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ihm eine treue Gefährtin werden. Mer es ist sehr schwer . . Mama. . . sehr schwer."
Eine kleine Panse trat ent.
Dann sagte Frau Bettina: .
„Und willst du mir auch das noch lagen, liebes Kind, was dich so verzweifelt machte? Was dich enttäuschte?"
„Ja, Mama. Mir ist so sonderbar heute — bei dir - als müßte ich dir alles sagen . . .! Ich liebte Michael Non Münster, Und es war eine Zeit — nein, etn Moment bloß zwischen uns, damals, als Niki noch lebte, wo ich glaubte, daß auch er mich liebt. Er ging dalnn fort. Er ließ mich glauben, daß er deshalb ging . . . und als ich spater frei wurde, war mein Leben nichts als ein Warten auf! ihn. Aber er kam nicht. Nur Montelli kam. . ."
Fran Bettina streichelte sanft Metas Hand. .
„Armes Kind! Münster ist ein Ehrenmann — mit ihm wärest du glücklich geworden. An seiner Seite hättest du vielleicht begreifen gelernt, was die Ehe ist,"
„Das begriff ich längst. Wer mir ist sie nicht be- schieden gewesen. Meine Freundin Isa Renner sagte einst: Verheiratet sind viele, aber Ehen sind selten. Ich, Mama, bin abermals bloß. . . verheiratet. Zu den Berufenen gehöre ich — nicht zu den Auserwählten!"
„Und warum kam Münster nicht? Weißt du es?"
„Er verlobte sich, als ich schon Witwe war, mit Nadine von Pientak. Sie müssen längst verheiratet sein. Ich habe nie wieder von ihm gehört — nicht einmal seine Vermählungsanzeige sandte er mir."
Die alte Frau hob- plötzlich den Kopf und blickte Meta bestürzt an. ।
„Nadine von Pientak? Das muß ein Irrtum sein, Kind. Möglich, daß Münster einmal mit ihr verlobt war, aber es kann nur kurze Zeit gewesen sein. Nadine von Pientak heiratete ungefähr zur selben Zeit wie dn Baron Straßer, Nikis Freund — du wirst dich seiner vielleicht erinnern, er ist ein bekannter Sportsmann in Wien."
Wie entgeistert starrte Meta auf ihre Schwiegermutter.
„Sie ist — nicht — sein Weib geworden?" _
„Nein, bestimmt nicht! Straßer sandte mir damals" eine Anzeige." Sie stand auf und kramte in einem Schränkchen mit vielen Laden herum. Dann reichte sie Meta ein Matt Karton.
„Hier ist die Anzeige von Baron Straßers Vermählung mit Nadine von Pientak.
Lange blickte Meta darauf nieder. Dann schob sie das Matt seufzend von sich.
Was konnte ihr Die Nachricht, daß Münster frei sei, heute noch nützen? Höchstens, daß sie ihr eigenes Schicksal noch bitterer empfand.
Wieder trat eine Pause ein. Draußen war die Sonne vom Frühlingshimmel verschwunden. Große, dunkle, goldumsäumte Wolken zogen darüber hin und warfen ihre Schatten in das Gemach.
Frau Bettina raffte sich auf.
„Wir wollen von etwas anderem reden, Meta. Ich werde nicht mehr lange leben —"
„O, Mama--!"
„Laß nur. Ich fühle es und es hat keinen Sinn, sich darüber hinwegzutäuschen. Vorher möchte ich Ordnung machen in allen Dingen. Ich Weiß, daß! du mit deiner Aiente nicht auskommen kannst. — Der Vorschuß von fünftausend Gulden, welchen du kürzlich von Doktor Klammer: gefordert hast, beweist es mir. Wenigstens dieser Sorgen möchte ich dich entheben —"
„Mama!" Meta starrte maßlos erstaunt aus den weit geöffneten Augen auf Frau Bettina. „Ich verstehe dich nicht . . . von welchem Vorschuß sprichst du? Ich habe niemals einen begehrt--"
Die alte Frau wurde unruhig.
„Es sind noch nicht acht Tage, da sagte mir Klammer, daß du fünftausend Gulden wünschtest. Er geigte mir einen Brief mit deiner Unterschrift und fragte mich um Rat . . . natürlich ging das Geld an dich ab . . . solltest du es nicht erhalten haben?"
Meta antwortete nicht. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesicht gewichen. Immer noch hing ihr Blick mit dem Ausdruck namenlosen Schreckens an Frau Bettina. Es war totensttll im Zimmer.
Dann kam langsam das Verstehen in den Blick der alten Frau, Sie seufzte tief auf.
