11
Echzell, bearbeitet worden und diese Arbeit ist im Archiv für hessische Geschichte erschienen. Das Volk aber hat damals nickst viel davon gewonnen, cs hat sich auch vor etwa 40 Jahren, als die Arbeit Hoffmanns erschien, nicht besonders Ur Geschichte interessiert. Das ist jetzt anders geworden. Die Leute lesen sehr gerne etwas von ihrer Heimat, nur muß es klar, deutlich und allgemein verständlich gehalten sein. In dieser Weise gedenkt der Schreiber dieser Zeilen Etwelches von Echzell, Bingenheim tinb Gettenau vorzubringen; er hat auch in. Kirchenbüchern, Ortschroniken und sonstigen alten Akten herum gekramt und gestöbert imb hofft, da die Abende lange geworden und man bei der Lampe ganz vergnüglich zusainmensitzen und lesen kann, manchem einen Gefallen zu tun, wenn er das Aufgestöberte mitteilt.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Wetterau und mit dieser die Gegend um Bingenheim, Echzell und- Gettenau schon vor Christi Geburt urbar gemacht und bewohnt worden. Man darf mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die Kelten es gewesen sind, welche die Urbarmachung vornahmen, denn in den Wäldern rund umher zeigen sich Hünengräber, das finb gewaltige Grabhügel, welche vor der Römerzeit schon da waren. Auch wurden beim Ausheben von Bachbetten, Flutgräben, bei Anlage von Straßen und beim Graben von Fundamenten solche Dinge gefunden, die weder bei den Römern, noch bei den später austretenden Germanen, wohl aber nur bei den Kelten gefunden und verfertigt worden sind. Die Kelten wohnten in dem heutigen Frankreich etwa zwischen Rhone, Garvnne und dem atlantischen Meere, breiteten sich aber später bis nach Belgien unb bis zum Rheine aus. Herodot, der Vater der Geschichte, geboren um 484 v. Chr., erwähnt die Kelten zuerst; sie drangen um jene Zeit oder noch früher über die Pyrenäen, wo sie sich Wohnsitze eroberten. Hundert Jahre später fielen sie in Italien ein, brandschatzten es und setzten Rom in Schrecken. Um dieselbe Zeit fielen die Alpen- und Donaukelten auch in Deutschland ein und setzten sich hier fest.
In Griechenland begann um jene Zeit, nachdem die Perser zurückgeschlagen und unermeßliche Beute gemacht worden war, der peloponnesische Krieg, welcher mit der Demütigung Athens und mit der Vorherrschaft Spartas (404 v. Chr.) endigte. Die Kelten drangen bis nach Asien hinein, wo man sie Galater nannte; auch nach England (Britannia) setzten sie über. Sie waren mittelgroße Menschen, aber stark, mit schwarzen Haaren und Augen; ihre Hauptwafsen waren große kupferne Schwerter. Lange Ausdauer besaßen sie nicht, aber ihre Angriffe waren heftig und- ungestüm. Ihre Verfassung war aristokratisch, d. h. die Edlen herrschten und beratschlagten, das Volk war nicht viel besser als Sklaven. Die Druiden (Priesterschaft) bildeten d-en ersten Stand bei den keltischen Völkern. Als Pfleger, Verkündiger und- Lehrer des Glaubens, Darbringer der Opfer, Gesetzeskundige, Richter und Aerzte, mit selbstgewähltem Oberhaupte und Geheimlehren, gewannen sie den mächtigsten Einfluß auf das ganze Volk. Als die Römer immer mächtiger wurden, drängten sie die-Kelten zurück Und unterjochten sie später gänzlich. G-othen und Vandalen gaben ihnen den Rest. Nur in den Pyrenäen und in England gibt es noch einige spärliche Ueberreste dieses Volksstammes, der bei uns in der Wetterau, wie überhaupt in Mittel- und Süd- deutsch-land vor mehr als zwei Jahrtausenden gehaust hat.
Wir haben den Kelten um deswillen einige Zeilen gewidmet, weil wir schon oft darnach gefragt wurden. Man lernt in den Schulen deutsche, römische und griechische Geschichte, aber die Kelten, die doch unsere Vorvorläufer waren, werden ans Mangel an Zeit kaum erwähnt. Die Leute lesen: da und dort sind keltisch« Hünengräber geöffnet, keltische Gegenstände ausgegraben worden; aber was die Kelten für Leute waren, das weiß von Hunderten, kaum einer. Unsere kurzen Notizen werden darum hoffentlich manchem freundlichen Leser nicht unwillkommen sein.
