dagegen ist der Mord an der Tagesordnung.

* Pantoffelheld vor Gericht.Sie muffen doch irgend etwas zu Ihrer Berteidiguiig anzubringen haben?" Ach, Herr Richter, das hat mir meine Frau längst ab gewöhnt."

* Motiv.Wie, Sie haben von Goethe noch nichts ge­lesen?"Nee, das eilt ja noch nicht so sehre, der Mann is ja nnstärblich!"

* Fatal.Als ich weine Tochter verheiratete, habe ich wörnem Schwiegersohn außer der Mitgift auch noch ein Darlehn von 10000 Dollars gegeben!"Haben Sie sie schon wieder­bekommen?"Die 10000 Dollars nicht, aber meine Tochter!"

Sitatenratsel.

Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:

1. Nun in, ich kann sie nicht verdienen,

Deine Krone, nimm sie hin!

2. Wenn der Rat eines Thoren einmal gut ist,

so muß ihn ein gescheiter Mann ausführen.

3. Alles Höchste, es fommt frei von den Göttern herab.

4. Kannst du nicht allen gefallen durch deine Tat und dein Kunstwerk: mach' es Wenigen recht; Vielen gefallen ist schlimm.

5. Still mit dem Aber! die 'Aber kosten Ueberlegung.

6. Spar' deine Worte; willst du helfen: gib!

7. Nicht in die ferne Zeit verliere dich,

Den Augenblick ergreife, der ist dein,

8. Das Glück der Schlachten ist das Urteil Gottes.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Leber, Leder, Leier.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universttäts-Buck» und Steindruck-reh R. Lang», 4i«ßn»