Meta packte in fieberhafter Angst iHv« Hand.
„Mama," stammelte sie außer jich> „ich beschwöre dich, glaube mir!... Ich wußte nichts davon... ich hätte niemals eingewilligt — niemals!"
Frau Betttna nickte.
„Hat er eine Vollmacht, deine Gelder in Empfang zu! nehmen?" fragte sie endlich.
„Ja. Er wollte es so — gleich! anfangs, und ich dacht« mir nichts dabei."
„Auch für den Erziehungsbeitrag des Kindes?"
„Ja."
„Ihr lebt in Gütergemeinschaft?"
„Ich glaube. Es wurde damals ein Ehevertrag aufgesetzt, ich verstand nur die Hälfte davon — es schien mir so nebensächlich und ich unterschrieb einfach, ohne überhaupt genau zu lesen. Vermögen besaß ich ja nicht. Die Rente schien mir gesichert — ob .er oder ich sie in Empfang nahm, war gleichgültig. Du weißt, Mama, mit Geldsachen hatte ich nie etwas zu tun, und ich hielt ihn auch für einen Ehrenmann/
Frau Bettina dachte nach.
„Das ist sehr schlimm nun! Es stößt alle meine Pläne über den Haufen. So lange du dieses Mannes Frau bist, hätte es keinen Sinn, dir Geld zu vermachen — alles würde doch er in die Hände bekommen."
Sie blickte Meta prüfend an.
„Wärest du bereit, dich scheiden zu lassen?"
„Ja," antwortete Meta ohne Zögern, „nach dem, was er da tat, muß ich ihn für einen Schurken halten, und auch das bloße Leben neben ihm wäre mir eine Qual! Wer ich fürchte, er wird nicht einwilligen und — und ihn zwingen —i öffentlich — auf Grund seiner Fälschung, das, Mama, brächte ich nicht zustande!"
„Dn hast recht. Auch ich würde das nicht wünschen. Er ist meines Sohnes Nachfolger, er soll nicht öffentlich gebrandmarkt werden. Wir wollen von diesem Brief nicht weiter reden und auch Doktor Klammer in dem Glauben lassen, daß deine Unterschrift echt ist. Vielleicht gibt es einen anderen Weg. Ich werde mit ihm reden."
„O, Mama! Wie gut du bist!"
„Ich suche nur gut zu machen. Hätte ich dich nach Nikis Tod nicht dieser entnervenden Einsamkeit überlassen, wärest du wahrscheinlich nie in diese traurige Lage gekommen; aber dir fehlte int rechten Moment der rechte Berater. Das war meine Schuld. Willst du vorläufig mit Konradchen bei mir bleiben?"
„Es wäre mein sehnlichster Wunsch!"
„Gut. Bleibe bei mir. Es tut mir so wohl, dich um mich zu haben und noch für etwas sorgen zu können! im Leben. Lorinser soll nach .Herminenruhe fahren, um das Kind und dein Gepäck zu holen. Inzwischen kann die Lott oben in den Zimmern etwas Ordnung machen."
Sie klingelte.
Frau Lott erschien. !
„Lott, richten Sie die Fremdenzimmer oben sofort her, die gnädige Frau bleibt bei uns. Wenn etwas zu besorgen ist, kann Lorinser es aus der Stadt mitnehmen, er soll sich bereit machen und meinen Enkel mit der Erzieherin aus Herminenruhe holen."
„Sehr wohl, gnädige Frau."
Frau Lott verließ das Zimmer.
„Wie hübsch es fein wird, wenn Konradchen da draußen int Garten spielen wird!" lächelte Frau Bettina. „Und welche Augen Professor Burger machen wird, wenn er heute abend zum Tee kommt! Sagtest du nicht, das Kind liebe Musik leidenschaftlich?"
„Ja, Mama."
„Gut. Burger soll ihm Vorspielen. Wir werden auch einen Musiklehrer engagieren."
Dann wandte sie sich um pnd überflog den ganzen Raum mit einem Blick.
„Wie sonderbar," sagte sie, „hier spann ich so viele Gedanken und auf den einen, einfachen, natürlichen kam ich nicht: daß wir drei von Rechts wegen doch zusammen ghören l Wie leicht hätten wir dies schon vor Jahren haben können!"
Meta antwortete nicht.
Ihr Blick ging weit in die Ferne über die Baumkronen des Gartens hinaus und sie dachte beklommen, wie rätselhaft das Leben doch sei! Nach so viel Irrfahrten und Enttäuschungen endlich ein Fleckchen Heimat. Würde sie hier nun endlich ausruhen dürfen? Vergessen können?.
. (Fortsetzung folgt.)