Um die Zeit von Christi Geburt hatten sich- die Römer am Rheine festgesetzt, ja sie drangen sogar bis zur Weser und Elbe vor. Hermann, der Cherusker, legte ihnen aber das Handwerk; er lockte sie in den Teutoburger Wald und rieb das römische Heer (9. n. Chr.) vollständig auf. Hierbei haben unsere Hessen, die damals Kalten hießen, tapfer mitgeholsen. Diese Kotten waren gewaltige Kriegsleute: rauh-, wild, ungestüm und gefürchtet bei den Römern und Germanen selbst. Sie ließen Haupt- und Bart- h-aare wachsen und trugen als Gelübde eiserne Ringe an den Armen bis sie einen Feind gefällt hatten. Viele Kallen trugen diese eisernen Ringe bis ins Greisenalter und die kattischen Ring- träger standen als gewaltige, gesürchtete Kämpen in allen Schlachten an der Spitze des Heerhaufens. Nur langsam fand die römische Kultur Eingang bei ihnen. Fünfhundert Jahre vergingen, bis sie das Schlachten von Menschenopfern — es waren in der Regel gefangene Feinde — unterließen. Der kultische Volksstamm ist ein sehr alter; auf den Schilden führten Kattenfürstcn den Löwen, eine edle Katze, welche heute noch das Wappentier der hessischen Fürsten ist. Je einfacher ein Wappen ist, desto älter ist das Geschlecht, welches dieses einfache Wappen führt, das kann man als allgemein zutreffend annehmen. Die Kutten verloren sich später unter die Franken und Alemannen und erhielten nadji und nach den Namen Hessen.
Zum ersten Male kommt der Name „Hessen" wahrscheinlich in einem Briefe vor, den Bonifacius im Jahre 738 an den Papst todeb. Das Wort Katten ist wohl nur eine mundartlich verschiedene Form von Hessen.
Wir toenbeit uns nach dieser kleinen Abschweifung zu den Dörfern Echzell, Bingenheim, Gettenau zurück; sie werden von Römerstraßeu durchschnitten, oder doch davon berührt. Als die Römer einsahen, daß sie in Germanien nicht mehr weiter vvr- dringen konnten, suchten sie das Eroberte festzuhalt-en. Zu dieseni Zwecke legten sie überall kleine ober größere Festungen an, verbanden diese durch- treffliche Straßen und schützten und bezeichneten ihre Grenzen durch: Gräben, welche- von den Germanen Pfahlgräben, oder auch- Pohlgräben und Teufelsmauern benannt wurden. Unsere Provinz Oberhessen wird von diesem Psahl- graben und vielen Römerstraßen durchquert. Der Ort Echzell aber hat nachweislich an zwei Römerstraßen gelegen. Die eine kommt nördlich- von Wohnbach und heißt die „Wohnbach-er Hoch- sttaße"; die andere kommt aus Südwest vom Schwalheimer Sauerbrunnen bei Friedberg, heißt auch „Hochstraße" (welches Wort in der Regel auf alte Römerstraßen hindeutet) und führt durch Echzell, die „breite Straße" bildend, nach Norden weiter. Dis Wohnbach-er Straße führt weiter nördlich nach Münzenberg, wo sie auf eine dritte Römerstraße trifft, die nach Melbach- und Dorheim zieht. Man sieht ans diesen kurzen Andeutnng-en, daß die Wetterau förmlich- von einem römischen Stratzenn-etze durchzogen war und daß Echzell an einem sehr wichtigen Punkte dieses Netzes lag. Vielleicht bars man auch sagen: an diesem wichtigen Punkte, wo die Römer eine kleine Festung angelegt hatten, wuchs E-ch-zell nach unb nach- heraus.
Auf ber Ostseite bes Dorfes liegt ein kleiner Hügel, Grünberg genannt; er ist mit Bauschutt, Kohlen und allerhand Scherben vermengt, die auf römische Gesäß« Hinweisen. Es kann angenommen ioerben, daß hier eine römische Niederlassung stand/ welche später von den Germanen erobert und vollständig nieder- gebrannt wurde. Unsere Altvordern machten mit diesen römischen Bauwerken unb Anlagen kurzen Prozeß-: sie rissen sie zusammen unb legten Feuer daran. Derartige Anlagen von Grund aus! zu verwüsten, muß unseren alten Eisenfressern ein Hauptoer- gnügen gewesen sein, denn sie üerftanben es aus dem F. F., die stärksten Steinbauten umzustürzen. Es war ihnen ein Greuel, in steinernen Häusern zu wohnen. .Ihre Wohngelafse waren ans mächtigen Banmstümmen und starken Bohlen gezimmert, deren Ritzen mit Moos ausgestopft, deren Dächer mit Schilf und Schindeln gedeckt waren.
Bald nachdem die Rönier Germanien verlassen hatten, begann die Völkerwanderung. Während dieser Zeit tourben allenfalls! noch übrig gebliebene römische Reste auf beut Lande vollends! vertilgt. Darnach- kamen die Franken in unsere Gegend, unterjochten die hier ansässigen Einwohner und nahmen die Ländereien als fränkisches Domanialgnt für ihre Könige in Besitz. Letztere; verschenkten derartige Besitzungen an ihre Großen, an Kirchen,- Klöster, Abteien und Bistümer, welch- letztere dazumal durch Verbreitung des Christentums, durch- ihre Geschicklichkeit in allerlei Handwerksarbeiten, durch- ihre Erfahrungen in Acker- und Gartenbau, durch ihre -Gelehrsamkeit in fremden Sprachen die Lehrer und Bildner unseres Landvolkes wurden und sehr wohltätig wirkten. Pipin der Kurze, Karl der Große, Ludwig der Fromme und ander« Fürsten schenkten den Klöstern und Abteien .Ländereien, welche mitunter so groß waren, wie der Kreis Gießen. Besonders begünstigt wurde die Abtei Fulda, welche von einem Freunde unb! Schüler Bonifacius (mit Namen Sturm) gegrünbet worben war. Bonifacius, der Apostel ber Deutschen — weil er vorzugsweise die Deutschen zum Christentume bekehrt hat, — stammte saus England, war um das Jahr 680 zu Kirton in Devonshire (Englanb) geboren unb hieß ursprünglich Wiefried. Er organisierte bie Bistümer Freising, Regensburg, Erfurt, Würzburg, -Eichstädt u. a. m. unb ^errichtete Klöster und Kirchen zu Fritzlar, Ohrbruff, Amöneburg, sowie die Kirche zu Fulda. Für die Kirche unb Abtei Fulda taten bie Karolinger viel. Karl der Große, Lu-bwig ber Fromme hrch- Karl der Dicke schenkten dem Kloster Fulda schöne Ländereien in der Wetterau und diese Schenkungen der drei'Kaiser wurden später unter dem Namen: „die Fulbische Mark" zusammengefaßt. Sie setzte sich nach unb nach aus den Gemarkungen Echzell, Dauern- heim, Berstadt, bann auf dem linken Horloffufer: Bisses, Bingenheim, Blofelb und Leibhecken, sowie Gettenau und Reichelsheim! auf dem rechten Horloffnfer, zusammen.
Welcher Wert da herauskommt unb wie groß bie Bedeutung dieser Schenkung ist, davon macht sich der freundliche .Leser am! besten dadurch einen Begriff, daß- wir ihm die Seelenzahl der Dörfer aus neuester Zeit (siehe Band 38 Heft 3 der hessischen Landesstatistik) hier anführen: Echzell hat 1564 Einwohner; Berstadt 953; Bingenheim 653; Bisses 302; Blofeld 262; Dauern- heim 864; Gettenau 527; Leidhecken 379; Reichelsheim 822; macht zusammen 6326 Einwohner. So viel hat bas ganze Fürsten- tum Lichtenstein nicht; es ist auch nicht so viel wert wie dieser, in fruchtbarster Gegend der Wetterau gelegene Besitz. _
Um die Zeit, als diese Gemarkungen an bas Kloster Fulda! verschenkt wurden, war bie Bevölkerung selbstverständlich bei weitem nicht so zahlreich wie jetzt, das soll ausdrücklich hier bemerkt werden. Es gab aber auch schon Grafen unb Herren, nicht bloß Kirchen unb Klöster unb Abteien in dieser Gegend, denn in einer Urkunde! vom 10. August 817 unb in einer anbereit vorn 23. September 885 wird von beit Grasen Burcharb unb Meginwart in ber Wetteraul gesprochen. Diese Grafen waren jedenfalls fränkische Ebelleute, welche von ihren Kaisern in die Wetterau versetzt mnb hier mit


